Netzfilmblog

Es geht auch ohne Fernsehen

Wann ist ein Vine kreativ?

Von 17. Dezember 2014 um 14:11 Uhr
Zach King ist einer der kreativsten Vine-Nutzer

Zach King ist einer der kreativsten Vine-Nutzer (© Zach King)

Im Januar ist es zwei Jahre her, als Twitter seinen Kurzvideodienst Vine vorstellte. Waren viele Beobachter anfangs noch skeptisch über Sinn und Nutzen des Dienstes, hat sich längst eine eigenständige Vine-Szene gebildet. Die mischt nicht nur die Sportberichterstattung auf, sondern hat auch die ersten Stars hervorgebracht hat und bildet inzwischen auf immer mehr Filmfestivals eine eigene Kategorie. Sechs Sekunden reichen also, wenn man die richtige Persönlichkeit, den Witz und die nötige Kreativität an den Tag legt.

Aber wie definiert man eigentlich die Kreativität von Kurzvideos? Was macht den Erfolg eines Vines aus? Das wollten Wissenschaftler von Yahoo Labs in Spanien, der Unversität von Turin und der Universität Pompeau Fabra in Barcelona herausfinden – und zwar mithilfe eines Algorithmus. Klar, denn schließlich bestimmen Algorithmen nicht nur unseren Alltag, sie werden auch immer besser darin, Videos und Bilder auf Inhalte hin zu analysieren. Das Stichwort heißt Deep Learning.

Ganz so komplex wie die Experimente der großen Technologiefirmen ist die Studie mit dem Titel 6 Seconds of Sound and Vision: Creativity in Micro-Videos natürlich nicht. Zunächst war nämlich Handarbeit angesagt. Oder eher Bildschirmarbeit: Eine Sammlung aus knapp 4.000 zufällig ausgewählten Vines wurde händisch ausgewertet. Mithilfe einer Crowdsourcing-Plattform bestimmten die Forscher die Videos anhand von Kritieren wie Emotionen, Überraschungsmomenten oder Filmtechnik. Am Ende hatten sie etwa 1.000 Vines, die ihrer Ansicht nach als “kreativ” galten.

Der Rezept für erfolgreiche Vines: Warme Farben und leise Töne

Diese wurden anschließend weiter analysiert hinsichtlich ihrer Ästhetik und Neuheit. Für erstes wurde gemessen, wie viele Frames die Videos enthielten, wie sehr die Kamera wackelte, ob die Drittel-Regel beachtet wird, wie die Lautstärke verteilt ist und die Farben gewählt sind. Für den zweiten Punkt verglichen sie die erwähnten Kriterien mit anderen Vines: Je größer die Unterschiede waren, desto origineller sind sie. So die Annahme der Forscher.

Die Beobachtungen wurden anschließend in mathematische Formeln, also den eigentlich Algorithmus, umgewandelt, damit sie automatisch angewandt werden können. Für den Test des Modells kamen wieder die als kreativ getaggten Clips zum Zuge. Und siehe da: Unter den besten Voraussetzungen konnte das das Modell mit einer 80-prozentigen Trefferquote erkennen, ob ein Vine kreativ ist oder nicht.

Besonders erfolgreich waren nach Angaben der Forscher jene Videos, die mit hellen, warmen Farben, einem gleichmäßigen, dezenten Sound, wenigen Wacklern und positiven Emotionen daherkamen. Ist diese Erkenntnis nun wirklich überraschend oder bahnbrechend? Wohl kaum, bestätigt sie doch nur, dass die allgemeine Auffassung von Ästhetik auch für Sechs-Sekunden-Clips gilt. Auch sagt die Studie nicht aus, ob denn die vermeintlich kreativen Vines nun erfolgreicher sind als andere.

Schöner als Motherboard kann man die Sache deshalb nicht zusammenfassen: “This is a ludicrous amount of work to judge the kinds of internet videos I watch at 3 am while ripping bowls like Carl Sagan gazing into the cosmos.” Oder um es mit einem Vine zu sagen: Yeah, science!

Kategorien: Technik

“The Landing”: Jeder braucht einen Feind

Von um 09:09 Uhr

Gute Kurzfilme überraschen, sei es durch ihre Story oder Umsetzung. Im Fall von letzterem ist The Landing von Josh Tanner fast schon klassisch: Ein Landhaus im Mittleren Westen der USA der Sechziger Jahre, eine Scheune und Getreidefelder bis zum Horizont, alles wunderbar in Szene gesetzt und gefilmt. Doch es ist die Story, die den Zuschauer so unerwartet trifft wie der mysteriöse Flugobjekt, das eines Abends in den Feldern abstürzt und den alleinerziehenden Farmer und seinen jungen Sohn überrascht.

Trotz seiner knapp 17 Minuten beweist The Landing ein nahezu perfektes Erzähltempo. Angefangen von der behutsamen Einführung der beiden Hauptcharaktere und ihrer angespannten Beziehung entwickelt sich der Kurzfilm zu einem packenden Thriller, der die Zuschauer bewusst lange auf die Folter spannt und am Ende mit einer gänzlich unerwarteten Wendung um die Ecke kommt. Jedes weitere Wort würde in einem Spoiler enden, es sei deshalb nur so viel verraten: Nicht alles, was vom Himmel fällt, ist auch dein Feind.

Kategorien: Kurzfilm

“Marco Polo”: Willkommen im Mainstream

Von 15. Dezember 2014 um 15:29 Uhr
© Netflix

© Netflix

Eine fremde, mysteriöse Welt, ein Ränkespiel aus Familien, Königen und charismatischen Helden, ein bisschen Fantasy, etwas Martial-Arts, die eine oder andere Sexszene und ein internationales Ensemble vor spektakulären Kulissen: Nein, die Rede ist nicht von Game of Thrones, sondern von der neuen Netflix-Serie Marco Polo. Die Vergleiche hinken – und sind dennoch offensichtlich.

Schließlich ist Marco Polo die bis dato wohl eindeutigste Reaktion des Streamingportals auf den Kabelsender HBO. Dessen Game of Thrones ist eine der zurzeit erfolgreichsten Serien im Fernsehen, und Fantasy im historischen Gewand ist auch sonst angesagt bei den Zuschauern. Geschätzte 90 Millionen US-Dollar hat Netflix deshalb in Marco Polo investiert und das Action-Drama um den gleichnamigen italienischen Entdecker an internationalen Schauplätzen gedreht.

Als eine bombastische Serie wurde Marco Polo angekündigt. Als eine Serie, die es einmal mehr mit den Kinofilmen aufnehmen kann. Und als eine Serie, die Netflixs Ambitionen als Inhaltelieferant weiter stärken soll. In fünf Jahren wolle Netflix in den meisten Ländern verfügbar sein, sagte Programmchef Ted Sarandos erst vor wenigen Tagen, und dann möchte man bis zu 20 eigene Serien pro Jahr produzieren. Ambitionierte Pläne, aber der Erfolg gibt dem Unternehmen aus dem Silicon Valley Recht – bis jetzt.

Durchschnittliche Kritiken für Marco Polo

In diese Erfolgsgeschichte passt es nun scheinbar gar nicht, dass Marco Polo allem Bombast zufolge offenbar nicht zündet. Die Kritiken sind äußerst durchschnittlich. Als eine “bombastische Leere” bezeichnet Oliver Kaever die Serie auf ZEIT ONLINE, “nicht-so-episch episch” titelt der AV Club, TIME nennt es ein “irrsinniges Chaos”. Auf Metacritic hat die Serie aktuell einen Kritiker-Score von 47 von 100.

Solche Reaktionen kennt man nicht bei Netflix. Und das, obwohl längst nicht alle eigenproduzierten ein Hit waren: Lilyhammer, Hemlock Grove und auch die vierte Staffel des wiederbelebten Arrested Development waren alles andere als perfekt. Doch sie wurden eben nicht als Flaggschiff-Shows beworben, die Netflix neue Abonnenten rund um den Globus besorgen sollten. Und unter den Kritikerlieblingen House of Cards, Orange is the New Black und auch Bojack Horseman sind sie leicht zu vergessen.

Bei Marco Polo wird das aufgrund der riesigen PR-Kampagne und Kosten schwieriger. Doch hat Netflix mit der der Serie den ersten großen Flop gelandet?

Nicht unbedingt. Auch wenn die genauen Zahlen nur Netflix selbst kennt und wie ein Geheimnis behütet, dürfte die Serie genau die Lücke zu den massenkompatiblen Inhalten füllen, die Netflix bis dato fehlte. Denn eines man darf nicht vergessen: Trotz aller positiven Stimmen waren die Netflix-Serien keine Crossover-Hits. House of Cards etwa wurde im deutschen Free-TV aufgrund miserabler Quoten mit einem Marathon schnell wieder beendet.

Netflix sucht die Mainstream-Lücke

Für den internationalen Erfolg aber braucht Netflix nicht nur anspruchsvolle Dramaserien, sondern eben auch andere Inhalte. Mit Marco Polo kommt Netflix deshalb in Sachen Eigenproduktionen endgültig im Mainstream an. Es ist Bombastfernsehen auf dem Stand der Zeit, hochpoliert, erzähltechnisch altbekannt und mit einigen Schockmomenten versehen. Das muss den Kritikern nicht gefallen, solange es die Nutzer letztlich angucken. Und tatsächlich sind die Metacritic-Bewertungen der Nutzer weitaus besser als die der Kritiker.

Für die Konkurrenz von HBO, dem traditionellen Fernsehen und anderen On-Demand-Diensten wie Amazon dürfte Marco Polo am Ende sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht darstellen. Schlecht, weil Netflix das Geld hat, um solche Serien überhaupt erst zu produzieren und dies auch in Zukunft weiter tun wird. Gut, weil sich auch Netflix nicht darauf verlassen kann, mit jeder neuen Serie die Fernsehgeschichte neu zu erfinden.

Kategorien: Feature

Netzfilm der Woche: “Home Sweet Home”

Von 14. Dezember 2014 um 08:24 Uhr

Home-Sweet-Home

Mach’s gut, altes Haus! Den Spruch nahmen vier junge Animationsfilmer wörtlich und schufen den Kurzfilm Home Sweet Home. Pierre Clenet, Alejandro Diaz, Romain Mazevet und Stéphane Paccolat zeigen darin zwei Häuser, eines noch jung und farbenfroh, das andere alt und morsch, die es nach Jahren am gleichen Fleck in die Welt hinaustreibt.

Die Geschichte ist natürlich eine clever verpackte Hommage an die Freundschaft. Persönlichkeit drückt sich hier in Form von ächzenden Balken aus, durch quietschende Fensterläden und bröckelnde Farbe an der Fassade. Der Wunsch der beiden Protagonisten, in einer scheinbar menschenleeren Welt noch etwas anderes als die eigene Straße zu erleben, führt sie auf einen Roadtrip durch wunderbar gezeichnete Landschaften.

Überhaupt fällt neben der ungewöhnlichen Story bei Home Sweet Home sofort die Umsetzung auf. Mit vielen Details animiert, liebevollen Gags versehen und farbenfrohen Hintergründen ausgestattet, lässt vergessen, dass es sich bei dem Film tatsächlich um eine Studentenarbeit handelt. Home Sweet Home entstand im Jahr 2013 als Abschlussarbeit an der Supinfocom, der europaweit bekannten Hochschule für Computergrafik im französischen Arles.

Die Arbeit war erfolgreich: In diesem Sommer gewann Home Sweet Home den Preis für den besten animierten Kurzfilm auf der Siggraph-Konferenz. Dort begannen schon ganz andere Karrieren. Zum Beispiel die eines kleinen Animationsstudios namens Pixar.

Kategorien: Netzfilm der Woche

Kurzfilm: “Double Trouble”

Von 11. Dezember 2014 um 10:53 Uhr

Die gute alte Zeitmaschine. Macht immer nur Probleme. In Double Trouble von Andreas Climent und André Hedetoft möchte der Protagonist eigentlich nur die Zeit zurückdrehen, um seine Schüchternheit gegenüber der hübschen Frau im Café zu überwinden. Doch die mysteriöse Uhr hat eine Kehrseite: Immer wenn die Zeit zurückgestellt wird, erscheinen neuee Doppelgänger aus dem Paralleluniversum. Und die sind alles andere als freundlich.

Kategorien: Kurzfilm

Stop-Motion von PES: “Submarine Sandwich”

Von 10. Dezember 2014 um 21:54 Uhr

Der Stop-Motion-Künstler Adam Pesapane, besser bekannt als PES, produzierte mit Fresh Guacamole den kürzesten, jemals für einen Oscar nominierten Film. Der Amerikaner ist dafür bekannt, alltägliche Objekte in ungewöhnliche Animationen zu packen. Sein neustes Werk heißt Submarine Sandwich, spielt in einem Vintage-Deli, wurde sehr erfolgreich über Crowdfunding finanziert und hatte vor einigen Stunden Weltpremiere – und zwar im Netz.

(via)

Kategorien: Animation

Die Videohits des Jahres: “YouTube Rewind 2014″

Von um 06:30 Uhr

YouTube Rewind 2014

Es ist wieder diese Zeit des Jahres. Die Zeit für Best-Of-Listen und Rückblicke, für Menschen, Bilder, Emotionen. Oder – um es mit den neuen Medien zu halten – für Memes, Selfies und virale Videos. Wie viele davon in ein fünfminütiges Video passen, zeigt YouTube zum mittlerweile vierten Mal: Für YouTube Rewind 2014 hat die Videoplattform gemeinsam mit mehr als 100 YouTube-Stars noch einmal die Videohits des Jahres aufbereitet.

Natürlich beginnt alles mit dem erfolgreichsten YouTuber überhaupt: Felix “Pewdiepie” Kjellberg, der mit 33 Millionen Abonnenten bald so viele Fans hat wie die Öffentlich-Rechtlichen Gebührenzahler, wirft das Tape in den Walkman (voll retro, ey) und ab geht die Fahrt: Zur Musik von DJ Earworms Pop-Mashup wird die nächsten fünf Minuten lang getanzt. Aber nicht irgendwie, sondern vor der eigens nachgebauten Kulisse und mit möglichst großer VPM-Zahl: Virals pro Minute.

Von First Kiss zur Ice Bucket Challenge, von Katy Perrys Roar zu Pharrell Williams Happy, zwischen dem Auftritt des Devil Baby, dem Zug-Selfie, Action Movie Kid, Disneys Frozen, zehn Stunden als Frau in New York und zwei Dutzend weiteren Anspielungen und Referenzen bleibt keine Zeit zum Verschnaufen.

Aber dafür für Inklusion: Neben YouTube-Stars wie Smosh, Jenna Marbles, Hannah Hart dürfen nämlich auch altgediente Fernsehstars wie Stephen Colbert und John Oliver ihren Anzug vor die Kamera halten – schließlich verdanken auch sie inzwischen einen Teil ihrer Popularität der Videoplattform.

Genau darum geht es schließlich: YouTube Rewind ist das alljährliche Feuerwerk der Plattform. Mehr als 100 Millionen Mal wurde das Video des vergangenen Jahres inzwischen angeklickt. Das zu übertreffen, ist keine leichte Aufgabe. An sechs Standorten wurde in diesem Jahr gedreht, der Großteil davon im hauseigenen Produktionsstudio in Los Angeles. Bereits im Juli begann die Planung, jede Einstellung wurde minutiös geplant. In einem Behind-the-Scenes-Video gibt es einige Eindrücke von den Dreharbeiten.

Auch einige deutsche YouTube-Persönlichkeiten haben einen Auftritt: Die Lifestyle-Vloggerin Daaruum und der Grimme-Preisträger LeFloid etwa, oder Sami Slimani, der vor dem Westminster Palace zu Happy tanzt. Wie Kevin Allocca, YouTubes Head for Trends & Culture, dem Wired-Magazin sagte, sei es in diesem Jahr darum gegangen, möglichst die internationale Komponente der Plattform hervorzuheben.

Ob das inmitten der quietschbunten, hyperaktiven fünf Minuten gelingt? Vielleicht steht ja genau dieses Format stellvertretend für die neue Generation der Produzenten und Konsumenten. Allen anderen liefert YouTube in einem Blogbeitrag und im Rewind-Kanal die erfolgreichsten Einzelclips des Jahres auch noch einmal nach.

Kategorien: Virals

YouTube warnt Nutzer vor Urheberrechtsärger

Von 9. Dezember 2014 um 16:26 Uhr
Neue Auswahlmöglichkeiten im YouTube-Backend

Neue Auswahlmöglichkeiten im YouTube-Backend

Über den Sinn und Unsinn von YouTubes sogenanntem Content-ID-System hatte ich schon mehrmals gebloggt. Das System ermöglicht, dass etwaige Urheberrechtsverstöße automatisch erkannt werden. Teilnehmende Filmvertriebe oder Musiklabels können YouTube einen Katalog ihrer Inhalte zur Verfügung stellen, der anschließend automatisch mit den Video-Uploads von Nutzer abgeglichen wird.

Das System ist alles anderes als transparent oder unfehlbar. Es führt unter anderem dazu, dass die bekannten Sperrtafeln vor vielen Inhalten in Deutschland angezeigt werden. Oder eben dazu, dass die Urlaubsvideos von Privatpersonen, die mit dem neusten Song aus den Charts unterlegt sind, plötzlich geblockt sind oder die Rechteinhaber an der Monetarisierung teilhaben möchten. Das bekamen die Uploader erst nach dem Veröffentlichen mit. Bis jetzt.

Wie YouTube in einem Blogbeitrag schreibt, haben Uploader künftig die Möglichkeit, bereits vor dem Hochladen des Videos herauszufinden, ob die von ihnen gewählte Musik urheberrechtlich geschützt ist und möglicherweise Probleme machen könnte – und falls ja, in welchen Ländern. Diese neue Transparenz erspart zumindest den Stress wenn das Video später wieder heruntergenommen werden muss.

Gleichzeitig ermöglicht es YouTube, aus einer integrierten Audio-Bibliothek Musik auszuwählen, die sich entweder gratis oder zusammen mit Werbeeinnahmen verwenden lassen. So ist es möglich, auch populäre Musik in seine Videos einzubauen – sofern man akzepetiert, dass man das eigene Video anschließend nicht mehr selbst monetarisieren kann.

Leonhard Dobusch dazu auf Netzpolitik: “YouTube entwickelt sich mehr und mehr zu jener zentralen, transnationalen Rechteklärungsstelle, die Verwertungsgesellschaften und Labels seit Jahren versprechen aber bislang nicht zu realisieren in der Lage waren.” Dobusch weist aber auch darauf hin, dass dies gleichzeitig Googles marktbeherrschende Stellung untermauert.

Kategorien: Netzfilm