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New Age für After Work

 

Was passiert, wenn der kosmische Krautrock der Siebziger-Helden Popol Vuh in den digitalen Mixer gerät? Es kann gut oder schlecht ausgehen, wie der Sampler „Revisited & Remixed“ zeigt.

© SPV

Popol Vuh, benannt nach dem heiligen Buch der Quiché-Indianer, war zuallererst das Projekt von Florian Fricke. Der studierte Pianist experimentierte als einer der ersten mit einem Moog-II-Synthesizer, mit Popol Vuh veröffentlichte er bis 1997 rund 20 Alben. Magic Music, Krautrock, Ethno-Elektro – für die halluzinatorischen Klänge gibt es viele Bezeichnungen. Auf frühen Platten wie Affenstunde und In den Gärten Pharaohs versuchen Popol Vuh die klassischen Formen der Rockmusik hinter sich zu lassen und geben sich einer spirituellen und kosmischen Erfahrung hin.

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an den experimentellen Sounds der siebziger Jahre wieder gewachsen. Krautrock-Platten erzielen Höchstpreise und wichtige Labels wie Soul Jazz Records veröffentlichen aufwendige Kompilationen mit der new german music. Produzenten neuerer elektronischer Musik zitieren Gruppen wie Tangerine Dream, Ash Ra Temple, Can oder Neu! als wichtigen Einfluss. Auch sämtliche Popol-Vuh-Alben wurden in den vergangenen Jahren erfolgreich neu aufgelegt. Ihre andauernde Popularität verdankt die Gruppe aber vor allem dem Kino.

Mehr als zehn Soundtracks produzierte Florian Fricke für die Filme des Regisseurs Werner Herzog. Und Popol Vuhs Musik war nicht bloß Untermalung. Frickes Kompositionen und Herzogs ekstatische Filmbilder bildeten die perfekte Symbiose. Der Regisseur und der Musiker blieben bis zum Tod Frickes im Jahr 2001 eng befreundet.

Wie sich es sich anhört, wenn die kosmische Weltvergessenheit auf gegenwärtige Elektronik trifft, zeigt nun das Doppelalbum Popol Vuh: Revisited & Remixed 1970-1999. Als Hommage gedacht und zum zehnten Todestag des Bandgründers Florian Fricke veröffentlicht, haben sich zehn Produzenten der Musik Popol Vuhs angenommen und Remixe angefertigt. Vor allem die Vertreter der gemächlichen Clubmusik scheinen sich von diesem Projekt angesprochen gefühlt zu haben. Auf der Suche nach sphärischen Klängen für die After Hour ist man nun beim Krautrock angekommen.

Die erste CD enthält neben einigen neueren Popol-Vuh-Kompositionen natürlich auch eine Auswahl von Filmmusiken. Hier muss man kaum Worte verlieren: Die berückende Schönheit von Brüder des Schattens oder Aguirre I Lacrima de Rei ist wie ein Türöffner zu einer anderen Welt. Die übrige Auswahl zeigt Popol Vuh atmosphärisch hochverdichtet. Von der geheimnisvollen Reise In den Gärten Pharaohs bis hin zu abstrakten Klangbildern wie Nascita aus dem Jahr 1998, bietet Revisited auch Neulingen einen guten Einstieg.

Die Versuchung, Popol Vuhs Musik ins seichte Fahrwasser abgleiten zu lassen, war einigen Beteiligten offenbar doch zu stark. So verliert sich das Entrückend-Mysteriöse in den Remixen von Peter Kruder, Roland Appel und Stereolab in klöppelnder Lounge-Langeweile. Das ist New Age für die digitale Boheme, hat aber wenig mit der spirituellen Versenkungsidee Frickes zu tun.

Glücklicherweise haben andere Produzenten die Vorlagen vor allem als offene Koordinaten verstanden, in denen es sich frei assoziieren lässt. Moritz von Oswald hat das perkussive In den Gärten Pharaohs auf ein hypnotisch pumpendes Dub-Techno-Stück reduziert. Mouse On Mars’ Auseinandersetzung mit Through To Pain To Heaven vom Nosferatu-Soundtrack gipfelt in einem rappelnden Funk-Groove, und das Berliner Kollektiv A Critical Mass um Henrik Schwarz, Åme und Dixon liefert mit sicherem Händchen eine seelenvolle Annäherung an den sperrigen Herz-aus-Glas-Soundtrack. Die grenzenlosen Atmosphären, die Peter Kruder im Begleitheft beschreibt, hier greifen sie ineinander. Es entsteht: Magic Music.

„Revisited & Remixed 1970 – 1999“ von Popol Vuh ist bei SPV erschienen.

5 Kommentare

  1.   Jaques

    Bitte die Rolle von Gerhard Augustin als Produzent nicht vergessen: u.A. Affenstunde & Nosferatu
    xxx

  2.   Amon düll

    schön etwas über Popol vuh zu lesen. Das Krautrock so in Vergessenheit geraten ist ist traurig

  3.   Klaus

    Fricke hatte den Moog IIIp – dazu als vierte (deswegen das III) Kiste das Sequencer Complement B portable. Das „p“ bei III meint auch: portable, also: portabel, tragbar.
    Nochwas: Mit „Rock“ hatte Frickes Musik wirklich nix, aber auch gar nix zu tun. Der Mann war tief religiös. Und auch sonst nicht gerade sehr symp… Genug.
    Einen Titel aus dieser neuen Doppel-CD – der dahinter stehene Sohnemann gab dort ein Interview – wurde im Radio gespielt: schrecklich, was aus der Musik gemacht wurde: dem Fricke-üblichen Klaviergeplänkel wurde das übliche Techno-Vier/Viertel-Bumm-Bumm-Bumm-Bumm unterlegt.

  4.   david

    popol vuh hat mit den besten deutschen ambient progressive rock in den 70ern gemacht und das neue album erscheint ausserordentlich gelungen und hörbar, ein guter quernschnitt auch durch popol vuh s elektronik soundtracks und elektronisches früehwerk . florian fricke s und popol vuh s spirituelles interesse an musik hat weniger mit „tiefer religiosität“ und schon gar nichts mit new age zu tun, sondern einem interesse musik als volkerverständigende sprache einzusetzen. aber das verstand klaus scheinbar nicht. auch scheint er nicht zu begreifen, wer die elektronischen musiker auf seite b ueberhaupt sind. tja, klaus…

  5.   Staun

    Krautrock ist nicht vergessen. Die Artenvielfalt dieses Sammelbegriffes wurde von der neuzeitlichen Artenvielfalt längst aufgenommen bzw. als Stilelement integriert. Die sogenannte „Berliner Schule“ ist z.B. bei Bands/Musiker wie Redshift. Ian Boddy und Steve Roach hörbar, von der tanzbaren Elektronik einmal ganz abgesehen. Nicht zu vergessen der gesamte Progressiv Rock Bereich. Porcupine Tree beziehen sich in ihren ruhigeren Stücken darauf, bei Gazpacho lassen sich Elemente finden, ebenso bei Days Between Stations (Laudanum). Alle genannten kommen allerdings auch mit einem „floydigen“ Sound um die Ecke. Hier wiederum die Brücke zum Krautrock zu schlagen – ist Hörersache.

 

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