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Multikulti ist nicht gescheitert

 

“Lindwurm” hat den Nagel auf den Kopf getroffen:

„Multikulti“ als „gescheitert“ zu bezeichnen, ist mehr als nur eine populistische Verkürzung, es ist unredlich und objektiv falsch. Die wirtschaftlich, wissenschaftlich und künstlerisch dynamischsten Nationen dieser Erde sind multikulturell, zum Beispiel die USA, Israel, Kanada, Australien sowie fast alle EU-Staaten und, mit Einschränkungen, auch China und weitere Schwellenländer wie Indien oder Brasilien. Dagegen herrscht überall dort, wo eine autoritäre „Leitkultur“ alle kulturellen Einflüsse von Außen zu blockieren versucht, Stagnation und Rückschritt, etwa in den meisten arabischen Ländern, in Nordkorea, Pakistan und generell in Gegenden, in denen man versucht, ideologisch bzw. religiös besonders „rein“ zu bleiben. (…)

Wahr ist, dass sich einige wenige Zuwanderer nicht zu benehmen wissen und dass einige Autochthone Rassisten sind. Wahr ist weiters, dass es reale Probleme gibt mit radikalen Muslimen und radikalen Rechten. „Multikulti“ ist halt kein Utopia, in dem die Schafe bei den Löwen schlafen, sondern ganz normale Wirklichkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen.(…)

Wenn diese Politiker in völlig unverantwortlicher Art und Weise gegen „Multikulti“ hetzen, tun sie nichts anderes, als den radikalen Xenophobikern einen Jagdschein auszustellen. Von Staatsmännern (und -frauen) erwarte ich mir doch ein bisserl mehr an Gestaltungsvorschlägen als bloß rechtsextreme Parolen nachzublöken. (…) Zum Beispiel so: Religionsfreiheit ja, Frauenunterdrückung und Dschihadismus nein. Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein. (…)

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193 Kommentare

  1.   FreeSpeech

    Der Trick des Kommentars ist, das Wort Multikulti in verschiedenenen Bedeutungen zu verwenden:

    1- In der ursprünglichen umgangssprachlichen: Jeder bringt seine Herkunfts-Kultur ein, das macht die Welt farbig und das Zusammenleben angenehm. Und alle halten sich an dieselben Gesetze und alle mit der gleichen Überzeugung. Alle sind Bürger.

    2- In der politischen: Parallelgesellschaften mit eigenem Recht sind erlaubt, Sonderrechte sind möglich, und Integration darf nicht gefordert werden. Kritik ist Rassismus.


  2. Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein

    Demnach ist alles unterhalb von “Barbarei” zu respektieren? Wenn man unter “Kultur” ein System von Werten und daraus abgeleiteten Normen versteht, müsste es eher heißen: “Respekt vor fremden Kulturen ja, aber nur wenn diese den sittlichen und rechtlichen Vorstellungen der hiesigen Rechtsgemeinschaft entsprechen.”
    Beispiel: Das Brautgeld ist ein wichtiger Bestandteil der yezidischen Kultur – auch in Deutschland. Es wird normativ erwartet, dass das Geld zurückgegeben wird, wenn es sich herausstellt, dass die Braut doch keine Jungfrau war oder wenn die Ehe nur von kurzer Dauer ist. Das ist Tradition, aber keine “Barbarei”. Und trotzdem, so das Urteil des OLG Hamm vom 13.01.2011, weder zu respektieren noch zu fördern:
    http://beck-aktuell.beck.de/news/olg-hamm-brautgeld-muss-nicht-zurueckgezahlt-werden

  3.   Joerg Lau

    @ Miriam: Die Leute können voneinander “normativ” sehr viel erwarten, selbstverständlich auch die Jungfräulichkeit vor der Ehe, wenn das ihre Normen so vorschreiben. Rechtlich sind diese Normen folgenlos, weil das sexuelle Selbstbestimmungsrecht gilt. Also: Wenn einer nicht zurückzahlen will, darf man ihm grollen. Aber der deutsche Staat wird das nicht vollziehen und das Nichterfüllen der Norm schützen.
    Wo ist der Widerspruch zum Multikulturalismus?

  4.   marriex

    @ JL

    Der Widerspruch zum Multikulturalismus besteht darin, dass die Sache vor einem Gericht verhadelt wird und nicht von staatlich anerkannten Mediatoren der eigenen Religionsgemeinschaft.

  5.   Mates

    Homogene Gesellschaften sind also erfolglos? So wie Finnland und Japan?
    Na dann her damit, das finnische Schulversagen könnten wir dringend brauchen

    Parallelgesellschaften in Brasilien und Indien? Da muss was an mir vorbei gegangen sein.

    Aber am Schluss haben wir doch endlich was handfestes!
    Respekt vor der Barbarei nein!
    Das kann jeder unterschreiben. Aber wahrscheinlich ist damit gemeint das die barbarische Zurschaustellung eines gekreuzigten Menschen unterbunden wird.

    Das sind doch nicht operationalisierbare Stilblüten.

  6.   Jörg Lau

    @ Marriex: Sie reden an mir vorbei: Multikulturalismus kann nur funktionieren, wenn die Gerichte solche Klagen abweisen, wie ja auch geschehen. Multikulturalismus hat nichts mit der Duldung zweier, dreier Rechtsordnungen zu tun. Die Verabredung war “sittenwidrig”, hat das Gericht entschieden, und damit rechtlich nichtig.
    Wir haben in Deutschland nie die Akzeptanz von Schariagerichten und Beit Din gehabt. Es gibt keinen rechtlichen Pluralismus in diesem Sinn. Nur die Anerkennung und Anwendung des internationalen Privatrechts im Rahmen unserer Rechtsordnung.

  7.   Hans Joachim Sauer

    @ Mates

    “Parallelgesellschaften in Brasilien und Indien? Da muss was an mir vorbei gegangen sein.”

    Yep. Definitiv.

    Wussten Sie, dass es in Indien ein spezielles Familienrecht für Muslime gibt, das Muslim Personal Law?

  8.   marriex

    @ JL

    Dieses Problem hat im Prinzip FS auf den Punkt gebracht. Der Lindwurm nimmt aber explizit auf Cameron Bezug, bezeichnet ihn gar als Hetzer, ohne darauf einzugehen, was in UK als Multikulturalismus betrachtet wird.

  9.   Mates

    @JL

    Manchmal bin ich ob Ihres demonstrativen Unverständnisses beinahe sprachlos.
    Verstehen Sie denn nicht das eine Gesellschaft ein Mindestmaß an gemeinsamen Werten braucht um _eine_ Gesellschaft zu bleiben?

    Die Ko-existenz widersprüchlicher Normen ist kein Gegenstand der Rechtspflege, sondern der Soziologie!

    Multikulti produziert gesellschaftliche Sollbruchstellen und wann die aufreissen kann kein Mensch vorhersagen und erst recht keiner kontrollieren.

    Multikulti bedeutet unverantwortliches sozio-politisches Experimentieren. Unverantwortlich deshalb weil das Experiment nicht kontrolliert werden kann! Es kann ja sein das alles gut geht, das ist aber keineswegs sicher, oder kennen Sie ein entsprechendes Naturgesetz?

    Das ständige Pochen auf Gesetze ist übrigens ein Irrweg, denn Gesetze können geändert werden. Eine Gesellschaft die ihre Gesetze nicht anpasst wäre nicht in der Lage sich zu entwickeln und damit zum Untergang verurteilt.
    Die Frage die an Migranten gestellt werden müsste ist deshalb nicht “Sind Sie willens sich an die Gesetze zu halten”, sondern “Wohin sollen sich die Gesetze Ihrer Meinung nach entwickeln”.
    Grob vereinfacht: die wesentliche Information steckt hier in der zweiten Ableitung.

  10.   Hans Joachim Sauer

    Nachtrag zu # 7

    Kritische Anmerkungen zum “Muslim Personal Law” in Indien von Seiten eines reformistischen Muslims:

    http://www.countercurrents.org/engineer020509.htm