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Im Diskonebel

 

Justin Timberlakes Album „Futuresex/Lovesounds“ macht Feierlaune. Oft jedoch trägt er zu dick auf und versucht, wie Michael Jackson zu klingen

Cover Timberlake

Schüchtern blickt sie über die Tanzfläche. Sie ist zum ersten Mal hier. Bunt blitzen die Scheinwerfer durch den Diskonebel. Und da ist auch dieser junge Mann. Er ist Mitte zwanzig und hat lockiges, helles Haar. Kratzende Fanfaren und ploppende Bongos geleiten ihn, die ersten Takte von Sexyback.

Den Typen kenn ich, denkt sie. Der hat doch bei ‚NSync gesungen. Dieser Jungsgruppe, deren Poster meine kleine Schwester sich zuhauf an ihre Zimmerwand getackert hatte? Aha, neuerdings trägt er ein Kinnbärtchen. Sie unterdrückt ein Kichern, da hat sich der junge Mann schon ihren Arm geschnappt und zieht sie in die schwitzende Menge.

„Baby, I’m your Slave!“, singt er. Hoppla, der geht ja ran, denkt sie. Inzwischen ist ihr sein Name eingefallen, Justin Timberlake. Die Musik schwillt an, räkelt sich um die Diskokugel. Der Bass schlendert zurück in den dunklen Soul der Siebziger. Der junge Mann umschleicht das Mädchen. Seine helle Stimme bezirzt sie, er zuckt, geht auf die Knie. Sexy Ladies ist ein wummernder Balztanz. Immer wieder pirschen seine Lippen nah ans Mädchenohr. Und säuseln pfötchenweich: „Do you like it like that?“ Unsicher blickt sie sich um.

Am Rand der Tanzfläche stehen nun zwei Männer, die Arme verschränkt. Sie heißen Timbaland und Will.i.am und haben die dreizehn Lieder aufgenommen. Die zwei nicken dem Mädchen zu, klatschen in die Hände, sprechen vor sich hin: „Aha, yeah“. Sie tanzt weiter. Ihre Knie wippen zur knarzenden Orgel in Damn Girl. Sie verliert sich in den lässigen Streichersamples von Chop Me Up. Bei Summer Love streicheln Keyboardklänge sanft ihr Haar. Wie das schwingt! Tanzen, tanzen, tanzen. Vielleicht hätte sie andere Schuhe anziehen sollen.

Puh, Pause. Der Anfang von Until The End Of Time ertönt. Ein seichtes Schlagzeug rollt über einen bonbonrosafarbenen Flokati aus Cello und leiser Gitarre. Was ist da mit seiner Stimme los? Er möchte klingen wie Michael Jackson, schafft aber nur ein asthmatisches Falsett. Sehnsüchtig wandern die Augen des Mädchens zur Tanzfläche. Sie wartet, dass der Synthesizer wieder ein paar Ladungen Flitter und Lametta schießt. Den Schmachtfetzen My Love erduldet sie tapfer. Doch als Timberlake Losing My Way anstimmt, schlüpft sie in ihre Jacke. Dieses wachsweiche Rührstück über einen Jungen namens Bob – es ist einfach zu viel.

Vom berauschenden Diskofieber bleibt am Ende nur schwülwarmer Dunst.

„Futuresex/Lovesounds“ von Justin Timberlake ist erschienen bei Sony/BMG

Hören Sie hier „Damn Girl“ und „My Love“

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