Wikileaks, OpenLeaks und die Folgen
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Depeschen

Logbuch eines Untergangs

Von 2. September 2011 um 09:55 Uhr

WikiLeaks ist am Ende. Die letzten Tage belegen das. Wer aber das Ende verstehen will, muss sich den Anfang noch einmal vergegenwärtigen. Und der eigentliche Start dieser seltsamen Weltkarriere eines Netzportals ist nicht die Gründung vor Jahren. Der tatsächlich Aufstieg beginnt im Sommer 2010. In kurzer Zeit geht es dann steilstmöglich nach oben. WikiLeaks wird zum Globalplayer in Sachen Weltpolitik. WikiLeaks veröffentlicht gemeinsam mit zahlreichen Medienpartnern die Kriegstagebücher der US-Armee in Afghanistan. Eine nur Insidern bekannte Netzorganisation dominiert plötzlich weltweit die Nachrichtensendungen. Im Herbst 2010 legt die Wistleblowerplattform unerschrocken nach. Die Iraq War Logs erscheinen. Wieder wohl dosiert. Wieder von großen Medienpartnern aufwendig aufbereitet. Das Beben ist gewaltig. Weltweit. Es geht weiter Schlag auf Schlag. Winter 2010. Die Botschaftsdepeschen erscheinen. WikiLeaks ist längst zum Akteur auf der politischen Weltbühne geworden. Alle Prognosen erwarten von jetzt an regelmäßige digitale Beben von WikiLeaks.

Nichts scheint mehr so zu sein wie es war. Journalismus. Staatsgeheimnisse. Die Macht des anonymen Einzelnen. Die Revolution der Öffentlichkeit scheint vollendet. Nicht mehr investigativ arbeitende Redaktionen und Journalisten wühlen in den Geheimnissen der Regierungen und Unternehmen, sondern Insider. Mitarbeiter, Armeeangehörige und Beamte, die sich mit Vorgängen konfrontiert sehen, die sie kaum noch ertragen, von denn sie sich nichts sehnlicher Wünschen, als das die Öffentlichkeit, am besten die Weltöffentlichkeit von ihnen erfährt. Das Comeback des schlechten Gewissens, die asymmertrische Macht des Einzelnen, als Korrektiv bestimmter Degenerationen und Defekte demokratischer Gesellschaften.

Das ideale Werkzeug der vernetzten Gesellschaft für diese Zwecke ist eine Whistleblowerplattform im Internet. Größtmögliche Anonymität, prominente Medienpartner Veröffentlichung und sorgfältige redaktionelle Aufbereitung der Unterlagen. Eine perfekte Strategie. WikiLeaks wird in kurzer Zeit zum Prototypen dieses publizistischen Werkzeugs neuer Art. Aber der Absturz folgt. Umgehend.

Und es geht bei diesem Absturz nur am Rande um die kritische Einordnung der vermeintlichen sexuellen Praktiken Julian Assanges, der Führungsfigur von WikiLeaks. Es geht um die technische Integrität eines publizistischen Angebots, dessen Nutzung Whistleblower in existentielle Gefahr bringen kann. Es geht um die politische Nüchternheit und strategische Klarheit der Entscheider, die ihre Kompetenzen und Kenntnisse im Sinne ihrer Aufgabe einsetzen sollten. Es geht um Reputation und Glaubwürdigkeit, diese wohl kostbarste Währung der Publizistik im Netzzeitalter. Kurz gesagt: Es geht um Reife und Professionalität.

Mit Blick auf diese Faktoren sind die letzten Tage die letzten Belege für den (vorläufigen) Untergang eines grandiosen Konzepts. Wer das Logbuch des Niedergangs liest, fühlt sich an eine unheimlich anmutende Mischung aus Shakespeare, Dallas und Denver-Clan erinnert. Wenige Auszüge und Schlaglichter genügen, um zu sehen, dass dieser Bewegung kein Whistlebower in einem Ministerium, einem Weltkonzern oder einer global agierenden Bank mehr trauen wird.

Dienstag. 30. August. Früher Abend, New York Ortszeit. Nichts geht mehr. Es ist nur ein temporäres Problem. Aber es ist symptomatisch. Und selbstverschuldet. Die Netzseite der Whistleblower-Organisation WikiLeaks ist down. Nach dem tausende Depeschen unredigiert veröffentlicht wurden, sieht sich die Seite massiven Cyberattacken ausgesetzt.

Freitag letzter Woche. Eine geheimnisumwitterte CD soll seit einiger Zeit im Netz zirkulieren. Cables.csv ist ihr entwaffnent schlichter Titel. Sie ist zwar verschlüsselt. Aber das Passwort soll ebenfalls im Netz zu finden sein, berichtet die Wochenzeitung Der Freitag. WikiLeaks reagiert mit Anschuldigungen Richtung Domscheit-berg. Kurze Zeit später aber publiziert die Leaking-Plattform tausende unbearbeitete Depeschen. Die CD könnte das von Domscheit-Berg mehrfach angesprochene Sicherheitsleck bei WikiLeaks belegen.

Montag, 21. August. Der WikiLeaks-Dissident gibt die endgültige Löschung zahlreicher Datensätze von WikiLeaks bekannt, die er aus Sicherheitsbedenken bei seinem Ausscheiden an sich genommen hatte.

Mittwoch, 31. August. WikiLeaks geht per Anwalt gegen OpenLeaks-Gründer Domscheit-Berg vor und legt ihm zum wiederholten Male “ein gesteigertes Maß an Niedertracht vor”. Unter anderem soll er der Wochenzeitung Der Freitag die Daten auf der omniösen Cables.csv CD zugänglich gemacht haben.

Vorangegangen sind diesen letzten Indizien für eine Agonie der ehedem noch strahlenden Leaking-Bewegung eine Reihen von Konflikten, Dramen und Ablenkungsmanövern, die sich mit allem beschäftigen, zerbrochenen Freundschaften, wettstreitende Alphatiere, Verschwörungstheorien finsterster Sorte, aber nicht mit der adäquaten Pflege der Leaking-Bewegung, dem angemessenen Umgang mit geleakten Dokumenten und ihrer entsprechenden Vermittlung an die Öffentlichkeit.

Vielleicht ist dieser Untergang der WikiLeaks-Idee kein rasanter Absturz, vielleicht ist es eher eine Agonie. Unter dem Strich aber spielt die Art des Siechtums keine Rolle. Unter dem Strich bleibt der Ruin einer anspruchsvollen Idee. Eine innovative Strömung hat sich selbst zu Grunde gerichtet. Historisch betrachtet ist das keine Neuigkeit. Schon immer fielen politische Erneuerer durch Streit, Spaltung und Egomanien auf. Da stellen Julian Assange und Domscheit-Berg keine Einzelfälle dar.

Für die Gegenwart und die nähere Zukunft jedoch ist dieser Untergang ein herber Verlust. Es wird Jahre dauern, bis Whistleblower wieder Vertrauen zum Konzept der anonymen Abgabe brisanter Materialien haben werden.  Und es bleibt abzuwarten, ob die erfolgreichen Leaking-Schnittstellen zwischen Öffentlichkeit und Whistleblower dann wieder auf oder zumindest wenigen Plattformen konzentriert sein werden oder ob sich die Prognosen aus dem Winter 2010 bewahrheiten, dass derartige Angebote zukünftig zum technischen Repertoire jedes größeren journalistischen Angebots im Netz sind. Pilotprojekte gibt es bereits viele. Hoffen wir, dass einige von Ihnen die momentane Krise der Leaking-Idee als Chance nutzen können.

Wie man aus Versehen zum Märtyrer wird

Von 15. Juli 2011 um 00:03 Uhr

Helden sind bekanntermaßen eine eher schwierige Gruppierung. Sie leiden an massiven Profilneurose und seit der französischen Revolution, aber spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts, sind sie moralisch sowieso diskreditiert. Versorgte uns die Geschichte des Altertums noch mit halbwegs brauchbaren Heldenfiguren wie Herkules, Iphikles oder David, wird das Thema Helden spätestens im 20. Jahrhundert dann eher unappetitlich. Den Heldentoten der Weltkriege folgen die Helden der Arbeit. Später geistern die Che Guevaras, Hồ Chí Minhs und Maos durch die Jugendzimmer. Neben diesem Panoptikum des Grauens wirken Operettenfiguren wie Superman oder Batman fast schon sympathisch.

Ein ganz anderer Held passt in keiner Weise in diese Muster historisch-theologischer Überhöhung, politischer Verklärung oder comichafter Überzeichnung. Dennoch muss man ihn thematisieren, will man aktuell überhaupt noch über Begriffe wie Held oder Märtyrer nachdenken. Zwar ist mittlerweile fast alles über ihn schon geschrieben, ist sein Fall ebensso offenkundig, wie sein vermeintlicher Heldenstatus.  Aber trotzdem sorgt jede nähere Betrachtung weiterhin für Irritationen. Es geht um den mutmaßlich ungewöhnlichsten Held der Gegenwart: Bradley Manning. Diesen einen Obergefreiten der US-Armee, der als einziger von vielen tausend Befugten erkannte (oder handelte er naiv?), dass ihm durch schlichtes Kopieren von Datensätzen, eine Art Revolution light möglich würde. Zwar beinhalteten die mutmaßlich durch Manning kopierten Datensätze nichts anderes als das, was der US-amerikanische Militär- und Botschaftsapparat tagtäglich kommunizierte, ohne größtmögliche Geheimhaltungsstufen zu praktizieren, dennoch war ihre plötzlich Veröffentlichung durch WikiLeaks eine Sensation.
Eigentlich aber war nichts von dem, was im Zuge dessen bekannt wurde, eine Sensation. Alles war längst in der Diskussion. Eine Sensation war es dagegen aber, dass die kursierenden Debatten derartig leicht Belege erhielten: für die Schmutzigkeit der Kriege im Irak und in Afghanistan, für den Spott und den Hochmut der Botschafter, den staatlich sanktionierten Wirtschaftsprotektionismus etc. pp.
Eine noch viel dramatischere Sensation aber ist es, dass es nur diesen einen Obergefreiten gab, der auf die Idee kam, mit einem eher unterkomplexen Akt wie dem einfachen Kopieren von Daten politisch aktiv zu werden. Was dachten die anderen zehn-, fünfzig oder hunderttausend Befugten all die Jahre über?
Was ihm, diesem Märtyrer wider Willen, in den nächsten Jahren drohen wird, ist noch offen. Das Verfahren läuft. Die Drohgebärden der verletzten Nation USA deuten aber nicht gerade darauf hin, dass es irgendeine Form der Milde geben wird. Auch das ist am Ende eine bittere Sensation. Dieses große Land, diese mächtige Nation stürzt sich auf Figuren wie Bradley Manning oder Julian Assange, um die Wut über das eigene Unvermögen zu kompensieren.
Kein Wunder, dass einige unverzagte amerikanische Medien unermüdlich versuchen, mit neuen Texten und Publikationen der Figur Bradley Manning auf die Spur zu kommen. Das WIRED-Magazin hat beispielsweise gerade den kompletten Chat zwischen Manning und dem Ex-Hacker Adrian Lamo veröffentlicht. Nach langem Zögern. Denn es legt auch das Privatleben eines Verletzbaren frei. Denn anders als im Leben konventioneller Helden von der Stange ist die Existenz des Bradley M. kein reines Vergnügen gewesen. Es ist übrigens jener Chat, der Manning zum Verhängnis wurde und auf dem vieles fußt, das vor Gericht als Beweis der Anklage dienen soll. Aber auch der New Yorker portraitierte vor einigen Tagen eine der traurigsten Helden der Gegenwart. Es geht um die Einsamkeit von Bradley Manning’s Army of One. Ganz nebenbei stellt übrigens auch Glenn Greenwald auf Salon.com eine hervorragende Analyse zur Verfügung.

Watch the full episode. See more FRONTLINE.

Am Ende ist es immer simpel über die große Ungerechtigkeiten dieser Welt zu schwadronieren. Dennoch sind weiterhin massive Zweifel an der Vorgehensweise der USA angebracht. Wenn ein elender Obergefreiter den Druck einer ganzen gedemütigten Nation ertragen muss, während andere, wie zum Beispiel die Piloten des berühmt-berüchtigten Hubschraubereinsatzes im Irak auf freiem Fuß sind, muss man von asymmertrischer Rache sprechen. Stichwort Collateral Murder. Auch dieses Video soll Manning an WikiLeaks lanciert haben. Sonst keiner der vielen Tausend, die Zugriff hatten.

Bescheidenheit ist eine Zier…

Von 5. Juli 2011 um 19:13 Uhr

…aber es geht auch ohne ihr. Dieses elegante Sprichwort kommt einem in den Sinn, wenn man das neue WikiLeaks-Werbevideo sieht. Es stellt mit allen Mitteln der smarten Reklamekunst Zahlen zusammen, die die aktuelle Situation bei WikiLeaks und insbesondere bei Julian Assange beschreiben. Da geht es um sichere Telefone, Server, die weltweit verteilt sind, die Kosten der laufenden Gerichtsverfahren und die entgangenen 15 Millionen Spenden-Dollar.

Bekanntermaßen hatten die beiden weltgrößten Kreditkartenunternehmen auf Druck der US-Regierung im letzten Herbst die Weiterleitung von Spenden an WikiLeaks unterbrochen. Den dadurch entstandenen Verlust beziffern die WikiLeaks-Macher in dem Werbespot auf 15 Millionen Dollar. Ganz offenbar handelt es sich also bei Haltung und Handlung der Kreditkartenunterhemen um eine Schweinerei. Da überrascht es nicht, dass die Leaking-Organisation gegen die “unrechtmäßige Finanzblockade” klagen will. Was dagegen überrascht, ist die Pointe des Werbespots. In aller Bescheidenheit nimmt WikiLeaks für sich in Anspruch, der entscheidende Impulsgeber der arabischen Revolutionen gewesen zu sein. Die Verdienste der WikiLeaks-Veröffentlichungen im Zusammenhang mit den Umbrüchen insbesondere in Tunesien und Ägypten sind zwar offensichtlich.  Jedoch die Rolle des Impulsgebers zu beanspruchen ist einfach überflüssig, zeugt von Hybris und nimmt dem Werbespot die entscheidende Wirkung.

Kurz und klein (9): Pakistan-Cables und Whistleblowerausstellung

Von 24. Mai 2011 um 23:17 Uhr

+++Pakistan-Cables+++

Die in Pakistan erscheinende englischsprachige Zeitung Dawn gehört neuerdings zu den weltweiten Medienpartnern der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Nachdem das Blatt kürzlich 4000 us-amerikanische Botschaftsberichte erhalten hatte, berichtete es umgehend über die äußerst umstrittene Rolle des amerikanischen Militärs in Pakistan. Die Meldungen gingen nach der Tötung Bin Ladens natürlich schnell um den Globus. Weniger Reaktionen erhielt eine weitere nicht minder interessante Veröffentlichung. Wie die NZZ berichtet, zeigen weitere US-Depeschen, dass radikal-islamische Schulen in Pakistan jährlich 100 Millionen Dollar erhalten. Das Geld stammt aus Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Für Nachwuchs wird also gesorgt. Und die US-Regierung wäre gut beraten, ihre guten Beziehungen zu der autokratischen Monarchie des vermeintlich Verbündeten Saudi Arabien endlich neu zu organisieren.

+++Whistleblowerausstellung+++

Im Berliner Kunsthaus Tacheles wurde vor wenigen Tagen eine Ausstellung zum Thema Whistleblowing eröffnet. Ausstellungsmacher,  Johannes Ludwig vom Dokumentationszentrum Ans Tageslicht, stellt allem fotografische Portraits der Menschen, also die Whistleblower, in den Mittelpunkt. Wie das Whistelblowing-Netzwerk berichtet, betonte Ludwig bei der Eröffnung vor allem

… die Bedeutung von Whistleblowing für eine demokratische Gesellschaft und die Aufdeckung von Missständen. Die Ausstellung zeigt anhand von mittlerweile bereits 23 Fällen Frauen und Männern, die sich um unsere Gesellschaft verdient gemacht haben. Dabei wird ein breites Spektrum unterschiedlicher Branchen und aufgezeigten Missständen geboten. Von der Altenpflegerin bis zu einem ehemaligen Landesminister. Von der Investmentbankerin und dem Wissenschaftler über einen LKW-Fahrer bis hin zu mehreren Steuerfahndern. Sie alle haben hingeschaut, wo andere wegschauten, den Mund aufgemacht, wo andere schwiegen. Alle eindrücklich ins Bild gesetzt durch einfühlsame Portraits des Berliner Fotografen Petrov Ahner.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Mai und ist täglich von 16 Uhr bis 20 Uhr geöffnet und wurde in Zusammenarbeit mit dem deutschen Whistleblower Netzwerk e.V. realisiert.

Existenzängste, Kasernenhöfe und die Stasiakte von Angela Merkel

Von 21. April 2011 um 13:34 Uhr

Der Streit war spektakulär. Daniel Domscheit-Berg, die mutmaßliche Nummer 2 bei WikiLeaks, brach Ende letzten Jahres öffentlich mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange.
Was folgte, war die Ankündigung einer neuen Leakingplattform: OpenLeaks.org. Die Ankündigung ist mittlerweile alt geworden. Aber OpenLeaks.org ist im Netz bisher nicht mehr als eine schlichte digitale Visitenkarte. Ein Interview mit Daniel Domscheit-Berg über die Schwierigkeiten beim Neustart, die Psyche von Julian Assange, persönliche Exitenzängste und die Stasiakte von Angela Merkel.

Leaks-Blog:
Ihr Buch trägt den Untertitel „Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt”. Was waren denn die Momente der Angst?

Daniel Domscheit-Berg:
Dieser Untertitel ist eigentlich ein Wortspiel, weil er auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Ist eine offene Frage, die ich stelle. Für wen ist das eigentlich die gefährlichste Website der Welt? Für die, die exponiert werden? Für die die beteiligt sind oder vielleicht auch die, die Materialien dort abgeben?
Ich persönlich hatte nicht viele Momente, in denen ich mich bedroht gefühlt habe. Und die Bedrohung kam dann, wenn überhaupt, aus den eigenen Reihen. Da habe ich mich natürlich schon gefragt, auf was habe ich mich hier eingelassen?

LB:
Wie sah eine solche Bedrohungen aus den eigenen Reihen aus?

DDB:
Die beginnt damit, dass man in dem Moment, in dem man vermeintlich aus der Spur schießt, mit der Polizei bedroht wird. Was natürlich keine besonders vertrauensvolle Grundlage für eine Zusammenarbeit ist.

LB:
Was heißt denn aus der Spur schießen? Gab es bei WikiLeaks etwa ein Kasernenhofreglement, das vorsah, wann wer was wie zu tun hatte?

DDB:
Es gab von Julian Assange aus zumindest eine sehr klar definierte Hackordnung, die sich danach richtet, wer wem überlegen ist. Und er ist da an der Spitze. Weil er erfahrener ist als alle anderen und intelligenter. Und er fühlt sich aus diesen Gründen auch immun gegenüber der Kritik anderer. Ist natürlich keine gute Basis. Das ist dann irgendwas zwischen Kasernenhof und Sekte.

LB:
Wie fällt, in aller Kürze, aus Ihrer Sicht, die Charakterisierung von Julian Assange aus?

DDB:
In aller Kürze: Er ist ein Mensch der Extreme. Extrem positive Eigenschaften. Hochintelligent, einer sehr systemischer Denker. Auf der anderen Seite hat er Extreme Schwächen. Zum Beispiel was das Zwischenmenschliche betrifft.

LB:
Viele werfen Ihnen vor, Sie seien nur neidisch auf den enormen Erfolg von Julian Assange.

DDB:
Ich bin eigentlich froh, wenn ich nicht so oft in den Medien präsent bin. Es lässt sich nicht vermeiden, da das was wir tun, eine Relevanz für die Medien hat. Aber ich kann mit tausend andere Dinge vorstellen, die wichtiger sind.

LB:
WikiLeaks ist zwar noch in allen Medien präsent, aber es passiert ziemlich wenig. Zumindest was neue Leaks angeht. Rechnen Sie mit einem Comeback von WikiLeaks?

DDB:
Tja, das ist eine schwierige Frage. Es scheint momentan ziemlich viel um Ankündigungen zu gehen. Es gibt ja viele Drohungen, die ausgesprochen werden. Gegenüber amerikanischen Banken oder dem Murdoch Empire. Aber es passiert halt nichts. Warum nichts passiert, weiß ich nicht. Ich habe zu niemandem mehr Kontakt. Aber ich glaube, man hat sich mit den letzten Veröffentlichungen etwas übernommen. Die Frage ist, was kann da noch kommen? Nach Weltrekorden und so viel Aufmerksamkeit. Interessiert sich da eigentlich noch jemand für die kleinen Geschichten?

LB:
Jetzt haben Sie ja auch bereits vor Monaten den Start von OpenLeaks in Aussicht gestellt. Zwischenzeitlich wurden ja sogar die Screens ihrer Seite geleakt. Auch da passiert nichts.

DDB:
Ich bin manchmal wohl etwas zu optimistisch und habe Dinge in Aussicht gestellt, die wir so nicht halten konnten. Uns ist es wichtig, die Dinge richtig zu machen. Und gerade wenn man einen neuen Ansatz verfolgt, ist es nicht so einfach die Dinge richtig zu machen. Der neue Ansatz ist nicht ganz so trivial umzusetzen. Das braucht einfach Zeit. Es passiert viel. Vor allem im Hintergrund. Auch wenn man das nicht sieht. Ich hoffe, dass jetzt auch in den nächsten Wochen dazu was sichtbar wird. Wir sind dran!

LB:
OpenLeaks hat kein konventionelles Geschäftsmodell. Die Leaks sollen nicht monetarisiert werden. Da fragt man sich, wie soll sich das tragen? Wie trägt es sich aktuell. Bei so einer langen Entwicklungsphase. Wovon leben Sie?

DDB:
Es ist so, wie es auch jahrelang bei WikiLeaks war. Momentan wird alles aus unseren privaten Taschen finanziert. Es gab über den Spendendienst flattr 600 Euro, es gab 1500 Euro in Form von Geldspenden. Aber das ist natürlich nicht besonders viel Geld.

LB:
Wie groß ist denn das Team von OpenLeaks momentan?

DDB:
Wir sind fünf, sechs Leute, die momentan quasi Vollzeit daran arbeiten. Und insgesamt sind wir 12 oder 13.

LB:
Haben Sie da keine Existenzängste? Da investieren Sie über Monate Arbeit in ein Projekt, das nicht einmal ein Geschäftsmodell hat? Wie machen Sie das? Was sagt denn da eigentlich Ihre Familie?

DDB:
Wir haben ein Geschäftsmodell. Wir haben eine Idee, wie das alles finanziert werden soll. Die Partner werden ja auch dazu angehalten, unsere operativen Kosten zu senken. Damit kommt es zu weniger Kosten, für die ich jetzt ein Risiko eingehen müsste. Uns geht es zum Beispiel um Serverkapazitäten die Sie als Partner bereitstellen müssten, wenn Sie mitmachen wollten.

LB:
Und was ist mit den Existenzängsten?

DDB:
Nein, habe ich eigentlich nicht. Ich habe schon immer ohne große Sicherheiten geplant. Ich habe immer versucht, das zu machen, von dem ich überzeugt war, dass es richtig ist. Auch wenn das immer ein gewisses Risiko mit sich bringt. Und bei dem, was wir momentan aufbauen, habe ich wesentlich weniger Bedenken, als ich bei WikiLeaks hatte. Wir haben einen ganz klaren Plan. Ich bin sicher, dass das funktioniert. Da habe ich keine Existenzängste. Ganz im Gegenteil.

LB:
Ihre Familie macht da auch einfach mit?

DDB:
Auch meine Familie steht voll hinter mir. Meine Frau hat mich lange gestützt. Da habe ich das Glück, dass sie alle voll hinter mir stehen.

LB:
Zum Schluss ein Blick nach vorn. Es kommen immer mehr Leakingportale auf. Ist das für Sie Konkurrenz oder sagen Sie, ja das genau ist es. Es braucht mehr Portale die ins Lokale, Regionale gehen oder sich thematisch spezialisieren?

DDB:
Wir müssen möglichst viele Lösungen entwickeln. Es ist wie so oft, wir brauchen Vielfalt.

LB:
Gibt es eigentlich irgendein Geheimnis, dass Sie unbedingt mal lüften wollen?

DDB:
Da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte.

LB:
Drei reichen.

DDB:
Es gibt extrem viel. Gerade was die Umweltthemen angeht. Hier bedarf es extremer Transparenz. Gerade was die wirtschaftlichen Zahlen angeht.
Es gibt ganz profane Dinge, wie zum Beispiel die Stasiakte von Frau Merkel. Ich bin davon überzeugt, dass sie öffentlich sein sollte. Das widerspricht sich. Wir schenken dieser Person viel Vertrauen, aber wissen nichts über diesen Teil ihrer Vergangenheit.

Die Allesfresser

Von 19. April 2011 um 22:19 Uhr

Dass sie skrupulös sind, kann man ihnen nicht vorwerfen. Beim besten Willen nicht. Die Macher des amerikanischen Fernsehphänomens Fox-News nutzen alles, was ihnen und ihrer Mission hilft. Und diese Mission kennt nur ein Ziel. Den Angriff auf die liberale Regierung. Frontal, tendenziös, brutal, ehrlich. Hierzulande gibt es noch keinen Begriff, für diese Art des Informationstransports. Dort nennt man es Nachrichten. Und Fox-News nennt sich Nachrichtenkanal. Ganz ungeniert. Andere sprechen allerdings eher von der dunklen Seite der Comedy.


Im aktuellen Fall geht es um gerade veröffentlichten US-Depeschen der Botschaft in Damaskus. Wie die Washington Post berichtete, wurden ihr von WikiLeaks Botschaftsdepeschen aus Syrien zugespielt, die klar belegen, dass die US-Regierung seit Jahren Oppositionsgruppen in Syrien unterstützt. Das Groteske an dem Vorgang ist nun nicht, dass die US-Regierung die Versuche leugnet, auf diesem Weg die syrische Regierung stürzen zu wollen. Das Groteske ist, dass der vermeintliche Nachrichtensender Fox-News WikiLeaks zum Kronzeugen gegen die Regierung macht. Jenes Portal namens WikiLeaks, dessen Gründer man vor Kurzem noch zum Teufel, oder genauer gesagt zum Henker jagen wollte.

P.S.: Man weiß übrigens nicht ob es Ironie, Sarkasmus oder Naivität ist, aber WikiLeaks selbst macht das Ganze via Twitter auch noch zur eigenen Angelegenheit

Kurz und klein (8): Nebenkläger, Nebeneinkünfte, Nebenberufe

Von 5. April 2011 um 06:19 Uhr

+++Nebenkläger+++

In der Wunde wird weiter gewühlt. Die USA kommen nicht zur Ruhe. Vor wenigen Tagen erst hatte ein früherer Sprecher des US-Außenministeriums im britischen Guardian kopfschüttelnd kommentiert, der Umgang der USA mit dem vermutlichen Whistleblower Bradley Manning schade dem Ansehen Amerikas massiv.

Jetzt veröffentlichte die New York Book Review einen offenen Brief an die US-Regierung, den über 250 Intellektuelle in kürzester Zeit unterzeichneten. Ihr Plädoyer ist eindeutig. Die Haftbedingungen Mannings, der in strengster Isolationshaft auf seinen Prozess wartet, sind unmenschlich und schaden den USA (Siehe auch Asymmetrische Rache über die schweren Irrtümer der USA im Fall Manning).

+++Nebeneinkünfte+++

Der Weltgeist ist gerade in Nordafrika unterwegs. Ägypten und Tunesien dominierten zu Beginn des Jahres den Nachrichtenfluss (siehe auch Das Drehbuch der Revolution über die Bedeutung der Depeschen für die arabischen Revolutionen). Vor Wochen folgten dann der öffentliche Irrsinn Gadhafis, gepaart mit seiner brutalen Rücksichtslosigkeit beim Versuch der Niederschlagung der Revolution im eigenen Land. Jetzt ist es der Krieg westlicher Flugzeuge und libyscher Freiheitskämpfer gegen den Despoten.

Für Länder südlich des Maghrebs ist es da alles andere als leicht, das Interesse des Weltgeists zu wecken. Dabei sind die Vorgänge skandalös. In Nigeria, Afrikas bevölkerungsreichstem Land, wurden die am Wochenende geplanten Wahlen kurzfristig um wenige Tage verschoben. Als Grund wurden Lieferschwierigkeiten der Druckerei für Wahlerfassungsbögen benannt. Das WikiLeaks-News-Portal WL Central und die nigerianische Infoseite NEXT gehen auf Grundlage zahlreicher US-Depeschen, die WikiLeaks veröffentlicht hatte, jedoch eher davon aus, dass Verzögerungen bei den Manipulationsvorbereitungen Grund der Verschiebung waren. Denn aus den Depeschen geht eines hervor, anstelle des Wohles ihres Landes sehen zahlreiche nigerianische Politiker vor allem ihre eigenen Nebeneinkünfte an erster Stelle. Und die stammen in großen Umfängen aus der grassierenden Korruption.

+++Nebenberufe+++

Es gibt etliche Nebenberufe. Manche sind Teilzeitlandwirte, andere gehen abends putzen oder kellnern bis drei Uhr früh in einer schäbigen Bar, um die Familie durchzubringen. Bei Julian Assange wird man das Gefühl nicht los, dass er im Nebenberuf Interviewter ist. Die Zahl der Interviews jedenfalls ist mittlerweile astronomisch. Ein Exklusivinterview jagt das nächste. Der indische TV-Sender NDTV, das norwegische Aftonbladet, die italienische L’Espresso und jetzt auch noch das ZDF-Magazin aspekte. Assange würde wohl argumentieren, dass er sich nur in den Dienst der Sache stellt. Bleibt nur zu hoffen, dass es die Sache noch gibt. Und es nicht mehr ausschließlich um die Vermarktung der Person Julian Assange geht.

Im Aspekte-Interview jedenfalls äußerte sich Assange vor einigen Tagen vor allem zu einem wiederaufgelegten Buch, an dessen Entstehung er mitwirkte: Underground – Die Geschichte der frühen Hackerelite. Es geht um die Hackerszene der 1980er und frühen 1990er Jahre. Spannend ist es allemal. In der Süddeutschen Zeitung gibt es dazu noch ein Interview mit der Autorin Suelette Dreyfuss.

Asymmetrische Rache

Von 25. März 2011 um 15:23 Uhr

Gewaltige Wut. Tief sitzende Frustration. Anders ist die Heftigkeit nicht zu erklären. Nachdem WikiLeaks-Gründer Julian Assange juristisch nicht zu fassen war, richtete sich das Bedürfnis nach Vergeltung offenbar ausschließlich auf den mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten. Anders sind die Eskalationen der US-Justiz und die wiederholten Verschärfungen der Haftbedingungen des ehemaligen Army-Gefreiten Bradley Manning nicht zu erklären.

Fast schon verzweifelt richtete Amnesty International gestern einen offenen Brief an US-Präsident Obama, um auf die untragbaren Zustände hinzuweisen. Die britische BBC stellt in einem langen Feature hartnäckig die Frage, ob Manning nicht schon längst vor Beginn des Prozesses vielfach bestraft ist.

Es scheint ganz so, als hätte sich die Weltmacht USA in Afghanistan und im Irak in asymmertrischen Kriegen verfangen und übertrage jetzt das Prinzip des Asymmetrie auf die eigene Strafverfolgung. In Guantanamo sitzen entrechtete Kombattanten und im Hochsicherheitstrakt eines Militärgefängnisses in Virginia sitzt der vermeintliche Whistleblower Manning. Er ist es, der als menschlicher Blitzableiter die aufgestauten Energien jetzt absorbieren muss. Etwas viel Asymmetrie für einen Rechtsstaat.

WikiLeaks sorgt weiterhin weltweit für Wirbel – das Beispiel Indien

Von 23. März 2011 um 10:46 Uhr

Es sind noch lange keine zehn Prozent. Es sind mittlerweile vielleicht drei oder vier Prozent. Mehr nicht. Aber die Wirkung ist immer noch enorm. Weltweit. Auch wenn bisher erst ein Bruchteil der WikiLeaks vorliegenden US-Botschaftsdepeschen veröffentlicht worden ist. Die Ausläufer der politischen Beben sind mittlerweile jedoch auf allen Kontinenten spürbar. Über die arabischen Erschütterungen berichteten wir hier bereits mehrfach. Auch Lateinamerika war schon im Fokus. Europa sowieso.  Aber auch in Indien sorgen neue Depeschen momentan für heftige politische Debatten.

Unter anderem geht es um schwere Korrruptionsvorwürfe gegen die regierende Kongresspartei von Ministerpräsident Singh. Im Raum steht der Vorwurf, dass Stimmen für eine Parlamentsabstimmung gekauft wurden, um einen Ausbau der Technologiepartnerschaft zwischen Indien und den USA voranzutreiben. Im Zentrum der Partnerschaft steht die Atomenergie, die Singh als eine der zentralen Komponenten der zukünftigen indischen Stromversorgung sieht. Mit Blick auf die Ereignisse in Japan muss man natürlich von einem idealen Zeitpunkt der Veröffentlichung sprechen. Gerade für Singh.

In einem Interview mit der indische Zeitung “The Hindu” nahm auch WikiLeaks-Gründer Assange umfangreich zu den India-Cables Stellung und stellte klar, dass die Depeschen echt sind. Die indische Regierung hatte zwischenzeitlich versucht, die Glaubwürdigkeit der Depeschen in Abrede zu stellen. In einem Interview mit dem indischen TV-Sender NDTV äußerte sich Assange ebenfalls ausführlich und kritisierte unter anderem die aggressive Vermarktungsstrategie des State Department für US-Firmen weltweit.

Dem Yemen droht die Eiserne Faust

Von 22. März 2011 um 13:36 Uhr

Tunesien, Ägypten, Libyen und jetzt der Yemen. Nordafrika ist im Umbruch, aber der Weg zu den geforderten Freiheitsrechten ist mehr als steinig. Während Tunesien Fortschritte auf dem Weg Richtung Demokratie macht, kommt es in Ägypten wenige Wochen nach dem Sturz Mubaraks schon zu heftigen Auseinandersetzungen um die geplante Verfassung und in Libyen hetzt ein grotesker Despot das Militär auf die eigene Bevölkerung.

Auch im Yemen scheinen die Tage des autokratisch regierenden Präsidenten Saleh gezählt. Die Armee stellt sich gegen den Präsidenten. Ein mächtiger General betreibt die Ablösung des verhassten Führers. Nur leider droht mit diesem General ein Nachfolger, dem man keinem Volk der Welt wünscht. WikiLeaks-Depeschen aus dem Jahr 2005, die gerade vom britischen Guardian veröffentlicht wurden, charakterisieren einen korrupten Militär mit großer Affinität zum politisch radikalen Islam. Sein Name Ali Mohsen al-Ahmar, genannt die Eiserne Faust.

Kategorien: Cablegate, Depeschen, Wikileaks