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Der 2014-Reflex

 

Gestern Nacht gab es einen Anschlag auf das libanesische Restaurant Taverna in Kabul. Heute suche ich im Netz nach Neuigkeiten. „Mehrere Deutsche in Kabul getötet“, lese ich im Google-Teaser von faz.net. Ich erschrecke. Weil es bedeuten würde, dass ich wahrscheinlich einen der Toten kenne. Ich klicke auf den Link. Während er lädt, gehe ich im Kopf ein paar Namen durch und überlege, wer gerade alles in Kabul ist.

Dann lese ich den Artikel: „Angaben der Taliban, wonach unter den Opfern ‚eine Reihe hochrangiger deutscher Diplomaten‘ sind, konnte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin zunächst nicht bestätigen. Der Krisenstab arbeite mit Hochdruck an der Aufklärung der unübersichtlichen Lage, sagte er.“

Das kann alles Mögliche heißen, nur nicht: Mehrere Deutsche in Kabul getötet.

Mehrere deutsche Medien haben das Statement der Taliban übernommen und nicht kommentiert. Man hätte zum Beispiel schreiben können, dass diese Statements fast immer falsch sind. Dass sie bei einem Anschlag auf die Bundeswehr in Kabul vor einem Monat behaupteten, zehn deutsche Soldaten getroffen zu haben. Und dass damals in Wahrheit nicht mal einer verletzt wurde.

Es gibt einen twitternden deutschen Botschafter, der nichts von deutschen Opfern schreibt; es gibt deutsche Zivilisten, die gut vernetzt und per E-Mail und Handy erreichbar sind; es gibt ein dpa-Büro in Kabul und jede Menge afghanischer Journalisten, die verlässliche Infos liefern.

Es gibt Quellen, die mehr sagen als die Taliban.

Man muss sie nur fragen.

33 Kommentare


  1. „Oft behaupten die Taliban, sie hätten Deutsche getötet, fast nie stimmt es. Warum übernehmen deutsche Medien diese Propaganda unhinterfragt?“

    Weil das offenbar für die Taliban der „Top Score“ wäre. So zynisch einem das auch vorkommen mag.
    Und warum wäre das so? Unter anderem deswegen, weil diese Leute in so einem Fall mit hoher Sicherheit davon ausgehen könnten, dass ihnen in allen deutschen oder sogar allen westlichen Medien eine Top Aufmerksamkeit gewidmet würde. Der PR Effekt in dem Sinne, wie sie ihn sich wünschen wäre unübertroffen hoch.
    Das bedeutet aber auch: Für die Medien wäre das eine Meldung die einen höheren Aufmerksamkeitsfaktor produziert. Man kann das nicht unabhängig voneinander betrachten.

  2.   leihing

    So ist er halt der bundesdeutsche „Qualitätsjournalismus“!
    Es geht halt nur drum Mit „Content“ statt Inhalt die Leser (Zuschauer, Hörer etc.) zu füttern.


  3. Das Ping-Pong-Spiel von Terror und Medien ist doch längst ein win-win-win Situation für alle Seiten. Weltweite Aufmerksamkeit für die „Durchgeknallten“, Förderung der Paranoia nebst Steigerung der Klickzahlen und Ausbau der staatlichen Überwachung gesamter Gesellschaften.

    Es funktioniert doch seit Jahrzehnten so. Endlich wird das nun auch mal kritisch hinterfragt.


  4. Frau Wurmb-Seidel, richten Sie sich mit Ihrer Nachricht doch nicht an die Leser, sondern an Ihre Kollegen!

    Kritisieren Sie Ihre Kollegen dafür, daß der Inhalt der Nachrichten keine Bedeutung mehr hat – sondern stattdessen nur mehr Klickzahlen, Auflage, Kasse – der Beutel muß klingeln!

    Wen interessiert da die Wahrheit – und morgen treiben wir eine neue Sau durch’s Dorf. Die Folge ist übrigens, daß diese Mainstream-Medien ihre wertvollste Klientel verlieren: Zahlkräftige, intelligente und nachdenkende Leser – die gehen dann nämlich woanders hin. Aber über den Medienwandel schimpfen… Klarer Fall von: Selbst Schuld!

  5.   cgoth

    Die Art von Meldungen verschafft Klicks. Kicks verschaffen Geld.


  6. Was ist den die Absicht der jeweiligen Presse?

    Informieren?Unterhalten?Polarisieren?Hetzen?

    Je nachdem fällt dann auch der Artikel aus.

    ZEIT ONLINE ist eines der seriösesten Zeitungen, wäre da nicht die ständige, ja etwas hetzerisch-polemische Berichterstattung über Erdogan alle paar Tage….

  7.   Christian Pogorzalek

    „Eine Reihe hochrangiger deutscher Diplomaten“ passt besser zur Agenda. Wir wissen doch, wo „die Freiheit der Bundesrepublik“ verteidigt werden soll.


  8. „Statement der Taliban übernommen und nicht kommentiert“

    Aber immerhin erfährt man so ein wenig darüber, was diese Leute gleichwohl doch für tunlich halten.

    Was mögen sich die Taliban davon versprechen, sich als Verursacher von (speziell) deutschen Opfern hervorzutun ? Auch Lügen haben ja Gründe. Haben Sie eine Idee ?

    „A British politician of Indian origin was among 21 people killed in a Taliban suicide attack on a popular restaurant in the Afghan capital.“

    http://www.business-standard.com/article/pti-stories/indian-origin-uk-leader-among-21-killed-in-kabul-attack-114011800606_1.html

    Damit werden sich diese Leute vermutlich nicht so sehr hervorzutun suchen.

    Nach dem, was man so hört, geben sich Iranische und Pakistanische Power-Broker sowohl in Warlord- wie auch in Taliban-Gebieten die Klinke in die Hand.

    Lebt Mullah Omar noch, bzw: hat er – ohne PR-Double – über die Taliban (oder welchen Teil davon) geboten ?

    Und wer macht für die Chinesen das Kupfer in Samangan (etc.) klar, wenn der Westen weg ist ?

    Mein Tipp für das Truppenabkommen:

    Nach allfälligem Hin und her wird der Iran einem US-Kontingent (wahrscheinlich in Bagram) zustimmen, um von dort aus (mit) aufzupassen, dass es zu keinen unerwünschten Transportbewegungen von Pakistanischem Nukleargerät kommt.

    Iranisch-unerwünscht: nach Saudi-Arabien zum Beispiel.


  9. Das gilt auch für Meldungen der russischen Staatsmedien!

  10.   ich

    Ich kann die Autorin bestens verstehen, angesichts der zunehmenden „Jeder möchte immer alles als erstes haben“- Mentalität in den Medien ist es kein Wunder, dass solche Infos dann immer öfter „ungecheckt“ freigegeben werden.
    Ich persönlich frage mich dann auch jedes Mal aufs neue, wo bleibt da der (in meinen Augen so wichtige) Grundpfeiler des Journalismus namens Recherchearbeit?
    Aber offensichtlich ist es diese Mühe nicht (mehr) wert.