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Kanadas schrägste Tanzfläche

 

Auf „Plays Polmo Polpo“ spielt Sandro Perri Stücke seiner eigenen Band nach. Lange Instrumentalnummern verwandelt er in fragile Lieder voller Melodie

Sandro Perri Plays Polmo Polpo

Das Label Constellation Records aus Montréal in Kanada steht für experimentellen Independent-Rock. Seine Veröffentlichungen zu hören, lohnt eigentlich immer. Godspeed You Black Emperor sind das Aushängeschild der Firma, die auch mit der liebevollen Aufmachung ihrer CDs und Platten besticht. Im Jahr 2003 erschien hier Like Hearts Swelling von Polmo Polpo, dem Ein-Man-Projekt von Sandro Perri. Und eben dieser Sandro Perri spielt nun seine eigenen Lieder nach, der Titel der Platte verrät es: Sandro Perri Plays Polmo Polpo. Ein zweiter Aufguss?

Ganz und gar nicht. Die zwischen Postrock, Klangcollage und Minimalismus oszillierenden Klänge Polmo Polpos kommen nun als eigenwillige Lieder daher. Die Platte beginnt mit fünfeinhalb Minuten Instrumentalmusik. Der Rhythmus schunkelt vor sich hin, eine Bassklarinette setzt Akzente. Eine Mundharmonika und eine Slide-Gitarre schaffen eine Atmosphäre, die nichts mit Country-Musik, aber viel mit amerikanischer Weite zu tun hat. Später tritt noch ein Akkordeon hinzu und etwas, das wie ein Theremin klingt. Das alles wirkt auf angenehme Weise schräg. Romeo Heart heißt das gute Stück. Die Mischung aus melodieverliebter Eingängigkeit, der Freude am Puren und an repetitiven Rhythmen charakterisieren Perris Klang.

Einiges ist collagiert – in Requiem For A Fox reiben sich verschiedene Gitarrenspuren aneinander. Die Stücke folgen seltsamen Metren, vertraut wirkende Formen zerfallen. Das alles erinnert an Red Krayola und andere Avantgarde-Pop-Bands der neunziger Jahre.

Ist Like Hearts Swelling eine reine Instrumentalplatte, so singt Perri nun mit sanfter Stimme. Die neu eingespielten Stücke sind transparent und schlank; dem Material tut das gut. Die ungewohnte Instrumentierung setzt Akzente, die in den extrem dichten Klangschichten von Like Hearts Swelling wohl gar nicht aufgefallen wären.

Perri wandert zwischen den Welten. Hier Disco, da E-Musik, ein eigenwilliger, identifizierbarer Stil. Er liebt seine Melodien, aber klebt nicht an ihnen. Wie – zwanzig Jahre vor ihm – Arthur Russell. Auf anderen Platten – zum Beispiel der Polmo Polpo-Maxi Kiss Me Again And Again, einer Russell-Coverversion und der Platte seines Nebenprojekts Glissandro 70 – schiebt er seine Lieder auf die Tanzfläche, die irgendwo im New York der späten achtziger Jahre zu sein scheint. Oder vielleicht ja auch in einer schöneren Zukunft, in der Sandro Perri täglich im Radio liefe.

„Plays Polmo Polpo“ von Sandro Perri ist als CD und LP erschienen bei Constellation Records

Hören Sie hier „Sky Histoire“

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