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Hören und sich indoktrinieren lassen

 

Ein heiß ersehntes Debütalbum aus London: Raffertie ist 26 und filtert aus einer Vielzahl musikalischer Stile seinen ungemein bildreichen, flimmernden Elektrosound.

© Josh Shinner
© Josh Shinner

Musik kann ein Wurm sein, der ins Gehirn kriecht und sich dort förmlich verhakt. Sie kann oberflächlich beliebig klingen und beiläufig, subkutan jedoch wirken als wäre sie direkt für die eigenen Synapsen kodiert. Sie kann das Unterbewusstsein infiltrieren, uns wie ein Überwachungsprogramm durchdringen und dabei ohne den Umweg über die Sinne unmerklich Bilder im Kopf erzeugen. Musik kann also eine ganz schön hinterlistige Form versteckter Einflussnahme sein. In der visuellen Kunst nennt man diese Technik Trompe-l’œil, in der akustischen böte sich da nun ein neuer Begriff an: Raffertie.

Der DJ aus London verwebt bereits seit sieben seiner 26 Lebensjahre elektronische Töne so geschickt miteinander, dass sie reduziert und tanzbar zugleich sind, sedierend und erregend. Vom angesehenen Glastonbury Festival bis in die Niederungen balearischer Partyinseln hat er mit diesem Widerspruch so manchen Club erobert. Jetzt bringt Benjamin Stefanski, so lautet sein bürgerlicher Name, das lang erwartete, von vielen gar ersehnte Debütalbum heraus. Und siehe da – den Titel Sleep of Reason trägt es nicht umsonst.

Der Verstand macht tatsächlich Pause, wenn Raffertie seine klangliche Indoktrination in 13 rock’n’roll-kurzen Stücken entfaltet. Schon Undertow dräut zum Auftakt mehr, als dass es schlicht erklänge. Zu Stefanskis mal hintergründig brummender mal soulig schmeichelnder Stimme flimmert und piepst und rauscht es auch im anschließenden Rain, bis er sein geordnetes Chaos Richtung Albummitte einer Gliederung unterzieht, als würde er seine vorab verwirrten Hörer nun fürsorglich an die Hand nehmen.

Im breakbeatbegleiteten Touching wird daraus dann eine Art Deep House, der in One Track Mind zum modernisierten Synthiewave mit flatternden Orgelpeitschen anschwillt, bis sich Trust von der Gastsängerin YADi begleitet einen Ethnotrance verordnet, den das nachfolgende Principle Action mit Dub-Elementen fortsetzt. Aber keine Sorge: Für analog geschulte Ohren gibt es im vorfinalen Black Rainbow sogar ein echtes E-Gitarrensolo.

Wenn Raffertie, dessen eigenes Label Super gerade das grandiose Elektropopduo AlunaGeorge produziert hat und Franz Ferdinand remixt – wenn also dieser junge Kerl knisterndes Vinyl unter digitale Samples zu artifiziellen Flächen im clubtauglichen Dancerhytmus verrührt, herrscht folglich nie die Klarheit messbarer Liedstrukturen. Nur: Das merkt man eben erst beim genauen Hinhören.

Wer sich also die Mühe macht, dieses vielschichtige Debüt in seine Einzelteile zu zerlegen, zu analysieren, wird darin alles und nichts finden, ein Tohuwabohu verschiedener Stile, die Raffertie miteinander in Verbindung setzt. Wer Sleep of Reason indes einfach einsickern lässt, sich infiltrieren, indoktrinieren, durchdringen, findet dabei für eine Weile Ruhe vorm eigenen Verstand. Der lässt sich aufs eigene Gemüt ein, aufs Klangempfinden, auf sich selbst. Dieser Wurm will Gutes tun.

„Sleep of Reason“ von Raffertie ist erschienen bei Ninja Tune.

4 Kommentare

  1.   nepomuk

    Sorry, aber geschriebenen Schilderungen musikalischer Kompositionen kann ich weiterhin nichts abgewinnen. Die Aufgabe halte ich aber auch für nicht leichter als das Sprechen über ein Parfum. Nur hierfür gibt es keinen Platz in den Medien. Aus gutem Grund? Einzig interessant: Hier lese ich die erste Verwendung von „Überwachungsprogramm“ als Metapher.

  2.   Fred Charles

    Mann O Mann – das muss ja ganz schreckliche Musik sein, wenn ich die Rezension so lese und dann doch nicht weiss, ob es um hier nur ums Beschreiben geht oder um den Job des Rezensenten? Wo bleibt eine aufklärerische Beschreibung, die mich eventuell dazu brächte, auf die Platte neugierig zu sein? Hülsen Hülsen Hülsen


  3. Liebe Kritikerkritiker, was macht euch bloß so wütend auf Rezensent_innen? Ich versuche wirklich, der Musik auf den Grund zu gehen, was bei Elektronika jeder Art wirklich gar nicht so leicht ist, aber Teil meines Berufes, den ich mit sehr viel Leidenschaft ausübe. Sagt doch mal was zur Musik bitte!
    Gruß,
    der Autor

  4.   Jürgen Zietlow

    Gute Idee, hier die Beschreibung mit dem Titel zu verbinden. Klar ist es schwer, einen Sound zu beschreiben. Offen gestanden finde ich speziell diesen Sound zwar chillig, aber mir fehlt der Kern des Tracks. Der Sound ist nicht groovig, es schiebt nicht, treibt nicht, wenig experimentel und insgesamt hätte mehr Mut zur akustischen Spitze dem Track sicher gut getan.
    Fakt ist auch, dass DJs (wie Politiker: Die Merkel sieht doch ganz nett aus, darum wähle ich sie…) heute nicht mehr nur noch ihre Musik, sondern vor allem sich selber verkaufen. Dies sehen wir zunehmend an den Bühnenshows und Performances bei Liveauftritten. Die Hörer wollen die Musik und vor allem die Menschen dahinter – da ist das Styling und die Show ebenso wichtig, wie „nur“ der Sound.

    Ich finde die Arbeit des Autoren insgesamt sehr interessant, der Feinschmecker-Ansatz ist spannend und ich hoffe doch sehr, dass wir noch viel vom Autor an dieser Stelle hören und erleben. Weiter so!

 

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