Ein Blog über Religion und Politik

Warum die Zensur von South Park wichtig ist

Von 27. April 2010 um 11:02 Uhr

Verschiedene Mitblogger hier haben Unverständnis bekundet für meine häufigen Posts zum Thema. Ich bleibe dabei: Es handelt sich bei der Selbstzensur von Comedy Central, MTV und Apple in Sachen South Park aber nicht um eine “Petitesse”.

Oder anders gesagt: Aus vielen solchen Petitessen ergibt sich die Selbstabschaffung der Freiheit. Sehr schön hat das in der New York Times der konservative Kolumnist Ross Douthat erklärt:

In a way, the muzzling of “South Park” is no more disquieting than any other example of Western institutions’ cowering before the threat of Islamist violence. It’s no worse than the German opera house that temporarily suspended performances of Mozart’s opera “Idomeneo” (…). Or Random House’s decision to cancel the publication of a novel about the prophet’s third wife. Or Yale University Press’s refusal to publish the controversial Danish cartoons … in a book about the Danish cartoon crisis.(…)

But there’s still a sense in which the “South Park” case is particularly illuminating. Not because it tells us anything new about the lines that writers and entertainers suddenly aren’t allowed to cross. But because it’s a reminder that Islam is just about the only place where we draw any lines at all.

Across 14 on-air years, there’s no icon “South Park” hasn’t trampled, no vein of shock-comedy (sexual, scatalogical, blasphemous) it hasn’t mined. (…) Our culture has few taboos that can’t be violated, and our establishment has largely given up on setting standards in the first place.

Except where Islam is concerned. There, the standards are established under threat of violence, and accepted out of a mix of self-preservation and self-loathing.

This is what decadence looks like: a frantic coarseness that “bravely” trashes its own values and traditions, and then knuckles under swiftly to totalitarianism and brute force.

Happily, today’s would-be totalitarians are probably too marginal to take full advantage. This isn’t Weimar Germany, and Islam’s radical fringe is still a fringe, rather than an existential enemy.

For that, we should be grateful. Because if a violent fringe is capable of inspiring so much cowardice and self-censorship, it suggests that there’s enough rot in our institutions that a stronger foe might be able to bring them crashing down.

(Dank an Chajm Guski für den Tip.)

Leser-Kommentare
  1. 1.

    @Jörg Lau

    >>Aus vielen solchen Petitessen ergibt sich die Selbstabschaffung der Freiheit.>>

    Davon kann Seyran Ates ein Lied singen (oder darüber ein Buch schreiben). Sie hat ihre Lesungen aus ihrem Buch “Der Islam braucht eine sexuelle Revolution” wegen Morddrohungen absagen müssen. Anscheinend galten diese Drohungen auch ihrer kleinen Tochter. Auch für eine mutige Frau wie Ates hört spätestens da der Spaß auf. Ich habe die erzwungene Absage hier im Blog erwähnt. Aufgegriffen wurde das Thema nicht. Und eine Empörungswelle habe ich auch sonst nicht in der Gesellschaft vernommen.
    Offensichtlich ist es jetzt “normal” , das heißt es entspricht einer normativen Erwartung, sich den Drohungen von Fundamentalisten leise zu beugen. Frei nach T.S. Elliot: This is the way free speech ends: not with a bang but a whimper.

    Insofern finde ich es gut, dass Sie wegen South Park so auf den Tisch hauen. Fakt ist: Man müsste viel öfters auf den Tisch hauen, auch um Leuten, die nur eine klare, nicht verklausulierte Sprache verstehen, deutlich zu machen, dass hart erkämpfte Errungenschaften wie die freie Meinungsäußerung nicht zur Disposition stehen.

  2. 2.

    Wirksam sind die Drohungen, weil Einzelne herausgegriffen werden, und weil die Aufrufer und die Ausführenden nur den Code gemeinsam haben und damit rechtlich nicht fassbar sind.

    Totalitäre machen das immer so, auf Einzelne losgehen. Wenn es dann genug Leut eingeschüchtert hat, dann können sie frecher werden, und es schliessen sich mehr an.

    „Als [sie] die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

  3. 3.

    >>Aus vielen solchen Petitessen ergibt sich die Selbstabschaffung der Freiheit.>>

    Eben dies ist es, was aber viele nicht begreifen. Solange sie nicht konkret in einem eigenen Interesse betroffen sind, spielen sie den Gelassenen oder sind tatsächlich so wenig an den Interessen anderer interessiert, dass sie es als lästig empfinden, wenn andere sich Gedanken machen.

    Ich musste hier sinngemäß lesen, “gibt es nicht Wichtigeres? I ich gucke diese Sendung nicht und kennen auch keinen, der sie guckt”. Diese Haltung, was schert es mich, wenn es nur andere und nicht mich betrifft, könnte man als nur unsozial abtun. Das Problem ist allserdings, wenn alle so denken würden und sich keiner für die Interessen anderer einsetzt ohne selbst betroffen zu sein, würden nach und nach immer mehr Einzelne hinten über fallen bis es irgendwann nicht mehr nur Einzelne wären, sondern immer weitere Teile Gesellschaft. Zum anderen ist dies Ausdruck einer Denkweise, die nicht begreift, dass wenn man bestimmte Grenzen als unverrückbar ansieht – solange es mich nicht betrifft, ist mir das doch egal -, diese Grenzen sich dann ganz auflösen, weil sie sind ja verhandelbar, wie die Vergangenheit zeigte – und sich dann irgend wann diese auch in Bereiche verschieben können, die dann doch denjenigen betreffen könnten, der sich zunächst als nicht tangiert wähnte und daher dachte, was schert es mich, solange nur andere betroffen sind und nicht ich selbst. Ganz schnell kann derjenige dann auch betroffen sein und wenn der Rest der Gesellschaft dann denkt wie er und sich sagt, was kümmert es mich, denn mich interessiert dieser konkrete Punkte eh nicht…wird es irgendwann keine Grenze mehr geben, die sagt, bis hierhin und nicht weiter.

    • 27. April 2010 um 12:21 Uhr
    • Stefanie
  4. 4.

    “Zum anderen ist dies Ausdruck einer Denkweise, die nicht begreift, dass wenn man bestimmte Grenzen als (EBEN NICHT) unverrückbar ansieht – solange es mich nicht betrifft, ist mir das doch egal -, diese Grenzen sich dann ganz auflösen, weil sie sind ja verhandelbar, wie die Vergangenheit zeigte –”

    als

    verrückbar (!) ansieht muss es natürlich heißen.

    • 27. April 2010 um 12:24 Uhr
    • Stefanie
  5. 5.

    Wer nicht begriffen hat:

    Der Schweizer Karikaturist Chappatte meinte, in diesem Fall sollten sture Prinzipien-Positionen vermieden werden, damit eine Diskussion stattfinden könne. “Für mich als Pressekarikaturist ist die Meinungsfreiheit unverzichtbar. Und im Islam ist die Abbildung des Propheten Mohammed absolut verboten, was ebenso unverzichtbar ist.” Die Motive hinter den dänischen Karikaturen hingegen sind auch für Chappatte zweifelhaft. Für ihn bestand das Ziel darin, ihn zu zeichnen, weil es eben verboten ist. “Es ist, wie wenn man den Muslimen gesagt hätte: ‘Schaut, das hier ist Euer Tabu! Ich hingegen kann damit machen, was ich will.’ Das ist natürlich eine Provokation.”

    Für den muslimischen Schweizer Intellektuellen Tariq Ramadan sollte die Situation aus beiden Blickwinkeln betrachtet werden. “Wir müssen sehr vorsichtig sein und zu den Moslems sagen: ‘Schaut, nehmt einen kritischen intellektuellen Abstand ein, macht keine Überreaktionen. Sagt ihnen, dass das gegen eure Grundregeln verstösst und dass es nicht der Weg ist, wie man die Meinungsfreiheit verwenden sollte”, erklärt er gegenüber swissinfo. Andererseits meint er, dass man trotz der Meinungsfreiheit respektvoll mit anderen Menschen umgehen sollte. “Sie müssen verstehen, dass sich die europäische Gesellschaft gewandelt hat. Nun leben Millionen von Muslimen in diesen Ländern. Und diese fügen der europäischen Kultur eine neue Sensibilität hinzu.”

    Kofi Annan: “Ich teile die Pein der muslimischen Freunde, die die Karikaturen als Beleidigung ihrer Religion empfinden, aber ich bitte sie, die Entschuldigung von Jyllands-Posten anzunehmen. Ich respektiere genauso die Redefreiheit, aber selbstverständlich ist diese niemals absolut sondern zu ihr gehören Verantwortung und Urteilsvermögen”.

    Die USA haben den Abdruck von Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen verurteilt: Diese Karikaturen seien für moslemische Gläubige wirklich verletzend, sagte US-Aussenamtssprecher Justin Higgins heute in Washington. Die Pressefreiheit müsse mit Verantwortung ausgeübt werden, fügte Higgins hinzu. Es sei nicht akzeptabel, in dieser Weise religiösen und ethnischen Hass hervorzurufen. Die US-Regierung setzt sich nach Higgins’ Worten für “Toleranz und Respekt für alle Gemeinschaften” ein.

    Wer begriffen hat:

    Der pakistanische Schriftsteller Ibn Warraq schreibt im “Spiegel”: “Die in der dänischen Zeitung “Jyllands-Posten” veröffentlichten Karikaturen werfen die wichtigste Frage unserer Zeit auf: die Frage nach der freien Meinungsäusserung. Lassen wir uns im Westen in die Enge treiben durch Druck von Gesellschaften, die einer mittelalterlichen Gesinnung anhängen? Oder sind wir bereit, unser wertvollstes Freiheitsgut zu verteidigen: die freie Meinungsäusserung, eine Errungenschaft, für die Tausende ihr Leben geopfert haben? Ohne das Recht der freien Meinungsäusserung kann eine Demokratie nicht lange überleben – ohne die Freiheit zu diskutieren, unterschiedlicher Meinung zu sein, sogar zu beschimpfen und zu beleidigen. Es ist eine Freiheit, der die islamische Welt so bitter entbehrt, und ohne die der Islam ungefochten verharren wird in seiner dogmatischen, fanatischen, mittelalterlichen Burg; verknöchert, totalitär und intolerant. Ohne fundamentale Freiheit wird der Islam weiterhin das Denken, Menschenrechte, Individualität, Originalität und Wahrheit ersticken.

    von da:
    http://www.rhetorik.ch/Aktuell/06/02_04.html

  6. 6.

    @Free Speech

    danke für das Zitat von Ibn Warraq. Hier bringt er es auf den Punkt:
    >> Ohne das Recht der freien Meinungsäusserung kann eine Demokratie nicht lange überleben – ohne die Freiheit zu diskutieren, unterschiedlicher Meinung zu sein, sogar zu beschimpfen und zu beleidigen. >>

    “Freie Meinungsäußerung” ist eben nicht irgendeine entbehrliche Luxusfreiheit. Sie ist die Grundlage unserer Demokratie. Wir haben uns so sehr an Demokratie gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass es mal anders werden kann. Eine grandiose Selbsttäuschung.

  7. 7.

    @ JL

    Selbstzensur findet doch immer und überall statt, auch bei der “Zeit”.
    Bis vor wenigen Jahren war es der Bayerische Rundfunk, der sich immer wieder mal aus ARD-Sendungen ausblendete, weil er Angst vor CSU und katholischer Kirche hatte. Aber das ist selbstverständlich kein Thema.

    Konsequenterweise müssten Sie sich gegen das Verbot der Holocaustleugnung wenden, denn das widerspricht ebenfalls dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung.

  8. 8.

    Der Link zum Original von Ibn Warraq

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,398876,00.html

  9. Kommentar zum Thema

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