Ein Blog über Religion und Politik

Immer Ärger mit Erdogan

Von 1. März 2011 um 12:41 Uhr

Als ich vor fast einem Jahr in den Moscheen des Ruhrgebiets (mit Sigmar Gabriel) unterwegs war, bestimmte auch gerade eine Äußerung des türkischen Premiers Erdogan die Schlagzeilen. Er hatte in einem Interview mit der ZEIT gefordert, “türkische Gymnasien” in Deutschland zu errichten.

Nun scheinen die ungebetenen integrationspolitischen Interventionen Erdogans eine Tradition zu werden. In Düsseldorf hat er vor wenigen Tagen Aufmerksamkeit gefunden mit seiner Forderung, Kinder sollten erst Türkisch lernen, dann Deutsch. Und wie bereits vor einigen Jahren polemisierte er auch wieder gegen “Assimilation” und suggerierte, den Türken solle ihre Kultur genommen werden als Preis für die Integration (die Erdogan befürwortete).

Vor einem Jahr in den Moscheen war eine sehr gesunde Reaktion der türkischen Community zu beobachten, wenn man sie auf Erdogans Forderungen ansprach: Was denkt dieser Typ, wer er ist – und wer wir sind? Er ist für uns nicht zuständig, er soll sich raushalten. Vural Öger sagte in der Moschee in Oberhausen:

“Wir wollen keine Diasporatürken in der dritten und vierten Generation. Ankara soll sich hier gefälligst nicht mehr einmischen. Wie lange soll das noch weitergehen? Bis zur 5. Generation? Das macht die Identitätskrise der Menschen hier nur noch schlimmer, wenn sie als Stimmvieh der türkische Politik behandelt werden. Es wäre keine Schande, sondern ein Grund zum Stolz, wenn junge Leute hier besser Deutsch als Türkisch könnten. Seid endlich Deutsche – mit einem großen türkischen Herzen!”

Das wäre immer noch der passende Kommentar zu Erdogans erneuter populistischer Wahlkampftour.

Man wird solche abweisenden Äußerungen aber immer seltener hören. Und das liegt an dem katastrophal gewandelten Klima in unserer Gesellschaft. Unsere Debatte des letzten Jahres hat Erdogans Erfolg bei seinen Landsleuten den Boden bereitet. Er surft auf dem Gefühl der Menschen, nicht angenommen zu sein und niemals angenommen zu werden, weil sie Türken und Muslime sind. Die allzu berechtigten Retourkutschen gegen seine Anti-Assimiliations-Rhetorik (Was ist mit den Kurden, den Aleviten, den Christen in der Türkei?) verfangen so kaum. Denn es gibt eine Wagenburg-Mentalität unter vielen Türken, ja selbst unter den Musterbeispielen der Integration. Auch diejenigen, die mit Erdogan nichts am Hut haben, sind frustriert, enttäuscht, wütend über das türkenfeindliche Klima hierzulande. Es hilft nichts, dass auch darin viele Übertreibungen sind: So etwas hat fatale Folgen für ein Einwanderungsland.

Das Wort Integration ist so weit heruntergewirtschaftet worden, dass es gerade die Besten nicht mehr hören können. Es liegt ein Hauch von Schikane, Überheblichkeit und Resentiment in der Rede von der Integration.

Und die reflexhaften Reaktionen auf Erdogan schüren dieses Gefühl weiter. Der Herr Dobrindt von der CSU mit dem bizarr überzeichnenden Satz etwa, der Auftritt Erdogans habe die Integrationsbemühungen “um Jahre zurückgeworfen”. Welch eine Bigotterie. Erdogan ist ein geschickter Vertreter des gleichen religösen Rechtspopulismus, dem auch die CSU anhängt, wenn es um die Heimat und das kulturell-religiöse Erbe geht. Erdogan geht ganz einfach in die Lücke, die ängstliche deutsche Politiker offen lassen, weil sie die Türken nicht als eine zu umwerbende Wählerschaft wie jede andere Gruppe behandeln. Warum mieten deutsche Politiker sich nicht einmal eine Halle und laden die Türken ein und reden zu ihnen? Warum appellieren  Merkel, Steinmeier, Gabriel, Özdemir oder Westerwelle nicht an den Stolz der Deutschtürken, wie es Erdogan tut?

Das erste, was ihnen einfällt, ist die Replik, Türkisch als erste Sprache sei nicht gut, das müsse bitte Deutsch sein. Das ist einfach Humbug: Das Problem der jungen Bildungsversager ist nicht, dass sie zuerst Türkisch lernen, sondern dass sie nicht einmal ordentlich Türkisch lernen. Ist Türkisch eine schlechtere Sprache als Französisch oder Italienisch oder Polnisch? Käme irgendjemand auf die Idee, italienischen, französischen oder polnischen Eltern reinzureden, sie sollten ihren Kindern zuerst Deutsch beibringen? Der Appell sollte lauten: Bringt euren Kindern gutes Türkisch bei, lest mit Ihnen Kinderbücher, sprecht mit Ihnen über die Schule, ladet deutsche Nachbarskinder ein, bringt sie in den Kindergarten.

Jetzt wird Erdogan seine Ambivalenz vorgehalten, seine “vergiftete Liebeserklärung” für die hiesigen Türken. Leider ist die Botschaft der hiesigen Politik und der gesellschaftlichen Debatte genauso voller Ambivalenz und Gift. Und das ist – es tut mir leid – das größere Problem – denn nicht Herr Erdogan ist politisch verantwortlich für den Erfolg/Mißerfolg der Türken hier, sondern dieselben deutschen Politiker, die ihn kritisieren. Politisch, wohl gemerkt: Denn ein Hauptproblem von Deutschen und Türken – da haben sie mal was gemeinsam – ist ihre Staatsverliebtheit. Beide Völker mit ihren obrigkeitstaatlichen Traditionen erwarten viel zu viel vom Staat und zuwenig vom einzelnen Bürger. Türken und Deutsche  fragen zuviel, was das Land für sie und zu wenig, was sie für das Land tun können. Da haben sich zwei gefunden!

Ein Problem ist, dass die Deutschtürken von zwei Seiten mit mixed messages beschossen werden: Erdogan sagt: Integriert euch, aber assimiliert euch nicht (als gäbe es da akademisch anerkannte feine Grenzen). Die deutsche Gesellschaft kommuniziert: Wir sind ein Einwanderungsland, aber ihr seid die falschen Einwanderer.

Wenn man einem national-religiösen Populisten wie Erdogan etwas entgegensetzen will, muss man ein klare und selbstbewusste Botschaft haben:  Lass diese Leute in Ruhe. Die gehören zu uns. Sollen sie mit Ihren Kindern Türkisch sprechen! Aber gutes Türkisch muss es sein, damit darauf dann gutes Deutsch und Englisch aufbauen können.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Guter Artikel. Stimmmt alles was da steht.

    • 1. März 2011 um 12:59 Uhr
    • Helmut Schützler
  2. 2.

    “Integriert euch, aber assimiliert euch nicht (als gäbe es da akademisch anerkannte feine Grenzen).”

    Da gibt es nicht nur “feine Grenzen”, sondern einen deutlichen Unterschied. Eigentlich verstehen viele Deutsche unter Integration mittlerweile nicht nur Assimilation, sondern auch Zwangsassimilation.

    Das Bild st im übrigen auch wieder seht schön gewählt. Hauptsache man bringt hiesige Türken wieder mit Gewalt in Verbindung.

    Ansonsten ist der Text in Teilen gut, weil Fehler von beiden Seiten beleuchtet werden. Leider wird dann genau an der wichtigsten Kritik (Assimilation) halt gemacht. Denn Polen, spnaier usw. müssen sich nicht rechtfertigen und von ihnen fordert auch keiner die Assimilation, bei ihnen findet man es teilweise sogar toll wenn sie beide Sprachen gleichgut können oder ohrer Kultur frönen. Man macht ja sogar mit, aber alles türkische wird beinahe verteufelt.

    • 1. März 2011 um 12:59 Uhr
    • Ann
  3. 3.

    Erdogan will auch nicht integrieren, sondern will die Paralell-Gesellschaft die sich gebildet hat weiter bestärken. Der Mann gehört von allen Ämtern enthoben, sein Verhalten ist nicht zeitgemäß!!!

    • 1. März 2011 um 13:01 Uhr
    • menkedaniel90
  4. 4.

    Herr Ergodan soll in Ankara seinen Wahlkampf fuehren und nicht in Deutschland. Die polnischen Politiker kommen auch nicht in die BRD wegen Wahlkaempfen. Die Polen waehlen auch in den Konsulaten.
    Wenn die Tuerken tuerkisch sprechen wollen ist grundsaetzlich nichts dagegen einzuwenden, dann aber zu hause und nicht bei der Arbeit oder auf Behoerden. Sicher sollen sie ihre Kultur und von mir aus ihren Glauben behalten, zuhause. Man braucht seinen Glauben nicht in der Oeffentlichkeit zur Schau zu stellen.
    Liebe Tuerken, integriert euch endlich oder geht nach Hause.
    Es gibt aber auch eine ganze menge Tuerken die sich bereits integriert haben und die werden LEIDER zu unrecht kritisiert.
    MfG

    • 1. März 2011 um 13:03 Uhr
    • JoRu
  5. 5.

    Endlich mal ein Journalist , der es verstanden hat!!
    Ich liebe Deutschland , lebe hier sehr gerne, möchte gar nicht woanders hin…habe auch als erstes türkisch gelernt und anschliessend deutsch…ich beherrsche beide Sprachen sehr gut. Wo ist das Problem? Wenn man die Muttersprache zuerst erlernt, kann man weitere Sprachen darauf aufbauen.Das ist ein guter Weg eine gesunde Basis aufzubauen.
    Türken , die schlecht deutsch sprechen (glauben Sie es mir einfach) sprechen ein noch miserabeleres türkisch..wenn Sie wüssten!!

    • 1. März 2011 um 13:03 Uhr
    • Sibel
  6. 6.

    Deutschland ist nicht die Schweiz, aber dennoch, das folgende hält Ihrer Theorie nicht stand:

    Drei Abstimmungen in 5 Jahren (*), die jeweils als Ablehnung der Ausländer aufgefasst wurden, und seither integrieren sich die Leute spürbar besser, insbesondere im Alltag. Mit spürbar meine ich die Erlebnisse in der Öffentlichkeit, in nächtlichen Gassen, im ÖV. Ich bin nicht der einzige, der das feststellt und formuliert. Seit der letzten Abstimmung habe ich nicht ein einziges was-guckst-du Gesicht erlebt.

    Es dürfte daran liegen, dass man dem Individuum durchaus offen begegnet. Die Schwarzen und die Südamerikaner begriffen das am schnellsten – die lächelten nach jeder Abstimmung noch freundlicher und selbstverständlicher (ich meine das Lächeln bei Koordinationssituationen in der Stadt, zB wenn man sich auf dem Trottoir ausweichen muss o.ä.).

    (*)
    - Erschwerung der Einwanderung
    - Minarett
    - Ausschaffung von Kriminellen

    • 1. März 2011 um 13:05 Uhr
    • FreeSpeech
  7. 7.

    Dieser Artikel gefällt mir sehr. Wir ,,Türken” können das Wort Integration nicht mehr hören. Ich kann gut Deutsch und habe sogar mehrere sehr gute Abschlüsse, aber Arbeit will mir niemand geben! Soviel zum Deutsch lernen. Als ob die untere soziale Schicht der Deutschen kein Deutsch können. Will man Ihnen nun English bei bringen, damit diese gute Arbeit bekommen? Ehrlich sollen die Politiker sein, ehrlich! Wenn ihr uns nicht wollt, dann macht mit der Türkei eine humane Rückführungsaktion. Aber hört auf, auf unseren Rücken Politik zu machen. Gute Arbeit gebt ihr nicht, in die alte Heimat schickt ihr uns nicht. Sollen wir zum Mond? Dann wird gewundert, warum radikale Gruppen und kriminelle Banden zulauf haben. Ist nicht jeder so geduldig wie ich. Kein Wunder!

    • 1. März 2011 um 13:06 Uhr
    • alevi
  8. 8.

    hallo frau merkel; HALLO IHR BLÖDEN ANDEREN PARTEILER – ERDOGAN IST EIN HETZKOPF- DIE EINREISE NACH DEUTSCHLAND DARF NICHT MEHR STADT GEGEBEN WERDEN- DAS WAS DER MANN SCHON ZUM ZWEITENMAL HIER MACHT IST VOLKSVERHETZUNG – VOLKSAUFWIEGELUNG- MISSBRAUCH IN EINEM LAND WO DIE FRIEDLICHEN TÜRKEN AUCH IHRE RUHE VOR DIESEM SCHWACHKOPF HABEN WOLLEN- DER ERDOGAN DARF NIIIIIE MEHR NACH DEUTSCHLAND EINREISEN DÜRFEN- FRAU MERKEL MUSS ENTLICH IHREN MANN GEGEN SO EINEN HETZKOPF STEHEN UND KEINE STREICHELEINHEITEN MEHR – UND WAS HEISST HIER WIR DEUTSCHEN SIND EIN CRISTLICHER HAUFEN ??? DER KERL IST EIN HETZKOPF DER STREIT UND ZUM WIEDERSTAND AURUFT- WEG UND RAUS MIT DEM KERL-

    • 1. März 2011 um 13:07 Uhr
    • Trimborn
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)