Ein Blog über Religion und Politik

Anders Breivik, Multikulturalist

Von 20. April 2012 um 11:42 Uhr

Interessantes Stück von Brendan O’Neill in Novo, das Motive enthält, die ich hier auch schon einmal angeschlagen hatte (und auch hier, unter dem Aspekt “Multikulti von rechts”):

Die dunkle Ironie hinter den von Anders Behring Breiviks im Gerichtssaal vorgetragenen Tiraden gegen den Multikulturalismus ist, dass seine eigene Weltauffassung ebenfalls mit dieser spalterischen Ideologie durchsetzt ist. (…) enthüllt sowohl sein Aufruf, „seine Kultur“ [2] zu respektieren als auch die paranoide Überzeugung, „seine Kultur“ sei von gefühllosen Funktionären und dem ungehobelten Pöbel bedroht, dass er selbst dieser multikulturellen Perspektive anhängt. Die Selbstwahrnehmung als Angehöriger einer bedrohten Kultur, sein widerliches Selbstmitleid, seine Paranoia darüber, dass seine Traditionen von anderen mit Füßen getreten werden: All diese hanebüchenen Ideen entspringen letztlich der Ideologie des Multikulturalismus.
(…) Diese Besessenheit mit der eigenen kulturellen Identität und der Wunsch, einen Schutzschild um sie herum zu errichten, so dass sie bloß nicht von externen Kräften bedroht wird, ist reiner, unverfälschter Multikulturalismus. Es ist das gleiche Denken, das auch die moderne multikulturelle Maschinerie und deren Protagonisten motiviert, Respekt gegenüber verschiedenen „Identitäten“ durchzusetzen.
Breivik ist eindeutig durch Identitätspolitik und nicht durch altmodische religiöse Überzeugungen motiviert. (…) Grundlegend für seine Besessenheit ist die Idee einer immanenten „Identität“ mit festen kulturellen Merkmalen, wie man sie auch von Mainstream-Multikulturalisten kennt. Auch hier findet sich eine „Identitätsideologie“, nämlich die Überzeugung, jeden Menschen in vorgefertigte und nie veränderbare kulturelle Schubladen quetschten zu können – Weiß, Moslem, Schwarz – und das jede dieser Schubladen vor Spott und Respektlosigkeit geschützt werden müsse.
Eine andere Sache, die Breivik mit den Multikulturalisten teilt, ist ein mächtiges Gefühl kultureller Paranoia: Er glaubt, „seine Kultur“ befinde sich in einem Belagerungszustand. Normalerweise kämen nur Multikulturalisten auf die Idee, dass Minderheitskulturen, wie z.B. die islamische, durch Wellen von Islamophobie und allgemeiner Ignoranz bedroht seien. Für Breivik hingegen ist es die Mehrheitskultur – die weiße christliche Identität – die diesmal durch die „islamische Kolonisierung Europas“ und auch wieder durch die Ignoranz der breiten Öffentlichkeit bedroht sei [6] (die Durchschnittsbürger werden seiner Meinung nach durch die Medien in die Irre geführt). Dies sind zwei verschiedene Versionen der gleichen kulturellen Panik, die durch die multikulturelle Perspektive befördert werden. Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie viel Breivik mit den von ihm so verachteten Islamisten gemein hat. Wo Islamisten, auch unter dem Einfluss des Multikulturalismus, behaupten, ihre kulturelle Identität sei durch „Neue Kreuzzüge“ des Westens gegen den Islam bedroht, sieht auch Breivik seine kulturelle Identität durch Kreuzzüge aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung bedroht – durch die von Osten kommende „Islamisierung“. So werden beide Gruppen gleichermaßen völlig paranoid gemacht, indem sie ermutigt werden, ein obsessives Verhältnis zu ihren angeblich fragilen Identitäten zu entwickeln.
Breivik ist nicht der unerbittliche Feind des Multikulturalismus, als den er sich selbst gerne darstellt, er ist vielmehr dessen Produkt. Er ist ein monströses Geschöpf des Multikulturalismus. (…)

Leser-Kommentare
  1. 465.

    OT- sinnvoll – Der Deutsche Bundestag hat zur Unterstützung der Demokratiebewegung in der arabischen Welt ein neues Stipendienprogramm aufgelegt, das sich speziell an hochqualifizierte Nachwuchskräfte richtet. Zwanzig engagierte arabische Hochschulabsolventen und junge Berufstätige sollen die Gelegenheit erhalten, im Herbst 2012 für vier Wochen den Deutschen Bundestag und das politische System Deutschlands kennenzulernen. Die Stipendiaten werden Abgeordnete im politischen Alltag und in ihre Wahlkreise begleiten und an politischen und kulturellen Veranstaltungen,Vorträgen und Workshops teilnehmen.

    http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/38472040_kw14_ips_arabisch/index.html

  2. 466.

    Yazidi community celebrates New Year

    inkl. Original-Furcht, sie könnten in Europa vom Glauben abfallen !

    • 28. April 2012 um 10:23 Uhr
    • Thomas Holm
  3. 467.

    Ich bitte um eine nachvollziehbare, logische Erklärung für den folgenden Sachverhalt:
    Wird Israel kritisiert wegen seiner stramm rechten, ultranationalistischen Regierung, die sich nur noch als Vollstrecker des Willens der radikalen Siedler erweist, so berufen sich die Verteidiger Israels sofort darauf, dass Israel eine pluralistische Demokratie sei, und sie führen als Gewährsleute dafür selbstredend die israelische Opposition, die “linke” Presse, die diversen Menschenrechtsgruppen an.
    Es sind jedoch dieselben Oppositionellen, die mit dem Makel des “jüdischen Selbsthasses” behaftet werden.
    Beruft sich jedoch ein Außenstehender, wie eben auch Herr Grass auf eben diese Opposition, so schallt es von den Parteigängern der israelischen Rechten augenblicklich im Chor: “Klarer Fall von Antisemitismus, jeder Antisemit beruft sich auf die israelische Opposition” (Sinngemäß zitiert nach H.M. Broders Interview gegenüber N24 Anfang des Moments).
    Demnach müssen doch auch die Anhänger der israelischen Regierungspolitik Antisemiten reinsten Wassers sein, oder bin ich nur etwas blöd?

    Übrigens ist dieser Thread hier von den üblichen Verdächtigen endlich komplett vergiftet worden, so wie man es seit Jahren kennt. Nazigeschrei wie das des “Charlton Haeston” ( wie witzig!!, ich stelle mir gerade Ben Hur vor, wie er auf seinem Streitwagen durch Kreuzberg rast und Musels plattfährt.) gehört hier nich thin, wir sind hier immerhin bei der “Zeit” und nicht bei der “Nationalzeitung”.
    Muss man sich wirklich wiederholen? Zwischen Israellobby und den Mordbrennern von ganz rechts- sofern sie nicht gerade Synagogen anstecken, besteht kein Unterschied mehr.

    • 28. April 2012 um 11:06 Uhr
    • Krischan
  4. 468.

    OT – Libyen – Libyan authorities on Tuesday passed legislation governing the formation of political organizations which rules out religious, regional and tribal platforms and bans foreign funding.
    “Political parties and associations should not be built on the basis of regional, tribal or religious affiliation,” a member of the ruling National Transitional Council told AFP.
    “They cannot be an extension of a political party abroad or receive foreign funding,” said Mustafa Landi, a member of the legal committee.
    Political parties must have a minimum of 250 founding members while associations need only 100, according to legislation which was agreed on late Tuesday, he said. …
    Political organizations of any kind were banned for decades under the iron-fisted rule of Muammar Qaddafi …

    http://english.alarabiya.net/articles/2012/04/25/210076.html

  5. 469.

    Hier in Bonn kursiert ein Aufkleber, der ein Schwein zeigt, welches einen Koran in den Klauen hält. Über den Koran meint das Schwein in der Sprechblase: “Dieses Buch ist scheiße!” :-D

    • 28. April 2012 um 11:28 Uhr
    • Bonn
  6. 470.

    Zwischen Israellobby und den Mordbrennern von ganz rechts- sofern sie nicht gerade Synagogen anstecken, besteht kein Unterschied mehr.

    Auhauaha. Was sagt denn Dr. CocaCola dazu?

    • 28. April 2012 um 11:58 Uhr
    • unlimited
  7. 471.

    @ Publicola

    Höchst interessant diese libysche Wendung.

    M. E. verläuft das Verhältnis von politischer Sakraleuphorie und realpolitischer Inkompetenz in heftigen Richtungsschüben:

    Erst heißt es: Jede Ampelplanung für die letzte Oase muß offenbarungsgerecht inspiriert sein.

    Dann stellt sich heraus, dass nur Schwachsinn zur Debatte kommt.

    Und darauf die Reaktion:
    Nennt Euren Unfug um Himmels Willen nicht mehr als von Gott gegeben !

    Völlig natürlicher und logischer Kreislauf.

    Halt alles auf der Basis von zivilgesellschaftlich verdösten Jahrhunderten.

    Centrum und Bayernpartei wären in Libyen nicht mehr ‘drin. Respekt !

    • 28. April 2012 um 12:10 Uhr
    • Thomas Holm
  8. 472.

    @ Thomas Holm – Libyen: man ist ja (halt) froh über jedes Fünkchen Verstand, das selten genug die Chance hat, aufzuleuchten

    [[natürlich- Ihnen ja wohlbekannt - befindet sich Libyen als Staat in einer höchst schwierigen, labilen, komplizierten Lage unbekannten Ausgangs:
    ein Staat als 'Zentralgewalt' muss sich noch in allen Landesteilen und politischen sowie gesellschaftlichen
    Ebenen und Zentrifugalkräften durchsetzen;
    das staatliche Gewaltmonopol insbesondere wird noch durch (z.T. islamistisch orientierte) Milizen konterkariert etc.;
    etc. etc. etc.]]

  9. Kommentar zum Thema

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