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Und die Clubtür öffnet sich

 

Modeselektor und Apparat führen sich und das Beste ihrer Stile zusammen: Als Moderat machen sie elektronische Musik für den Raum zwischen Tag und Nacht.

© Olaf Heine
© Olaf Heine

Vor ein paar Tagen waren Gernot Bronsert und Sebastian Szary noch auf der anderen Seite des Erdballs und brachten beim Fuji Rock, dem größten Open-Air-Festival in Japan, die Massen zum Schwitzen. In heimischen Gefilden haben sie gerade mit ihrem Kumpel Sascha Ring im tiefsten Sachsen-Anhalt beim Melt!-Festival mehrere Zehntausend in Bewegung versetzt. Ebenfalls zu dritt machten sie sich auf den Weg in die Ukraine und legten auf der Krim beim KaZantip-Festival auf. Demnächst geht es nach England, in die Niederlande, nach Polen, New York, Kroatien, Italien und Belgien.

Ja, Ring, alias Apparat, und Bronsert und Szary, die sonst als Modeselektor unterwegs sind, kommen ganz schön rum. In fernen Ländern spielen sie nicht nur auf, sondern auch ein wenig den Propheten, der zu Hause nicht ganz dieselbe Wertschätzung erfährt. Im Verbund, unter dem zusammengeschmolzenen Namen Moderat, kann man die drei Berliner also getrost als eine Supergroup der elektronischen Musik bezeichnen. Das zweite Album der All-Star-Kapelle trägt denn auch verdientermaßen einen ebenso schlichten wie sich der eigenen Größe bewussten Titel in römischen Ziffern: II.

Das erste Moderat-Album war vor allem eine Überraschung, weil es dem Trio gelungen war, Linien zu finden, die ihre so unterschiedlichen musikalischen Ausgangspunkte logisch miteinander verbanden. Mitten zwischen der introspektiven, verträumten Electronica von Apparat und dem vorwärts jagenden, elektizistischen Party-Geboller von Modeselektor hatte Moderat einen Sound gefunden, der das Beste aus beiden Welten zusammenführte.

Während auf dem Debüt dieser Clash der Electro-Kulturen bisweilen noch holperte, finden die beiden doch so gegensätzlichen Entwürfe nun auf II endgültig und erstaunlich mühelos zueinander. Das bedeutet vor allem, dass sich in den Tracks zwar immer wieder mächtige Beats erheben, sich schnell wieder verlieren in traumähnlichen Klanglandschaften, aber dann auch zurückkehren wie eine schöne Erinnerung. Dass Stimmen erscheinen wie aus dem Nichts und Synthesizer klingen wie eingesponnen. Dass Tracks beginnen können als Minimal Techno, sich verwandeln in verschachtelte Electronica, bevor sie plötzlich, vor allem wenn Sascha Ring zu singen beginnt, ihren Soul entdecken und dann doch als Klangskulptur enden.

Es gibt Stücke wie Milk, die voller Energie losspringen als Club-Tracks, dann jedoch letztlich der eigenen Courage nicht trauen. Aber auch träge Popsongs wie Bad Kingdom, die, bevor sie in ihrer eigenen Wohligkeit versinken, von seltsamem Tröten gestört werden. Kein Klischee ist verboten, aber keine Konvention ist sicher, vor allem nicht die, dass elektronische Musik zum Tanzen taugen muss. Dafür aber haben die Herren von Moderat ihr Album mit Hingabe zum kleinsten Detail konstruiert, als wollten sie für jenen extrem scharfsinnigen Sinneszustand zwischen Tag und Nacht, Wachen und Schlafen eine musikalische Entsprechung finden.

Es ist dieser Zustand, aus dem heraus II vornehmlich erzählt wird. Dieses großartige Album gießt genau jenen Moment in Töne, in dem die Party zu Ende geht und der Heimweg beginnt, jenen Augenblick, in dem die Tür des Klubs sich öffnet, der erste Sonnenstrahl hereinfällt und das Leben wieder beginnen muss.

„II“ von Moderat ist erschienen bei Monkeytown Records/Rough Trade.

2 Kommentare


  1. Ich könnte wetten, daß bei „Therapy“ einer dieser „Blindentöne“ (von Ampeln etc) unter die Snare gemischt wurde.

  2.   Carsten M. Steffen

    Großartiger Artikel, treffende Beobachtungen und stimmige Wortwahl, die tatsächlich auch das Gefühlige transportiert. Respekt und danke, Herr Winkler!

 

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