Ein Blog über Religion und Politik

Was man in Deutschland alles sagen darf

Von 21. Oktober 2009 um 12:13 Uhr

Ich habe für die morgige Ausgabe der ZEIT (Nr.44) eine Seite 3 zu den Weiterungen im Fall Sarrazin geschrieben:

Aus einem Interview in einer wenig bekannten Intellektuellenzeitschrift ist binnen dreier Wochen ein „Fall Sarrazin“ geworden. Der Streit über die Äusserungen des Bundesbankvorstands in „Lettre International“ mutiert zur Debatte über die deutsche Debattenkultur. Es wird mittlerweile genauso leidenschaftlich darüber gestritten, was man hierzulande um welchen Preis sagen darf – wie über die ursprüngliche Frage: ob Sarrazin denn Recht hat mit seinen Behauptungen über Einwanderer in Berlin.
Auch die Leser dieser Zeitung und ihrer Online-Ausgabe sind seit Wochen hoch engagiert in der Analyse des Vorgangs. Seit dem Streit um die dänischen Karikaturen hat es eine solche Welle der Empörung nicht mehr gegeben. In vielen Hundert Beiträgen schält sich ein Deutungsmuster heraus, das sich immer weiter vom Ursprung der Debatte löst. Es lautet etwa so: Einer sagt, was schief läuft im Land mit den „Türken und Arabern“ – und wird dafür bestraft. Man kann einem Mythos beim Entstehen zuschauen: Thilo Sarrazin, einsamer Kämpfer gegen Rede- und Denkverbote.
Zwei Männer haben maßgeblichen Anteil daran: Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der behauptete, dass „Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist“. Und Axel Weber, Vorstandschef der Bundesbank, der Sarrazin erst verschwiemelt den Rücktritt nahelegte und ihn dann hinter den Kulissen teilentmachtete – ohne je ein offenes Wort über die Aussagen seines Bank-Kollegen zu wagen, die den Anlass gegeben haben. Nun wird gar behauptet, die Pressestelle der Bundesbank hätte vorab Kenntnis von dem Interview gehabt und Weber hätte Sarrazin somit bewusst ins offene Messer laufen lassen. Wie dem auch sei –  Kramer und Weber lieferten Beispiele dafür, wie man die Diskussionskultur auf den Hund bringen kann: die fast schon bis zur Selbstkarikatur übertriebene Intervention des Zentralratssekretärs und das verdruckste Powerplay des Bankchefs haben mancherorts den Eindruck verfestigt, dass man in Deutschland über bestimmte Dinge nicht mehr reden kann, ohne erst in die rechte Ecke gedrängt und dann in den Senkel gestellt zu werden.

Mein Artikel auf Zeit Online, der Kramers Äusserung „einfach lachhaft“ nannte und befürchtete, er mache „kleine Münze aus dem NS-Vorwurf“, erhielt in kurzer Zeit 600 überwiegend zustimmende Kommentar. Und es ist immer noch kein Ende abzusehen, obwohl Kramer seine Äusserungen unterdessen zurückgenommen hat.
Da macht sich einerseits Empörung über den Umgang mit einem Unbequemen Luft. Aber es ist auch etwas anderes im Spiel, das man nicht so leicht als Beitrag zu einer freieren, konfliktfreudigeren Debattenkultur verbuchen kann. Da ist auffällig viel Freude dabei, dass man den Zentralrat der Juden bei einer törichten Intervention ertappt hat. Und es kommen in den Leserbriefen und den Online-Debatten Annahmen über den Stand der Integration, über die „wahren Ursachen“ der Probleme des Einwanderungslandes, über die deutsche Identität und über die Haltung der Migranten zutage, die noch weit über Sarrazins Zuspitzungen hinausgehen.
Eine unterdrückte Wut macht sich Luft.

Ein Gefühl der Befreiung trägt viele Beiträge.  Mit der alten völkisch-rechten Fremdenangst hat dieses Phänomen herzlich wenig zu tun. Der politisch-emotionale Druckausgleich findet diesmal eher auf der liberal-progressiven Seite der Gesellschaft statt. Nicht schon die Andersheit des Anderen ist das Anstössige, sondern sein Zurückbleiben (oder -fallen) im Modernisierungsprozess, wie es sich in religiösen Symbolen, traditionsverhafteten Familiensitten und Machismo äußert. Entsprechend geriert man sich wohlig als Bannerträger der Freiheit. Eine manchmal schwer erträgliche Aura biederer Selbstgerechtigkeit gegenüber den Modernisierungsversagern prägt viele Äusserungen, die zuweilen an einen fortschrittlichen Rassismus grenzen. Einen altkonservativen Provokateur  wie Peter Gauweiler verleitet dies, in die Debatte zu werfen, ihm seien »Kopftuchmädchen allemal lieber als Arschgeweihmädchen«.
Das Gefühl der Befreiung wird interessanter Weise dadurch befördert, dass hier nicht etwa ein Mann vom rechten Rand behauptet, dass die Mehrzahl der Türken und Araber „keine produktive Funktion“ hätten und die Türken Deutschland mit ihrer Geburtenrate erobern „genauso wie die Kosovaren das Kosovo“ (Sarrazin) – sondern ein SPD-Mann. Das macht die Sache nämlich weniger verdächtig. Mit besonderer Genugtuung wird denn auch darauf verwiesen, dass „Herr Sarrrazin keineswegs am rechten Rand poltert, er poltert mitten in der Gesellschaft. (…) Er vermittelt dem viel zitierten kleinen Mann, dass es da oben doch noch welche gibt, die um seine Ängste, Sorgen und auch ganz konkreten Erfahrungen im Umgang mit Einwanderern jedwelcher Generation wissen und ihn auch ernst nehmen.“ Mancher Leser hält schon den Begriff Integration selbst für „reichlich naiv“ und meint, die Mühe „erübrigt sich nicht nur aufgrund der zu unterschiedlichen Kulturen. Die wollen es einfach nicht, nehmt das endlich zur Kenntnis.“ Wieder andere zitieren genüßlich die Zustimmung zu Sarrazins Aussagen von so prominenten Köpfen wie Hans-Olaf Henkel und Ralph Giordano. Die beiden liessen sich  nicht dem „rechten Lager“ zuordnen und hätten festgestellt, dass Sarrazin „einfach Recht“ habe –  anders als die „professionellen Gutmenschen“, die uns die Verhältnisse erst eingebrockt hätten. Viele Leser geben sich vollkommen sicher, dass die Integration scheitern muss, weil „die“ (Einwanderer) einfach nicht wollen. Woraus folgt, dass es in Frage steht, wie einer triumphierend schreibt, dass wir „überhaupt eine Einwanderungspolitik“ brauchen. Und es dauert nicht lange, da kommt derselbe Leser mit seiner Erklärung dafür, dass „Menschen eines völlig anderen Kulturkreises“ nicht integriert werden können. Es folgen aus dem Internet kopierte saftige Koran-Zitate über die „Ungläubigen“. Wieder ein anderer Leser ist zwar nicht per se gegen Einwanderung, aber wenn schon, dann „nur aus katholischen Ländern“. (Vom schlechten Schulerfolg der italienischen Einwandererkinder hat er offenbar noch nicht gehört.)
Das ist nicht abzutun als das übliche Maß an Ressentiment am Rand der Gesellschaft. Die paar handfesten Neonazis in den Debattenforen und Leserbriefspalten sind kaum der Rede wert. Sarrazin selber scheint sich erschrocken zu haben: Ob seine Entschuldigung, offenbar sei „nicht jede Formulierung gelungen“ gewesen, daraufhin deutet, dass ihm die Enthemmung mancher seiner Unterstützer selber unheimlich geworden ist?
Aussagen wie „Jeder Ausländer raus, wenn er nach sechs Monaten keinen Job gefunden hat“ stammen eben nicht von den wenigen Extremisten, die man hier gar nicht zitieren kann, ohne der Volksverhetzung in Anführungsstrichen Vorschub zu leisten. Es ist vielmehr die wutschäumende Mitte, über die man sich Gedanken machen muss.
Zum Glaubenssatz hat sich verfestigt, der Islam sei das Problem und Muslime nun einmal nicht integrierbar. Sarrazin redet zwar sehr abfällig über „Türken und Araber“. Doch er betont auch, dass die deutschstämmige Unterschicht die gleichen Probleme habe. Und: „Türkische Anwälte, türkische Ärzte, türkische Ingenieure werden auch Deutsch sprechen, und dann wird sich der Rest relativieren.“ Das passt eigentlich gar nicht ins Weltbild vieler, die glauben, man müsse nur den Koran lesen um zu verstehen, warum die „Türken und Araber sich hier nie integrieren können“.
Das Interview ist offenbar längst Nebensache: Man hat sich Sarrazin zum Helden erkoren und fühlt sich nun ermuntert, Dampf abzulassen. Beschweren kann sich Sarrazin über diese Fans allerdings nicht, denn er hat sie durch seine lustvoll verächtlichen, verantwortungslosen („stammtischnah“ nennt er es selbt in einer hellen Sekunde) Formulierungen angestachelt: Sie (die „Türken und Araber“) „produzieren ständig neue kleine Kopftuchmädchen“, sie „wollen keine Integration“, sie „erobern Deutschland“. Das Schnarrende, Herablassende, Höhnische ist seit jeher das Geheimnis seines Erfolgs. Thilo Sarrazin spricht vom Elitemangel in der Hauptstadt, vom Verfall der Bürgerlichkeit, den er aufhalten wolle. Sein eigener Ton, der bewusst mit dem Überschreiten ziviler Standards spielt, ist allerdings ziemlich unbürgerlich. Elite, die den Namen verdient, würde die Pöbelei gegen den hart arbeitenden Obst- und Gemüsehändler scheuen, der um drei Uhr morgens aufsteht, um seine Ware einzukaufen. Sarrazin ist in Wahrheit eine der vielen Gestalten der SPD-Rechten, in denen sich der Niedergang seiner Partei verkörpert: ein Sozialdemokrat, der den Leuten die Lizenz zur Verachtung derer ganz unten erteilt.
So assoziiert er etwa in wildem Lauf eine „Araberfrau“, die in Neukölln ihr sechstes Kind bekommt, weil sie dann durch Hartz IV eine größere Wohnung bekommt, mit der teilweisen erblichen Bedingung von Begabung – und folgert flugs, dass darum in der Haupststadt der „Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“ Es steht zwar nicht da, dass Araber die Dummheit vererben, aber es ist schon verzeihlich, dass mancher Sarrazin-Fan dies schlußfolgert, wenn der Interviewte im Gegenzug die überlegene Intelligenz der „osteuropäische Juden“ („15 Prozent höheren IQ“) preist.
Manche seiner Verteidiger finden den Ton des Bundesbankers zwar auch nicht schön. Sie meinen, er habe sich vielleicht hier und da im Register vergriffen, vielleicht dies und jenes überspitzt – aber dennoch eine tolle Debatte angestossen. Dazu ist folgendes zu sagen: Ton und Haltung sind keine Nebensache, wo es um Integration geht. Wie die Mehrheitsgesellschaft sich gegenüber den Neuen und ihren Kindern, die hier geboren sind, aufstellt, ist eine Kernfrage der Gesellschaftspolitik.
Und was die Integrationsdebatte angeht: Deutschland hat dabei in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Die jetzige Debatte mit ihrer reichlich wirren Kombination von Ökonomismus, Eugenik („Unterschichtgeburten“) und kokettem Borderline-Rassismus wirft den Streit um die Integration in Wahrheit um Jahre zurück – in jene Phase, als das Schimpfen noch geholfen hat und man glaubte, die Alteingesessenen müssten diesen Neuankömmlingen nur mit harter Hand klarmachen, dass sie sich entweder einzufügen oder zu verschwinden hätten. Diese Welt ist längst perdu, und mit ihr die Alternative von Assimilation oder Rückführung.
Wir sind längst weiter. Wir haben in Deutschland die Schein-Alternative von Harmoniesoße oder kaum verhohlener Verachtung hinter uns gelassen, die frühere Debatten über die „Gastarbeiter“ kennzeichnete. Die Konservativen haben sich von der infantilen Sehnsucht nach dem Status quo ante verabschiedet und akzeptiert, dass die Arbeitsmigration nicht rückabgewickelt werden kann und mit ihren Folgen politisch umgegangen werden muss. So wie die Rechte akzeptiert hat, dass wir ein Einwanderungsland sind, hat die Linke sich stillschweigend  von der naiven Idee verabschiedet, Einwanderung sei automatisch eine Bereicherung und Multikulturalismus ein Selbstläufer. Zwei kostspielige Formen der Wirklichkeitsverleugnung sind vor aller Augen gescheitert, und die Politik hat begonnen, mit einer neuen Integrationspolitik darauf zu reagieren.
Seit Jahren debattieren wir – auch in der ZEIT – zum Beispiel die schlechten Schulergebnisse der Türken und Italiener und scheuen auch nicht die Frage, warum etwa Vietnamesen und Iraner besser abschneiden. Die Mängel des deutschen Schulsystems sind Thema in den Medien – aber eben auch die bildungsferne Einstellung vieler Eltern mit türkischen Wurzeln. Auch die türkischen Gruppen und die türkischsprachigen Zeitungen haben nach jahrelanger Abwehr angefangen, dies zu skandalisieren – ein Erfolg der harten Debatte in Politik und Medien. Thilo Sarrazin bezieht seine Beispiele übrigens selber aus den Medien – wie etwa aus dem ZEIT-Dossier über grillende Orientalen im Berliner Tiergarten. (Allerdings macht er aus 15-20 Tonnen Abfall, den Menschen aus aller Herren Länder dort hinterlassen, inklusive Weinflaschen und Hähnchenkeulen, mal eben „20 Tonnen Hammelreste der türkischen Grillfeste“.) Ehrenmorde und Zwangsheiraten sind seit der Ermordung von Hatun Sürücü Bestsellermaterial auf deutschen Büchertischen. Türkische Autorinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates sind bei uns keine Aussenseiter, sondern mit vielen Preisen geehrte öffentliche Intellektuelle, mit denen die Regierung gerne ihre Islamkonferenz schmückt. Dort müssen sich konservative Muslime die Kritik anhören, in Anwesenheit des Ministers. Nirgendwo sonst in Europa – ja nirgendwo sonst in der Welt gibt es ein ähnlich ambitioniertes, geradezu kulturrevolutionäres Experiment. Holland hat Ayaan Hirsi Ali fallen und ins Exil gehen lassen. Unsere islamischen Feministinnen aber sind keine Ruferinnen vom Rand der Gesellschaft, sie sitzen mit dem Innenminister und den Verbänden, die sie kritisieren, an einem Tisch und ringen um Lösungen. Seyran Ates fordert in ihrem neuen Buch eine „sexuelle Revolution“ im Islam. Es gibt kaum ein Land auf der Welt, in dem sie dies so frei und unbehelligt tun kann wie hierzulande.
Das ist ein Grund zum Stolz auf Deutschland. Bisher jedenfalls:  Seyran Ates wird nun wegen ihres neuen Buchs bedroht. Und zwar so sehr, dass sie Inteview und Auftritte scheut und auch einen geplanten Text für die ZEIT absagte. Die Politik muss sich vor diese mutige Frau stellen, die furchtlos die Debatte voranbringt.
Nach Jahren des Streits über Moscheebauten, Deutschpflicht, Kopftücher,  Gewalt und Machismo an den Schulen gibt es in Deutschland praktisch kein Tabu mehr beim Reden über die Integration. Und das ist ein hohes Gut. Es ist daher ziemlich dreist, wenn nun ein Mann in der Pose des Tabubrechers auftritt, der sieben lange Jahre im wichtigsten Ressort einer rot-roten Landesregierung tätig war, die beinahe nichts gegen Verwahrlosung und Desintegration der Hauptstadt getan hat. Sieben Jahre hatte Thilo Sarrazin Zeit mit all der Macht des Kassenwartes darauf zu drängen, dass Berlin Avantgarde im Integrationsland Deutschland wird. Integrationspolitiker seiner eigenen Partei, wie etwa der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky, konnten auf einen Sarrazin all die Jahre nicht zählen. Das macht es geradezu bizarr, wenn Sarrazin nun wegen seiner Zivilcourage gelobt wird und ein Kollege in der FAZ ihn gar auf eine Stufe mit dem in der Münchener S-Bahn erschlagenen Dominik Brunner stellt. Es ist an der Zeit, diese überschnappende Debatte auf den Boden der Realität zurückzuholen.
Allerdings kann die neue Regierung etwas aus ihr lernen: Die begonnene Integrationspolitik muss nicht nur viel entschiedener fortgeführt werden. Sie muss auch wesentlich besser begründet und öffentlich erklärt werden. Es kann nicht sein, dass von den federführenden Integrationspolitikern der Koalition wochenlang nichts zu hören ist: Kein einziges Wort hat die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer zu der laufenden Debatte verloren. Innenminister Schäuble befand sich ebenso auf Tauchstation, von der Kanzlerin oder dem Bundespräsidenten gar nicht erst zu reden. Wer die empörten Leserdebatten verfolgt, sieht wie fahrlässig dieses abwartende Schweigen der Politik ist.
Leider ist es nicht das erste Mal. Als in Dresden die Ägypterin Marwa El Sherbiny erstochen wurde, hat man es Islamisten und Rechtsradikalen wochenlang überlassen, das Thema zu besetzen. Weder zu dem Beinahe-Mord an Hubert N. in der Münchener U-Bahn, noch zum Mord an Dominik Brunner konnte die Politik deutlich machen, dass ihr ein angstfreier öffentlicher Raum ein hohes Gut ist.
Darauf aber sind – besonders in einem Einwanderungsland mit vielen neuen Konflikten – alle angewiesen. Darum muss die Politik in der Debatte führen, statt sich unter den eruptiven Reaktionen des Publikums wegzuducken.

Kategorien: Debatte, Integration
Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ JL

    “erhielt in kurzer Zeit 600 überwiegend zustimmende Kommentar…”

    Das ist geschwindelt. Mindestens 400 der Kommentare sind off topic und befassen sich mit IQ und Genetik.

    • 21. Oktober 2009 um 12:21 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  2. 2.

    Haben Sie sich nicht auch daran beteiligt? :-))

    • 21. Oktober 2009 um 13:00 Uhr
    • riccardo
  3. 3.

    Trotz stellenweiser Längen: Guter, ausgewogener Text.
    Zu “fast keine Tabus”:

    “Immer mehr Kinder im Berliner Stadtteil Neukölln kommen mit angeborenen Behinderungen zur Welt. Als Grund wird Inzest vermutet. Die Ehe zwischen Verwandten unter türkischen und arabischen Migranten ist weit verbreitet und ein Tabuthema. … ”
    http://www.welt.de/vermischtes/article732888/

    Und dazu paßt sehr schön schwarzrote Qualitätspolitik:

    “Die Integrationsbeauftragte im Kanzleramt, Maria Böhmer, steht zu diesem Thema nicht für ein Interview zur Verfügung.
    Die Jugend und Familienministerin Ursula von der Leyen auch nicht. Ihre Pressestelle erklärt uns den Grund, Zitat:
    „Über das Ausmaß von Verwandtenehen in Deutschland liegen keine belastbaren Daten vor.“ Und deshalb sehe man auch keinen Handlungsbedarf.
    Es gehört schon viel Energie dazu, all das alarmierende Material zu ignorieren, das es alleine im Internet zum Thema Verwandtenehe gibt.
    Auch Ulla Schmidt – die Gesundheitsministerin – will mit dem Thema nichts zu tun haben. Ihre Pressestelle verweist uns zur Integrationsbeauftragten. … ”

    http://www.rbb-online.de/kontraste/beitrag/2008/die_cousine_als_ehefrau.html

    • 21. Oktober 2009 um 13:49 Uhr
    • Anna Lühse
  4. 4.

    @JL

    Ich muss Hans Joachim zustimmen.
    Die Debatte, die sich über hunderte von Einträgen zwischen cornus und björnferdinand entfaltete, hat den blog OKKUPIERT.
    Es gibt einfach gefühlte Grenzen der eigenen Expansion auf “fremdem Territorium”.
    Dabei geht es nicht um das Thema an sich, darüber kann man Reden.
    Wenn daraus jedoch ein digitaler Briefwechsel wird, der den ganzen blog domininiert, dann muss man die Notbremse ziehen.
    Ich empfehle den Okkupanten deshalb, sich ggf. persönlich im Briefwechsel oder per email auszutauschen, um Ihr Thema ausführlich zu erörtern. Dadurch vermeidet man die Nötigung Anderer.
    Aloa he – das musste jetzt mal raus!

    • 21. Oktober 2009 um 13:50 Uhr
    • christian aka tati
  5. 5.

    Huch, und jetzt habe ich mich auch noch daran beteiligt.

    • 21. Oktober 2009 um 14:10 Uhr
    • Anna
  6. 6.

    “Die Politik muss sich vor diese mutige Frau stellen, die fruchtlos die Debatte voranbringt”

    Herr Lau, meinten Sie furchtlos oder tatsächlich fruchtlos. Letzteres ist- zumindest was die türkische veröffentlichte Meinung anbetrifft tatsächlich richtig.

    • 21. Oktober 2009 um 15:05 Uhr
    • Krause
  7. 7.

    @J.L.

    Diese Woche habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie es sein muss, in einem totalitären Regime eine Dissidentin zu sein. Ich habe vor einiger Zeit angefangen, im Online-Forum meiner Tageszeitung (der Pforzheimer Zeitung – PZ) Kommentare zu Artikeln über Integrationsprobleme zu schreiben. Meine erste Mail-Verwarnung handelte ich ein, als ich ein selbstgedrehtes MySpace-Video einer multiethnischer Pforzheimer Jugendgang (“wir ficken alles und jeden) verlinkte. Kryptische Erklärung des Forum-Masters: Mein Beitrag sei gelöscht worden und ich werde verwarnt, weil ich die anderen Forumteilnehmer beleidigt habe. Im Wiederholungsfall drohte man mir mit einer Sperre.
    Letzte Woche berichtete die PZ über eine Gruppe von (türkischen) Jugendlichen aus Enzberg (bei Mühlacker bzw. Pforzheim), die wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurden. Sie hätten wiederholt und gezielt deutsche Jugendliche am S-Bahnhof ausgesucht und verdroschen.

    Im Thread dazu im PZ Online-Forum meldete sich ein Bürger von Mühlacker: (…) “Es hat sich in Stadtteil Mühlacker – Enzberg wie in der Innenstadt von Mühlacker in den letzten Jahren eine islamische Parallelgesellschaft gebildet. Nach unserem liberalem Grundgesetzt kann ja jeder hier in Deutschland leben wie er will. Es besteht hier kein Zwang zur Anpassung oder geschweige den zur Integration. Aber was sich hier in Mühlacker gebildet hat ist real gesehen keine Parallelgesellschaft, sonder eine islamische Gegengesellschaft. (…)”

    Sein Beitrag wurde prompt gelöscht. Er beschwerte sich und gab den Inhalt des gelöschten Beitrags in Kürze wieder. Ich meldete mich, und meinte, ich sei verwundert, dass er sich überhaupt wundert, denn er kenne die Zensur- und Löschpolitik der Online-Redaktion. Jede Meinung, die der ihrigen nicht entspreche werde gelöscht, auch wenn sie mit Artikel 5 GG im Einklang stehe. Außerdem werde seine Beschwerde gleich gelöscht, denn man dürfe den Inhalt gelöschter Beiträge nicht wiederholen.

    So kam es auch. Und für meinen Beitrag erntete ich erneut eine Verwarnung per E-Mail von der Online-Redaktion, diesmal wegen Beleidigung der Online-Redaktion. Und mein Beitrag wurde selbstverständlich gelöscht.

    Am nächsten Tag berichtete die PZ über den geplanten Bau der Ahmadiyya-Moschee in Pforzheim. Es meldeten sich einige Bürger, die gegen den Bau sind. Ihre Beiträge wurden gelöscht. Einer beschwerte sich deswegen, fragte, ob man gar nichts mehr sagen dürfe bzw. was man noch sagen dürfe.

    Ich griff die Frage auf und schlug dem Forum-Master vor, am Anfang eines jeden Threads einen Musterkommentar zur Verfügung zu stellen, damit man wisse, welche Meinung genehm sei. Dann könnte man sich entweder daran orientieren oder auf das Kommentieren verzichten.

    Prompt erhielt ich per Mail eine Mahnung wegen “Beleidigung und Provokation der Online-Redaktion”. Man teilte mir mit: Für diese Verwarnung gibt es 2 Verwarnpunkt(e). Bis die Verwarnung verfällt, könnte der Zugang zum Forum bzw. die verfügbaren Funktionen eingeschränkt sein. Verwarnungen für schwerwiegende Regelverstöße verfallen nie.” Und schließlich hieß es: “Bitte nicht auf diese Mail antworten!”

    Ich veröffentlichte die Verwarnung im Thread, wohl wissend, dass man mich danach endgültig sperren würde. Ein Teilnehmer schrieb:
    “Die Löschereien der PZ in diesem Forum sind deshalb so wenig einleuchtend, weil sie eben nie öffentlich mit entsprechender Begründung erfolgen. Der Übergang von einer “freien Meinungsäusserung” zu vermeintlichen Diskriminierungen und Beleidigungen wird deshalb nie klar, die verbleibenden Teilnehmer hier werden ratlos zurückgelassen. Ich und andere haben darauf schon mehrfach hingewiesen, leider ohne jeden Erfolg….”

    Mein Abschiedskommentar an die Adresse der Online-Redaktion lautete:

    “Um mit Lord Acton zu sprechen: ‘Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.’

    Und Henry David Thoreau stellte fest: ‘Under a government which imprisons unjustly, the true place for a just man is also a prison.’

    Auf Ihr Sperrverhalten angewandt könnte man sagen: Unter einer Redaktion, die Forumteilnehmer zu Unrecht in die Wüste schickt, ist der einzig richtige Aufenthaltsort für einen gerechten Menschen die Wüste.

    Mit ein Grund, weshalb ich vor 30 Jahren nach Deutschland migrierte, war die Meinungsfreiheit, die ich hier so schätz(t)e. Leider hört in diesem Forum das Grundrecht auf Meinungsfreiheit dort auf, wo die Redaktion sich provoziert fühlt. Das stimmt mich traurig.

    Denken Sie darüber nach.”

    OK, ich habe dick aufgetragen, aber ich war einfach empört. Die Online-Redaktion hat wie erwartet reagiert, aber diesmal nicht per Mail. Als ich das nächste Mal auf die PZ-Website ging, wurde mir stattdessen mitgeteilt:

    Sie wurden aus folgendem Grund gesperrt:
    Fortgesetzte Provokation der Online-Redaktion trotz entsprechender Verwarnung

    Ende der Sperre: 17.10.2010, 13:00″

    Und jedes Mal seitdem, erscheint die Mitteilung, wenn ich die Zeitung online lese. Damit ich bloß nicht vergesse, was ich verbrochen habe. Ich darf die Artikel noch lesen, aber nicht die Leserkommentare.

    Herr Lau: Ihr Salon ist im Vergleich zum PZ-Forum ein Paradies der Meinungsfreiheit!

    • 21. Oktober 2009 um 15:19 Uhr
    • Miriam
  8. 8.

    Och kommt, Leute.
    Der Zuspruch für Sarrazin im Allg. ist doch wohl offensichtlich, also regt euch nicht über die “Okkupanten” auf. Im Kindererziehungsfred braucht es gerade mal 1 Post, um hier auch das Thema zu sprengen.

    Ich persönlich finde es schwierig zu formulieren, was mich an der Sarrazin-Debatte so nervt, gute Argumente gibt es ja auf beiden Seiten. Aber die Diskurs kriegt immer wieder eine lagerbildungsmäßige Schlagseite, irgendeine Art von Einigung schließt sich da wie automatisch aus, was doch schade ist. Das schließt mich selbst auch ein.

    Insofern fand ich, das war jetzt mal ein schönes Stück Journalismus, knackig und auf den Punkt, ich fühle mich geradezu bereichert.

    Das man jetzt natürlich zu dieser oder jener der genannten Personen nochmal Google anschmeißen kann: Geschenkt. Aber was hilft’s?

    NB: Rächtschraibveler gehören selbstverständlich geahndet.

    • 21. Oktober 2009 um 15:39 Uhr
    • Boothby
  9. Kommentar zum Thema

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