Muslime umarmen den Papst

Von 30. Januar 2007 um 17:30 Uhr

In Regensburg, nicht in Rom, hat das Pontifikat von Benedikt XVI. begonnen. Dass es den Professor Ratzinger nicht mehr gibt,  hat der Papst nach seiner Rede in der dortigen Universität schmerzhaft zu spüren bekommen.

Ein Papst kann sich nicht einfach den Professorenhut wieder aufsetzen. Die gewalttätigen Reaktionen auf die Regensburger Rede haben Benedikt gezeigt, dass er in einem anderen Sprachspiel angekommen ist, in dem man mit höheren Einsätzen spielt.

Sein Türkeibesuch wenige Wochen später zeigte, wie schnell dieser Papst in seine neue Rolle als Brückenbauer im globalen Kulturkampf wachsen musste.
In Regensburg hat ein Lernprozess mit offenem Ausgang begonnen. Es ist ein Prozess auf Gegenseitigkeit, wie eine Aufsehen erregende neue Veröffentlichung zeigt.

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Im Oktober bereits hatte das amerikanische Magazin Islamica einen Brief von 38 muslimischen Gelehrten an den Papst veröffentlicht. In seiner soeben erschienenen neuen Nummer legt Islamica nun noch einmal nach: Das neue Heft bringt einen ausführlichen Kommentar der Papst-Vorlesung und eine wohl informierte Analyse über Benedikts Verhältnis zum Islam.

Die beiden großen Texte sind geprägt von einem fairen Ton, der  Eifer und Retourkutschenlogik meidet. Es geht hier wirklich um einen „ehrlichen Dialog“, wie das Editorial betont.
Und mehr als das: Die beiden islamischen Gelehrten suchen bei aller Kritik im Detail die Allianz mit der römischen Kirche. Welch eine erstaunliche Wendung: Papst Benedikt, vor Monaten noch als „Kreuzritter“  gescholten, sieht sich nun wiederholt von islamischen Gelehrten umarmt.
Aref Nayed, ein früherer Professor des „Päpstlichen Instituts für arabische und islamische Studien“ in Rom, ruft die Muslime auf, die positiven Züge der Vorlesung zur Kenntnis zu nehmen. Der Papst sei zu rühmen für seine Betonung „der Notwendigkeit, den Begriff der westlichen Vernunft so zu erweitern, dass der Beitrag der Offenbarungsreligion gewürdigt werden kann. Die anti-positivistische Kritik des westlichen Vernunftbegriffs kann und muss von vielen Muslimen geschätzt werden.“

Nayed kritisiert den Papst, er werte die  koranische Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit („kein Zwang im Glauben“) ab, indem er sie als historisches Produkt der anfänglichen Machtlosigkeit Mohammeds und seiner Anhänger betrachte: „Statt diese Regel zu preisen und die Muslime aufzurufen, ihr gerecht zu werden, tut der Papst eine wichtige koranische Quelle der Vernunft ab, indem er sie als eine islamische Verstellung sieht.“
Nayed verweist zu recht auf die Gewaltgeschichte des Christentums mit den unter der Folter erzwungenen Konversionen und Geständnissen zu Zeiten der Inquisition. Und er analysiert sehr scharfsinnig den „Hegelianismus“ der Papst-Rede, der den katholischen Glauben als geschichtsphilosophische Synthese aus Christentum und griechischer Vernunft entwickelt, die alle anderen Synthesen für unmöglich oder unwert erklärt.

Nicht nur für die muslimisch-hellenistische Vernunft früher Theologen wie al-Farabi und Avicenna streitet Nayed, sondern bemerkenswerter Weise auch für das jüdisch-hellenistische Denken des Philo von Alexandia – als zwei andere Wege, Glaube und Vernunft zu versöhnen.

Aref Nayed weist Benedikts Vision des katholischen Kern-Europa als eines reinen Produkts  griechisch-christlicher Synthese zurück. Nicht aus Christenfeindlichkeit und Anti-Europäertum, sondern weil er für einen Platz des Islam im europäischen Erbe kämpft. Nayeds Islam will sich nicht auf die Position des ganz anderen  verweisen lassen, sondern verlangt nach Anerkennung.

Dass Gott im islamischen Verständnis als transzendentes Wesen nicht durch die Vernunft gebunden sei, bedeute nicht den „Willkür-Gott“, wie Benedikt behaupte. Gott ergebe sich vielmehr freiwillig in die Grenzen der Vernunft und beglaubige mit dieser Gnade, wie sehr er die Vernünftigkeit im Glauben schätze und den Gläubigen empfehle.
In einem großen Essay über die Islampolitik Benedikts empfiehlt Abdal Hakim Murad von der Universität Cambridge eine Allianz der Muslime mit der katholischen Kirche. Die wirkliche Gefahr für die Muslime Europas komme von gottlosen Rechtspopulisten, nicht von dem erneuerten Konservatismus des Papstes Benedikt, der in seinem Kampf gegen den modernen Relativismus, für traditionelle Werte und die Heiligkeit des Lebens den meisten Muslimen aus der Seele spreche:

“It is necessary to convince Muslim communities that despite the rise in Christian rhetoric  in far-right circles, it is conservatives, not liberals, who are our most natural partners in the great task of guiding Europe back to God, and that Razinger’s criticisms are grounded in respect, perhaps even in something approaching envy; not in any kind of racism, or populist chauvinism.”

Es mag sein, dass die Regensburger Rede, statt den Kulturkampf anzufeuern, wie es zunächst schien, am Ende die erstaunlichsten Allianzen schafft.

Einem liberalen Protestanten kann bei diesen Aussichten allerdings recht mulmig werden.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Nicht nur liberale Protestanten sollten sich Sorgen machen. Der Satz des “kein Zwang im Glauben” galt nie für Atheisten, Agnostiker und Polytheisten (Hindus) sowie für Buddhisten. Alle diese Gruppen haben aus der Perspektive der klassischen islamischen Theologie nur die Wahl zwischen Konversion zum Islam oder dem Tod; es sei denn, sie sind stark genug um sich beidem zu erwehren.

    Auch für Christen bedeutet “kein Zwang im Glauben” nicht Glaubensfreiheit. Als “Schutzgebefohlene” müssen Christen und Juden zwar laut klassischer Theologie nicht konvertieren, müssen jedoch im einem Zustand ständiger Demütigung gehalten werden. Dies ist auch in der Gegenwart allgemein akzeptierter Teil islamischer Theologie und des Alltagslebens islamisch geprägter Staaten. Wer als Christ in so moderaten Staaten wie Marokko, Ägypten oder Pakistan versuchen würde, einen Muslim vom Christentum zu überzeugen, begeht ggf. eine Straftat.

    Die Positionen der Autoren in der zitierten Ausgabe des Islamica Magazines sind Teil eines islamischen Mainstreams, in der ein Christ einfach nicht das Recht hat den Islam infragezustellen. Die Autoren gehen mit keinem Wort darauf ein, daß im Zuge der gewalttätigen Ausschreitugen nach den Äußerungen Ratzingers mehrere Nichtmuslime getötet wurden oder erkennen auch nur an, daß ein deutliches Mißverhältnis zwischen der eher harmlosen Kritik des Papstes und der Reaktion unter Muslimen bestand. Bitte korrigieren Sie mich andernfalls, aber ich habe keine entsprechende Passage gefunden. Offenbar halten es die Autoren für völlig legitim auf diese Weise zu reagieren.

    Man stelle sich nur einmal das Gegenteil vor: Scheich Qaradhawi äußert eine vergleichbare Kritik (letztens kündigter er z.B. die “Eroberung Roms durch den Islam” an), und als Reaktion würden weltweit Moscheen angezündet und mehrere Muslime getötet. Würde man von nichtmuslimischer Seite nicht zumindest eine Spur von Selbstkritik erwarten, bevor man überlegt durch welche Konzessionen der Islam wieder die Gnade des Christentums zurückerlangen könne?

    Wie wenig erstrebenswert diese Form von Dialog für Liberale ist, zeigt zudem die Zielrichtung der vorgeschlagenen Allianz. Informelle Koalitionen zwischen Katholiken und Islamisten gibt es bereits, z.B. bei Bestebungen “Blasphemie” zu verbieten oder strenger zu bestrafen. Als Christ sollte man sich allerdings nicht wundern, wenn dann eines Tages auch das Infragestellen der Behauptung, daß Mohammed die finale Offenbarung erhalten hat, als Blasphemie gilt. In Pakistan z.B. werden regelmäßig Christen auf Grundlage dieses Blasphemiebegriffs inhaftiert.

    Wohin diese Koalitionen führen sollen, macht der Appell der Autoren an eine geteilte Ablehnung des “westlichen Vernunftbegriffs” und der Aufruf zum gemeinsamen Kampf gegen Liberale deutlich.

    Es bleibt nur zu hoffen, daß Teile des Katholizismus der Versuchung widerstehen, in der Auseinandersetzung mit totalitären Kräften im Islam nicht zu Kollaborateuren zu werden.

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    • 30. Januar 2007 um 18:42 Uhr
    • Wachtmeister
  2. 2.

    Sehr geehrter Herr Lau,nicht nur einem liberalen Protestanten wird mulmig.Das hört sich nach Anstiftung zur Restauration an. Ich sehe schon die gesteinigten Journalisten am Speersort vor mir. Und der Rathausplatz wird eine nette Kulisse für die Scheiterhaufen abgeben. Viel Spaß. RS

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    • 30. Januar 2007 um 18:48 Uhr
    • Riccardo
  3. 3.

    Die Restauration läuft bereits. Worauf sich Muslime und der Papst einigen können, ist zum Beispiel die Gegenerschaft gegen alles Homosexuelle. Siehe Islamica.

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  4. 4.

    Warum so pessimistisch, ist doch schön, wenn beide Seiten miteinander reden, und vielleicht weitet sich das aus.
    Aber immer weiter ausweichen hat wohl seine Grenzen, siehe:
    “Thailand fears Buddhist exodus from Muslim insurgency in the south”, Santa Barbara News.
    Trotzdem: “Es kütt wie´s kütt” (Shantideva, Bodhicaryavatara, 6. Geduld).

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    • 30. Januar 2007 um 22:59 Uhr
    • iceman
  5. 5.

    Es gibt einen sehr einfachen Pruefstein fuer alle theologische Raesoniererei:

    wie sieht die Haltung gegenueber der Homosexualitaet aus!

    Da faellt der Islam durch, da faellt die katholische Kirche durch!

    Wehret den Anfaengen, wehrt euch gegen faschistisches Gedankengut!

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    • 30. Januar 2007 um 23:31 Uhr
    • Gerhard Stenkamp
  6. 6.

    Als überzeugter Karolinger kann ich allen Lesern nur zurufen: “Wehret den Anfängen”.

    Der Islam ist genauso gefährlich wie zuvor der Kommunismus und der Faschismus. Es hat als einziges Ziel die Unterjochung des Menschen. Im Chrstentum hingegen steht der Mensch im Mittelpunkt.

    Christus war im Gegensatz zu Mohammed gewaltlos. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott es für rechtens hält mit Feuer und Schwert zu bekehren. Das hat aber Mohammed getan!

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    • 30. Januar 2007 um 23:55 Uhr
    • Karolinger
  7. 7.

    Auch einem liberalen Moslem kann bei solch üblen Zweckallianzen übel werden.

    Konservatismus ist halt wirklich nur in geringsten Mengen zu geniessen.

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    • 31. Januar 2007 um 00:00 Uhr
    • Selcuk Isik
  8. 8.

    Ich glaube nicht, dass der Islam nach dieser Rede die Christenheit im Arm wiegen wird. Die Aktivitäten die in islamischen Kreisen vorherrschen, lassen darauf schließen das die einerseits possivistischen Aussagen dem Zweck dienlich sind den Islam wieder in ein besseres Licht zu rücken um Halt zu finden in der heutigen Diskussion der Religionen! Die überschwängliche Kritik an Aussagen des Papses über Vernunftfragen sind meiner Meinung nach verständlich wenn man die Umstände im Islam betrachtet!

    Der Islam befindet sich mehr oder weniger in einem Zustand wie die Kirche vor 500 Jahren!
    Bitte kritisieren sie meine Aussagen!

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    • 31. Januar 2007 um 00:22 Uhr
    • Outsider
  9. Kommentar zum Thema

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