Ein Blog über Religion und Politik

Die Beschneidung der Religionsfreiheit

Von 13. Juli 2012 um 12:26 Uhr

Wie um alles in der Welt sind wir denn bloß hierhin gekommen? Ein deutsches Landgericht urteilt, dass das Recht des Kindes auf Unversehrtheit über dem Recht der Eltern steht, aus religiösen Gründen die Beschneidung eines Sohnes vornehmen zu lassen – und innerhalb von Wochen ist von einer der “vielleicht schwersten Attacken auf jüdisches Leben in Europa in der Post-Holocaust-Welt” die Rede – so der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz Pinchas Goldschmidt.

Dabei war der Fall eines muslimischen Jungen der Anlass für die Rechtssprechung gewesen. Ein Kölner Arzt hatte im November 2010 den vierjährigen Sohn eines aus dem Irak stammenden Paares beschnitten. Es war, wie Yassin Musharbash in der ZEIT dargelegt hat, zu (durchaus üblichen) Nachblutungen gekommen. Die Mutter war dadurch in Panik geraten, hatte in verwirrtem Zustand um Hilfe gerufen und war mit ihrem Sohn in die Notaufnahme gekommen, wo die kaum des deutschen mächtige Frau Angaben machte (oder so verstanden wurde), dass ihr Sohn “in einer Wohnung mit der Schere” beschnitten worden sei. Es kam zur Anklage gegen den Arzt, die in erster Instanz niedergeschlagen wurde, in zweiter Instanz aber kam es dann zu dem Urteil mit den folgenschweren Sätzen über den Vorrang der Unversehrtheit.

Beschneidung als Körperverletzung: Aus einem Urteil in Sachen eines vierjährigen Muslims ist nun eine “Attacke auf das jüdische Leben” geworden. Juden und Muslime erklären vereint, sie sähen ihre Religionsfreiheit gefährdet und gar die Zukunft jüdischen beziehungsweise muslimischen Lebens auf Messers Schneide, wenn dieser unpassende Wortwitz hier erlaubt sei. Aus einer Verkettung von Missverständnissen ist ein Kulturkampf geworden.

Ich glaube nicht, dass das Kölner Urteil Auswirkungen auf eine Jahrtausende alte Praxis haben wird, die konstitutiv für die beiden Religionsgemeinschaften ist. Allein die Anmaßung der treibenden Oberstaatsanwältin und des Landgerichts ist freilich atemberaubend. Das heißt eben nicht, dass es unter den Betroffenen keine Diskussion um diese Praxis gibt. Necla Kelek hat in ihrem Buch über türkische Männer eine extrem scharfe Kritik der Beschneidungsrituale in der Türkei formuliert. Ich teile nicht ihre Folgerungen, aber ihr Impuls, eine Debatte über Männlichkeitsriten anzuregen, ist berechtigt. Junge Juden, die nicht fest in der Orthodoxie verhaftet sind, machen es sich oft auch nicht leicht, wenn sie Eltern werden. Allerdings entscheiden sich die meisten doch für die Beschneidung als Zeichen für den Bund, als Zeichen dafür, dass die jüdische Geschichte weitergeht.

Es gibt übrigens eine eigene Tradition von jüdischen Beschneidungswitzen. Einen besonders drastischen von Oliver Polak habe ich schon einmal in der ZEIT zitiert: “Warum sind jüdische Männer beschnitten? Weil eine jüdische Frau nichts anfasst, was nicht mindestens um 20 Prozent reduziert ist.” Berühmt ist auch folgende Episode aus der Comedy-Serie “Seinfeld“, in der die Bedenken gegen die Beschneidung auf geniale Weise thematisiert werden. (Allerdings wird auch hier das Kind dann eben doch beschnitten.)

Aber eine interne Debatte um das Für und Wider ist das eine. Und eine über Gerichte und Meinungsumfragen geführte Debatte der Mehrheit über die vermeintlich rückständig-barbarische Minderheit ist etwas anderes. In der deutschen Debatte, die durch das Kölner Urteil aufgekommen ist, irritiert der bierernste Ton der Belehrung und der herablassenden Umerziehung der “archaischen Religionen”, die einfach nicht bereit sind, ihre blutigen Rituale weiter symbolisch zu sublimieren. (Manchmal glaube ich einen Nachhall von dem protestantischen Zetern über die unbelehrbaren Katholen zu hören, die an die Wandlung von Wein zu Blut und Brot zu Fleisch glauben.)

Der aufgeklärte Vorbehalt gegen die Juden – und daraus abgeleitet auch gegen die in ihrer Ritualverhaftetheit verwandten Muslime – ist plötzlich wieder da. Wie anders ist zu erklären, dass breite Mehrheiten hierzulande das Kölner Urteil für richtig halten? Unser Recht soll also jüdische und muslimische Jungen vor einer barbarischen Praxis schützen, der sie ihre “verstockten” Eltern unterwerfen? Wir kriminalisieren einen religiösen Ritus, der konstitutiv für die Zugehörigkeit zu den beiden abrahamitischen Bruderreligionen ist?
Abenteuerlich, und undenkbar in Gesellschaften, die nicht wie unsere derart vom Gespenst der religiös-kulturellen Homogenität heimgesucht werden. Undenkbar in den USA oder Kanada – Ländern, in denen es weit verbreitet war oder ist, Jungen auch ohne religiöse Gründe zu beschneiden. Dort wird diese Praxis zwar inzwischen in Frage gestellt, doch niemand käme auf die Idee, religiös begründete Beschneidungen zu kriminalisieren.
Es ist eine beängstigende Verspießerung unseres öffntlichen Lebens festzustellen, eine Verspießerung im Zeichen selbstgefälliger Pseudoaufgeklärtheit, die religiöses Anderssein unter der Flagge des Kinderschutzes und der Menschenrechte (im Fall Schächten/Halal: Tierschutz) zu erdrücken droht.
Die Rabbiner hätten nicht gleich das H-Wort bemühen müssen, aber im Kern haben sie recht: Wenn sich diese Rechtsauffassung durchsetzt, ist jüdisches (und muslimisches) Leben in Deutschland bedroht. Schon jetzt ist Schaden entstanden: 70 Jahre nach der Schoah wird in Deutschland traditionelles jüdisches (und muslimisches) Leben kriminalisiert, und der Bürger nickt wohlgefällig mit dem Kopf dazu. Als wäre es nicht Aufgabe des Rechts, die Minderheit vor dem Absolutismus der Mehrheit zu schützen.

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die zu schützende Minderheit in diesem Fall ist aber weder Jude noch Muslim, sondern das Kind. Ein junger Mensch. Dieser ist (im Gegensatz zum Tier) ein Träger von unveräusserlichen Individualrechten.

    • 13. Juli 2012 um 12:38 Uhr
    • Frank
  2. 2.

    btw: es gibt keine “muslimischen”, “christlichen” oder “jüdischen” Kinder. Genau so wenig, wie es “kommunistische”, “sozialdemokratische” oder “Unionskinder” gibt. Kinder sind Kinder. Punkt. Ihr Weltbild und ggf. ihre Religion muss erst noch entstehen!

    • 13. Juli 2012 um 12:43 Uhr
    • Frank
  3. 3.

    Es ist erschreckend, mit welchem Reflex die BeschneidungsverfechterInnen agieren. All Ihre Argumente ließen sich gegen den Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen übertragen, und doch hat man erkannt, dass das Leid der Kinder wichtiger ist, als – in ihrer historischen Wurzel auch mehr als fragwürdige – Rituale zu verteidigen. Hiergegen wird schnell angeführt, dasss das eine mit dem anderen nicht zu vergleichen sei, was aber insofern nicht stimmt, als dass die Historie eben absolut analog verlief und daneben auch eine Form der Beschneidung von Mädchen existiert (“Milde Sunna”, Beschneidung der Clitoris-Vorhaut), die der der Jungen madizinisch vergleichbar ist. Sogar hier existieren Versuche, diese mit medizinischen Vorteilen zu rechtfertigen.

    Es ist sehr gut, dass man sich bei den Mädchen geeinigt hat, dass das “trotz allem”, trotz Kultur und Riten etc, auch von einem aufgeklärt europäischen Standpunkt aus – selbstredend nicht bevormundend, aber in Koalition mit den Betroffenen – kritisiert werden darf und muss.

    Nur, da handelt es sich um Mädchen, Ort ist primär Afrika, Religion oder Kult ist uns schlicht fremd und es existieren insoweit keine spezifischen Denkverbote. Bei jüdischen Jungen in Deutschland – zack, da wird nicht mehr über das Kind und seine Rechte nachgedacht.

    • 13. Juli 2012 um 12:44 Uhr
    • Detlev Beutner
  4. 4.

    Interessanter Artikel, ich denke es werden aber die falschen Schlüsse gezogen. Es geht nicht um Minderheiten sondern um den Grundsatz der Unversehrbarkeit und des Selbstbestimmungsrechts.

    • 13. Juli 2012 um 12:50 Uhr
    • Helmut Fey
  5. 5.

    @ D. Beutner: Die Beschneidung von Mädchen ist nicht mit der von Jungen zu vergleichen. Weder von ihrem rituellen Sinn her, noch von den gesundheitlichen (Nicht-) Auswirkungen.

    • 13. Juli 2012 um 12:52 Uhr
    • Jörg Lau
  6. 6.

    Stimme #1 Frank dabei zu.
    Meines Erachtens muss sowieso schon lange die Frage gestellt werden, ob Eltern die Religion der Kinder bestimmen dürfen. Ich würde niemals auf die Idee kommen, mein Kind taufen zu lassen oä. Ich drücke meinem Neugeborenen ja auch kein SPD Parteibuch in die Hand.
    Die Zugehörigkeit zu einer Religion ist ein Ausdruck dessen, wie sich ein Mensch ‘die Welt’ vorstellt. Und ich glaube nicht, dass Neugeborene schon Vorstellungen davon haben, wie das Universum entstanden ist oder ob Jesus Gottes Sohn war oder nicht. Warum sollte es dann einer Religion angehören? Es macht doch viel mehr Sinn, wenn ein Mensch das selber für sich bestimmt.
    (Und: Wenn der Staat bestimmt, welcher Religion jemand angehört und was er zu glauben hat, verurteilen wir das – warum nicht auch bei Eltern?)

    • 13. Juli 2012 um 12:56 Uhr
    • skluess
  7. 7.

    Ich verstehe die ganze Diskussion überhaupt nicht.
    Wieso sollte es Eltern erlaubt sein ein Kind beschneiden zu lassen? Es ist ja schließlich nicht medizinisch nötig bzw. es ist “nur” religiös nötig.
    Das Kind bzw. der junge Mann sollte doch selber entscheiden dürfen, denn es ist sein Körper!
    Jeder darf ja in Deutschland auch frei entscheiden, welcher Religion er angehört. Also sollte auch jeder (ab z.B. einem bestimmten Alter) selbst entscheiden dürfen, ob eine Beschneidung vorgenommen wird oder nicht.
    Des Schutz des individuellen Rechts (auf körperliche Unversehrtheit) steht natürlich über dem Schutz religiöser Anschauen!

    • 13. Juli 2012 um 12:57 Uhr
    • Michael Schmitz
  8. 8.

    Denke Herr Lau macht bei diesem Kommentar den Fehler, sich zu sehr auf die Religion zu beziehen.

    Grundsätzlich bin ich gegen die Beschneidung von Kindern (oder jeden anderen Eingriff), außer dieser ist unbedingt medizinisch oder in Grenzbereichen psychologiosch nötig.. Es ist trotz allem ein medizinischer Eingriff, der auch sehr wohl schief gehen kann (einfach mal danach googlen) und nicht sein muss.

    Egal ob die Beschneidung aus religiösen oder normalen Gründen (in den USA z.B. ist eine Beschneidung ohne rel. Gründe nichts unnormales), ist diese dennoch ohne wichtigen Grund unnötig. Vor allem kann sich das Kind nicht dagegen wehren und wird hier für sein ganzes Leben geändert (einige sprechen sogar von “verstümmelt”).

    Fakt ist, das eine OP an einem Kind, welche medizinisch nicht nötig ist auch nicht durchgeführt werden darf. Wollen wir in Zukunft dann auch SchönheitsOP’s erlauben? Eine Nasenkorrektur “weil es sich mit seiner angeborenen schlecht fühlen könnte”? Auf diese Idee würde wohl niemand kommen, aber diese unterscheidet sich nicht wirklich von einer Beschneidung.

    Wenn das Kind sein 18. Lebensjahr erreicht hat, kann dieses mit seinem Körper machen was es will – bis dahin hat es ein Anrecht auf den vollständigen Schutz seines Körper – und hier ist der Staat in der Pflicht, dieses auch im Falle eines Falles gegen die Eltern durchzusetzen.

    Wenn wir unser Grundgesetz schon nicht mehr achten, können wir auch den Rest unserer Verfassung gleich in den Mülleimer werfen.

    • 13. Juli 2012 um 12:58 Uhr
    • Maerad
  9. Kommentar zum Thema

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