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Südstaatenpop, aus dem Takt geraten

 

Die Strange Boys aus Texas machen nostalgische Momente der Folk- und Rockgeschichte zu ihren eigenen. Ihr Album Be Brave ist die Quintessenz fröhlichen Garagensounds.

© Daniel Hill

Darf man das noch, im neuen Jahrtausend – Mundharmonika? Jetzt, wo sie selbst Steve Wonder (gottlob), Bob Dylan (leider) und Michael Hirte (hoffentlich bald) aus der Hand gelegt haben? Es gehört mindestens eine der folgenden Komponenten dazu, ein Album mit Westernbluesklängen zu eröffnen: eine gewisse Exzentrik, ein augenzwinkernder Kulturkonservatismus oder eben Westernblueslastigkeit, auch nicht grad ein Quell modernistischer Freude.

Die Strange Boys vereinen diese Komponenten auf ihrem zweiten Album Be Brave alle. Und sie tun es so schön wie irritierend. Wen wundert’s, das Folkbeat-Sextett stammt aus Texas. Das ist bekanntlich ein Landstrich, der es Gästen schon durch einen unverständlichen Dialekt erschwert, zu verstehen, was vor sich geht. Um Verwirrung zu stiften, bedarf es gar keines vogelwilden Ex-Präsidenten. Dafür reicht die regionale Musikgeschichte, die kruden Patriotenpathos ebenso hervorbringt wie das weltweit wohl beste Independent-Festival South by Southwest in Austin.

Von dort also kommen die Strange Boys. An diesem Widerspruch zwischen gestern und heute, Tradition und Adaption orientieren sich die Low-Fi-Rock’n’Roller mit dem passenden Namen. Irgendwie.

Man hört in jeder Note des ungeschliffenen, dennoch detailversessenen Albums die Südstaatenherkunft heraus, gleichsam aber das Bedürfnis, sie zu persiflieren. Da flirren klare Gitarren durch Cowboyballaden; da übt sich Ryan Symbals schiefer Anti-Gesang in Daniel Johnstons Ultraminimalismus; da baut sich eine Lagerfeuerromantik auf, die von verstörenden Disharmonien wieder zugrunde gerichtet wird; da scheint alles ineinander zu passen und am Ende doch nichts oder umgekehrt.

Die Strange Boys liefern eine Variante avantgardistischer Volksmusik, die Puristen beider Seiten eher abschrecken dürfte, aber sie am Ende doch beglücken könnte.

Exemplarisch: Der Titelsong, in dem Jenna Thornhill-DeWitt ein verschrobenes Saxofon über Greg Enlows Proberaumriffs und Seth Denshams verstimmte Marschtrommel legt. Alles immer ein wenig neben der Spur, ein bisschen aus dem Takt, nie auf der Suche nach Perfektion, nach Dilettantismus aber auch nicht. Bob Dylan und Neil Young schimmern durch, die alten Dissidenten des Folkrock, etwas Psychobilly, die Sechziger, dazu Retrorock der Siebziger. Das ist weder als Huldigung noch nostalgische Rückbesinnung zu verstehen, es ist einfach nur der klangliche Vorratsspeicher der Band. Die Strange Boys machen die schönen Momente von einst zu den ihren. Hier sind sie ganz bei sich.

Lediglich zwei Wochen hat es angeblich gedauert, die zwölf Songs mit putzigen Titeln wie Laugh At Sex, Not Her oder You Can’t Only Love When You Want To einzuspielen. Zwei Wochen, in denen die Musiker sicherlich viel Spaß hatten. Denn Be Brave ist die Quintessenz fröhlichen Garagensounds: Virtuos unvollkommen, völlig selbstzufrieden. Es ist einfach: Musik zum Lächeln.

„Be Brave“ von den Strange Boys ist erschienen bei Rough Trade/Beggars.

4 Kommentare

  1.   georg beck

    internet? plattenbesprechung ohne ton? ganz schön schwach.
    und grundsätzlich: macht eure webseite mal handy-tauglich.

  2.   Rabea Weihser

    Lieber georg beck,

    ich kann Ihre Kritik nicht nachvollziehen, zumal der Artikel mit einem Audioplayer versehen ist. Haben Sie möglicherweise technische Probleme?

    Beste Grüße aus der Musikredaktion

  3.   puttinut

    superband. danke für die kritik.

  4.   cernia

    Prima Kritik, prima Band.

 

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