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Verliebt oder bekifft?

 

Früher hat Joan As Police Woman dem Pop den Marsch geblasen, jetzt wird’s behaglich. Auf ihrem neuen Album zeigt sie sich so gut gelaunt, dass sie ein bisschen ihrer Widerständigkeit einbüßt.

© Shervin Lainez
© Shervin Lainez

Allzu großes Wohlbehagen ist bekanntlich oft der erste Schritt zur Selbstgenügsamkeit. Als echte Zufriedenheit vernebelt es vielen schließlich die Sinne mit eitel Sonnenschein bis Trallala. Zum Glück gesteigert, droht gar Stillstand. In Glücksgefühlen macht man es sich auch allzu gern gemütlich. Das hemmt Entwicklungen. Und zuweilen lähmt es auch. So gesehen ist nichts Gutes zu befürchten, wenn Joan Wasser sagt: „So gut wie jetzt ging es mir noch nie in meinem Leben.“ Wie zum Beweis klingt das neue Album ihres Bandprojektes Joan As Police Woman anfangs nach, genau, eitel Sonnenschein und Trallala.

Und das ist zunächst mal eine wirklich schlechte Nachricht. Mit ihrem Debütalbum Real Life (2006) hatte die singende Geigerin von der US-Ostküste den Independent mit gediegenem Pop befeuert: Praktisch jedes Stück darauf wurde zum Gassenhauer für Musikidealisten. Platte drei, The Deep Field, ging fünf Jahre später sogar noch zwei Schritte weiter und fügte ihrem Singer/Songwriting einen Soul hinzu, der tief aus Joan Wassers Seele in den Kopf zu drängen schien und auf dem Weg das Herz berührte. Jetzt kommt also The Classic hinzu und klingt gleich zu Beginn, nun ja, glücklich. Als hätte die grandiose Joan mit Anfang 40 endlich den Richtigen getroffen.

Diese Unbeschwertheit in hörbaren Pop zu verwandeln, ist natürlich keinesfalls verwerflich; nichts gegen schöne Liebeslieder! Aber Joan As Police Woman verband ja bislang die unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit einer bittersüßen Schwere, die von weiblicher Selbstbehauptung ebenso zeugte wie von Verletzbarkeit, Hingabe und Rausch. Da verstört es ein wenig, wenn der Song Witness das Album mit lebensbejahendem Motown-Klang einleitet. Wenn das anschließende Holy City etwas funkigen Philly Sound hinzufügt. Wenn sodann das Titelstück ein paar Jahrzehnte rückwärts in den Girl-Group-Doo-Wop wandert, wo das Stimmungsbarometer die biederen fünfziger Jahre erreicht.

Das ist solide produziert, gekonnt instrumentiert, klasse gesungen, alles super. Aber eben nicht jene Joan As Police Woman, die dem Pop einen Marsch geblasen hat, der mit vielen Klischees vom weiblich konnotierten R ’n‘ B aufgeräumt hat. Doch als sei die Künstlerin dahinter mittendrin aus ihrem Taumel erwacht, als habe sie etwas von Wolke 7 auf den Boden der Tatsachen gestoßen, wagt sich The Classic mit jedem weiteren Stück in tiefere Gewässer. Schon Good Together wählt den steinigeren Weg, da heult unter ihrer Stimme schon mal die E-Gitarre. Get Direct traut sich zu, am Rande der Wahrnehmbarkeitsschwelle zu verhallen. Und auch danach meist: Experimente, Kollagen, Kreativität.

Aus einer Songwriterin wie Joan Wasser kann eben auch das beharrlichste Glücksgefühl nie ganz den Anspruch vertreiben – auch wenn es sie am Ende nochmals kurz in die Behaglichkeit eines schwülen Reggae-Offbeats treibt. Das könnte einiges erklären: Vielleicht war Joan As Police Woman ja auch einfach nur ein bisschen bekifft.

„The Classic“ von Joan As Police Woman ist erschienen bei PIAS. ZEIT ONLINE präsentierte die deutsche Albumpremiere. Hören Sie die ganze Platte hier.

3 Kommentare


  1. Es mag ja stimmen, dass nicht alle Song auf „The Classic“ gleich stark sind, und dass zu viel des Positiven oft leider in Zuckerwatte und Gefälligkeit endet. Aber eben das kann ich dem vorliegendem Album wirklich nicht attestieren. Auch Songs wie „Witness“ oder „Holy City“ sind- schmissig hin und fette Bläsersätze her- immer noch ein ganzes Stück entfernt von liebesduseliger Leichtigkeit. Spätestens wenn die Gitarre dazwischen grätscht oder sich Joan Wasser mehr massig als geschmeidig in den Refrain schmeißt ist Schluss mit Zucker (oder den „Klischees vom weiblich konnotierten R ‘n’ B „).
    Mag mag ja gern die gedämpften Momente der Vorgängeralben vorziehen -und ja, auch ich finde den Reggaegroove in „Ask me“ kein Glanzstück- aber diese Reggea-also-bekifft-Bemerkung ist einfach zu billig. Dat könnse doch besser!

  2.   Catweazle

    Ich verfolge Joan Wassers Solo-Karriere, seit ich sie erstmals vor neun Jahren mit Rufus Wainwright sah, und ich finde, sie wird mit jeder Platte noch ein Stückchen besser (und das bei dem hohen Niveau, das schon die erste hatte …) – Lady Stardust kann ich also weitgehend zustimmen. Bei mir läuft Joans tolle neue Scheibe jedenfalls in Dauerrotation, und ich freue mich riesig auf die Konzerte diesen Monat!

  3.   soulstewmartin

    Vorweg: Ich habe die ganze Platte noch nicht gehört. Aber Zeilen wie. „heult unter ihrer Stimme schon mal die E-Gitarre“ die dann doch „Anspruch“ bedeuten sind jetzt wirklich langweilig. Jetzt fehlt nur noch „handgemacht“ und „authentisch“. Digga, please!

 

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