Die Besserwisserbehinderer

Einer sehbehinderten Frau, die jahrelang ein bayerisches Schwimmbad besucht hat und dort problemlos alleine schwimmen war, wurde von der Stadt Neusäß als Betreiber der Zutritt in das Bad verweigert. Dieser will blinde und sehbehinderte Menschen aus Sicherheitsgründen nicht alleine ins Schwimmbad lassen. Das Landgericht in Augsburg hat der Stadt nun recht gegeben. Es sei zu gefährlich, die Frau alleine ins Bad zu lassen. Weiter„Die Besserwisserbehinderer“

 

Zusammen statt getrennt – was sich bei den Paralympics ändern sollte

Jetzt ist sie wieder da, diese komische Zeit, von der irgendwie niemand so genau versteht, warum es sie gibt: Die Zeit zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen. Die Abschlussfeier der Olympischen Spiele ist vorbei und nach zwei Wochen Pause fangen die Paralympics mit einer Eröffnungsfeier wieder an. Weiter„Zusammen statt getrennt – was sich bei den Paralympics ändern sollte“

 

Petition gegen Bundesjugendspiele 

Weil ihr Kind nur eine Teilnehmerurkunde bei den Bundesjugendspielen bekam und deshalb weinte, hat eine Mutter eine Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele gestartet. Was auf den ersten Blick wie die Überreaktion aussieht, ist auch für andere ein Aufregerthema.

Für behinderte Schüler problematisch

In meiner Twitter-Facebook-Blase forderten vor allem behinderte Freunde, die Petition zu unterstützen, die selbst in Regelschulen gegangen waren. Dort wurden sie entweder als Einzige von den Bundesjugendspielen ausgeschlossen oder hatten aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften gar keine Chance, mit den anderen Schüler zu konkurrieren. Weiter„Petition gegen Bundesjugendspiele „

 

Inklusion im Sport

Nach den Olympischen Spielen und den Paralympics in London gab es eine Frage, die mir dauernd gestellt wurde: Warum gibt es eigentlich zwei verschiedene Veranstaltungen? Warum gibt es zwei Eröffnungs- und zwei Abschlussfeiern. Jedes Mal musste ich den mich erwartungsvoll anschauenden Gesichtern sagen: „Ich weiß es nicht. Ich kann es auch nicht nachvollziehen.“ Nun hat Paralympicssieger Heinrich Popow in einem Interview mit dem Tagesspiegel die Diskussion um gemeinsame Wettbewerbe von behinderten und nichtbehinderten Sportlern abermals angeheizt. Er hält nichts von der Idee, dauerhaft gemeinsame Wettbewerbe mit Nichtbehinderten zu veranstalten.

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Nicht alleine ins Schwimmbad

Zehn Jahre lang geht Angelika Höhne-Schaller in ihrem örtlichen Bad alleine schwimmen. Dann übernimmt die Stadt selber den Betrieb des Bades. Seitdem wird der Frau, die sehbehindert ist, der Zugang zum Schwimmbad verweigert, wenn sie keine Begleitperson mitbringt. Mit dieser Posse schafft es gerade die Titania-Therme im schwäbischen Neusäß bundesweit in die Medien.

Thermen-Chef und Stadtbaumeister Dietmar Krenz sagt: „Wir haben eine gewisse Verantwortung für unsere Benutzer und die nehmen wir auch ernst.“ Die Verantwortung sieht er darin, behinderten Besuchern den Zugang zum Bad grundsätzlich zu verweigern, wenn diese keine Begleitperson mitbringen. Die Schwimmbadsatzung sieht das genauso vor. Sie setzt behinderte Besucher mit Kindern unter acht Jahren gleich. Die Frau zieht jetzt gegen die Stadt vor Gericht. Sie will sich nicht aufgrund ihrer Sehbehinderung diskriminieren lassen.

Kein Einzelfall

Wer glaubt, das sei ein Einzelfall, der irrt. Von Schwimmbädern, über Diskotheken bis hin zu Kinos, es gibt immer noch Serviceanbieter und Dienstleister, die behinderte Menschen als Sicherheitsrisiko und nicht als Kunden ansehen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, in der deutschen Bäderlandschaft geht die Zeit rückwärts. Vor 20 Jahren konnte ich als behindertes Kind und Jugendliche problemlos alleine in jedes Schwimmbad. Warum heutzutage behinderten Erwachsenen der Zugang verweigert wird, ist kaum zu erklären. Die Welt redet von Inklusion behinderter Menschen in die Gesellschaft, während die Bäderbetreiber ihre Türen für behinderte Menschen verschließen.

Schon 2006 hatte der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) von den deutschen Bädern verlangt, dass diese ihre Satzungen ändern. Damals war in Sindelfingen einer blinden Frau der Zugang ins Schwimmbad verweigert worden. Dabei geht es in den wenigsten Fällen um konkrete Gefahren, sondern um Hysterie und Diskriminierung.

Falsche Einschätzungen von außen

Wie selbstverständlich behinderten Menschen aber die eigene Urteilsfähigkeit abgesprochen wird, zeigt die Stadt Neusäß eindrucksvoll. Man traut der Frau nicht zu, dass sie sich alleine orientieren kann, sagt das Bad. Es sei zu laut für sehbehinderte Besucher, die Rutschen zu gefährlich, es könnte eine Tasche im Weg stehen. Dabei maßt man sich an, zu beurteilen, was die Kundin kann und was sie nicht kann, obwohl sie seit zehn Jahren beweist, dass sie das Bad problemlos nutzen kann. Wenn man bedenkt, wie viele Vorurteile und falsche Vorstellungen es über Behinderung, in dem Fall über Sehbehinderung gibt, gehen solche Einschätzungen von außen fast immer schief.

Was ein einzelner behinderter Mensch kann oder nicht, ist höchst individuell. Während sich vielleicht ein gerade frisch erblindeter Mensch schwer tut, sich überhaupt zu orientieren, ist es für einen gut geübten blinden Menschen kein Problem, durch den Straßenverkehr zu navigieren oder sich eben in einem Schwimmbad zurechtzufinden. Angelika Höhne-Schaller verfügt sogar über eine Restsehfähigkeit. Aber auch vollblinde Menschen sind durchaus in der Lage, sich alleine zurechtzufinden, wenn sie zum Beispiel gelernt haben, sich mit einem Blindenlangstock zu orientieren. Dafür gibt es ein Mobilitätstraining. Alle behinderten Menschen über einen Kamm zu scheren, ist sicher nicht die Lösung und nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wohl auch rechtswidrig.

Behinderte Menschen sind keine Kinder

Der Neusäßer Bürgermeister Richard Greiner kann nicht verstehen, dass Angelika Höhne-Schaller vor Gericht ziehen will, um sich ihr Recht auf den selbstbestimmten Schwimmbadbesuch zu erkämpfen. „Wir gehen so vor, wie es sachgerecht ist“, teilte er mit. Das ist wohl genau das Problem: Es geht hier nicht um eine Sache, die man vom Schreibtisch aus regulieren kann, sondern um Menschen, die am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchten und daran gehindert werden. Inklusion muss nicht immer viel kosten. Manchmal reicht es, wenn einige Verantwortliche ihre Vorurteile ablegen und behinderte Menschen nicht behandeln wie Kinder.

 

Gold für Inklusion

Behinderte Leichtathleten können künftig an Wettkämpfen von nicht behinderten Sportlern teilnehmen. Prima, wurde auch Zeit. Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat das jetzt beschlossen, allerdings wird es keine gemeinsame Wertung von behinderten und nicht behinderten Sportlern mehr geben. Auslöser war die Diskussion um den Leichtathleten Markus Rehm, der mit einer Prothese beim Weitsprung bei den Deutschen Meisterschaften startete – und gewann. Der Verband hat jetzt entschieden, Rehm darf seinen Titel behalten, weil es derzeit nicht nachweisbar sei, dass er durch die Prothese einen Vorteil habe. So lange das wissenschaftlich aber nicht geklärt sei, würden behinderte und nicht behinderte Sportler in Deutschland nicht mehr gemeinsam gewertet.

Seit sich Oscar Pistorius einen Platz bei den Olympischen Spielen in London erkämpft hatte und wenige Wochen später bei den Paralympics startete, muss man sich die grundsätzliche Frage stellen, warum der Sport von nicht behinderten Menschen und der Behindertensport so stark von einander getrennt sind. Insofern ist es ein gutes Zeichen, dass der DLV nun einen Schritt hin zu Inklusion macht.

Ich halte das für einen guten Kompromiss, so lange die Wissenschaft nicht mehr Erkenntnisse darüber hat, ob Prothesen beim Laufen oder beim Weitsprung einen Vorteil darstellen. Wenn die Ergebnisse allerdings vorliegen, spricht nichts dagegen, wieder gemeinsam werten zu lassen. Denn ein bisschen schwingt bei der Debatte schon mit, dass man einfach nicht glauben kann, dass jemand mit einer Behinderung die gleichen Leistungen erbringen kann wie jemand ohne Behinderung – ein beliebtes Vorurteil übrigens, nicht nur im Sport.

Zwei Spiele statt Inklusion

Schon bei Olympia in London konnte mir niemand wirklich schlüssig erklären, warum es  Olympische Spiele und Paralympics geben muss:. Warum kann man nicht ein Rollstuhlbaskettballspiel ansetzen, gefolgt von einem Basketballspiel von nicht behinderten Spielern? Warum lässt man nicht nur auf nationaler sondern künftig auch auf internationaler Ebene behinderte und nicht behinderte Leichtathleten miteinander starten, die dann aber getrennt gewertet werden? Das würde es behinderten Sportlern leichter machen, Sponsoren zu finden, denn plötzlich gibt es nur noch „die Spiele“ oder „die Weltmeisterschaft“ und keine getrennten Veranstaltungen mehr.

Bevor ich die Paralympics 2012 in London selbst erlebt hatte, empfand ich sie als eine ziemlich klischeemässige Behindertenveranstaltung. Dann habe ich aber Tage in Stadien und anderen Sportstätten verbracht. Das hat meine Sicht zwar verändert. Aber warum sollen es zwei Spiele sein? Nach ausverkauften Spielstätten in London vor begeistertem Publikum ist klar, dass die Zuschauer bei einem Rollstuhlbasketballspiel genauso mitgehen können, als wenn Leute auf zwei Beinen übers Spielfeld rennen.

Aufmerksamkeitsgewinn oder Verlust?

Oft sind es vor allem die behinderten Sportler, die Angst haben, dass sie untergehen, wenn ihre Wettkämpfe nicht mehr in getrennten Meisterschaften oder bei den Paralympics ausgetragen werden. Sie haben Angst, dass sich niemand mehr für sie interessiert, wenn sie um die Aufmerksamkeit und Popularität mit nicht behinderten Sportlern kämpfen müssen.

Meines Erachtens tun sie das aber jetzt schon und verlieren im Kampf um die Aufmerksamkeit, weil sie mit den getrennten Veranstaltungen schlechtere Chancen haben. Nicht alle Fernsehanstalten räumen den Paralympics die Aufmerksamkeit ein, die sie eigentlich verdient hätten.

Gerade der Sport hat große Möglichkeiten, Vorbild für andere Gesellschaftsbereiche zu sein, wenn es um Inklusion geht. Deshalb: Die Debatte in der Leichtathletik kann nur der Anfang sein. Es ist Zeit, sie auch in anderen Sportarten zu führen und die Paralympics in die Olympischen Spiele zu integrieren.