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Boghossian: Wissen ist nicht verhandelbar

 

Aus unserer Serie: Einführung in die Philosophie

Boghossian
Wer sich in seiner Weltanschauung nicht an den Tatsachen orientiert, die unabhängig von ihm existieren, kann nach Boghossian nicht für sich beanspruchen, dass er über Wissen verfügt. Zuschnitt. Quelle: Wikimedia.org

Hat Gott alles Leben geschaffen? Oder erklärt die Evolutionstheorie zutreffend die Entstehung der Arten? Bis heute sind Menschen über diese Fragen zerstritten. Wenn wir uns je einen Vertreter beider Ansichten denken, dann werden beide davon überzeugt sein, ihre eigene Ansicht sei die einzig richtige und sie verfügten über explizites Wissen insofern, als dass ihre Überzeugungen wahr wären. Und da die eine Erklärung die andere ausschließt, muss sich der jeweils andere irren.
Oder?

Wenn wir mit Lyotard „Wissen“ als das Ergebnis kultureller Aushandlungen verstehen, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden, dann hat es zumindest den Anschein, dass jeder wissen kann, was er wissen will – selbst dann, wenn das Wissen A das Wissen B einer anderen Person logisch ausschließt. Unsere beiden Rivalen wären dann beide im Recht, wenn sie von sich behaupten, sie wüssten, dass es sich mit der Entstehung der Arten so oder eben so verhält.

„Knowledge is not a democracy“

Der US-Amerikaner Boghossian widerspricht diesem postmodernen Wissensverständnis entschieden. Nach wie vor gebe es Dinge, von denen wir mit Sicherheit sagen könnten, ob sie richtig sind oder nicht. Wenn wir uns auf das Prinzip berufen, dass Wissen gerechtfertigte, wahre Meinung ist, dann werden wir voraussetzen müssen, dass unabhängig von uns eine Welt existiert, auf die sich unser Wissen bezieht. Dann ist es mindestens denkbar, dass es Aussagen gibt, die Teile dieser Außenwelt treffend beschreiben. Erfolgen solche Aussagen nicht rein zufällig, sondern gerechtfertigt, und stimmen sie dabei mit den Tatsachen in der Welt „da draußen“ überein, so können wir für uns beanspruchen, über Wissen zu verfügen.

Dieses Wissen gilt dann unabhängig davon, ob es ein anderes Sprachspiel, eine andere Kultur oder eine andere (vermeintlich) wissenschaftliche Tradition anders darstellt. Andere Beschreibungsweisen mögen von der Sprache oder von der Erfahrung mancher nahegelegt werden, gleichwertig sind sie laut Boghossian aber nicht. Eine im Internet kursierende Grafik bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt: Was Wissen ist, ist nicht verhandelbar.

Ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, dass am 1. Januar 2015 um genau 00:00 Uhr in München genau eine Frauenkirche existiert. Dann können zu unserem Gegenstand „Frauenkirche“ nur solche Aussagen Wissen sein, die einräumen, dass diese Frauenkirche am 1. Januar 2015 um genau 00:00 Uhr in München existiert.

Das Gegenteil kann natürlich auch gelten: Stellen wir uns nun vor, dass in der Welt außer uns am 1. Januar 2015 um 00:00 Uhr in München die Frauenkirche nicht existiert. Dann können nur solche Aussagen darüber Wissen sein, die voraussetzen, dass die Frauenkirche nicht existiert.

Wer behauptet, „am 1. Januar 2015 existiert in München eine Frauenkirche und gleichzeitig existiert am 1. Januar 2015 um genau 00:00 Uhr keine Frauenkirche“, widerspricht sich; er verstößt gegen den Satz vom ausgeschlossenen Dritten.

Boghossians Kriterium: „Die Aussage entspricht den von uns unabhängigen Tatsachen“

Boghossian geht es weniger darum zu zeigen, ob ganz bestimmte wissenschaftliche Aussagen Wissen sind oder nicht. In seinen Arbeiten betont er vielmehr, dass die Beantwortung der Frage, ob die Frauenkirche existiert, nicht von den Eigenschaften des Betrachters abhängig gemacht werden kann. Würden wir glauben, die Frauenkirche existiere, obwohl sie längst abgerissen und an ihrer Stelle ein Parkhaus errichtet worden ist, dann hätten wir nach Boghossian kein Wissen über die Frauenkirche, völlig egal, unter welchen Bedingungen unser Irrtum entsteht. Boghossians Kriterium: „Die Aussage entspricht den von uns unabhängigen Tatsachen“ muss erfüllt werden. Also müssen wir die Frauenkirche besuchen, uns von ihrer Existenz überzeugen und unsere Aussage den Tatsachen angleichen.

Natürlich ist das in vielen Fällen nicht so einfach. Über den Verbleib einer verschwundenen malaysischen Boeing 777 lässt sich solange nichts Wahres aussagen, bis die Maschine entdeckt und zweifelsfrei identifiziert werden kann. Das würde Boghossian auch prinzipiell nicht infrage stellen. Trotzdem bedeutet es nicht, dass deshalb das Kriterium der Entsprechung mit den objektiven Tatsachen außer Kraft gesetzt ist. Selbst wenn wir die objektiven Tatsachen nicht sehen können (oder wollen), gibt es sie objektiv – und nur diejenigen Aussagen sind wahrheitstauglich, die die objektiven Tatsachen entsprechend beschreiben.

Boghossian: Ideen für weiteres Philosophieren

  • Möglicherweise halten Sie Boghossians Wissensdefinition für trivial, philosophiegeschichtlich ist sie das nicht: Sie richtet sich direkt gegen Lyotard und andere Vertreter relativistischer und konstruktivistischer Strömungen. Lyotards Theorie, nach der es keine „eine“ Wissenschaft, sondern nur gleichwertige Erzählungen gibt, erlaubt es, dass verschiedene einander widersprechende Erzählungen über eine Tatsache gleichzeitig den gleichen Wissensanspruch haben. Ein Beispiel von Bruno Latour zeigt anhand der Entdeckung der Leiche Ramses II., woran dieser Ansatz scheitern muss. Wissenschaftler fanden bei Untersuchungen der Mumie des Pharaos heraus, dass Ramses vermutlich an Tuberkulose gestorben ist. Der Tuberkuloseerreger ist erst seit 1882 bekannt, Ramses starb aber etwa 1213 v. Chr. Müsste das nach relativistischer Position nicht bedeuten, dass Ramses bis 1882 nicht am Tuberkuloseerreger, danach aber sehr wohl an diesem Erreger gestorben ist, wenn aus Prinzip alle Erzählungen den gleichen Stellenwert haben? Keine Erzählung von vor 1882 wird den Tuberkuloseerreger beinhaltet haben, die wissenschaftliche „Erzählung“ seit 1882 aber sehr wohl. Damit ist der Irrtum zwar gut begründet, aber noch lange nicht zur wahren Aussage tauglich.
  • Alan Sokal ärgerte sich: Völlig willkürlich verdrehten die Autoren der Postmoderne wissenschaftliche Prinzipien, ohne sich um deren Hintergründe zu scheren und verwirrten damit ihr Publikum. Im Jahr 1996 ging der Physikprofessor in die Offensive: Er verfasste einen gänzlich hanebüchenen Artikel und versuchte, dessen Unsinnigkeit hinter einer Vielzahl verwirrender Fremdworte und Formulierungen zu verbergen. Dann reichte er ihn bei der Redaktion einer geisteswissenschaftlichen Zeitschrift ein, Social Text. Tatsächlich wurde der Beitrag nur wenig später von Social Text publiziert. Darin heißt es zuerst: Die Sozialwissenschaften hätten einige Lesarten für wahr gehaltener naturwissenschaftlicher Phänomene noch zu wenig betrachtet. Auch beim Lesen der Überschrift könnte einem fast schwindelig werden: Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity (oder zu Deutsch: „Die Grenzen überschreiten: auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“). Die Lektüre ist ein einziger Aberwitz – der sich gut als Anschauungsmaterial für den Unterricht eignet. In seinem Buch Angst vor der Wahrheit greift Boghossian selbst auf das Beispiel der Sokal-Affäre zurück.

Einige polemische Spielereien zur Wissenschaftstheorie der Postmoderne:

Postmodern Essay Generator

Automatic Computer Science Paper Generator

Postmodern Sentence Generator


Alan Sokal über Religion. (Quelle: YouTube)

Rezension zu Paul Boghossians 2006 erschienenem Buch „Angst vor der Wahrheit“ von Peter Hoeres. (Quelle: H-Soz-U-Kult)

Zur Person

Paul Boghossian, US-amerikanischer Erkenntnistheoretiker und Sprachphilosoph der Gegenwart

Akademische Biografie Boghossians (Quelle: philosophy.fas.nyu.edu)

Homepage von Paul Boghossian

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10 Kommentare

  1.   Schreiber

    Es mag sein, dass Ramses II. auch vor 1882 an Tuberkulose gestorben ist, aber es war bedeutungslos. Die Welt dreht sich um Bedeutung, was nicht bedeutet, existiert nicht.


  2. Sehr schöner Artikel, der Boghossian vereinfacht sehr gut darstellt. Ein sehr wichtiges Buch, das er geschrieben hat – innerhalb seiner Richtung der Philosophie kaum kontrovers, aber den meisten Sozialwissenschaftlern würde die Lektüre extrem gut tun.

  3.   Michael Aufenfehn

    Die Inder definierten den Begriff Neti-Neti. Das bedeutet, weder-noch, oder sowohl als auch. Wir Menschen versuchen immer eine klare Aussage zu fixieren.
    Aber neti-neti meint, dass zwei Seiten verschiedene Zustände einer Sache sind.

    So wäre diese Aussage wahr: Die Tatsache, dass es Gott nicht gibt, ist der Beweis dafür, das Gott existiert. Wer einen solchen Widerspruch versteht, ist dem Wahren näher.

  4.   Jonas Klett

    Ich bin mir sicher, dass nur weinge (evangelische) Christen in Deutschland dem anfänglichem Beispiel; dass Naturwissenschaft und Religion einander ausschliessen, zustimmen wuerden!


  5. @1: Ramses II ist eindeutig an „Tuberkulose“ gestorben. Allerdings wird man zu seiner Zeit „Tuberkulose“ anders umschrieben haben und andere Annahmen betreffs der Genese der Erkrankung aufgestellt haben. Unsere Annahmen werden eventuell in 1000 Jahren wiederum anders betrachtet – „Tuberkulose“ wird dann wiederum nur ein dem gebildeten Menschen durchaus verständlicher Aspekt des Ablebens Ramses des Zweiten sein…

  6.   FS

    Es gibt viele Philosophen, die mit ihren Gedanken zum Nachdenken anregen und uns den Spiegel vorhalten. Andere wiederum spinnen zyklische Logik und werden dafür trotzdem – gleich dem kleiderlosen Kaiser – gefeiert.

    Das Gebiss dieses Hundes entspricht auf jeden Fall den Spuren in seinem Schwanz.

  7.   Morph

    @1

    „Die Welt dreht sich um Bedeutung, was nicht bedeutet, existiert nicht.“

    Die Welt „dreht sich“ um Bedeutung? Hä?

    Was soll das bedeuten?

    Der Satz denotiert (bedeutet i. e. S.) nichts!

    Aber er existiert.

    Komisch… ;-)


  8. „Die Tatsache, dass es Gott nicht gibt, ist der Beweis dafür, das Gott existiert.“

    Die Bereitschaft, logische Kohärenz als notwendiges Kriterium in der Aussagenlogik anzuerkennen, kann nicht in Menschen hineinbeschworen werden. Sie muss unbewiesen in die Debatte mitgebracht werden.

  9.   Oyamat

    Zitat: „Die Bereitschaft, logische Kohärenz als notwendiges Kriterium in der Aussagenlogik anzuerkennen, … muss unbewiesen in die Debatte mitgebracht werden.“

    Muss sie? Belege?

    Oder ist das einfach ein „isso“, das auch seinerseits „unbewiesen in die Debatte mitgebracht werden“ muss? Etwa damit „Aussagenlogik“ (was auch immer das sein mag) brav so funktioniert, wie man es gern hätte, unabhängig von irgendeiner bestehenden Wirklichkeit, die es vielleicht so wenig mit Aussagen wie mit der Logik hält?

    MGv Oyamat

  10.   Dieterf

    Postmoderne Philosophen wie Lyotard und einige andere haben ein Paar interessante Ideen entwickelt, aber sie haben wohl nie so recht begriffen, dass ihre radikale Kritik an der Idee objektiver Wahrheit nur um den Preis von Selbstwidersprüchlichkeit geäußert werden kann.

    Sie wollten uns nämlich weismachen, dass es objektiv richtig (also wahr) ist, dass es keine objektive Wahrheit geben kann. Sobald man ihren eigenen Anspruch, uns von der Unmöglichkeit von objektiver Wahrheit zu überzeugen, mit ihrer Aussage, dass es keine objektive Wahrheit geben kann, konfrontiert, wird klar, dass sie entweder ihre eigene Überzeugung von der angeblich generellen Relativität aller Wahrheitsansprüche ausnehmen müssen, oder zugestehen müssen, dass ihre Überzeugung gar nicht wahr sein kann. Sowas nennt man in der Philosophie einen performativen Selbstwiderspruch. Man beansprucht, in einer Aussage etwas Wahres zu behaupten und behauptet zugleich, dass es etwas eindeutig Wahres gar nicht gibt. Unter einem weniger anspruchsvollen Namen war dieses Problem auch schon in der antiken griechischen Philosophie bekannt.

    Wenn postmoderne Philosophen wie Lyotard, um konsistent zu sein, auch für ihre radikale Kritik am Wahrheitsbegriff zugestehen, dass diese Kritik nicht objektiv wahr sein kann, dann gibt es keinerlei Grund, ihre Kritik ernst zu nehmen. Da sie ihre Kritik aber offensichtlich ernst meinen, müssen sie zugeben, dass sie ihre Kritik von dem generellen Relativismus, den sie propagieren, ausnehmen müssen. Anspruch und Aussagegehalt stehen dann in einem (performativen) Widerspruch. Und sie können keinen Grund angeben, warum es nur die eine Wahrheit geben soll – nämlich die, dass es keine Wahrheit gibt.