Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen

Wikileaks ist tot! Es lebe das Whistleblowing

Von 18. Februar 2011 um 00:59 Uhr

Vor wenigen Wochen machte ein Kondom die Runde. Es war ganz offenbar gebraucht. Jemand hatte es dennoch aufbewahrt. Später wurde es dann fotografiert, jetzt ist es ein Beweisstück und zirkuliert durch die Presse. Weltweit. Eine eher seltene Karriere für ein Präservativ. Aber die sexuellen Praktiken eines gewissen Julian Assange machen es möglich.

Weltberühmtes Kondom

Soweit kolportiert wurde, soll jener Julian Assange dieses Kondom vorsätzlich beschädigt haben, um einen gefühlsechteren Geschlechtsverkehr ausüben zu können. Was, so wurde weiter kolportiert, nicht ganz im Sinne der temporären Partnerin war.

Ein Drama biblischen Ausmaßes jedenfalls, das sich da vor wenigen Monaten in Schweden ereignete. Vollkommen klar, dass umgehend Titelseiten freigeräumt wurden. Was könnte es Wichtigeres geben, als über jenes shakespear’sche Dramoulette zu berichten?

Und der Mann mit dem zerrissenen Kondom spielte mit, bediente die Mechanismen des Boulevards, schwadronierte von einer Einkerkerung in Guantanamo oder gleich von der drohenden Exekution durch die US-Regierung.

Soweit, so uninteressant. Angereichert von Insiderauskünften, die die Ränkespiele des ehemaligen Zweimann-Betriebs Wikileaks in ein neues Licht rücken wollen, lenkt dieses Boulevardgetöse nur noch ab.

Es ist längst an der Zeit, wichtigere Fragen zu diskutieren. Wird es eine dauerhafte Whistleblowingkultur geben? Was kommt nach Wikileaks? Welche Erben sind in Sicht? Was wird sie von Wikileaks unterscheiden? Können sie dazu beitragen, eine lokale oder regionale, eine nationale oder internationale Leakingkultur zu etablieren? Welche Gefahren drohen? Wie stellen die unterschiedlichen Plattformen den wichtigen Quellenschutz sicher? Wer trennt bedeutende Dokumente, die auf politische oder wirtschaftliche Verbrechen hinweisen von hinterhältigen Denunziationen?

In den nächsten Wochen werden hier ausgewählte Plattformen ausführlicher vorgestellt. Hier schon mal eine erste Übersicht.

Eine herausragende Bedeutung kommt natürlich OpenLeaks.org zu. Allein schon weil das Portal des Wikileaks-Dissidenten Daniel Domscheit-Berg momentan internationale Aufmerksamkeit erfährt. Es unterscheidet sich in seinem Ansatz fundamental von Wikileaks, da es keine eigenständige Publikation der eingehenden Whistleblowing-Dokumente beabsichtigt. OpenLeaks versteht sich als Mittler zwischen Geheimnisverrätern und anderen Organisationen – von Menschenrechtsgruppen über Gewerkschaften bis hin zu konventionellen Medien. Die Organisationen können sich bei OpenLeaks akkreditieren. Der Whistleblower kann im Gegenzug nicht nur Dokumente anonym hinterlegen, sondern auch Wünsche äußern, welcher Organisation seine Dokumente zuerst zugehen sollen.

Auch die Transparency-Unit des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera wurde in den vergangenen Wochen international bekannt. Gemeinsam mit dem britischen Guardian hatte die Transparency Unit geheime Dokumente der Nahost-Friedensverhandlungen veröffentlicht. Überraschende Verhandlungspositionen und -strategien der israelischen Regierung und der palästinensischen Autonomiebehörde kamen ans Licht. Al Jazeera ist der bisher eindeutigste Beleg für Aktivitäten größerer Medien auf dem Gebiet des Whistlebowings.
Die New York Times und der Spiegel sollen jedoch ebenfalls über eigene Whistleblowingstrukturen nachdenken.

Einen Schritt weiter ist da bereits die WAZ-Mediengruppe mir ihrem Angebot derwesten-recherche.org. Das Angebot zielt vor allem auf die Verbreitungsregion der meisten WAZ-Zeitungen in Nordrhein-Westfalen. Ein attraktiver Ansatz, da viele Informationen oft nur eine regionale Relevanz besitzen und bei einem weltweiten Player wie Wikileaks unter Umständen untergehen würden.

Lokales Leaken ist auch das Thema der Seite BayernLeaks.de. Auch Brusselsleaks.com verfolgt den Ansatz einer regionalen Spezifizierung – allerdings im weltpolitischen Maßstab. Die Seite will sich auf Themen der europäischen Union fokussieren.

Portale wie RuLeaks, TuniLeaks, BalkanLeaks, KanariLeaks und IndoLeaks sind ebenfalls auf Regionen oder Länder spezialisiert. Allerdings beschränken sie sich teilweise auf die Auswertung bekannter Dokumente wie etwa bereits veröffentlichte US-Botschaftsdepeschen.

Einen ganz anderen thematischen Kontext bedient dagegen die Seite GreenLeaks. Dokumente, die Umweltzerstörungen oder Klimagefährdungen belegen, sollen auf GreenLeaks publiziert werden können.

Bleiben noch Portale mit einem breiteren Profil. Zum einen das bereits seit einigen Jahren existierende Cryptome.org. Die Macher von Cryptome arbeiteten anfangs mit Julian Assange zusammen, distanzierten sich dann aber nach diversen Konflikten. Bekanntheit erlangte Cryptome unter anderem mit der Veröffentlichung geheimer MI6-Dokumente.
Ebenfalls ohne thematische Spezifizierung arbeitet das Portal GlobaLeaks.

Neben den originären Leakingsportalen gibt es eine ganze Reihe weiterer Portale und Blogs, die im Umfeld von Wikileaks und Co arbeiten. Crowdleak.net gehört zu den bekanntesten Beispielen. Hier soll die Crowd nach unentdeckten News in bekannten Leaking-Dokumenten recherchieren. Auch die Depeschensuchmaschine Cablegatesearch.net will die Schwarmintelligenz nutzen, um die Auswertung der Depeschen ertragreicher zu gestalten.
Seiten wie WLcentral.org oder Leaknews.de verstehen sich dagegen eher als Nachrichtenseiten zu Whistleblowingthemen.

Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang das deutsche Whistleblowing-Netzwerk. Theorie und Praxis des Leakens werden dort umfangreich diskutiert.

Natürlich gibt es mittlerweile auch haufenweise Onlinespiele und jede Menge Trash mit Unterhaltungswert zum Thema Whistleblowing im Netz. Dazu in Kürze mehr.

Bleibt am Schluss noch ein erstes Zwischenfazit. Die Vielzahl entstehender Portale deutet auf wachsende Relevanz des Whistleblowings hin. Den Beleg ihrer Bedeutung sind alle Portale noch schuldig. Viele Fragen sind dagegen noch offen. Hat Wikileaks dem Thema Whistleblowing zum Durchbruch verholfen? Oder werden sich Staaten und Unternehmen zukünftig noch massiver schützen? Und – wer ist er eigentlich, der Whistleblower und was sind seine Motive?

Antworten und Ergänzungen gerne und jederzeit!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was soll das denn für ein “Qualitätsjournalismus” sein?
    Sie Zeitonliner schreibe da in einer tagelang anhaltenden Salve Wikileaks und seine Funktionsfähigkeit wie Ernsthaftigkeit herunter(obwohl nachweislich alles weiter funktioniert und der Erfolg bewiesen ist). Und stützen sich im wesentlichen auf eine Quelle, den Domscheid Daniel.
    Journalistischer Standard ist das nicht.
    Haben Sie sein Buch gelesen, das der Spiegelleute gegengelesen und die diversen WL Originalunterlagen eingesehen? Und dann ihr Gehirn bemüht?
    Wohl kaum! Sonst wären Sie drauf gekommen, dass der Daniel Beleidigtmann unter Umständen gekauft ist, warum sonst sollte er inhaltlich ganz klar auf die Zerstörung von Wikileaks hinarbeiten.(mit der Tonart des Bedauerns, wie ekelhaft ist das denn?)
    Diese Desauvierungskampagne ist aber nur die eine Seite der Medaille.
    Die andere ist die Zersplitterungsabsicht der Whistleblowerszene.
    Und die ganzen eitlen “Qualitätsjournalisten” machen mit.
    Eine Schande ist das.
    Die Aufgabe wäre als Kontrollinstanz für die Regierten die Regierenden zu kontrollieren. Aus diesem Wechselspiel entstünde dann eine Stärkung unserer Demokratie.
    So machen Sie sich zum Diener der wohlhabendsten Gesellschaftsschicht, der selbsternannten Elite die sich aus den Spitzen aller Bereiche (Politik, Wirtschaft, Wirtschaftsprüfung, Industrie UND Presse)zusammensetzt.
    Das entspricht mehr der fragwürdigen Stärkung und Akzeptanz dieses “neuen Adels” als der Stärkung unserer Demokratie.
    Was für welche seit Ihr derartige Pressemenschen eigentlich? Eine vierte Gewalt jedenfalls nicht.
    Kein Wunder dass wir die fünfte Gewalt, Wikileaks brauchen um den ersten vier Gewalten Dampf zu machen.

    • 18. Februar 2011 um 16:47 Uhr
    • peter schulz
  2. 2.

    Nur EINE Frage…Wer sind die bereits
    jetzt akkreditierten 6 Medienpartner
    von Openleaks ?
    Bietet OL genügend “Transparenz”,
    um die Namen öffentlich zu nennen ?

    • 18. Februar 2011 um 16:55 Uhr
    • chamsi
  3. 3.

    @peter schulz Wenn Sie Domscheidt-Berg und “gekauft” worden wären (von der CIA?) – wären Sie dann nicht logischerweise WikiLeaks treu geblieben, um Einfluss zu gewinnen?

    • 18. Februar 2011 um 17:15 Uhr
    • Philipp
  4. 4.

    ich wage mal stark zu bezweifeln,das OL eine hervorragende internationale Bedeutunng oder Aufmerksamkeit erfährt oder erfahren wird.
    DDB hat alles versucht Wikileaks auszubooten.Ob es ihm gelungen ist werden wir noch erfahren.Aber DDB hat sich mit seinen mehr als unsäglichen Äusserungen doch selbst degradiert.Dieses schmutzige Wäsche waschen ist schon zwischen Ehepartnern kaum zu ertragen und läßt Zweifel daran aufkommen ob sie noch alle Tassen im Schrank haben.Wieviel mehr Zweifel muß ich haben, wenn ich einer Person die durch Hass-u.Neidatacken auf sich aufmerksam macht, geheime oder brisante Dokumente anvertrauen soll.Nein,ich glaube nicht das DDB Erfolg mit seinem OL haben wird und ich bin guten Mutes das Wikileaks ob in alter oder neuer Form auch zukünftig für Unruhe sorgen wird.

  5. 5.

    Was soll das eigentlich noch?
    Seit Wochen lese ich auf Zeit, und zwar nur auf Zeit.de Wikileaks stirbt, wikileaks ist tot, blabla…
    Sind ihre Redakteure so eingeschnappt, weil Wikileaks dem Spiegel und nicht der Zeit den Vorrang auf die Botschaftsdaten gegeben hat?
    Totgesagte leben länger, und Wikileaks ist so lange nicht tot, wie die Server laufen und leute neue Leaks hochladen.

    Wikileaks ist nicht Apple… nur weil der Chef im Gefängnis hockt, bedeutet das noch lange nicht das da die Welt untergeht.

    Ansonsten kann ich mich nur Peter Schulzs Aussagen anschließen.

    • 18. Februar 2011 um 17:48 Uhr
    • Omti
  6. 6.

    Gekauft von seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Projekt. Von der eigenen Überzeugung gekauft.

    • 18. Februar 2011 um 17:48 Uhr
    • Matths
  7. 7.

    Spiegel 15.01.2011 (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,739405,00.html):

    Zitat: “Glaubt man der Liste, die der Bundesnachrichtendienst ( BND) im Jahr 1970 über seine Verbindungen zur Presse aufgestellt hat, dann arbeitete ein beträchtlicher Teil der deutschen Journalisten für den Geheimdienst. Die langjährige Herausgeberin der “Zeit”, Marion Gräfin Dönhoff, war unter dem Decknamen “Dorothea” registriert, “Bild”-Chefredakteur Peter Boenisch wurde als “Bongert” geführt, Wilfried Hertz-Eichenrode von der “Welt” als “Hermelin”, Horst Mahnke vom SPIEGEL als “Klostermann”.”

    Da scheint sich noch nichts geändert zu haben.

    • 18. Februar 2011 um 18:03 Uhr
    • wislawa
  8. 8.

    Schaut man sich in der weiteren internationalen Medienlandschaft um stellt man fest das Wikileaks und die Person J. Assange Stück für Stück in Grund und Boden gehauen werden soll. Mediales fertigmachen. Ein optimales Mittel dies zum tragen zu bringen sind, leider, die etablierten Medien. Das resultiert dann in solchen Dingen wie Misstrauen, Verlust der Glaubwürdigkeit und Lächerlichkeit gegenüber Wikileaks und J. Assange.
    Parallel dazu werden Alternativen hochgejubelt die anscheind gleichwertig sind, es aber nicht sein können weil niemand leichtfertig die Kontrolle einfach an die Bürger/Oeffentlichkeit abgibt. Kontrollierte Leaksportale also, deren Quellen und redigierte Artikel mit der allgegenwärtigen Beliebigkeit einhergehen um die Bürger dumm und blöd zu halten. Die Wahrheit, die Demokratie (die letzten reste die noch vorhanden sind wohlgemerkt) werden geschleift so das etwa sogeannte Leistungsträger weiterhin machen könne was sie wollen. Bürgernahen transparenten Strukturen wird so der Kopf abgeschlagen. Leider helfen da “die etablierten” Medien unter der Flagge der Presse- und Meinunsgfreiheit mit und dies ohne rot zu werden…
    Die letzten reste dessen wird entgültig das Lebenslicht ausgehaucht wenn man die Inhalte im Internet kontrolliert. Dies kann man etwa machen indem man es verbietet ohne Lizenz eine Websseite betreiben zu können oder ohne Autentifizierung und Authorisierung Kommentare und Artikel zu veröffentlichen. Der neue Personalausweis legt zumidnest die techischen Grundlagen dazu weil damit ohne weiteres Funktionen addiert werden könne die heute noch nicht öffentlich debatiert werden. Ohne Perso und legitimeis Zerfikat kommt dann ein Computer nicht mehr online.

  9. Kommentar zum Thema

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