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Das Tanzmusikimperium

 

Hamburg haben sie schon erobert, jetzt ist die Welt dran: Seit fünf Jahren zeigt das Label Diynamic, wie gut hausgemachter House ist. Wir gratulieren!

Der Label-Chef Mladen Solomun (© Diynamics)

House kommt aus Hamburg. Das steht ja so auch im Autokennzeichen. Derzeit wird der Viervierteltakt vor allem aus St. Pauli dirigiert. Hier residieren neben den Jungs von Smallville auch Mladen Solomun und seine Plattenfirma Diynamic. Diese schickt sich gerade an, zu einem der erfolgreichsten Label des Genres zu werden.

Rappelvolle Labelnächte, Gastspiele in den besten Clubs, Dauerpräsenz in den DJ-Charts. Man könnte sagen: Es läuft. Diynamic ist im Jahre fünf nach seiner Gründung oben angekommen. Ein Erfolg, der im besten Sinne hausgemacht ist. Schließlich trägt man mit dem Kürzel DIY auch eine Verpflichtung im Namen. Do it yourself – lieber selber machen, bevor andere hineinpfuschen.

Auch sonst gibt man sich bei Diynamic eigenständig. Ob Booking, Promotion oder Design – Diynamic hält alle Fäden in der Hand. Verträge? Och, nö. In der verschworenen Clique aus Produzenten, Bookern und DJs gilt das Ehrenwort. Freundschaft ist alles, man pflegt die kuscheligen Strukturen eines mittelständischen Familienbetriebs. Auch wenn (noch) keine Frauen als Musikerinnen mit an Bord sind.

Während die großen Hits des Stammpersonals auf Diynamic erscheinen, bietet das neue Sublabel 2DIY4 Raum für eher experimentelle Musik, wie die Indieband Pool oder das Duo Ost & Kjex. Man berät sich untereinander und gibt auch jungen Musikern wie dem 21-jährigen David August eine Chance. Über die herrvorragenden Bilanzen freut man sich – ganz hanseatisch unaufgeregt – natürlich gemeinsam.

Bei all dem Trubel soll’s aber nicht allzu ernst werden. Da darf auch mal die Mutter des Label-Chefs Mladen Solomun Spaßiges für dessen Stücke einsprechen. Ganz nebenbei betreibt er übrigens auch noch Hamburgs besten Club für elektronische Tanzmusik, das Ego. Besucherzahlen steigend. Man könnte meinen, House in Deutschland ist in festen Händen des sympathischen Diynamic-Imperiums.

Höchste Zeit also, um auch mal über den Diynamic-Sound zu sprechen. Der wird dieser Tage auf einer Charity-Compilation gefeiert, die mit exklusiven Stücken aller hauseigenen Produzenten aufwartet. Darauf zu finden ist stets körperbetoner House, dessen melodische Bässe stets auf den Unterleib zielen und bisweilen schwül-mediterran ausfransen.

Der große gemeinsame Nenner heißt jedoch Pop. Man verkaufe einige Stücke mittlerweile besser auf iTunes als beim DJ-Portal Beatport, erwähnte Mladen Solomun kürzlich. Tatsächlich ist ein erheblicher Teil des Diynamic-Material durchaus radiotauglich. Das muss nicht schlecht sein, doch diese Melodieverliebheit nimmt einzelnen Stücken leider etwas von ihrer Knackigkeit. Und in einigen Momenten, wie auf Return of the Air von H.O.S.H. mit seinem plumpen Porno-Gestöhne, wirkt die Lust am Effekt ein bisschen prollig.

Echte Höhepunkte hingegen sind Adriatiques Road mit seinen schwelgerischen Synthie-Streiflichtern, das sanft verspulte New Year Eve von DJ Phono mit seiner zarten Xylophonmelodie, der abgebremste Nacht-Rave The Way I Feel von Thyladomid und natürlich Solomun, der Chef persönlich mit der starken Hymne Living On.

Besonders interessant wird es aber zum Schluss: Ost & Kjex präsentieren mit JagaJazzistToccata ein exzentrisches Stück funky hüpfenden Soul-House mit zickiger Jazztrompete und Orgelpastiche. Auch Stimming öffnet in Trombone bisher unbekannte Schubladen und zerrt ein schunkeliges Akkordeon und Polka-Posaunen zum Tanz hervor. Diese Experimentierfreudigkeit tut der ansonsten recht konservativ kuratierten Zusammenstellung gut.

Für die zweite CD hat man Künstler wie WhoMadeWho, Hot Chip, Digitalism oder Cassius um Remixe der eigenen Hits gebeten. Alle haben ihren Job getan. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Vor allem die Remixe von Kraak & Smaak und Kompakts Gui Boratto klingen rund und komplett überzeugend. So kann es und wird es weitergehen für den Familienbetrieb aus St. Pauli. Eine baldige Weltherrschaft kündigt sich an.

„Five Years Of Diyamic“ ist bei Diynamic erschienen. Der Erlös der Compilation kommt dem Hamburger Kinderhospiz Sternbrücke für Einrichtung eines Musiktherapiezimmer zugute.


4 Kommentare

  1.   Joschi

    Die etwas unterschwellige Kritik gefällt mir sehr gut.

  2.   Bowie99

    House Music ist es nun wirklich nicht was DIYnamic machen. Auch wenn sie es immer wieder angestrengt versuchen ihrem Schablonen-Sound einen House-Anstrich zu verpassen.

    „Man könnte meinen, House in Deutschland ist in festen Händen des sympathischen Diynamic-Imperiums.“

    ->>> dieser Satz zeugt dann sogar noch mehr von grandioser Szeneunkenntnis.

    House Music aus Hamburg kommt u.A. von Kneedeep Recordings, Smallville, Dial / Laid, Dessous, Mirau und Pampa

  3.   Rabea Weihser

    @Bowie99: Zur Verteidigung des Autors sei gesagt, dass er längst an dieser Stelle über den House von Smallville, Dial und Pampa geschrieben hat. Der Leserbeitrag zeugt von grandioser Unkenntnis dieses Blogs.

  4.   Bowie99

    Über Smallville hatte ich gelesen. Gerade deshalb hatte ich mich gewundert.

    Diesen Blog hier zu kennen ist nicht unbedingt relevant für House Music.

 

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