Ein Blog über Religion und Politik

Worum es (mir) in der Beschneidungsdebatte geht

Von 27. Juli 2012 um 16:50 Uhr

Noch ein paar unsystematische Gedanken zu einer längst nicht abgeschlossenen Debatte:

Wer sich gegen das Verbot eines elementaren Rituals ausspricht, sieht sich dieser Tage leicht als “religiöser Eiferer” angegriffen, wie ein bekannt und bekennend agnostischer Kollege mir erstaunt erzählte, der das Kölner Urteil in einem Artikel kritisiert hatte. Er hatte noch nie so viele wütende Leserbriefe bekommen.

Vielleicht muss man das noch einmal klarstellen: Das Recht auf die religiös begründete (Vorhaut-)Beschneidung zu verteidigen bedeutet nicht, diese Praxis für “gut” oder gar “für alle Zeiten bindend” zu erklären. In meinem persönlichen Fall möchte ich in Anspruch nehmen, dass meine Haltung zu diesem Brauch (würde ich es durchführen lassen, bin ich selber beschnitten – ja, dergleichen wird derzeit gerne erfragt) absolut irrelevant für meine Position ist. Es kommt darauf an, ob man erstens die Sache als schädlich für die Betroffenen betrachtet und ob man anderen Leuten abnimmt, dass es für sie ein wichtiges, unverzichtbares Ritual ist, eine Glaubenspflicht. Erstes ist m.E. nicht der Fall (Komplikationen notwithstanding), zweites ist der Fall, und darum glaube ich, dass die Knabenbeschneidung weiter erlaubt sein soll.

Darf der Gesetzgeber dabei Vorgaben machen? Natürlich. Darf er es verbieten, wie manche fordern: Nein.

Es ist völlig legtitim, ja es ist begrüßenswert, wenn nun Menschen, die sich durch die Beschneidung geschädigt fühlen, das Wort ergreifen. Das gilt für Stimmen wie den hier in Kommentaren bereits zitierten Ali Utlu, der das Ritual als schmerzhafte Demütigung erinnert und von Beeinträchtigungen danach spricht. Und es gilt auch für Eltern – muslimische, aber auch jüdische – die das Ritual als Belastung empfinden und es ihren Söhnen am liebsten ersparen wollen. Necla Kelek hat damit in der muslimischen Community angefangen, ich hatte in meinem ersten Beitrag darauf hingewiesen, und für die jüdische Seite lässt sich auch feststellen, dass es bei nicht-traditionalistisch lebenden jungen Leuten oft Unbehagen gibt und einen Wunsch nach neuen Lösungen. Die Darstellung eines solchen Gewissenskonflikts markiert übrigens das Ende meiner letzten größeren Reportage über Juden in Deutschland.

Was mich nach wie vor, oder sagen wir lieber, jeden Tag mehr, entsetzt ist die Unfähigkeit oder wenigstens der Unwille weiter Teile der Debattierenden, diese beiden Elemente zusammenzudenken: Respekt für Religionsfreiheit UND Offenheit für Bedenken, Änderungswünsche, Klagen. Warum soll das nicht zusammen möglich sein? Es ist, glaube ich, NUR in Kombination machbar. Nur wer sich nicht kriminalisiert fühlt, wird offen debattieren können.

Statt dessen erleben wir Tag für Tag, dass die Beschneidung als “barbarisches Ritual” in Kommentaren und Leitartikeln vorgeführt wird. Den einsamen Höhepunkt hat für mich Volker Zastrow von der FAS erreicht, der es schaffte, auf subtile Weise Beschneidung in einen Zusammenhang mit Pädophilie und Kindesmißbrauch zu rücken. Dass es das Gleiche sei, sagt er zwar nicht rundheraus, aber dass, wer sich gegen diese Formen “sexueller Gewalt” wende, eben auch die Beschneidung verbieten müsse, ist die Pointe des Leitartikels.

So sehen sich nun Beschnittene mit einer Kampagne konfrontiert, die sie zu einer neuen Opfergruppe definieren will. Wer nicht einsehen will, dass er traumatisiert ist, wie etwa Hanno Loewy hier in der “Jüdischen Allegemeinen”, für den stehen Kronzeugen der Anklage bereit, die das Gegenteil bezeugen. Wer dann noch verstockt darauf besteht, er sei zufrieden mit seinem in den Augen der Mehrheit verstümmelten Penis, bestätigt damit nur, wie tief das Trauma sitzen muss.

Die Orgasmusfähigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen wird in Abrede gestellt, und kaum einer findet das schräg. Ich muss dieser Tage viel an Tisa Farrows unsterblichen Satz in Woody Allens “Manhattan” denken: “Ich hatte endlich einen Orgasmus, aber mein Doktor sagt, es sei der falsche.” So geht es heute Juden und Muslimen: Da stehen sie mit ihren unbemützten Schlongs, und der wohlmeinende Doktor beugt sich drüber: Tut uns leid, mag sein, dass ihr mit diesem Ding Orgasmen habt, aber es sind nicht die richtigen. Wir haben euch außerdem im Verdacht, dass eure Selbstbefriedigung abendländisch-christlichen Maßstäben nicht genügt. Und das alles kommt im Ton einer heiligen Mission daher, den semitischen Penis vor dem Messer zu retten. White man’s (rsp. woman’s) burden, neu verstanden.

Politisch interessant ist die Klärung der Fronten im “islamkritischen” Lager zwischen PI und DADG. Bei PI ist man wütend auf die Juden, die es einem unmöglich machen, auf die Muslime einzudreschen. DADG distanziert sich zunehmend von dem islamophob-antisemitischen Diskurs. Infolge dessen emanzipiert sich die radikaler werdende rechtspopulistische Szene von der “proisraelischen” Haltung (die ich immer für ein Fake gehalten habe). Wenn die Juden dem Moslembashing im Wege stehen, müssen sie eben auch dran glauben. Für “so etwas” gibt es hier keinen Platz, das ist die Botschaft.

“So etwas”? Juden und Muslime finden sich durch diese Debatte im selben Boot, in den Augen der Mehrheit zwei Varianten derselben patriarchalisch-”barbarischen” Wüstenreligion, die einfach nicht sublimieren will und stur weiter das Blut ihrer Söhne vergießt. Bei der Frage des Schächtens wird sich diese Konstellation wiederholen, dann anhand des Leids der Tiere. Interessant zu sehen, was daraus folgt für den Dialog.

Vorerst überwiegt eine tiefe Verunsicherung. Und das auch bei den nicht besonders Frommen, ja sogar bei den am wenigsten Frommen am meisten. Die Frommen wissen ja eh immer schon woran sie sind und beobachten die Mehrheit mit Verdacht. Am meisten getroffen sind aber diesmal viele moderne, moderate, ja sogar areligiöse Juden und Muslime.

Mir geht es auch so. Ich bin fassungslos über die Wut dieser Debatte.

Ich habe keinen Hund in diesem Kampf, wie man so sagt. Ich habe zum Besten an der Religion ein Verhältnis ähnlich dem eines Opernliebhabers, der selber kein Instrument spielt, und doch die Musik verehrt. Das weiß Gott viele Schlechte an der Religion, das oft genug auf diesem Blog Thema ist, wer wollte es leugnen? Darum geht es nicht. Religionsfreiheit ist in unserer Welt eine Frage, die oft genug über Krieg und Frieden, Leben und Tod entscheidet. Sie sollte auch für religiös Unmusikalische etwas Heiliges sein.

Es wäre eine bizarre Pointe, wenn Deutschland seine Lektion aus der eigenen totalitären Geschichte dahin treiben würde, Menschen- und also Kinderrechte derart zu definieren, dass jüdisches und muslimisches Leben hier unmöglich würde. Ist bei der Reeducation etwas schief gegangen?

 

(Korrektur, 28.7.2012: Es war nicht Mia, sondern Tisa Farrows, die in Manhattan den oben zitierten Satz sagt. Danke für die Hinweise darauf. Der eigentlich passende Satz kommt von Woody Allen in der Replik: “Ich hatte nie falsche Orgasmen. Auch die schlechtesten waren Volltreffer.” JL)

 

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Natürlich; Muslimisches und jüdisches Leben wird unmöglich, wenn man es Menschen selbst überlässt ob man sich beschneiden lassen will oder nicht. Was für eine bizarre Annahme, was für bizarre Religionen.

    Es ist doch völlig egal, ob die Beschneidung nun schädigt oder nicht, relevant sollte in einer Gesellschaft – die vorgibt, die Freiheit des Indivuums zu schützen – einzig und alleine eines sein: die Freiwilligkeit der irreversiblen Entfernung eines Körperteils.

    Wir schneiden Kindern keine Ohrläppchen ab, wie setzen ihnen keine Brandzeichen, wir verprügeln sie nicht und das tun wir auch mit keinem anderen Menshen, wenn dieser das nicht will – oder?

    Und nur weil Religionen das anders sehen, wird jetzt um die eigentliche Frage herumgeschlichen: Ist ein Individuum mehr wert als ein Kollektiv?

    Nun, für Religionen offenbar nicht, aber das beweisen sie nun ja auch täglich.

    Es ist doch absurd: Der freiwillige Geschlechtsverkehr zwischen Männern ist Religionen zumeist ein Gräuel, aber das Herumschneiden am Geschlechtsteil eines Kindes, das ist okay?
    Das ist doch keine Moral, das ist Dogmatismus, Obskuramtismus, Kollektivismus in reinster Form.

    Ich finde es gut, dass Menschen damit Probleme haben, kleinen Säuglingen am Penis herumzuschneiden.
    Dass sie sagen, auch ein Kind hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
    Dass sie sagen, Selbstbestimmung geht vor Kollektivismus.

    Insofern: Reeducation geglückt.

    • 27. Juli 2012 um 17:05 Uhr
    • Samuel
  2. 2.

    Es kommt darauf an, ob man erstens die Sache als schädlich für die Betroffenen betrachtet
    -> Das ist der springende Punkt, es wird einfach nur verharmlost. Sie sollten einmal weiter recherchieren und sich informieren, was man diesen Kindern antut.

    • 27. Juli 2012 um 17:17 Uhr
    • Sebastian
  3. 3.

    @JL
    “”Bei der Frage des Schächtens wird sich diese Konstellation wiederholen, dann anhand des Leids der Tiere.”"

    Die Zeit hat ja noch ein weiteres Faß aufgemacht:

    Inzest/Inzucht bei verheirateten Cousin und Cousinen.

    Das wird jetzt so weitergehen die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Ein faß nach dem anderen wird aufgemacht werden wie im 19Jhr, um zu erklären wieso diese Semiten oder semitischen Religionen unterentwickelt sind und nicht hier her passen.

    • 27. Juli 2012 um 17:21 Uhr
    • Marin
  4. 4.

    Was ein Schwätzer.

    • 27. Juli 2012 um 17:30 Uhr
    • MRX
  5. 5.

    ich bin für unversehrtheit. (habs ab und komme trotzdem)

    • 27. Juli 2012 um 17:38 Uhr
    • persiflo
  6. 6.

    @ Marin

    Was Sie hier vom Stapel lassen, grenzt an Volksverhetzung. Bei dieser Ignoranz wird einem richtig übel, genauso wie bei diesem hanebüchenen “an armen Säuglingen herumschnippeln”. Ich glaube, unsere Kanzlerin hat mit der “Komikerrepublik” wirklich recht, nur das es nicht wirklich witzig ist, eher traurig, dass es bei uns immer wieder auf diese seltsame Sucht zum Verteufeln hinausläuft. Komisch, dass Leuten wie Ihnen nicht selber auffällt, dass das eine frappierende Parallele zu den Hexenjagden im Mittelalter darstellt. Die waren übrigens in Deutschland ebenfalls wesentlich schlimmer als in manch anderem europäischen Land. Vielleicht kommt deshalb auch kein anderes Land außer uns auf die Idee zu so einem bescheuerten Gerichtsurteil, gefolgt von einer derart vor Selbstgerechtigkeit trotzenden Debatte.

    • 27. Juli 2012 um 17:47 Uhr
    • cwspeer
  7. 7.

    Religionsfreiheit ist in unserer Welt eine Frage, die oft genug über Krieg und Frieden, Leben und Tod entscheidet. Sie sollte auch für religiös Unmusikalische etwas Heiliges sein.

    Ist man “religiös unmusikalisch”, wenn einem das Schreien der Babies bei der genitalen Verstümmelung das Herz zerreißt?

    Sind nicht umgekehrt diejenigen religiös unmusikalisch, die diese Verstümmelung zum höheren Ruhme Gottes begehen?

    • 27. Juli 2012 um 18:02 Uhr
    • sol1
  8. 8.

    Samuel

    Ich finde es gut, dass Menschen (…) sagen, auch ein Kind hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

    Als ausgewiesener Anarchist, wer soll denn dieses “Recht auf körperliche Unversehrtheit gegenüber den Eltern geltend machen, in einem anarchischen Utopia?

    • 27. Juli 2012 um 18:04 Uhr
    • Saki
  9. Kommentar zum Thema

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