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Für jedes Opfer einen Stolperstein

 

Die Nazis ließen 116 jüdische Berliner aus der Giesebrechtstraße deportieren. Erstmals wird in einem Kiez an alle Namen erinnert. Lala Süsskind freut sich, dass jüdische Geschäftsleute nach Charlottenburg zurückkehren.

Von Tagesspiegel-Autorin Fatina Keilani

Der Name ist gut gewählt. Stolpersteine. Überall in Berlin sind sie auf dem Trottoir zu finden, manche sind schon blind geworden, ständig kommen neue hinzu. Sie lassen uns darüber stolpern, was Menschen angetan wurde. Nicht aufdringlich, dafür eindringlich. Besonders in der Giesebrechtstraße in Charlottenburg. Hier gingen früher also Arthur und Betty Fraenkel vorüber, bevor sie verschleppt und ermordet wurden, hier spielte Helga Pinkus, die als Sechsjährige deportiert und getötet wurde.

Am Sonntag, dem 66. Jahrestag des Kriegsendes, kamen weitere Steine hinzu. Der Künstler Gunter Demnig, geistiger Vater der Stolpersteine, ließ in der Giesebrechtstraße gleich 84 der kleinen Messingplatten im Bürgersteig ein. Zusammen mit den 32 schon vorhandenen macht das 116 – und damit ist die Giesebrechtstraße die erste in Berlin, deren sämtliche früheren jüdischen Bewohner, die von den Nazis deportiert wurden, mit je einem Stein gewürdigt werden.

21 Häuser hat die Straße. Ihre heutigen Bewohner haben die Steine gestiftet, angestiftet vom Rechtsanwalt Peter Raue. Um die Namen zu lesen, müsse man sich ein wenig bücken, und so verbeuge man sich zugleich vor den Menschen, derer hier gedacht werde, sagte Raue am Sonntag: „Es ist bis zum heutigen Tage nicht zu fassen, dass in dieser Straße 116 Bewohner verschleppt wurden und das Leben einfach weiterging.“ Alle Stolpersteine erinnerten an Juden; über die anderen Opfer aus der Straße wie Kommunisten oder Homosexuelle sei nicht sehr viel bekannt.

Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, erinnerte daran, dass vor dem Krieg die meisten Berliner Juden in Charlottenburg lebten und freute sich, dass sie es heute wieder tun. Es gebe wieder jüdische Geschäfte am Kurfürstendamm und jüdische Hausbesitzer. Mehr als 55 000 seien während der Nazizeit verschwunden. Die Stolpersteine gäben einigen ihre Namen zurück.

Demnig ist mit seinem Projekt längst international unterwegs. Er legt pausenlos neue Steine in ganz Deutschland, in Holland, Belgien, Österreich, Tschechien, sein Kalender steht im Internet, Demnig muss jeden Tag woanders sein. 28 000 Stolpersteine hat er schon in Berlin platziert, rund 10 000 im restlichen Bundesgebiet.

Der Nazi-Spuk ist zwar vorüber, aber Unrecht geschieht immer noch. Wer sich heute von den Steinen zum Denken anstoßen lässt, der kann sich also selbst fragen: Bin ich anständig?

1 Kommentar

  1.   Annika

    Ich bin zwar noch sehr jung doch dieses Thema hat mich schon immer sehr interessiert. Meine Oma ist sodetendeutscher Flüchtling und hat hier 25 Jahre lang in einem jüdischem Geschäft gearbeitet. So wuchs ich mit diesen Geschichten auf. Auch eine dieses Geschäftes wurde in einem KZ ermordet. Ich finde dieses Projekt klasse da es an all die vergessenen unschuldigen Juden gedenken soll und weil es die Menschen zum Nachdenken bringt. Ich hoffe das die Menschen diesen „Stolpersteinen“ kurz Beachtung schenken und lesen was diesen Menschen passiert ist.