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Dass der Schweiß nicht trockne

 

Hier kommt Janelle Monáe! Ihr Soulpop bringt alles zusammen, was derzeit angesagt ist. Das neue Album „The ArchAndroid“ ist eine Sicherungskopie der letzten dreißig Jahre Musik.

© Andrew Zaeh

Der Baby-Boom: Am 13. Juli 1977 fiel in New York der Strom aus, in Teilen der Stadt für einen ganzen Tag. Es wurde gestohlen und geplündert – und geliebt. Im April 1978 kamen schließlich an der amerikanischen Ostküste dreimal so viele Kinder zur Welt wie sonst.
 
Noch ein kleines Ereignis mit großen Folgen: Im Februar 2009 erschien im amerikanischen Rolling Stone ein Artikel über den Futuristen und Erfinder Ray Kurzweil. Seit langem erforscht er die Verbindung von Mensch und Maschine. In zwanzig Jahren schon würde intelligente Nanotechnologie unsere Leben vollkommen verändern, sagt er, würden Minicomputer durch unsere Blutbahnen kriechen und Krankheiten verjagen. Und spätestens im Jahr 2045 sei der Mensch in der Lage, seine Erinnerungen und Fähigkeiten und sein Bewusstsein zu sichern – wie eine Datei.

Und nun, nach etwas mehr als einem Jahr, erleben wir den Kurzweil-Boom: Vor einem Monat erst erschien Total Life Forever von den Foals – Kurzweil habe sie inspiriert, sagen sie. Der Plattentitel bezieht sich ganz ausdrücklich auf seine Aussage, das Sichern des menschlichen Bewusstseins käme dem ewigen Leben gleich.

Auch die in New York lebende Musikerin Janelle Monáe hat den Artikel sicherlich gelesen. Ray Kurzweils Gedanken faszinierten sie, sagte sie dem Magazin Pitchfork, vor allem seine Voraussage, schon in fünfzehn Jahren könne man Mensch und Maschine nicht mehr auseinanderhalten. Ihr neues Album nannte sie The ArchAndroid und spielt einen Computermensch auf Zeitreise.

Es ist nicht ihr erster Auftritt. Im Jahr 2003 hatte sie schon einmal angesetzt, The Audition war ein recht mittelmäßiger Versuch, auf dem Trittbrett des erfolgreichen Radio- ul zu fahren. Ihr fehlten die außergewöhnlichen Lieder, die außergewöhnliche Stimme ohnehin.

Generalüberholt kommt sie nun zurück, die Korkenzieherlocken zum strengen Turm gebunden. Und macht es nun besser. The ArchAndroid braucht die außergewöhnliche Stimme gar nicht, denn Janelle Monáe hat ein ganz anderes Talent. Sie schweißt alles – wirklich alles – zusammen, was derzeit irgendwie angesagt ist, musikalisch wie konzeptionell: Sie tritt als Android auf, setzt ihre Lieder in ein dichtes Netz aus popkulturellen Anspielungen und Bezügen, und verordnet ihrem Werk einen inneren Bezug. The ArchAndroid ist der zweite und dritte Teil einer vierteiligen Suite (der erste Teil, die EP Metropolis, mit dem fetzigen Tanzbodenfüller Many Moons war vor anderthalb Jahren erschienen). Dafür nimmt sie es auch gern in Kauf, dass The ArchAndroid beinahe überall als Debütalbum angepriesen wird.

Musikalisch geht ohnehin alles. OutKast sind ihre Freunde, P. Diddy, Prince, Missy Elliot und Quincy Jones sind Fans von ihr. Inspiration fände sie in Prinzessin Leias Turmfrisur, in Fela Kutis Zigaretten und Jack Whites Bart, sagt Janelle Monáe. Man muss ergänzen: in breitwandiger Filmmusik, in Michael Jacksons Funk, im flippigen Soul der Siebziger, dem Latinopop der Achtziger, den unverschämten Popmelodien unserer Tage. Wer braucht schon Amy, Gaga und Grace? Janelle Monáe ist eine Mischung aus allen. Es überwiegt der Soul, futuristisches Fiepen ist da kaum. Im Stile eines Northern Soul Allnighters fließen die Stücke ineinander, dass der Schweiß ja nicht trockne. Nur hier und da wird eine Nummer zum Knutschen eingestreut.

Und das alles geht ganz erstaunlich gut zusammen, das ist ungeheuer flott. Janelle Monáe plappert meist vor sich hin, in die Höhen pressen muss sie ihre Stimme nur selten. In Tightrope gibt sie den James Brown, zu einem Sex Machine entlehnten Schnipsel ruft sie sich im Zwiegespräch mit dem Chor die Seele aus dem Leib. Cold War spielt auf einem ganz anderen Planeten, hier schwirren Keyboards und eine an den Nerven raspelnde Computergitarre. Und dann Make The Bus, aufgenommen mit den überkandidelten Elektrofolkern Of Montreal. Diese unverschämte Melodie ist wahrhaft berauschend. Tina Turner trifft Hot Chip? So ähnlich…

Und auch Ray Kurzweil scheint in dem Theater seinen Platz zu finden. Denn läge das ewige Leben in der Bewahrung des menschlichen Bewusstseins, wäre ja auch das Zitat der Vergangenheit von der Zukunft nicht mehr zu unterscheiden. Ob Kurzweil dem zustimmen würde, ist zweifelhaft, denn so sehr The ArchAndroid wie die Sicherungskopie der letzten dreißig Jahre Musik klingt, so spiegeln sich hier doch nur die Oberflächen. Die aber schimmern so schön, dass man gerne lange hinschaut.

„The ArchAndroid“ von Janelle Monáe erscheint bei Atlantic/Warner Music.


2 Kommentare


  1. Hübsche Frau und tolle Musik, mehr kann ich dazu nicht sagen 🙂

  2.   heathcliff

    Finde die Platte auch nicht schlecht, aber mal ganz im Ernst: Bei soviel Original Debussy, wieso nur die letzten 30 Jahre?

 

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