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Spieler auf Esbjörns Klaviatur

 

Mit seinem poporientierten Jazz hat der Schwede Jacob Karlzon schon die Spitze der Charts erreicht. Bis zur Qualität des Svensson-Trios fehlt aber noch ein Stück.

© Grosse Geldermann

Es soll Leute geben, die vergleichen den Klang von Jacob Karlzon und seinem Trio mit Rammstein. Der Pianist sagt laut Plattenfirma, er nehme das „als Kompliment“. Daraus folgt: Karlzon hat offenbar einen dehnbaren Jazzbegriff.

Keine Sorge, martialische Parteitagsklischees bedienen Karlzon, Hans Andersson am Bass und Jonas Holgersson am Schlagzeug nicht. Aber dass der Pianist seine Ohren an Metal, Elektro und Techno geschult hat, ist kaum zu überhören. „Auch wenn die Musik selbst eigentlich nichts für Pianisten ist“, sagt der bisher vor allem als Begleiter der schwedischen Sängerin Viktoria Tolstoy aufgefallene Steinway-Artist, „aber die transportierte Energie, die ist es schon!“

Karlzon beackert jenes weite Feld, auf dem e.s.t., das Trio des verstorbenen Esbjörn Svensson, die tiefsten Furchen hinterlassen hat: oft minimalistische, von Keith Jarrett inspirierte Klaviersoli über repetitiven Grooves, die in Rock- und Clubmusik wurzeln. Aber auch funkige und andere elektrische Jazz-Spielarten nach Art von Pat Metheny und Chick Corea haben ihre Spuren in den Tracks hinterlassen. Dass der Computer mithelfen darf, versteht sich von selbst. Mit More, seinem neunten Album, ist Karlzon zum e.s.t.-Label ACT gewechselt.

Die schwebende Klaviermelodie des Eröffnungsstücks Running polstern dezente Synthesizer-Harmonien über einem hektischen Schlagzeuggeshuffle. Schweres Metall und harter Techno klingen in Dirty an, einer Orgie aus krachenden Drums und aufgemotztem Zerrbass. Nilha trällert über farbsatten Akkorden daher, während das Korn-Cover Here To Stay stampfend vorwärtsstürmt und die verzerrte E-Gitarre durch ein rockiges Synthesizer-Break ersetzt. „Technorganic“ nennt Karlzon selbst seinen Stil.

Und wo bleibt da der Jazz? „Ich kam zum Jazz, weil ich große Lust an diesem spontanen Spiel hatte“, sagt Karlzon. „Als ich merkte, dass Improvisation vor allem eine direkte Kommunikation mit dem Publikum bedeutet, einen Austausch von Energie und Emotion, da hat es mich gepackt. Dieser Spaß hat mich süchtig gemacht nach immer mehr und mehr.“

Davon, das ist das Ur- und Erzproblem von Jazzplatten, ist auf CD naturgemäß wenig zu hören. Dass innovative Tastenkombinationen Karlzon Vergnügen bereiten, ist aber sehr wohl zu erkennen, mit am besten ausgerechnet in Nik Kershaws Achtziger-Jahre-Schote The Riddle etwa, das schwedenfolkmäßige Motive virtuos vertänzelt. Epiphany träumt sich in eine Rockballaden-Atmosphäre im Metheny-Stil, und in Rhododendron Rites grübelt Karlzon in klassizistischer Manier unbegleitet allein am Klavier.

„Das ganz andere Jazz-Trio“ ist ein Etikett, das viele in diesem überfüllten Markt sich gern ankleben. Was Karlzon und seine Kollegen auszeichnet, ist die gelungene Dramaturgie ihrer Songs, ihr An- und Abschwellen, ihre überraschenden Wendungen. „Ich schreibe und spiele Musik wie einen Soundtrack“, sagt Karlzon, „um Gefühle und Atmosphären einzufangen und festzuhalten“.

Das Rezept geht auf: More hat es zeitweise auf Platz eins der iTunes-Jazz-Charts geschafft. Bis zum Erfolg in e.s.t.-Dimensionen ist es allerdings noch weit.

„More“ von Jacob Karlzon 3 ist erschienen bei ACT.

Am 5. November spielt das Trio in der Musikhalle Hamburg, am 7. November in der Unterfahrt in München und am 9. November bei den Ingolstädter Jazztagen. Weitere Konzerttermine hier

 

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