Ein Blog über Religion und Politik

Multikulti ist nicht gescheitert

Von 17. Februar 2011 um 15:07 Uhr

“Lindwurm” hat den Nagel auf den Kopf getroffen:

„Multikulti“ als „gescheitert“ zu bezeichnen, ist mehr als nur eine populistische Verkürzung, es ist unredlich und objektiv falsch. Die wirtschaftlich, wissenschaftlich und künstlerisch dynamischsten Nationen dieser Erde sind multikulturell, zum Beispiel die USA, Israel, Kanada, Australien sowie fast alle EU-Staaten und, mit Einschränkungen, auch China und weitere Schwellenländer wie Indien oder Brasilien. Dagegen herrscht überall dort, wo eine autoritäre „Leitkultur“ alle kulturellen Einflüsse von Außen zu blockieren versucht, Stagnation und Rückschritt, etwa in den meisten arabischen Ländern, in Nordkorea, Pakistan und generell in Gegenden, in denen man versucht, ideologisch bzw. religiös besonders „rein“ zu bleiben. (…)

Wahr ist, dass sich einige wenige Zuwanderer nicht zu benehmen wissen und dass einige Autochthone Rassisten sind. Wahr ist weiters, dass es reale Probleme gibt mit radikalen Muslimen und radikalen Rechten. „Multikulti“ ist halt kein Utopia, in dem die Schafe bei den Löwen schlafen, sondern ganz normale Wirklichkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen.(…)

Wenn diese Politiker in völlig unverantwortlicher Art und Weise gegen „Multikulti“ hetzen, tun sie nichts anderes, als den radikalen Xenophobikern einen Jagdschein auszustellen. Von Staatsmännern (und -frauen) erwarte ich mir doch ein bisserl mehr an Gestaltungsvorschlägen als bloß rechtsextreme Parolen nachzublöken. (…) Zum Beispiel so: Religionsfreiheit ja, Frauenunterdrückung und Dschihadismus nein. Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein. (…)

Hier alles lesen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Trick des Kommentars ist, das Wort Multikulti in verschiedenenen Bedeutungen zu verwenden:

    1- In der ursprünglichen umgangssprachlichen: Jeder bringt seine Herkunfts-Kultur ein, das macht die Welt farbig und das Zusammenleben angenehm. Und alle halten sich an dieselben Gesetze und alle mit der gleichen Überzeugung. Alle sind Bürger.

    2- In der politischen: Parallelgesellschaften mit eigenem Recht sind erlaubt, Sonderrechte sind möglich, und Integration darf nicht gefordert werden. Kritik ist Rassismus.

    • 17. Februar 2011 um 15:18 Uhr
    • FreeSpeech
  2. 2.

    Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein

    Demnach ist alles unterhalb von “Barbarei” zu respektieren? Wenn man unter “Kultur” ein System von Werten und daraus abgeleiteten Normen versteht, müsste es eher heißen: “Respekt vor fremden Kulturen ja, aber nur wenn diese den sittlichen und rechtlichen Vorstellungen der hiesigen Rechtsgemeinschaft entsprechen.”
    Beispiel: Das Brautgeld ist ein wichtiger Bestandteil der yezidischen Kultur – auch in Deutschland. Es wird normativ erwartet, dass das Geld zurückgegeben wird, wenn es sich herausstellt, dass die Braut doch keine Jungfrau war oder wenn die Ehe nur von kurzer Dauer ist. Das ist Tradition, aber keine “Barbarei”. Und trotzdem, so das Urteil des OLG Hamm vom 13.01.2011, weder zu respektieren noch zu fördern:
    http://beck-aktuell.beck.de/news/olg-hamm-brautgeld-muss-nicht-zurueckgezahlt-werden

  3. 3.

    @ Miriam: Die Leute können voneinander “normativ” sehr viel erwarten, selbstverständlich auch die Jungfräulichkeit vor der Ehe, wenn das ihre Normen so vorschreiben. Rechtlich sind diese Normen folgenlos, weil das sexuelle Selbstbestimmungsrecht gilt. Also: Wenn einer nicht zurückzahlen will, darf man ihm grollen. Aber der deutsche Staat wird das nicht vollziehen und das Nichterfüllen der Norm schützen.
    Wo ist der Widerspruch zum Multikulturalismus?

    • 17. Februar 2011 um 16:12 Uhr
    • Joerg Lau
  4. 4.

    @ JL

    Der Widerspruch zum Multikulturalismus besteht darin, dass die Sache vor einem Gericht verhadelt wird und nicht von staatlich anerkannten Mediatoren der eigenen Religionsgemeinschaft.

    • 17. Februar 2011 um 16:14 Uhr
    • marriex
  5. 5.

    Homogene Gesellschaften sind also erfolglos? So wie Finnland und Japan?
    Na dann her damit, das finnische Schulversagen könnten wir dringend brauchen

    Parallelgesellschaften in Brasilien und Indien? Da muss was an mir vorbei gegangen sein.

    Aber am Schluss haben wir doch endlich was handfestes!
    Respekt vor der Barbarei nein!
    Das kann jeder unterschreiben. Aber wahrscheinlich ist damit gemeint das die barbarische Zurschaustellung eines gekreuzigten Menschen unterbunden wird.

    Das sind doch nicht operationalisierbare Stilblüten.

    • 17. Februar 2011 um 16:19 Uhr
    • Mates
  6. 6.

    @ Marriex: Sie reden an mir vorbei: Multikulturalismus kann nur funktionieren, wenn die Gerichte solche Klagen abweisen, wie ja auch geschehen. Multikulturalismus hat nichts mit der Duldung zweier, dreier Rechtsordnungen zu tun. Die Verabredung war “sittenwidrig”, hat das Gericht entschieden, und damit rechtlich nichtig.
    Wir haben in Deutschland nie die Akzeptanz von Schariagerichten und Beit Din gehabt. Es gibt keinen rechtlichen Pluralismus in diesem Sinn. Nur die Anerkennung und Anwendung des internationalen Privatrechts im Rahmen unserer Rechtsordnung.

    • 17. Februar 2011 um 16:20 Uhr
    • Jörg Lau
  7. 7.

    @ Mates

    “Parallelgesellschaften in Brasilien und Indien? Da muss was an mir vorbei gegangen sein.”

    Yep. Definitiv.

    Wussten Sie, dass es in Indien ein spezielles Familienrecht für Muslime gibt, das Muslim Personal Law?

    • 17. Februar 2011 um 16:28 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  8. 8.

    @ JL

    Dieses Problem hat im Prinzip FS auf den Punkt gebracht. Der Lindwurm nimmt aber explizit auf Cameron Bezug, bezeichnet ihn gar als Hetzer, ohne darauf einzugehen, was in UK als Multikulturalismus betrachtet wird.

    • 17. Februar 2011 um 16:29 Uhr
    • marriex
  9. Kommentar zum Thema

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