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Im Nachtbus durch London

 

Die skelettierten Rhythmen auf Burials Album „Untrue“ erzählen von der Einsamkeit in der nächtlichen Metropole. Die Party ist zu Ende, den Weg nach Hause muss jeder allein gehen.

Burial Unture

Eine Stimme schält sich aus dem Straßenlärm: „I saw your light. It burns forever.“ So beginnt Untrue, das zweite Album des Londoner Produzenten Burial. Das ewige Licht heißt Dubstep, ein Hybrid aus synkopischen Raggabeats, Überresten des Rave und bleischweren Bässen. Dubstep ist in den Clubs der Londoner Stadtteile Croydon und Brixton beheimatet. Neue Stücke werden über lokale Radiosendungen bekannt, oft gibt es sie nur auf Vinyl und in kleinen Auflagen.

Burial ist ein radikaler Geheimniskrämer des Genres. Statt in Interviews und auf Fotos hinterlässt er Spuren in der Musik. Seine eigentliche Identität verschleiert er, dem britischen Guardian sagte er, „only five people know I make tunes“.

Auf Untrue durchstreift er die nächtlichen Vorstädte Süd-Londons und zeichnet ein Klangbild urbaner Vereinsamung. Die Musik ist pures Kopfkino, eine Reise ins Herz der Finsternis. Die Schauplätze dieser morbiden Nachtfahrt sind Orte der Verelendung und Entfremdung – Dog Shelter, In McDonalds und Homeless heißen die Stücke, in denen Burial die Trostlosigkeit beschwört.

Das Gerüst der 13 Stücke bilden skelettierte Rhythmen und subsonische Basslinien, sie entfalten einen Sog. Nur vereinzelt schiebt sich eine melancholische Akkordfolge in den Vordergrund, ertönt verzerrter seelenvoller Gesang, um kurz darauf in den Tiefen des Klangs zu verhallen. „I can’t take my eyes off you“, singt eine geisterhafte Stimme in Near Dark. Ist das die Fantasie eines Stalkers oder ein Liebesschwur? In dieser somnambulen Filmmusik lassen sich Traum und Realität nur schwer auseinanderhalten. Das Unheimliche hat viele Gesichter.

Immer wieder blendet Burial hörspielähnliche Szenen ein, sie erzeugen eine dichte Atmosphäre. Straßengeräusche und geheimnisvolle Stimmen erzählen von der Einsamkeit in der nächtlichen Metropole, vom Umherstreunen in verlassenen U-Bahnstationen. Auf Untrue ist die Party zu ihrem Ende gekommen. Den Weg nach Hause muss jeder allein gehen.

„Untrue“ von Burial ist als CD und Doppel-LP erschienen bei Hyperdub/Cargo.

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Various: „The World Is Gone“ (XL Recordings/Indigo 2006)

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3 Kommentare


  1. Es gibt ein einfaches Wort für diese Platte: Kitsch.

  2.   Gabriel

    Das Urteil von Herrn Schmiechen kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die Gesangsspuren – oder schon eher Gesangsfetzen, mehr ist es ja eigentlich nicht – mögen bei alleiniger Betrachtung durchaus etwas kitschig wirken (was kein Wunder ist wenn man sich die Ursprünge anschaut: http://www.thelastbeat.com/archives/burials-untrue-samples/). Aber die monotonen, schweren Rythmen, die sich am ehesten dem Dubstep zuordnen lassen sind das genaue Gegenteil und zusammen entsteht meiner Meinung nach eine Atmosphäre wie sie im Artikel sehr schön beschrieben wurde: Verlorenheit, Einsamkeit, allerdings in gewisser Weise auch Schönheit. In der richtigen Stimmung und nach einigen Durchläufen (ich habe min. drei gebraucht um die Platte gut zu finden, aber dafür wächst sie seit dem unaufhörlich) lässt sich wunderbar in Melancholie schwelgen. Natürlich nicht Musik für Jeden, aber wenn man sich drauf einlässt und eine gewisse Affinität zur Monotonie mitbringt eine sehr sehr große Scheibe.

  3.   Max

    Ich möchte mich doch auf die Seite von Herr Schmiechen schlagen.
    Selbst nach mehrmaligem Hören habe ich bei Burial keine großen Stücke erkennen können. Zu wenig Abwechslung, zu viel Einheitsbrei.
    Es klingt für mich nicht so, als hätte er das Album gut durchdacht.

 

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