24. November 2009
„Tod den Perversen und Schwuchteln” - Homophober Hassmusiker in Berlin

Der jamaikanische Dancehall-Musiker Sizzla ist bekannt für Lieder, in denen er zur Tötung von Schwulen aufruft. Für die Berliner Veranstalter aus dem Kesselhaus ist das kein Problem. Doch die homophoben Hasstiraden bleiben nicht unwidersprochen.
„Tod den Perversen und Schwuchteln, was habt ihr hier zu suchen? Ich knall die Schwuchteln mit der Waffe ab“ – kein Liedtext einer Neonaziband, sondern eine Zeile des Dancehall-Interpreten Miguel Collins. Der Jamaikaner, der unter dem Namen Sizzla bekannt ist, will am Donnerstag in Berlin auftreten. Politiker und Schwulenverbände sind entsetzt. Die Veranstalter aus dem Kesselhaus der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg wollen das Konzert trotz Protesten stattfinden lassen.
Ein Bündnis von Schwulenverbänden und linken Gruppen hat für Donnerstag eine Demonstration angemeldet, um gegen den Auftritt des Sängers zu protestieren. Ab 18.30 Uhr soll der Aufzug mit bis zu 500 Teilnehmern vom S-Bahnhof Schönhauser Allee zum Kesselhaus in der Knaackstraße gehen.
Erst vor wenigen Monaten wurden gleich zwei Sizzla-Alben von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien wegen der expliziten Gewaltaufrufe gegen Schwule indiziert. „Die Interpreten rufen dazu auf, homosexuelle Menschen zu töten, sie abzufackeln, zu verbrennen und sie mit Schwefel zu übergießen“, heißt es in der Begründung. Im vergangenen Jahr musste eine Europatour des Musikers aufgrund zahlreicher Proteste abgesagt werden. Das Bundesinnenministerium verweigerte ihm die Einreise nach Deutschland. Anschließend nahmen spanische Behörden den Sänger fest und schickten ihn zurück.
„Es ist unverständlich und eine nicht hinzunehmende Nachlässigkeit, wenn er nun einfach wieder auftreten darf“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck. „In Jamaika kommt es häufig zur Ermordung und pogromartigen Verfolgungsjagden auf Schwule.“ Musik wie die von Sizzla, würde die Täter zusätzlich aufstacheln. Beck forderte CDU-Innenminister Thomas de Maizière auf dem umstrittenen Musiker erneut die Einreise zu verweigern. „Hierzulande darf kein Interpret auftreten und auch noch Geld verdienen, der zu Mordtaten an Schwulen und Lesben aufruft“, sagte der Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) Klaus Jetz. Bereits im September habe der Verband die Polizei, das Auswärtige Amt und das Innenministerium über die geplanten Auftritte in Berlin, München und Stuttgart informiert. Der LSVD forderte die Klubs auf die Konzerte abzusagen.
Die Kulturbrauerei beruft sich darauf, dass Sizzla im April 2007 den „Reggae Compassionate Act“ (RCA) unterzeichnet und sich damit dazu verpflichtet habe, in Zukunft keine homophoben Hasstexte mehr zu singen. Nach Informationen des LSVD hält sich Collins jedoch nicht an diese Zusage. Immer wieder seien die gewaltverherrlichenden Lieder auf Europatouren im Programm aufgetaucht. Auf Jamaika habe Collins gegenüber Fans und Medien sogar die Unterzeichnung des RCA abgestritten.
„Die homophobe Haltung des Künstlers hat seine Ursache in den gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen, in denen der Künstler lebt“, heißt es in einem Statement der Kesselhaus-Betreiber. Diese Verhältnisse in Jamaika zu verändern sei aber nicht Aufgabe der Veranstalter, daher werde der Auftritt nicht abgesagt. Sollte der Sänger aber im Kesselhaus indizierte Lieder spielen, werde das Konzert sofort abgebrochen. Die Polizei sei bei dem Auftritt anwesend.
So genannte Battyman-Tunes, die zum Mord an Homosexuellen aufrufen, sind in der jamaikanischen Reggaeszene weit verbreitet. „Ein großer Teil der Bevölkerung ist Gleichgeschlechtlichen gegenüber feindlich eingestellt“, warnt das Auswärtige Amt Jamaika-Reisende. Es gebe immer wieder Übergriffe.






Homophobie ist kein, wie im Text suggeriert wir, Erkennungszeichen rechtsradikaler Liedermacher sondern findet sich insbesondere bei Texten islamischer Rapper u.ä.
Kommentar von Tobias Rüger — 25. November 2009 @ 01:45
Wenn Sido oder Bushido über ihre Kontrahenten rappen “Ich ficke dich” und “ich mach dich kalt” dann bekommen die Herren auch keine Anklage wegen geplanter Vergewaltigung oder Mord. In Jamaica singen sie nämlich nicht nur “Bun battyman” sonder auch “bun dem white men” - die Sprache ist dort eben so hart, wie das Leben (besonders in Kingston).
Das alles ist nicht in Ordnung, mit so massiver Repression bringt man aber doch niemanden zum Umdenken!
Mit seinen Holocaust-Vergleichen disqualifiziert sich Volker Beck übrigens selbst für jede sachliche Diskussion.
Ich glaube man verhärtet mit solchen Maßnahmen (stellt euch mal vor wie das auf Jamaica, einer Insel der Kolonialzeit, rüberkommt: schwarzer Sänger will nach Deutschland, und wird in Handschellen abgewiesen).
Bei sowas bin ich Kulturrelativist. Wir sollten erstmal hier bei uns anfangen, und gegen jede katholische Messe protestieren.
Zumal ich es interessant finde, das gerade wir, der Westen, den Rastas auf Jamaica durch unsere christlichen Glaubensgrundsätze den Schwulenhass gepredigt haben.
Kommentar von Peter Masochawsky — 25. November 2009 @ 10:12
[...] Sizzla-Konzert Kein Sizzla-Konzert in Berlin DIE LINKE.queer Berlin ruft auf zur Demonstration Tod den Perversen und Schwuchteln LSVD: Keine Auftritte von Sizzla Kalonji auf deutschen Bühnen Protest gegen und Extra-Konzert für [...]
Pingback von Pressespiegel zum Sizzla-Konzert « Hassmusik bei Media Markt – Kein Geld mit Sexismus, Homophobie, Nationalismus und Menschenverachtung! — 25. November 2009 @ 14:53
Außerdem ist das Konzert in seiner ganzen Struktur und der Rezeption des Publikums antirassistisch. Die, von mir aus legitime, Beschwerdeführerschaft gehört also nicht auf diese Seite.
Kommentar von Dennis real one — 25. November 2009 @ 15:36
Störungsmelder » „Tod den Perversen und Schwuchteln” - Homophober Hassmusiker in Berlin…
Der jamaikanische Dancehall-Musiker Sizzla ist bekannt für Lieder, in denen er zur Tötung von Schwulen aufruft. Für die Berliner Veranstalter aus dem Kesselhaus ist das kein Problem. Doch die homophoben Hasstiraden bleiben nicht unwidersprochen….
Trackback von lesnews.de — 25. November 2009 @ 20:11
@Tobias Homophobie findet sich auch bei christlichen, jüdischen oder atheistischen Rappern. Schwulenfeindlichkeit hat nichts mit Religion zu tun, auch wenn viele Religionen sie leider gutheißen.
Kommentar von Dr. Allesklar — 26. November 2009 @ 12:25
Imperialist und Rassist, weil man gegen Gewalt und die Verherrlichung derselben einschreitet? So wenig wie ein anscheinend psychotischer Künstler den Widerspruch in seinem eigenen Verhalten entdecken kann, kann wohl so mancher die offensichtliche Lächerlichkeit einer solchen Argumentation erkennen. Vielleicht sollten wir nicht bei den Kirchen anfangen, die nebenbei bemerkt einen wesentlichen Anteil hier bei uns an einer gar nicht so weit zurückliegenden friedlichen Revolution hatten, sondern mal bei unseren ganz individuellen, mechanischen Denkweisen. Vielleicht vermittelt man durch Sanktionierung homophober Gewalt in Deutschland jamaikanischen Homosexuellen ja etwas ganz anders als der jamaikanischen Restbevölkerung? Sich um die Durchsetzung der Menschenrecht aus Angst um den guten Ruf herumzudrücken, wäre schon sehr schwach.
Kommentar von JohnDoe — 26. November 2009 @ 13:57
kuenstlerische freiheit, mordaufruf und aehnliches hat nichts mit kunst zu tun, in berlin sollte der buergermeister einschreiten–sonst ist er bald unter der erde.
ich lebe 12 flugstunden von deutschland enfernt und mir stehen immer oefter die haare zu berge wenn ich von meinem geburtsland im internet lese.
” wenn ich an deutschland denke in der nacht”als waeren es worte von heute, traurig
Kommentar von hans-werner rust — 26. November 2009 @ 17:41
@Dennis real one:
“Außerdem ist das Konzert in seiner ganzen Struktur und der Rezeption des Publikums antirassistisch. Die, von mir aus legitime, Beschwerdeführerschaft gehört also nicht auf diese Seite.”
War mir doch klar, daß das Gleiche mal wieder nicht dasselbe ist. Handelt es sich bei den Interpreten homophober Texte doch nicht um Inländer oder Gottseibeiuns! Rechtsradikale, sondern um Musiker nichtdeutscher Herkunft. Die können ja per se nicht schwulenfeindlich sein. Da neutralisiert die “antirassistische Struktur” des Konzertes selbstredend die Inhalte.
Liebe Leute von der Antifa, wird euch dieses Geeiere nicht selbst etwas peinlich?
Kommentar von nocheinbuerger — 26. November 2009 @ 22:46
@Peter Masochowsky:
“Wenn Sido oder Bushido über ihre Kontrahenten rappen “Ich ficke dich” und “ich mach dich kalt” dann bekommen die Herren auch keine Anklage wegen geplanter Vergewaltigung oder Mord.”
Eine Anklage hätten sie aber verdient, nämlich wegen Aufruf zu Gewalt und Haß. Aber sorry, ich vergaß: Die genannten Herren haben Migrationshintergrund.
“In Jamaica singen sie nämlich nicht nur “Bun battyman” sonder auch “bun dem white men” - die Sprache ist dort eben so hart, wie das Leben (besonders in Kingston).
Das alles ist nicht in Ordnung, mit so massiver Repression bringt man aber doch niemanden zum Umdenken!”
Mit dem “Kampf gegen Rechts” auch nicht, der einseitig gegen die deutsche Seite geführt wird. Könnte man sich nicht endlich einmal auf gleiche Maßstäbe einigen? Entweder ordnen wir das alles und bei jedem unter dem Stichwort künstlerische Freiheit und Überhöhung ein, oder wir verfolgen es gleichermaßen?
“Ich glaube man verhärtet mit solchen Maßnahmen (stellt euch mal vor wie das auf Jamaica, einer Insel der Kolonialzeit, rüberkommt: schwarzer Sänger will nach Deutschland, und wird in Handschellen abgewiesen).”
Die Kunst, zielsicher das Irrelevanteste an diesen Songs anzuführen, nämlich die Kolonialzeit des Herkunftslandes des Sängers, verdient Respekt. Welchen Grund gäbe es denn, einen schwarzen Sänger, der sich hier strafbar gemacht hat, nicht wie jeden anderen in oder ohne Handschellen abzuweisen? Ich bin es langsam müde, etwas verspätet, aber nicht minder herzlich die Schuldfragen des Dreißigjährigen Krieges zu debattieren.
Kommentar von nocheinbuerger — 26. November 2009 @ 22:55
Wenn mir noch einmal ein (mutmaßlich heterosexueller) Kommentator erklärt, ich müsse einen Mordaufruf gegen mich und meinesgleiches hinnehmen, weil ich sonst “niemanden zum Umdenken” bringe, dann kotz’ ich von hier bis nach Kingston! Und: weder eine homophobe katholische Messe noch Analverkehr mit Bushido sind besonders verlockende Erlebnisse, aber bevor ich mich von Sizzla abknallen lasse… :)
Kommentar von Paulik — 27. November 2009 @ 01:37
Schwulenhass, genau wie Amokläufe, Jugendgewalt oder Kindstötungen, sind kein Ergebnis von Musik, Filmen oder Computerspielen. Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, Schwulenhass ebenfalls. Die Vorstellung, das Verbot von Konzerten oder das Verbieten von Kunst würde irgendetwas an Problemen ändern, die eine völlig andere Ursache haben, ist ziemlich naiv und führt zu nichts anderem als Zensur. Das gilt im übrigen genauso für rechtsradikale Bands, die sicherlich nicht Auslöser, sondern nur Folge von Fremdenhass und anderen unschönen Dingen sind.
Kommentar von Dr. Allesklar — 27. November 2009 @ 19:54
@Dr. Allesklar:
“Schwulenhass, genau wie Amokläufe, Jugendgewalt oder Kindstötungen, sind kein Ergebnis von Musik, Filmen oder Computerspielen. Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, Schwulenhass ebenfalls. Die Vorstellung, das Verbot von Konzerten oder das Verbieten von Kunst würde irgendetwas an Problemen ändern, die eine völlig andere Ursache haben, ist ziemlich naiv und führt zu nichts anderem als Zensur.”
Es ist merkwürdig, wie Sie sich für die Freiheit der Kunst und gegen Verbote und Zensur einsetzen, wenn hier Homophobie und Aufrufe zu Gewalt und Haß von Leuten kommen, die nicht der rechtsextremen Ecke zuzurechnen sind und noch dazu Ausländer sind. Beim Verbot von rechtsradikaler Musik und Parteien sind Sie ja weit weniger zimperlich. Das zeigt, wie bedeppert die Linke ist, wenn sich für alle erkennbar herausstellt, daß das durch den “Kampf gegen Rechts” verbreitete Feindbild Rechts (also alles, was nicht linksextrem ist) nicht greift und Homophobie, Haß und Gewalt wie auch neuerdings Antisemitismus aus ganz anderer Richtung kommen.
Kommentar von nocheinbuerger — 28. November 2009 @ 11:04
@nocheinbürger: Entlarvend, wie Sie sich um rechtsradikale Musik und Parteien sorgen. Ich kann Sie allerdings beruhigen: Ich bin überhaupt kein Anhänger von Verboten. Diese ändern nämlich rein gar nichts. Bands wie Störkraft oder Parteien wie die NPD oder ProKöln sind sicherlich nicht schuld daran, dass es Rassismus, Fremdenfendlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit gibt. Ein Verbot von Musik oder Organisationen, die solche bis weit ins sogenannte bürgerliche Spektrum hinein verbreiteten Denkmuster artikuliert, bringt gar nichts. Eine einigermaßen pluralistische Gesellschaft muss auch Meinungen ertragen, die menschenfeindlich sind. Das gehört dazu.
Kommentar von Dr. Allesklar — 28. November 2009 @ 13:49
Es ist schade, aber es gibt nunmal genug hirnverbrannte. Und wenn die Leute zu Nazi-Konzerten fahren wollen oder antischwulen Konzerten sollen sie das machen.
Aber ich verbitte mir diese Relativierung “Die meinen das nicht so, die sind ja auch dagegen”. Wenn ich dagegen bin mache ich es einfach nicht, mache ich es doch bin ich eben auf einer Ebene mit Nazis und anderem menschenfeindlichen Gesindel. Basta!
Kommentar von DaDe — 29. November 2009 @ 19:48
“Antischwule Konzerte”? So ein Unsinn. Sizzlas musikalisches Werk dürfte aus mehreren tausend Liedern bestehen und 99 Prozent davon befassen sich kein Stück mit dem Thema Schwule. Der Schwulenhass, den die Rastas aus der Bibel haben, ist ekelhaft, aber man sollte hier bitte nicht so tun, als ob Reggae nur aus Homophobie bestünde. Musikrichtungen wie Klassik, Country oder Jazz dürften zumindest in Deutschland einen deutlich höheren Anteil an Schwulenhassern unter der Hörerschaft aufweisen als die ausgesprochen linksalternative, genderfreundliche Reggaeszene.
Kommentar von Dr. Allesklar — 30. November 2009 @ 22:17
Klar, Tobias Rüger. Immer fließig, wenn es gegen Migranten geht.
Aber wenn der katholische Rapper Mirakel gegen jüdische Homos pöbelt, dann findest Du das wohl in Ordnung
Kommentar von NocheinBrandenburger — 1. Dezember 2009 @ 18:57
@Allesklar: Ich glaube auch nicht, dass ein “Verbot von Konzerten oder das Verbieten von Kunst [...] irgendetwas an Problemen ändert, die eine völlig andere Ursache haben”. Aber dass ein Verbot “gar nichts” bewirkt ist natürlich Unsinn: Das Verbot verhindert just das Konzert, gegen das es sich richtet. Und das ist gut, denn dann fühle ich mich an diesem Abend nicht diskriminiert. Ist Ihnen das wurscht? Selbstverständlich gibt es jede Menge homophober Christen, Country- und Volksmusikfans etc. Das ist schlecht, aber ich kanns nicht verhindern. Sehr wohl verhindern kann ich, dass sich einer von denen auf eine Bühne stellt und unwidersprochen Hass in die Welt posaunt. Dort würde ich das, wenn ich davon hörte, genauso hartnäckig (und erfolgreich) anstreben wie bei Sizzla. Und übrigens richtet sich der Protest ja nicht gegen “die Reggaeszene”, sondern gegen einen konkreten Homohasser (der hier nicht als Chiffre für “die Jamaikaner” eingesetzt werden sollte: die allermeisten schreiben schließlich keine homophoben Texte). Das Argument, die Reggaeszene sei per se linksalternativ und gendergfreundlich ist also ziemlich beknackt. Schließlich eine (keineswegs rhetorisch sondern ernst gemeinte) Nachfrage: Wo ziehen Sie denn die Grenze? Würden Sie auch das Tragen verfassungsfeindlicher Symbole wieder erlauben? Zweite Nachfrage (diesmal rhetorisch): Angenommen, es gäbe eine schwule Countryband, deren Texte sich “zu 99% nicht mit Ausländern” befassen und nur 1% der Stücke riefe zur Ermordung von Ausländern auf - würden Sie dann auch schreiben: “Ausländerfeindliche Konzerte - so ein Unsinn”?
Kommentar von Paulik — 1. Dezember 2009 @ 22:22
Beide Fragen muss ich in der Tat mit ja beantworten. Die Band Böhse Onkelz hat sogar mehr als ein ausländerfeindliches Stück gemacht, trotzdem ist es keine Naziband und ihre Konzerte sollten auch nicht verboten werden. Und es ist zwar aus gutem Grund der Historie Deutschlands geschuldet, dass Nazisymbole verboten sind, aber persönlich halte ich das für sinnlos und hätte daher nichts gegen eine Aufhebung des Verbots.
Kommentar von Dr. Allesklar — 3. Dezember 2009 @ 18:45
“Aber dass ein Verbot “gar nichts” bewirkt ist natürlich Unsinn: Das Verbot verhindert just das Konzert, gegen das es sich richtet. Und das ist gut, denn dann fühle ich mich an diesem Abend nicht diskriminiert.”
Das “gar nichts” bewirken bezieht sich auch auf etwas anderes. Nicht das Konzert ist das eigentliche Problem, sondern das mögliche dahinterstehende Denken. Und selbst das ist nicht problematisch, kritisch wird es erst dann wenn das Denken ein politisches Potential entfaltet.
Nun könnte man natürlich, wie sie sagen, dass sich dies mit dem verbot des Konzertes erstmal erledigt hat. Das Denken kann nicht weitergegeben werden und entfaltet sein mögliches Potential nicht. Aus meiner Sicht ist das Blödsinn, um eine Botschaft zu vermitteln gibt es verschiedene Wege und ein Konzert ist nur eine von vielen Varianten. Es stellt sich also primär die Frage, was man tun kann um auf dieses Denken zu reagieren. Das Konzert verbieten ist da wohl die am wenigsten wirksame Variante.
Auch ob etwas gut ist oder nicht, ist keine Frage die sie für die Allgemeinheit beantworten können. Jeder der meint zu wissen was der Gesellschaft gut tut (also ein gemeinwohl ist) und was nicht, steht einer Diktatur sehr viel näher als einer Demokratie. Sie können sich das maximal selbst beantworten, diese Antwort ist dann aber nur subjektiv und die Frage lautet dann, ob der Staat auf Grund eines subjektiven Empfindens eingreifen soll.
Aus meiner Sicht kann dies nur die Antwort “nein” mit sich ziehen. Alles andere wäre Willkür, denn spätestens dann, wenn es widersprebende Empfindungen gibt, muss der Staat sich entscheiden, ohne einen Konsens kann dies nur willkürlich gelöst werden.
Die Frage also muss sein, auf welcher Grundlage entschieden werden kann, ob man dem subjektiven Willen folgt oder nicht. Diese Grundlage wird durch bestehende Gesetze und auf Basis des GG gebildet. Nur die Politik bzw. die Gesellschaft kann entscheiden was als Gut akzeptiert werden kann und was nicht. Nur ein intersubjektiver Konsens kann, in einer Demokratie, der Maßstab sein.
Es kann also nicht Maßgabe des staatlichen/demokratischen Handelns sein, ob sie das Handeln für zumutbar halten - sondern ob es einen intersubjektiven/gesellschaftlichen Konsens gibt ob das Verhalten für eine Einzelperson im allgemeinen nicht hinnehmar ist.
Da es unterschiedliche Konsensi gibt muss zudem geschaut werden, ob dieser Konsens anderen Konsensi zuwiderläuft. Wenn das der Fall ist, gilt es (auf Basis eines intersubjektiven Konsens) zu entscheiden welcher der gewichtigere ist.
Auf dieser Basis denke ich auch, dass die Antwort auf beide ihrer Fragen “ja” sein müsste. Nur wurden die Fragen in dieser Form noch nie gestellt. Eng verbunden ist damit auch die Diskussion um eine Abschaffung des Holocaustleugnungsparagraphen.
Kommentar von Sebastian Ziegler — 4. Dezember 2009 @ 14:22