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New Order steht ihnen gut

 
Düstere Lyrik und fröhliche Melodien – The Bravery bedienen sich bei vielen Gruppen der Rockgeschichte, und das macht Spaß. Spätpubertäre Mädchen werden zum neuen Album der amerikanischen Band durch die Indiedisko hüpfen.
Animal Collective Strawberry Jam

Im vergangenen Jahr spielten The Bravery im Vorprogramm von Depeche Mode, das war eine undankbare Aufgabe. Der Klang in der Hamburger Arena war mies, nur ab und an erhoben sich erkennbare Melodiebögen aus dem Gewaber. Nicht einmal ihr erster und bislang einziger Hit Honest Mistake war erkennbar, alles dröhnte und schepperte. Ob es an der Halle lag oder an den mangelnden Fähigkeiten der Musiker, ließ sich nicht entscheiden. Bei Depeche Mode später saß jeder Ton.

Auch auf dem Hurricane Festival in diesem Sommer spielten The Bravery als eine Art Vorband. Zur Mittagszeit schickten sie der grellen Sonne ihre düsteren Töne entgegen. Der Wind zerbürstete manchen Keyboardteppich, sonst klang es gut. Die Musiker beherrschten ihre Instrumente und ihre Kompositionen. Sie spielten viele Stücke, die damals niemand kannte – gute Stücke. Auf dem zweiten Album The Sun And The Moon kann man sie nun hören.

The Bravery klingen nicht neu, nicht originell, nicht gewagt. Tausende Bands machen ähnliche Musik. Die meisten Basslinien sind von New Order geklaut. Die Keyboards gemahnen an diverse Elektronikbands der Achtziger, die Gitarren an den Garagenrock der späten Neunziger. Die Basstrommel im Hintergrund stampft oft arg stupide. Aber: Wenn man keine überbordende Experimentierfreude erwartet, macht die Platte großen Spaß. Die Melodien sind feinsinnig, das Drängende von New Order steht ihnen gut.

Die Bässe sind laut, mal stehen sie alleine, mal gesellen sich flirrende Keyboards hinzu und singende Gitarren. Das rumpelige Believe macht den Anfang. Es folgt This Is Not The End, ein formvollendetes Zitat: Der Sänger Sam Endicott imitiert Julian Casablancas von den Strokes perfekt. Der Tonfall stimmt, die Stimme ist leicht verzerrt, Melodieführung und Liedstruktur sind, na ja, so was von geklaut. Die Gitarre setzt mit einem Clash-Gedengel ein und schwenkt dann hinüber zum lässigen Stil der Strokes. Selbst der Titel des Stücks und Zeilen wie „I am not a scientist, I must believe in more than this“ könnten von den amerikanischen Rockern stammen.

Die Lyrik Sam Endicotts ist wenig lebensfroh. Der Sänger nennt sich einen „hoffnungsvollen Menschenfeind“. Seine besten Tage habe er im Fernsehen gesehen, das Leben beschäme ihn, gestrandet sei er mit einer Hure namens Hoffnung. Er singt: „Jedes deiner Worte ist ein Messer in meinem Ohr, jeder Gedanke in deinem Kopf ist Gift.“ Das Lied Every Word Is A Knife In My Ear schrieb er für seine Ex-Freundin. Die verließ ihn wegen eines anderen und kam nach ein paar Wochen zurück, sie war an einen brutalen Schläger geraten. Kurz darauf verließ sie Sam Endicott erneut wegen desselben Mannes. Wieder kam sie zurück, tat Buße und schwor ewige Treue. Kurze Zeit später heiratete sie – den Schlägertypen. Wie sollte er angesichts solcher Erlebnisse zum Menschenfreund werden?

In Bad Sun pfeifen sich The Bravery einen – im Chor. Darf man das noch, nach Wind Of Change? Sie scheren sich nicht drum. Das Stück ist richtig fröhlich, spätpubertäre Mädchen werden dazu bald durch die Indiedisko hüpfen. Time Won’t Let Me Go klingt nach The Cure, nicht nur dank der Akustikgitarre und der betrüblichen Kiekser. Nach dem Refrain jault die Gitarre eine klagende Tonfolge. Würde die nicht auch Roland Kaiser gut stehen?

Nein, das geht zu weit.

„The Sun And The Moon“ von The Bravery ist als CD und LP bei Islands Records erschienen.

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