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Mehr Wollen als Können

 

Über die Jahre (49): Die Spherical Objects aus Manchester kleideten ihren Abschied im Jahr 1982 in einen Blues. Jetzt erscheint „No Man’s Land“ endlich auf CD – und man kann nachlesen, welche innere Zerrissenheit den Sänger damals trieb

Cover
 
Spherical Objects: No Man’s Land
 
Von dem Album: No Man’s Land Object Music/LTM Music (1981/2008)
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Die in verwaschenes Grün getauchte Meeresansicht auf der Plattehülle von No Man’s Land war etwas Besonders. Ich hatte in der Sounds über die Spherical Objects aus Manchester gelesen. Für sechs Mark erstand ich das Album schließlich aus zweiter Hand. Auf gut Glück. Ein Vierteljahrhundert ist das her.

So entdeckte ich Musik, bevor das Internet erfunden worden war. Anfang der Achtziger war das Radio noch eine Quelle guter Musik, doch das meiste kaufte ich mir beim Second-Hand-Laden – häufig auf Verdacht, weil der Bandname gut klang, weil ich etwas darüber gelesen hatte, oder eben weil mir die Hülle gefiel. Und wenn die Musik zuhause dann nicht sofort zündete, blieb ich dran, hörte mir die Platte wieder und wieder an, bis es funktionierte – oder eben nicht.

No Man’s Land mochte ich sofort. Das lag vor allem an der Stimme von Steve Solamar. Die war tief und schraubte sich gelegentlich in die Höhe – ein wenig wie bei David Thomas von Pere Ubu, nur weniger virtuos und weniger flexibel. Steve Solamar wollte immer mehr, als er konnte – das gefiel mir. Immer lauschte man in die tiefe Kluft zwischen den großen Gefühlen, die im Sänger rumoren, und den begrenzten Möglichkeiten seines Körpers. Welches Drama sich in Solamars Körper abspielte, weiß ich erst seitdem die Platte im vergangenen Jahr erstmals auf CD erschien. Doch dazu später mehr.

In der Plattenhülle lag damals ein Beipackzettel, aus dem zu erfahren war, dass dies die letzte Platte der Spherical Objects sei und auch das letzte Album auf Solamars Label Object Music. Eben erst hatte ich diese wunderbare Welt entdeckt, da war sie auch schon untergegangen.

No Man’s Land klingt nach Abschied und der kommt in klassischer Form daher, als Blues. Auf den ersten drei Alben der Spherical Objects war der Blues ein Element unter vielen gewesen, er trug dazu bei, dass sich ihr nervös rhythmischer Post-Punk von dem anderer Bands unterschied. Ich mochte den Blues nicht – eigentlich. Diese ewiggleichen Akkorde, diese Virtuosität fand ich furchtbar. Hier war das anders.

Auch auf No Man’s Land erklangen Gitarrensoli. Angeberisch waren sie nicht, vermutlich noch nicht einmal sonderlich virtuos. Roger Blackburn hieß der Gitarrist, seine Alleingänge perlten wehmütig. So war die ganze Platte, wehmütig, aber auch voller Hoffnung. „I’m gonna change my life“, sang Steve Solomar im vorletzten Stück. Und das Gitarrensolo auf dem letzten Stück No Man’s Land klang dann tatsächlich verheißungsvoll wie ein Aufbruch zu neuen Ufern.

Diese Ufer waren Steve Solamar keine musikalischen. Er hatte lang mit seinem Mannsein gehadert. Den Entschluss, seine musikalische Karriere zu beenden, traf er gleichzeitig mit dem, sein Geschlecht zu ändern. Steve Solamar heißt heute Shirley Solamar. Das Wissen um das Drama, das sich in ihm/ihr abspielte, trägt seinen Teil dazu bei, dass die Spherical Objects auch ein gutes Vierteljahrhundert nach ihrem Ende so aufregend und neu klingen wie damals.

„No Man’s Land“ von den Spherical Objects ist im Jahr 1981 bei Spherical Music erschienen. Kürzlich wurde es im Doppelpack mit dem Vorgängeralbum „Further Ellipses“ bei The Boutique Label/LTM auf CD wiederveröffentlicht.

Eine vollständige Liste der bisher in der Rubrik ÜBER DIE JAHRE besprochenen Platten finden Sie hier.

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3 Kommentare

  1.   Gero von Randow

    Sehr cool. Ich hab ne LP von B-Seiten von denen. Musik für den Küchentisch, mit Kaffe.


  2. Wohltuend guter Text, der zwar aus der Vergangenheit erzählt, dort aber nicht verklärend stehen bleibt. Danke!

  3.   Thomas Weber

    Lieber Dieter Wiene, genauso entdeckte auch ich seinerzeit die Spherical Objects: großartige Band, wurde höchste Zeit, dass das wieder jemand hört. Danke. Genauso großartig: die auch auf LTM wiederveröffentlichte Musik von Grow Up. Ebenfalls eine Band aus Manchester, deren Kopf John Bisset Smith auch bei den S.O. mitmischte. Wurde damals schwerstens von Michael Ruff gepriesen. Und hat alles Lob verdient.

 

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