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Thilo Sarrazin antwortet

 

Dr. Thilo Sarrazin schreibt mir in einem Leserbrief zu meiner Analyse des Streits um seine Äußerungen:

Martin Spiewak und Jörg Lau mögen bitte “Die fremde Braut” von Necla Kelek, “Der Multikulti-Irrtum” von Seyran Ates und Arab Boy von Güner Balci lesen. Necla Kelek und Seyran Ates haben übrigens meinen Aussagen öffentlich zugestimmt.

Im übrigen hatte ich gar nicht das Gefühl, als ich das Interview gab, eine besondere Zivilcourage zu besitzen, insofern gebe ich Jörg Lau recht. Im Nachhinein bin ich allerdings über meine Naivität erstaunt.

Zum “Fall out” des Interviews zählen: Der Versuch mich aus der Bundesbank zu drängen, ein Vergleich mit Hitler und Goebbels durch den Generalsekretär des Zentralrats der Juden, ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung, ein Parteiausschlussverfahren aus der SPD, Kübel voller Häme aus Teilen der liberalen Presse, bis die massive Leserbriefreaktion zu Besinnung führte. Das halte ich aus, weil ich ausreichend in mir selbst ruhe, materiell gesichert bin und keine weiteren Ämter anstrebe. Wer sonst hält das aus oder setzt sich dem freiwillig aus?

Nachdenklich sollte stimmen, dass ich offenbar ein weitverbreitetes Artikulationsbedürfnis angesprochen habe, das von den Medien und der Politik bisher nicht bedient wurde. Ich sehe hier durchaus einen Systemmangel. Kein Wunder, dass viele “demokratische Diskurse” über die Köpfe der Beteiligten hinweg gehen.

Mit freundlichen Grüßen,

(Unterschrift)

164 Kommentare

  1.   AM

    “Im übrigen hatte ich gar nicht das Gefühl, als ich das Interview gab, eine besondere Zivilcourage zu besitzen”
    Das Gefühl trügt nicht.

  2.   Hans-Peter Dollhopf

    Kurz, präzise, knallhart richtig: Sarrazin eben!

  3.   Hans Joachim Sauer

    Na ja, Sarrazins letzter Satz:

    “Kein Wunder, dass viele “demokratische Diskurse” über die Köpfe der Beteiligten hinweg gehen.”

    fällt auf ihn selbst zurück, wenn er, wie schon oft geschehen, in Herrenreitermanier über die Unterschicht(en) herzieht.

  4.   Hans-Peter Dollhopf

    Hans Joachim Sauer,

    ich komme aus der Unterschicht. Mein Vater war Arbeiter. Ich weiß auch, mit welchen Ausdrücken Karl Marx über diejenigen Teile der Unterschicht hergezogen ist, die so kaputt sind, dass sie nicht einmal mehr für eine kommunistische Gesellschaft brauchbar sind.Als “Kind” aus der Unterschicht gebe ich Sarrazin vollkommen recht.

  5.   docaffi

    Naja. Dass er zum Held von PI und rechtsextremen Lager wurde, erzählt er aber nicht; der Arme.

  6.   Thomas

    Sarrazin inszeniert sich – so wie die Irren von PI und andere Rechte – wieder mal als “Opfer” des Mainstreams (im PI-Sprech “linksgrünfaschistische Gutmenschen-Meinungsdiktatur”), als einsamer Rufer in der Wüste und Martyrer der Wahrheit. Es ist so verlogen, es macht mich wütend. “Der” einheitliche, diktatorische Mainstream existiert doch ganz offensichtlich nicht, oder wie erklärt sich sonst diese Debatte?

  7.   Black

    @docaffi, Thomas

    In einer repräsentativen Emnid-Umfrage wurde Sarrazin seitens der Bevölkerung mit 51:39 Recht gegeben. Also erdrutschartig. PI hat pro Tag ca 50.000 Leser, und nicht 40 Millionen.

    Sarrazin trifft den Nagel wieder auf den Kopf. Das Problem ist das mangelnde Demokratieverständnis der Eliten. Dies ist schon vielen Staaten zum Verhängnis geworden.

    Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die “Montagsdemonstrationen” spielen sich offenbar gegenwärtig in Internetforen ab.

  8.   sudek

    Sarazin: ich denke, es reicht langsam!! Und das gilt auch für die ZEIT und den Autor Jörg Lau!!

    Es gibt Wichtigeres und wichtigere Personen!

  9.   Jörg Lau

    @ ALL: Wer den Links im obigen Text folgt, sieht schnell, dass die Kronzeuginnen Sarrazins hier s e i t J a h r e n Thema sind. Kelek und Ates hatten lange Texte in der ZEIT, und in meinem Text über den Mord an Hatun Sürücü kamen sie schon vor. Aber der Herr Bankvorstand hat das alle offenbar kürzlich entdeckt und halt es mir nun vor: albern.
    Und dann die Pose der verfolgten Unschuld: erst austeilen, dann jammern, wenn zurückgekeilt wird (habe ich übigens nicht getan, habe immer gegen einen Rauswurf und gegen die Hitlervergleiche geschrieben).
    “sudek” hat recht: der Casus ist erlederitzt. What’s next?

  10.   Krähling

    @ Hans Joachim Sauer

    „.. in Herrenreitermanier …“ aus der Perspektive eines Pinschers eine treffende Bemerkung!

    @ docaffi

    „. zum Held von PI und rechtsextremen Lager … „ da sind Sie aber ein schlechter Blogwart, wenn ihnen entgangen ist, wo die Mehrheit steht. Sie scheinen ziemlich weit „links“ verortet zu sein, was immer das auch sein mag.

    @ Thomas

    Ohne das Internet wäre vermutlich der Mainstream besser kanalisierbar gewesen, zuungunsten Sarrazins. Das ist auch ein Teil der Wahrheit, die Sie nicht zornig machen sollte, sondern etwas aufmerksamer. Die Diskurse in Deutschland sind über einige Themen nicht offen – trotz gegenteiliger Behauptungen.

    @ Jörg Lau

    Danke für den Raum, den Sie der Debatte eingeräumt haben.