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Ambient im Bernsteinzimmer

 

Auf Pop Ambient 2011 versammelt das Kölner Label Kompakt unterschiedliche Vorstellungen von atmosphärischer Musik. Eine spektakuläre Kompilation zwischen Techno und Avantgarde!

© Kompakt

Das Jahr hat gerade erst begonnen und schon die erste Sensation: Blixa Bargeld hat sich im Bernsteinzimmer versteckt. Da helfen kein Rütteln und kein Rufen, der Mann will seine Ruhe. „In meinem Bernsteinzimmer / lasse ich euch allein“, raunt er wie betäubt unter schweren Kissen. Unheilvolle Streicher und flüsternde Stimmen sind zu hören. Die Musik öffnet sich wie ein schwerer Vorhang aus Brokat zu einem Zimmer, im dem es dunkel leuchtet. Das Stück Bernsteinzimmer des Duos anbb, das Bargeld mit dem Musiker Alva Noto bildet, ist die Ouvertüre zu einer der ersten spektakulären Veröffentlichungen des neuen Jahres.

Wie kaum einem anderen Label in Deutschland gelingt es der Kölner Firma Kompakt immer wieder, unterschiedliche musikalische Identitäten unter einem Konzept zu vereinen. Eine besonders stilprägende Reihe des Labels ist Pop Ambient, eine jährliche Werkschau, kuratiert vom Kompakt-Mitbegründer Wolfgang Voigt. Ambient, das bedeutet Musik, die fernab von Beats und Bässen schwingt. Pop Ambient ist an der atmosphärischen Wirkung von Musik, weniger an ihrer Partytauglichkeit interessiert.

Waren die Pop-Ambient-Ausgaben der vergangenen Jahre stets mit dem Kölner Techno-Sound verbunden, bewegt sich die aktuelle Folge in einer ganz eigenen Sphäre. Nahezu verschwunden sind die Vierviertelbässe und glockenhellen Spielereien der Vorgänger. Waren diese so etwas wie Vorboten der Dämmerung, beginnt mit Pop Ambient 2011 die Reise ans Ende der Nacht.

Dass ausgerechnet Blixa Bargeld, der Sänger der Einstürzenden Neubauten, die Werkschau eröffnet, erscheint da nur logisch. Pop Ambient 2011 bewegt sich entlang der Schnittstelle zwischen Industrial, Neuer Musik und abstraktem Techno. Wie schwarze Gletscher schieben sich die zwölf Titel ineinander, wobei jedes Stück als Erweiterung des anderen verstanden werden kann.

Das Herzstück der Kompilation bilden die großen Entwürfe alter Helden. Das kristallklar funkelnde Stück Rückverzauberung von Wolfgang Voigt, dessen Klänge sich wie eine rückwärts laufende Wagner-Ouvertüre immer wieder aus- und ineinander falten. Jürgen Paapes’ dramatisches Ein schöner Land, in dem sich ferne Waldhörner-Fanfaren über ein Dickicht aus Stimm-Samples erheben. Die sentimentale Spieluhrmelodie Beginner’s Waltz von Bhutan Tiger Rescue und Mikkel Metals’ trauriger Twin-Peaks-Pop in Another Side Of You strahlen neben derart schweren Klang(alp)träumen umso heller.

Wie offen der Ambient-Begriff im Hause Kompakt mittlerweile definiert wird, beweisen Jörg Burgers Triola-Projekt Dunkelraum oder Cratos’ geheimnisvolle Klangcollage 30.06.1881. Es sind ungeheuer dichte musikalische Bilder, die sich nicht in den Hintergrund drängen lassen. Das eigenständige Vokabular der Klänge fordert die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Vor allem Cratos Komposition verbreitet mit ihren abstrahierten Horrorfilm-Geräuschen einen unterschwelligen Grusel, der so manche Black-Metal-Band vor Neid gänzlich erbleichen ließe.

Wie am Ende eines tiefen Schlafs findet auch Pop Ambient 2011 nur langsam in die Wirklichkeit zurück. Titan heißt das letzte Stück von Thomas Fehlmann. Eiskalter Wind weht über Fetzen von Orchestermusik, dann schreien digitale Vögel. Ein Stück Musik, wie ein blasser Sonnenaufgang. Der Titan blinzelt und stapft in die Wälder davon.

„Pop Ambient 2011“ ist bei Kompakt erschienen.

3 Kommentare

  1.   Avedus

    Furchtbar! Warum wird meistens das Abgründige, Dunkle (Kranke?) gehypt und nicht das Schöne, Gute, Helle (Gesunde?)?

  2.   Rabea Weihser

    @Avedus: Uiuiui, diese Logik sollte eigentlich seit 1945 untergegangen sein. Beste Grüße aus der Redaktion

  3.   Toni

    Genau, schön düftes es auch mal werden dürfen. Schliesse mich dem an, ahoi, To

 

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