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Man spricht Jazz

 

Wo der Trompeter Ralph Alessi mitspielt, klingt alles besser. Seine elf Kompositionen auf dem neuen Album „Baida“ flirren vor Witz.

© ralphalessi.com
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Ein paar Schmatzlaute von der Trompete, einige dahingeworfene Floskeln vom Klavier, ein wuchtiger Bass von ganz weit unten, das quirlige Vexierspiel vom Schlagzeug – zu Musik verbindet sich das erst, wenn alle miteinander in Beziehung treten. Wenn sie neben dem Gespielten die Leerräume erzählen lassen, die Pausen, die jeder einzelne der beteiligten Musiker setzt, die Stille, die Ruhe im Spiel. Wenn sie die gefüllten Flächen danebenstellen, mal ganz dicht im Unisono, dann aufgelöst in harmonische Felder, durch die sich, mal tastend, mal forsch und fordernd, eine Melodielinie windet.

Baida heißt das ECM-Debüt des Trompeters Ralph Alessi, und wir sprechen hier von Jazz, von einer Variante des Jazz, die alte Routinen längst abgestreift hat. Wir sprechen von einer Musik, die Wert legt auf eine ausgewogene Balance zwischen markanter, eigensinniger Komposition und sensibler Interaktion, die die Feier des Solisten-Ego eingemottet hat und stattdessen den Individualismus des Kollektivs ins Rampenlicht stellt.

Mit 50 Jahren ist Ralph Alessi einer der meistgefragten Trompeter des amerikanischen Jazz diesseits der Museumstüren. Geboren 1963 in San Francisco, aufgewachsen und ausgebildet in Kalifornien, zog er Anfang der neunziger Jahre nach New York. Bald war er eine feste Größe der Downtownszene und in den Bands von Steve Coleman und Uri Caine. Ein Musikantenmusiker mit Fantasie und Einfallsreichtum, einem sensiblen Gespür für das richtige musikalische Umfeld und beeindruckenden technischen Fertigkeiten. Einer von der Sorte, die mit der Subtilität ihres Spielwitzes und ihrer Lebendigkeit eine ganze Gruppe besser klingen lassen.

Für Baida hat sich Alessi ein Quartett von Gleichgesinnten zusammengestellt, mit denen er seinen musikalischen Standpunkt besonders deutlich machen kann. Da ist der Pianist Jason Moran, ein Enzyklopädist der schwarzen Musik, dem zwischen dem Drive des Stride-Piano, dem Groove des R ’n‘ B und den Soundgebirgen der Avantgarde keine Landschaft fremd zu sein scheint. Da ist der Bassist Drew Gress, ein feinsinniger Melodiker, und Nasheet Waits hat am Schlagzeug sowieso immer beides im Griff: die Bewegung, die die Musik unaufhaltsam weiterschiebt, und die Palette der Farben, mit denen er die Interaktion des Quartetts zum Leuchten bringt.

In dem flirrenden Witz der elf Kompositionen, die Alessi für Baida geschrieben hat, kommen all diese Ebenen zusammen, die Auffassungsgabe, mit der die vier Musiker Alessis Kompositionen in Klang setzen, und die Reaktionsschnelligkeit, mit der sie aufeinander eingehen, sich auf ihren Pfaden folgen, ihre Stimmen ineinander verweben oder das Knäuel der Stimmen plötzlich sprengen und eine neue Richtung einschlagen. Man spricht Jazz untereinander, unverkennbar, eine universale Sprache, die hier in voller Vitalität glänzt. Es ist ein Fest des Wiedersehens, der Gemeinschaft und der Spielfreude, dynamisch und intensiv, rau und harmonisch, sensibel und sehr schön.

„Baida“ von Ralph Alessi ist erschienen bei ECM/Universal.

Aus der ZEIT Nr.42/2013