Ein Blog über Religion und Politik

Erdogan, ein Fluch für Deutschlands Türken

Von 3. November 2011 um 09:25 Uhr

Der türkische Premierminister Erdogan ist ein Unglück für die Türken in Deutschland. Zum wiederholten Mal hat Erdogan einen Deutschlandbesuch für eine seiner nationalpopulistischen Aktionen benutzt. Wieder ging es um die türkische Sprache: Kinder sollen erst Türkisch lernen, dann Deutsch. Wie oft muss man das noch kommentieren? Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass Kinder mit türkischen Wurzeln Türkisch lernen. Das Problem der türkischstämmigen Schulversager liegt nicht in der Erstsprache, sondern im schlechten Beherrschen beider Sprachen. Hunderttausende Kinder könnnen weder Türkisch noch Deutsch in ausreichendem Maße sprechen. Aber was soll’s, dazu ist eigentlich längst alles gesagt. Auch hier schon mehrfach.
Erdogan interessiert sich ja auch gar nicht für das Schicksal der Einwanderer und ihrer Kindeskinder. Er führt seine nationalistische Show auf, er spielt mit den Frustrationsgefühlen der deutschen Türken. Es geht um eine Pose, die er für erfolgversprechend hält: Erdogan will den türkischen Wutbürger anzapfen. Warum will er die doppelte Staatsangehörigkeit? Damit er auch in Zukunft weiter Wahlkampf in Deutschland machen kann und sich wichtige Prozente bei den Auslandswählern sichern kann. Daraus kann man übrigens auch ablesen, wie wenig Chancen Erdogan dem EU-Beitritt beimisst – denn unter diesen Auspizien wären Türkischstämmige mit deutschem Pass eigentlich die besseren Vorboten (seht doch, wir sind schon Teil von Euch). Warum redet er gegen die Sprachprüfungen, die mittlerweile vor dem Ehegattennachzug zu absolvieren sind? Erdogan nennt das doch tatsächlich “eine Verletzung der Menschenrechte”. Da wird es nur noch peinlich.
Die Sprachkenntnisse sollen Ehefrauen (und -männer) in die Lage versetzen, ihre Rechte hier besser wahrzunehmen. Die Anforderungen sind sehr gering. Wenn Erdogan mit der Forderung nach minimalen Basiskenntnissen die Menschenwürde verletzt sieht, wirft das auch ein trübes Licht darauf, was er dem eigenen Volk zutraut.
Erdogan degradiert die Deutschtürken bei jedem seiner Besuche zu Untertanen, die ohne die Fürsprache des Kalifen vermeintlich entrechtet, entwürdigt und mißachtet sind. Damit entwertet Erdogan die Leistungen der vielen Einwanderer und ihrer Kinder, die hier ihren Weg gemacht haben und solchen Paternalismus nicht brauchen – ja, deren Erfolg eigentlich darauf beruht, dass sie hier in einer freien Gesellschaft ohne autoritäre Fürsprache auszukommen gelernt haben. Die wachsende neue Elite der Deutschtürken zittert den Erdogan-Besuchen mittlerweile entgegen: Was wird er jetzt wieder Dummes und Peinliches sagen, das wir dann wieder gerade rücken müssen? Hoch erfreut nehme ich zur Kenntnis, dass die Grünen durch den Abgeordneten Mehmet Kilic scharfe Kritik an Erdogan üben. In Deutschland leben viele Aleviten und Kurden, bei denen unvergessen ist, unter welchen Verfolgungen und Einschränkungen diese Gruppen bis heute zu leiden haben, auch wenn sich gerade unter der Regierung Erdogan einiges gebessert hat. Dennoch ist die Lage in der Türkei nicht so, dass Erdogan Grund hat, Deutschland über die Menschenrechte zu belehren.
Es geht auch nicht nur um Eliten und Minderheiten unter den Türken hier: Das Jubiläum der Anwerbung wurde von den Deutschen zum Anlass genommen, endlich auch die rührenden und beeindruckenden, traurigen und erhebenden Geschichten zur Kenntnis zu nehmen, die so viele Familien bei dem Abenteuer Almanya erlebt haben. Ein neuer realistischer Blick auf Deutschlands Türken wurde eingeübt, weitgehend ohne Kitsch und ohne Apokalypse. Von Erdogan sollte man sich das nicht kaputt machen lassen.
Wo er Recht hat: Die Türkei erfüllt die Beitrittsbedingungen zur EU schon heute besser als manches Mitglied, hat Erdogan heute gesagt. Das ist auf die Griechen gemünzt, die unter heutigen Bedingungen keine Chance hätten, aufgenommen zu werden. Die Türkei erlebt einen wirtschaftlichen und politischen Boom. Gerade ihre Größe, in Kombination mit ihren politischen Ambitionen (Neo-Osmanentum, Anti-Israel, Licht der Araber) macht einen Beitritt zu einer prekären Frage, selbst wenn eines Tages die ökonomischen und juristischen Bedingungen erfüllt sein sollten. Am Ende ist es eine politische Entscheidung, ob das Land jemals aufgenommen wird. So wie sich die EU entwickelt, ist das aus intrinsischen Gründen fraglicher denn je geworden. Und Erdogan macht es mit seinem peinlichen nationalistischen Pomp wieder ein Stückchen unwahrscheinlicher.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Moment mal, auch die SPD will ja neuerdings wieder den Doppelpaß und die Grünen sowieso.Ich halte das auch für eine gute Idee, so scheidet sich die Spreu vom Weizen. Und Erdogan spricht nur das aus, was eine bedeutende Mehrheit der Türken im Lande will und was der deutsche Einpaßbesitzer ohnehin ahnt. Dass der deutsche Paß eher nicht aus Neigung, sondern eher als eine Art Smartcard zur Erlangung bestimmmter Begünstigungen erworben wird.

    • 3. November 2011 um 09:56 Uhr
    • riccardo
  2. 2.

    Wie kann man ständig ANTITürken sein?

    • 3. November 2011 um 10:10 Uhr
    • ciko54
  3. 3.

    Bingo!

    • 3. November 2011 um 10:10 Uhr
    • ciko54
  4. 4.

    Das wird noch alles viel lustiger werden. Jörg Lau sagt doch, hundert Tausende Jugendliche ohne wirkliche Sprachkenntnisse.

    Sagen wir 400 Tausend.
    Verheiratet werden diese mit weiteren 400 Tausend Partnern aus der Türkei. Also 800 Tausend ohne richtiges Deutsch. Mal 2 bis 3 Kinder die man zeugt, also 1.6-2.4 Mios an Integrierten AKP Wählern.

    Wieso sagt Wulf nicht, die AKP gehört nach Deutschland.

    Ach so, wenn der Kurden-Konflikt weiter eskaliert, gibt es nochmal ne schöne Bereicherung. Da freuen sich schon die Pro-Asyl Leute

    Egal, bis Deutschland untergeht, werden es noch 20 Jahre sein. Da sind die Politiker entweder Tod oder liegen in der Sonne auf Mallorca.

    Die Deutschen müssen ein Gen besitzen, dass Selbstzerstörung heißt.
    Siehe 30 Jähriger Krieg, WK1 und WK 2

    • 3. November 2011 um 10:33 Uhr
    • Cem Gülay
  5. 5.

    @ CG

    “Egal, bis Deutschland untergeht, werden es noch 20 Jahre sein”

    Machen Sie jetzt den Sarrazin?

    • 3. November 2011 um 10:35 Uhr
    • Hans Joachim Sauer
  6. 6.

    HJS

    Sarrazin wollte ein Buch über Sozialpolitik schreiben.(seine Aussage). Dann hat er Anne Will geguckt über seine Thesen(Gemüse Ali), wo ich auch dabei war. Dann kamen meine Thesen in Zeitungen, wenn Deutschland nicht aufpasst………. Er war auf Seite 254 und machte einen plötzlich großen Schwenk Richtung Integration der Türken. Meine Steilvorlage!

    Der Arsch ist wegen mir Millionär geworden! Jeder kluge Journalist oder Politiker der mich kennt, weiß das!

    • 3. November 2011 um 10:43 Uhr
    • Cem Gülay
  7. 7.

    Wenn die prognoszierten 1.6 bis 2.4 Milionen für Deutschland zu viel werden, könnte via der Schweizer Asyl-Turbo Bundesrätinen noch einige Hundertausend in die Schweiz verlagert werden.

    • 3. November 2011 um 10:49 Uhr
    • alabama
  8. 8.

    Alabama

    Ich habe nur von Türken gesprochen. Mit den anderen Migranten aus Problem Herkunftsländern, kommen nochmal ein paar Millionen Fachkräfte dazu.

    Warum meinen sie, bereichern sich die Eliten immer mehr. Für den Notfall

    • 3. November 2011 um 10:53 Uhr
    • Cem Gülay
  9. Kommentare sind geschlossen.