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Souveräner Neuling

 

Schon bevor sein Debütalbum erschien, galt der 22-jährige James Blake als nächstes großes Ding. Nun ist die Platte da und beeindruckt mit fortschrittlichem Eklekto-Pop.

© Universal Music

Obstbauer müsste man sein, sagte James Blake vor kurzem in einem Interview. Wie sonst, so fragte er, solle er all die Vorschusslorbeeren ernten, die ihm als aufstrebendem Künstler zuteil werden. Im vergangenen Januar hätte der 22-jährige Pianist, Produzent und Songwriter damit freilich alle Hände voll zu tun gehabt.

Bis dahin hatte er lediglich drei EPs und ein paar Remixe veröffentlicht. Und doch flatterte ihm in der englischen Heimat schon manch Superlativ um die Ohren, lange bevor sein Debütalbum erscheinen sollte. Musikfans im Netz wurden nervös, wenn sein Name fiel.

So groß war der Trubel, dass seine eigenen Eltern die Platte bei ihm vorbestellten. Kritiker sprachen von einer neuen Sphäre des Pop oder einem Meilenstein des Dubstep. In einer Umfrage der BBC erklärten sie James Blake zu einem der wichtigsten Alben des kommenden Jahres – ohne die Hälfte der darauf enthaltenen Stücke überhaupt gehört zu haben.

Ein klassischer Hype, möchte man meinen. Doch wenn sich Kritiker und Publikum derart einig sind, steckt oft mehr dahinter. Im Falle Blakes ist es das Talent, entlang der Einflüsse etablierter Interpreten neue Klangkonstrukte zu entwerfen, die einerseits vertraut genug klingen, um die Masse zu begeistern, und andererseits doch eigenwillig genug, um als fortschrittlich zu gelten.

Seine digitalisierte Version des Feist-Songs Limit To Your Love – im Netz millionenfach abgerufen und als Elektro-Sample längst in den Clubs zuhause – bot hierauf bereits einen Vorgeschmack. Wie Blake verschiedenste Genres miteinander assoziiert, wird aber noch deutlicher in Stücken wie Why Don’t You Call Me oder I Never Learnt To Share. Da deutet er etwa mit zerbrechlicher Stimme Klavierballaden an, die auch Antony And The Johnsons gut stünden, baut aus dem Nichts monumentale Basswände auf, die an seinen Kollegen Burial erinnern, und lässt sie schließlich in den überdrehten Handclap-Arrangements im Stile Thom Yorkes münden.

Post-Dubstep nennt sich das, was sich irgendwo im Spannungsfeld zwischen Soul, R’n’B und minimalistischen Elektro-Beats bewegt. James Blake fügt dem Songwriter mit Hang zum Schwermut bisweilen sogar eine Prise Folk hinzu und macht seine Musik damit zu einer Art Kulminationspunkt aktueller Popentwicklungen.

Man kann dies unerhört finden oder als bloße Flickschusterei abtun. Das eigentliche Phänomen dieses Albums bleibt in jedem Fall Blakes Mut zur Lücke: Immer wieder legen sich gespenstische Pausen über Beat und Gesang. Fast will man aufstehen und nachsehen, ob die Stereoanlage kaputt ist – bevor eine zerhäckselte Vocoder-Stimme und Synthesizer den Song dann doch noch vorantreiben.

James Blake zelebriert Zurückhaltung und Stille, während seine Hörer nach der nächsten Musiksensation jiepern. Diese künstlerische Souveränität muss man erstmal haben.

„James Blake“ von James Blake ist erschienen bei Polydor/Universal.

16 Kommentare

  1.   a

    james blake

  2.   laocoon

    music as observation of having air and a lack thereof

  3.   Rabea Weihser

    Fans von James Blake sind offenbar genauso dem Minimalismus verpflichtet, wie Ihr Lieblingsmusiker. Wenn auch auf sprachlicher Ebene. (@ Kommentare 1 und 2)

  4.   der Andy

    nja…das Feist6 Cover hätte man sich sparen können…guter Bass macht längst kein gutes Lied.
    Alle aufgezählten Querverweise haben mehr Dimension als das Album…es ist…einfach nur weinerlich und degradiert das recht gelungene Soundarangement…schade.

  5.   Saligia

    Wenn das Sensationelle einer neuen Platte etwas Nicht-Hörbares sein soll, ist das für mich ein Armutszeugnis.

  6.   JR

    Das ist die superpostmoderne Ausdrucksart der Indie-Welt.

  7.   Sowas Von Oskar

    Alle sind glücklich. Alles ist wunderbar. Wir sehen das weiße Licht.

  8.   Hansi

    Das Nicht-Hoerbare ist spaetestens seit der Musik der deut Romantik und der Philosophie von F Nietzsche (e.g. Ueber W & L im aussermoral. Sinne) ein ganz grosses Thema und ein jeder sollte dankbar fuer Momente der `Ruhe sein. In einer Zeit, in der die Komplexititaet der erlebten Emotionen nicht mehr ausdrueckbar ist, Worte ihren Platz nicht mehr finden koennen, scheint mir die Pause, die verzerrte Melodielinie, oder auch einfach der Abstraktionsgrad angemessen.

    Die Musik von James Blake ist grossartig. BAM!

  9.   the xx…

    …haben auch so eine sensationelle platte gemacht, in dem sie ganz viel nicht gemacht haben.

  10.   featherlands blogspot

    anti-soul: blake, jaar, woon.

 

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