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Ganz Amerika in einer Suite

 

Bluegrass wogt im Wind, bekannte Klänge ziehen aus den Hinterwäldern heran. Auf dem Album „Big Sur“ vertont der Jazzgitarrist Bill Frisell seine Vereinigten Staaten.

© Jimmy Katz
© Jimmy Katz

Als Alexander von Humboldt durch Südamerika reiste, muss das ungefähr so ausgesehen haben: ein Mann mit Block und Stift, der manchmal stehen blieb, sich hinsetzte, zeichnete. Mal eine Pflanze, mal ein seltenes Tier, manchmal auch nur eine Stimmung.

Gut zweihundert Jahre später und einige Tausend Meilen weiter nördlich war der Gitarrist Bill Frisell unterwegs, um sein Amerika zu erforschen. Frisell hielt sich im Auftrag des Monterey Jazz Festival für zehn Tage auf der Glen Deven Ranch in Big Sur auf und schrieb eine Reihe von Stücken, die bei dem Festival im vergangenen September uraufgeführt wurden. Eine Ranch auf jenem von rauen Winden zerzausten Streifen Landschaft an der kalifornischen Küste südlich von Monterey: Näher kann man dem „Go West“ geografisch kaum kommen.

Musikalisch treibt Frisell hier ein mehrfach gebrochenes Spiel mit den Assoziationen. Mit deskriptiven Titeln, wie sie zu Humboldts Zeit ein Naturforscher wohl gewählt hätte, und mit einer ungewöhnlichen Instrumentierung: Violine, Bratsche, Cello spinnen einen Faden, der die einzelnen Stücke wie zu einer Suite verknüpft.

Da ist der Akkord, mit dem alles beginnt und der vorab alles in Blau taucht, in ein wildes, warmes kalifornisches Blau; da ist das gleichzeitig weiche und bewegte Muster der Streicher, das zusammen mit dem leichthändigen Beat des Schlagzeugs seinen Sog entwickelt; und da ist Frisells Gitarre, die dem Stück mit einigen wenigen Tönen seine melodische Gestalt verleiht.

Die ganze Geschichte der amerikanischen Musik aus den Hinterwäldern findet sich in diesen wenigen Takten angespielt: die Erdenschwere des Blues, die aufgedrehte Lebensfreude des Bluegrass, die Last des Arbeitstakts. Jener Geruch von Freiheit, jene Spur von Utopie, die in der Improvisation als Improvisation liegt. Verhalten setzt sich die Suite fort, baut mit den Streicherstimmen gar eine Brücke zur alten Fiddlemusik – einer musikalischen Tradition, die im Jazz lange tabuisiert wurde und erst in den vierziger Jahren mit dem Bluegrass wieder ins Bewusstsein der Musiköffentlichkeit trat.

Dass sich Frisell mit Americana und der Geschichte der amerikanischen Musik beschäftigt, ist nichts Neues. Neu an Big Sur ist die Stringenz, mit der er historische Querverweise zu einer mitreißenden Form aktueller Musik montiert. Neu ist, wie er das Archaische mit den Rückkopplungen des Modernen in Berührung bringt und den melodischen Bögen den Raum verschafft, den sie brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist ein neuer Drall: Big Sur ist nicht nur das musikalische Register einer Landschaft. Es beschreibt eine Forschungsreise in Sphären der amerikanischen Imagination, die im Jazz sonst nicht angesprochen werden. Ob der Jazz das braucht, könnte man jetzt fragen. Aber man kann es auch lassen.

„Big Sur“ von Bill Frisell ist erschienen bei Okeh/Sony Master Works.

Aus der ZEIT Nr. 30/2013

2 Kommentare


  1. Interessantes Album – mit der für Frisell ungewöhnlichen Instrumentierung ergibt sich ein sehr interessantes, abwechslungsreiches Stimmungs- und Klangbild mit der gewohnten musikalischen Tiefe.

    Danke für den Hinweis!

  2.   frillinx

    Immer wenn man denkt es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein musikalisches Lichtlein her…Für mich schon jetzt eins der Alben des Jahres mit einer wunderbar dichten Atmosphäre!

 

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