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Was mein Leben reicher macht

Erinnerung an den Sommer: Ich habe im Garten zu tun, durch die offene Verandatür klingt das Klavierspiel meiner Tochter

Ernst v. Ledebur, Darmstadt

 

Lesekünste

Ich habe mit 2 kleinen Roma-Mädchen dreimal in der Woche Hausaufgaben gemacht. Dann wollte ich für längere Zeit in Urlaub fahren und mit ihnen Abschied feiern: Schwimmen gehen und danach Pommes essen. Ich sage zu der jüngeren Mevlana, dass sie wirklich ein klitzekleines bisschen besser lesen könne. Da beginnt die süße Maus voller Begeisterung sich umzusehen und fängt an zu lesen: „Haaaaaa-sssssssehnnnn-rrrrrööööödeeeehrrrr!“ – und ist so was von stolz und mir kommen die Tränen…

Ulrike Horn, Dortmund

 

Nebelstimmung

© Lothar Glasmann

Kurzbesuch in meiner alten Heimat, dem Oberallgäu. Trübe Nebelstimmung im Tal, doch auf 1800 Metern Höhe liegt einem die Welt, bedeckt von einem strahlend weißen Teppich, zu Füßen. Aufgestiegen mit Hilfe der Bergbahn durch nahezu undurchdringliches Weiß, westseits im Bergschatten dann zu Fuß über Serpentinen immer weiter in die warme Höhe bis zum Punkt, an dem die Sonne ihre wahre Kraft entfaltet, und die Gänsehaut ganz bestimmt nicht der Restkühle des Nebels geschuldet ist. Ein herrlicher Anblick!

Lothar Glasmann Bornheim, Pfalz

 

Wohlklang!

Dienstagabend: Der Sopran hat den Einsatz verpennt, die Kantorin schaut schon wieder so streng, der Alt tuschelt zu laut, der Tenor ist noch etwas unsicher, der Bass hat was zu meckern. Aber zuletzt: Wohlklang! Freundliche Gemeinsamkeit, stolzes Lächeln ringsum. Ich liebe es, in unserem Kirchenchor zu singen!

Thomas Weisenberger, Garding, Schleswig-Holstein

 

Große, kleine Tochter

In einer schwierigen Zeit tröstet uns unsere fast 3-jährige Tochter immer wieder durch neue Koseworte: so fällt sie mir von der Waschmaschine aus – da ist sie ja schon groß wie eine Erwachsene – um den Hals und ruft betont liebevoll: „Du liebes kleines Papilein!“ So geht die Sonne wieder auf!

Gernot Hödl, Rastatt

 

Einschlafen mit Anne Kaffeekanne

Abendliedersingen im örtlichen Hospiz, in dem ich ehrenamtlich mitarbeite. Diese ruhige Abendzeit, die Hausgäste zusammen mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verbringen, ist mit einfachen, tief gehenden Liedern immer wieder eine besondere Stunde des Erlebens von Gemeinschaft. Gestern dann zwei Überraschungen für mich. Meine auf Besuch weilende 16-jährige Nichte Catarina möchte spontan mit ins Hospiz kommen! Sie fügt sich ganz ungezwungen in das gemeinsame Singen ein. Später, gegen Mitternacht, kurz vorm Zubettgehen, singt sie für mich ein Schlaflied , das ich nicht in meiner Notensammlung habe: das wunderschöne Schlaflied für Anne von Fredrik Vahle. Natürlich schlief ich bestens in dieser Nacht!

Matthias Rahmann, Backnang

 

Gavin und Breehra lieben sich

Gavin und Breehra lieben sich – wie mir die beiden Erstklässler in der Lesestunde strahlend erzählen. 14 Tage später streitet Breehra vehement ihre Zuneigung ab. Gavin wendet sich an mich, die Lesepatin, und sagt: „Frau Kloth, diese Woche lieben nur wir uns“, schiebt mir 66-Jährigen dann ein winziges Zettelchen mit einer Nummer zu und ergänzt: „Sie können mich ja mal anrufen, wenn Sie wollen!“. Dieses Erlebnis liegt etwa 1 Jahr zurück, aber es hat für mich nichts von seinem Charme verloren.

Wiebke Kloth, Helmstedt

 

Nebel

Seite an Seite
starren die Rabenvögel
durch Nebelwände

Petra Yildiz, Göttingen

 

Robin Hood fährt Bahn

Im ICE von Berlin in Richtung Köln: es ist kein Platz zu finden, alles belegt, selbst in den Gängen zwischen den Waggons drängt man sich dicht am Boden. Im Gang erkundigt sich ein Herr freundlich nach meinem Wohlbefinden: „Geht es Ihnen gut, haben Sie noch keinen Platz gefunden? Gehen Sie ruhig an den vorderen Teil des Zuges. In der ersten Klasse gibt es noch 80 freie Plätze.“ Weitere Reisende, die stehend oder sitzend auf den Gängen ausharren werden angesprochen. Wer misstrauisch nach einer Legitimation fragt erfährt: „Ich arbeite heute für die Deutsche Bahn, vertrauen Sie mir.“ Den ehrlichen Augen dieses Herrn mehr Vertrauen schenkend als der fehlenden Uniform machen sich einige auf den Weg ans andere Ende des Zuges. Dort empfängt uns ein aufgebrachter Zugführer: „Hier bin ich der Chef, was Ihnen da erzählt wurde ist Quatsch! Hier dürfen Sie nicht sitzen.“ Der freundliche Herr, inzwischen eingetroffen: „Entschuldigung, Wirtz mein Name, diese zehn Gäste haben keinen Sitzplatz gefunden und werden jetzt in der ersten Klasse weiterreisen, hier ist ja noch ausreichend Platz.“ Der inzwischen hochrote Zugführer: „Sie haben hier überhaupt nichts zu sagen, ich möchte Sie bitten…“ „Doch doch, ich arbeite heute für Ihr Unternehmen, damit Sie mal wieder zufriedene Kunden haben!“ Zugführer: „Das wüsste ich aber…“ „Doch, heute arbeite ich auf eigene Kosten für die Deutsche Bahn. Die Mehrkosten für diese zehn Reisenden in der ersten Klasse übernehme ich.“

Vielen Dank, Herr Wirtz!

Hans Dambeck, Berlin