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Vor Netanjahus Besuch bei Obama: Israel unter Druck – durch seine Freunde

 

In der kommenden Woche wird der israelische Premier Netanjahu bei Barack Obama seinen Antrittsbesuch machen. Er wird dort den „neuen Ansatz“ in der Palästinenserpolitik vorstellen, für den seine Koalition steht. 

Ein zentraler Streitpunkt dabei wird sein, ob die israelische Regierung sich wie ihre Vorgänger die „Zweistaatenlösung“ auf die Fahne schreibt. In mehreren Interviews hatte der neue Aussenminister Avigdor Lieberman erklärt, der Annapolis-Prozess sei gescheitert (mein Bericht hier). In Berlin, bei seinem Besuch am letzten Donnerstag, hat Liebermann sich offen lustig gemacht über die „Friedens-Industrie“, die in Jahrzehnten von Verhandlungen nichts gebracht habe.

Amerikaner und Europäer haben daraufhin abermals den Druck erhöht, die Israelis sollten sich dazu bekennen, weiter die Zweistaatenlösung zu verfolgen. 

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat in diesem Sinn am Montag einstimmig eine Resolution verabschiedet, die beide Seiten auffordert, auf alle Schritte zu verzichten, die das Vertrauen unterminieren. Der Generalsekretär sagte gar, es sei „an der Zeit, dass Israel sein Verhalten fundamental ändert.“ Auch die amerikanische UN-Botschafterin Susan Rice drängt jetzt auf „echte Ergebnisse“. So viel Druck hat Israel seit Jahren nicht von seinen Freunden zu spüren bekommen. Die eher links orientierte Tageszeitung Haaretz schrieb am letzten Freitag bereits besorgt über einen „Zusammenbruch der Kooperation zwischen den USA und Israel unter Obama“. 

Der zweite zentrale Streitpunkt wird sein, was in Israel schon „linkage wars“  genannt wird – die Debatte darüber, ob – und wenn ja, wie – die Bedrohung durch einen atomar aufrüstenden Iran mit der Frage der palästinensischen Staatlichkeit verknüpft sein sollte. 

Die israelische Regierung möchte nämlich gerne das Thema wechseln: Wir können derzeit sowieso nichts mit den Palästinensern erreichen, liebe Verbündete, also lasst uns die Augen auf die iranische Bedrohung richten. Erst wenn wir diese Bedrohung einhegen oder besser noch ausschalten, werden die Palästinenser wieder verhandlungsfähig sein, weil die radikalen Gruppen (Hisbollah und Hamas) dann ihren Hauptsponsor verloren haben werden.

Umgekehrt argumentieren derzeit Israels Verbündete: Ein Fortschritt im Friedensprozess, liebe Israelis, macht es uns sehr viel leichter, eine glaubwürdige Drucksituation gegen Iran und die von ihm gesponserten Terroristen aufzubauen. Iran wird so das Spiel verdorben, sich als einzig authentischer Pate der Palästinenser aufzuspielen, während die so genannten „moderaten“ Araber blamiert dastehen, weil nichts für ihre Klienten erreichen können.

Obamas Aussenministerin Clinton besteht darauf, dass Israel die gewünschte Unterstützung gegen die iranische Gefahr nur dann bekommen könne, wenn es nicht „an der Seitenlinie“ stehen bleibe bei der Lösung der Palästinafrage. Die arabischen Regime seien allesamt willig, so Clinton, gegen Irans Hegemonieansprüche in der Region Druck zu machen – aber nur, wenn Israel unverzüglich bereit sei, mit der PA wieder in Verhandlung zu treten. Amerika sei ausserdem bereit, eine mögliche Einheistregierung aus Fatah und Hamas zu unterstützen.

Israel lehnt letzteres ab, so lange Hamas nicht klar und deutlich die „Quartettkriterien“ erfüllt – Gewaltverzicht, Anerkennung Israels und aller bisherigen Vereinbarungen. 

Der israelische Vizeaussenminister Danny Ayalon hat gegenüber der Washington Post die amerikanische Verknüpfung des iranischen mit dem palästinensischen Problem mit einer eigenen Version des „linkage“ gekontert: 

The new Israeli government will not move ahead on the core issues of peace talks with the Palestinians until it sees progress in US efforts to stop Iran’s suspected pursuit of a nuclear weapon and limit Teheran’s rising influence in the region.

Zu Deutsch: Wenn ihr dem Iran nicht mehr Druck macht, tun wir nichts für die Palästinenser. 

Das ist eine ziemlich törichte Position, weil sie erstens Israels Hebelkraft überschätzt – und zweitens die Palästinenser zur Geisel der Iraner macht, ganz so, wie es die Iraner ja auch gern sehen. Ayalon gibt damit Iran de facto die Einflußposition auf den Nahostprozess, die sich das Land seit langem anmaßt. Und er schlägt die moderaten arabischen Partner ins Gesicht, auf die Israel sich sonst gerne bezieht, um die Breite der Front gegen Iran zu beschwören.

Ayalon muss selber gemerkt haben, dass diese Position unhaltbar ist – und so hat er sie jüngst zurückgezogen. Gegenüber der Jerusalem Post sagte er am letzten Donnerstag: „Wir müssen die iranische Bedrohung stoppen, als gäbe es keinen Konflikt mit den Palästinensern, und wir müssen mit den Palästinensern vorwärts kommen als gäbe es keine nukleare Bedrohung aus dem Iran“. 

Wie bedroht sich die Israelis unter dem Druck ihrer Freunde und der Umstände in der Region sehen, zeigt jetzt ein bereits viel diskutierter alarmistischer Essay des neuen israelischen Botschafters in den Vereinigten Staaten, Michael B. Oren in der neokonservativen Zeitschrift Commentary. Oren zählt nicht weniger als sieben existenzielle Bedrohungen Israels auf, darunter interessanter Weise nicht nur äußere, sondern auch innere Zerfallsfaktoren:

– der Verlust Jerusalem als symbolisches Zentrum des jüdischen Staates

– die demographische Bedrohung durch den arabischen Bevölkerungszuwachs (ein binationaler Staat wäre das Ende des zionistischen Projekts)

– die internationale Delegitimierung Israels wegen der Besatzung als „das neue Südafrika“

– die terroristische Gefahr durch die immer besseren Raketen der Hisbollah und Hamas

– die iranische Atombombe

– die Ausblutung der Staatssouveränität (angesichts der wachsenden Bevölkerungsteile der Araber und der jüdisch Orthodoxen, die beide illoyal zum Staat stehen)

– die moralische Erosion Israels durch seine korrupten Eliten (die Knesset ist die Institution mit dem geringsten Ansehem im Land).

Das ist ein finsteres Bild. Der Botschafter spricht von einem „Zusammenbruch der öffentlichen Moral“ in seinem eigenen Land! Er malt die Aussicht an die Wand, dass alle Israelis, die es können, das Land verlassen werden, wenn die sieben Bedrohungen nicht gekontert werden. 

Am kommenden Montag, wenn Premier Netanjahu bei Barack Obama zu Gast sein wird, kann man eine erste Ahnung bekommen, ob die neue Regierung willens und in der Lage dazu ist.

51 Kommentare

  1.   xNWO

    In diesen Zusammenhang gehört, dass die USA anscheinend(*) zum ersten Male öffentlich von Israels Atombombe gesprochen haben: Sie wollen auch Israel in die atomare Abrüstunginitiative Obamas einbeziehen. Was im Hinblick auf den vom Iran verlangten Verzicht durchaus Sinn machen würde.

    (*) So ganz zweifellsfrei scheint das aber nicht zu sein. (Wenn die Tatsache als solche vielleicht nicht zu bestreiten ist, war Rose Gottemoeller womöglich zu einer solchen Äußerung nicht autorisiert.) Jedenfalls ist die Reaktion auf das, was eigentlich eine ziemliche Sensation ist/wäre, eigentümlich verhalten.


  2. Die arabischen Regime seien allesamt willig, so Clinton, gegen Irans Hegemonieansprüche in der Region Druck zu machen – aber nur, wenn Israel unverzüglich bereit sei, mit der PA wieder in Verhandlung zu treten.

    Ist Clinton wirklich so naiv anzunehmen, dass die arabischen Staaten der Palästinafrage Vorrang vor der Verteidigung der eigenen Interessen einräumen?


  3. @ M. Riexinger: Es ist sehr wohl in dem Interesse der arabischen Regime, endlich wieder als Herren der Lage in Sache Palästina zu erscheinen, statt wie jetzt das Lager der „Rejektionisten“ triumphieren zu sehen…


  4. „@ M. Riexinger: Es ist sehr wohl in dem Interesse der arabischen Regime, endlich wieder als Herren der Lage in Sache Palästina zu erscheinen, statt wie jetzt das Lager der “Rejektionisten” triumphieren zu sehen…“

    Das sind doch nationale Interessen. Sieht man, wie der Iran, welcher Hamas unterstützt, die Führungsrolle übernehmen will und dass die Interessen des Irans z.T. denen von anderen arabischen Regimen widerlaufen, ist doch deutlich, dass die Verteidigung der eigenen Interessen auch eine Positionierung gegen die arabischen Palästinenser erforderlichen machen kann. So ist es ja auch geschehen während des Einmarsch der Israelis in Gaza zu Beginn des Jahres. Saudi Arabien und Ägypten z.B. haben sich nicht unbedingt gegen Israel auf die Seite der Palästinener gestellt und der Spruch aus Saudi Arabien, wie sollen wir Euch eine Hand reichen, wenn ihr keine gemeinsame habt, die unsere ergreifen kann, den habe ich noch deutlich vor meinen Augen. Das Nichtöffnen der Grenzen zu Gaza durch Ägypten etc. zeigt doch deutlich, dass die eigenen Interessen verfolgt werden.

  5.   xNWO

    Martin Riexinger Ebent.

    Sie wollen lediglich darauf hinweisen, dass Ägypten et al. nicht selbstlos sind?

    Oder wollen Sie das kritisieren? Erwarten Sie mehr Edelmut?

    Wie wollen Sie verstanden werden?

  6.   WB

    Die einzigen, die eine Aenderung der israelischen Politik erzwingen koennten, sind die Amerikaner. Man wird sehen, wieviel die pro-israelische Lobby der Demokraten in dieser Richtung zulassen wird.
    Es gibt darueber hinaus zwei gewaltige Hindernisse fuer eine Friedensloesung: Es wird, selbst wenn Hamas sich einbinden lassen sollte, immer starke Splittergruppen bei den Palaestinensern geben, die eine Einigung ablehnen und weiterhin Terror-Aktionen ausfuehren koennen. Nur Arafat hatte noch die Macht, alle bei der Stange zu halten. Eine Eskalation der Gewalt ist nach seinem Tod immer moeglich, zumal Israel seinerseits immer die Politik verfolgt hat, dass man Gewalt mit Gewalt beantworten muss, weil man sonst Schwaeche zeigen wuerde. Und Schwaeche zeigen ist eine Art Anathema sowohl der islamischen als auch der neo-juedischen Kultur des Staates Israel.
    Zweitens sind die juedischen Nationalisten, die die Palaestinenser vertreiben wollen, mittlerweile so stark, dass ein entschiedenes Vorgehen der israelischen Armee gegen die bis an die Zaehne bewaffneten Siedler zu einem Buergerkrieg fuehren wuerde. Das, was sich bei den Palaestinensern zwischen Hamas und Fatah abgespielt hat, wuerde sich innerhalb Israels wiederholen. Das wuerde Israel zerreissen.
    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  7.   PBUH

    >Amerika sei ausserdem bereit, eine mögliche Einheistregierung aus Fatah und Hamas zu unterstützen.

    >Israel lehnt letzteres ab, so lange Hamas nicht klar und deutlich die “Quartettkriterien” erfüllt – Gewaltverzicht, Anerkennung Israels und aller bisherigen Vereinbarungen.

    Immer schön bei der Wahrheit bleiben, lieber Blogmeister.

    ->

    “We have made it clear we will only work with a Palestinian Authority government that unambiguously and explicitly accepts the Quartet’s principles — a commitment to nonviolence, recognition of Israel and acceptance of previous agreements and obligations, including the road map,” U.S. Secretary of State Hillary Rodham Clinton said Thursday in testimony before the foreign operations subcommittee of the U.S. House of Representatives Appropriations Committee.

    http://jta.org/news/article/2009/04/24/1004623/clinton-us-could-deal-with-pa-govt-that-includes-hamas