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Schönheit der Hallräume

 

Aus T.Raumschmiere und Schieres wird Shrubbn!! Das gemeinsame Debütalbum der Berliner Produzenten Haas und Bomans erschließt der elektronischen Musik neue Möglichkeiten.

© Shitkatapult

Der Elektromusikant neigt zum unübersichtlich wuchernden Schaffen. Von Montag bis Freitag sortiert er mit Sampler, Sequenzer und Computer die Bits und Bytes von links nach rechts und wieder zurück. Am Wochenende reist er durch die Weltgeschichte und sorgt als DJ dafür, dass sich Menschen mal wieder richtig ausagieren können. Irgendwann dazwischen hat er sich einen Haufen Pseudonyme überlegt, siebzehn rare Maxis auf achtzehn verschiedenen Kleinstplattenfirmen veröffentlicht und selbst nebenbei noch zwei, drei Labels gegründet. Außerdem hat er mit jedem zweiten Bekannten ein Nebenprojekt gegründet, in der Hinterhofgalerie bei der Modenschau aufgelegt und mit diesem Typen aus Detroit ein Konzept entwickelt. Worum es dabei genau ging, hat er jetzt vergessen.

Marco Haas und Ulli Bomans sind Kinder dieser Szene. Zusammen sind sie seit 1995 Shrubbn!!. Ungefähr jedenfalls. Denn nach einigen wenigen Tracks lag das Duo lange auf Eis. Davor und danach spielte Haas Schlagzeug in Hardcore-Bands, wurde berühmt unter dem Namen T.Raumschmiere, projektierte mit Miss Tigra Pop Poisoned Poetry zwischen Literatur und Lärm, gönnte sich einen kurzen Ausflug in den Ambient Jazz, und betreibt bis heute in Berlin das eine Zeit lang sehr schicke Label Shitkatapult.

Bomans erste Band spielte Dark Wave, danach nannte er sich Schieres und wechselte munter die Projekte, die Down’t, Blackburn, Monster Monster oder Gladbeck City Bombing hießen, lebte in Kassel, Berlin, Marseille, Zürich, Hamburg, Köln und ein paar Monate in einem Wohnwagen in Andalusien, entwarf Theaterstücke, malte Bilder, machte Radio, lernte Tätowieren, produzierte und remixte.

Das ist nur ein kleiner, eher unvollständiger Überblick. Der aber erklärt, warum Haas und Bomans gut anderthalb Jahrzehnte lang gebraucht haben, um nach ein paar einzelnen Tracks auf Labels, die es längst nicht mehr gibt, nun endlich ihr Debütalbum vorzulegen. Das heißt Echos und klingt auch so: wie ein Widerhall der reichen Vergangenheit der beiden. Eben nicht wie eine Zusammenfassung ihres Wirkens, auch nicht wie ein kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich Haas und Bomans zwischen Punkrock und Elektro-Beats einigen konnten.

Stattdessen stellen sie immer wieder einzelne Bruckstücke aus: ein böses Industrial-Schaben hier, einen monotonen Minimal-Techno-Beat dort, einen wüsten Lärm-Effekt da. Doch all diese Elemente funktionieren nicht mehr wie ursprünglich gedacht, sondern sind verfremdet, verformt, zerstört oder isoliert, nur mehr Schatten ihrer selbst. So wie Marcel Duchamp ein Urinal zum Brunnen beförderte, nehmen Shrubbn!! serielle Bauteile moderner Tanzbodenschallungsmaßnahmen und fertigen aus ihnen Klanglandschaften, die eher in eine Galerie gehören als in einen Club.

Man könnte die Readymades, die Shrubbn!! da programmiert haben, erst einmal Ambient nennen. Weil sie so schöne, riesige Hallräume entwerfen, in denen sich der Hörer verlaufen kann. Aber wenn man genau zuhört, hinter die scheinbar sedierende Fassade dringt, wenn man die Musik wirklich wirken lässt, dann sind die einzelnen Geräusche zu beunruhigend, die Collage der Klänge zu verunsichernd, die Komposition zu aufwühlend.

Nein, Echos wird keine Karriere als Soundtapete für den nächsten Cocktailabend einschlagen können. Ja, zwei große Musiker haben eine große Platte abgeliefert, die der elektronischen Musik womöglich ein paar neue Möglichkeiten erschließt.

„Echos“ von Shrubbn!! ist erschienen bei Shitkatapult/Alive.


Live: 17.4. Bremen, 18.4. Hamburg, 26.4. Bern, 27.4. Aarau, 28.4. Erlangen, 29.4. Jena, 30.4. Berlin

6 Kommentare

  1.   barfly

    die „Geräusche zu beunruhigend, die Collage der Klänge zu verunsichernd“.
    wieder die z.zt. gern erwähnte „hauntology“?

  2.   Fabian Russ

    lieber Herr Winkler,

    (Gekürzt. Bitte unterlassen Sie Beleidigungen des Autors. Die Redaktion)
    (…) dann würden sie diese neue kleine putzige Formation inhaltlich nicht so überbewerten. Dort ist keineswegs von neuen Möglichkeiten die Rede und sie klingen auch nicht an. Es handelt sich um konsequent elektronische Tanzmusik, wenn Sie wissen wollen, was dort Neues möglich ist, dann müssen Sie woanders schauen und nicht dort. Es ist oberpeinlich, finde ich, dass solche Alben so oft überbewertet werden, dabei wird dort auch nur mit Wasser gekocht und das Wasser heißt oft Ableton + X. Ich bitte Sie, vielleicht in Zukunft etwas detaillierter auf die musikalischen Inhalte einzugehen, bevor Sie ihre Lorbeeren streuen. Herzlichen Dank. Dieser Kommentar stammt NICHT, am Ende vermuten Sie das von einem Neider oder einer frustrierten Musikererscheinung.

  3.   beatburger

    Geräuschkulisse für paarungswillige Frösche

  4.   barfly

    @beatburger:
    ha ha, also das berghain-publikum?
    nur nebenbei: das album find‘ ich ziemlich gut.

  5.   SHRUBBN!!

    @fabian russ
    ableton +X, was ist das?

    @beatburger
    hehehe!!

    @barfly
    danke!!

  6.   matthias

    sehr interessant – mut etwas neues zu machen ist unterstützenswert, die musik klingt auf jeden fall neu und gut!

 

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