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Was mein Leben reicher macht

Mein alter, zahnloser Kater, wie er jeden Morgen zur Verandatür hereinschaut und auf sein Matschfutter wartet. Seine nächtlichen Streifzüge lässt er sich nicht nehmen.

Elisabeth Weber-Strobel, Heidenheim

 

Was mein Leben reicher macht

Ein Wochenende in Berlin. In der U-Bahn sitzt uns ein junger Mann gegenüber. In der sonst so anonymen Atmosphäre tauschen wir Blicke und Lächeln aus. Als wir aussteigen müssen, fragt er, ob er uns etwas schenken darf: eine CD mit Klaviermusik. Und er weist uns auf sein Konzert am 6. April hin. Immer wenn ich die Musik höre, wird mir warm ums Herz, und ich denke an die nette Begegnung in der U-Bahn. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen in der Philharmonie!

Ulrike Pook, Göttingen

 

Kritzelei der Woche

Eigentlich ist das gar keine Kritzelei, sondern eine Art Therapie, die zwei Zwecke erfüllt: Zum einen kann ich mich so besser auf das konzentrieren, was die Lehrer so erzählen, zum anderen – das ist der leider viel häufigere Fall – kann ich jene besser ausblenden. Was habe ich nicht alles beim Malen dieses Bildes gelernt – beziehungsweise nicht gelernt: Weimarer Republik, die Quantensprünge, Entwicklungshilfe in Sri Lanka, Irrungen, Wirrungen. Nur der Matheunterricht ist anders. Da haben wir hier am Rheingau-Gymnasium in Berlin-Friedenau eine Lehrerin, vor der alle Angst haben. Sie ist klein und berlinert ungemein, aber dafür ist sie umso mitreißender.

Sandra Grittke, Berlin

 

Was mein Leben reicher macht

Nach langer, entbehrungsreicher Zeit voller Selbstzweifel, fachlicher und technischer Herausforderungen, familiärer und beruflicher Opfer liegt sie endlich fertig und mit »magna cum laude« bewertet vor mir: meine Doktorarbeit! Allen aktuellen Diskussionen zum Trotz: Ich bin glücklich, zufrieden und stolz! Und mein Leben ist um eine Erfahrung reicher.

Katja Bethke-Prange, Kiel

 

Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Leistungskurs Deutsch vor dem Auftritt
(nach Johann Wolfgang Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1. Auftritt)

Herein in diese Hallen, LK D – ler,
Der alten, heil’gen, Bildungsstätte AKG,
Wie in der Honig stilles Heiligtum,
Tritt doch jetzt ein mit schauderndem Gefühl,
Als wenn du sie zum ersten Mal beträtest,
Und es gewöhnt sich nicht dein Geist hierher.
So manches Jahr hielt fest dich hier verborgen
Ein hoher Wille, dem du dich musst’ ergeben;
Auch jetzt scheint alles dir so fremd.
Denn ach dich trennet die Klausur vom Leben,
Und vor dem leeren Blatt verweilst du sinnend,
Das Land der Freiheit mit der Seele suchend …

Doris Honig, Roth

 

Was mein Leben reicher macht

Ein Kuschelrunde am Morgen mit meinen Kindern, bevor sie zur Schule müssen. Zuerst ist unserer Tochter (11 J.) dran, die schon früh zur S-Bahn geht, später unser Sohn (9 J.), dessen Schule sich am Ort befindet. Wir können noch einige Dinge des Tages besprechen, oder uns einfach festhalten. Und zum Abschied bete ich mit den Kindern. Wie wichtig dies ist wurde mir vor 2 Tagen wieder bewußt, als an der Schule unseres Sohnes eine Amok-Drohung einging. Gott sei Dank ist nichts passiert, Schulleitung und Polizei haben vorbildlich zusammengearbeitet und die Kinder kamen nur etwas verspätet nach Hause. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, dass die Kinder mittags gesund wieder zuhause ankommen. Deshalb finde ich einen guten Start am Morgen so wichtig und beglückend!

Karin Dambach, Gärtringen

 

Was mein Leben reicher macht

Löwenmäulchen blühen im Sommer früher, wenn man sie schon ab Februar auf der hellen, warmen Fensterbank vorzieht. Zum ersten Mal probiere ich das aus. Zehn Tage nach der Aussaat blicke ich auf eine kleine Wiese voller winzigster, leuchtend grüner Keimblättchen in der Saatschale. Wie zauberhaft!

Edelgard Wilms, Eddigehausen, Niedersachsen

 

Was mein Leben reicher macht

Mit dem ICE von Kassel nach Hamburg gefahren, im Bordrestaurant einen Cappuccino getrunken, an einer Waldlichtung zwei Rehe gesehen. Und die Vorfreude auf das Wiedersehen mit meiner Enkelin Paula. Was für ein schöner Tag!

Ursula Frank, Baunatal

 

Das Doppelautogramm

Neulich fand ich beim Aufräumen einen alten Ausstellungskatalog wieder. Mein Vater hatte ihn mir nach einer Vernissage mitgebracht. Es muss um 1972 gewesen sein, ich war dreizehn und begeistert von Karikaturisten, vor allem von Ernst Hürlimann und Ernst Maria Lang. Einige Hürlimann-Figuren konnte ich sogar zeichnen. Und jetzt gab es eine Ausstellung SZ-Karikade – die Zeichner der Süddeutschen Zeitung. Pa hatte Ernst Hürlimann und Luis Murschetz um ein Autogramm im Katalog gebeten. Er wolle auch einmal so hoch hinauskommen wie der Hürlimann, hatte Murschetz seine Zeichnung erklärt. Diese Bescheidenheit hat mich damals wie heute sehr beeindruckt.

Hans Buchhart, München

 

Was mein Leben reicher macht

Paris, die Monet-Ausstellung im Grand Palais: Ich sitze auf einem winzigen Bänkchen, vor mir der Teich mit der zierlichen Brücke und den Seerosen. Nah ran und die Pinselstriche betrachten, dann wieder auf Abstand gehen. Und jedes Mal das Wunder, wie sich die Farbtupfer zu einem Ganzen fügen. Danke an meinen Mann, der ohne Murren ein Wochenende allein mit den Kindern verbrachte und mir diese Reise ermöglichte!

Simone Beier, Stuttgart