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Geflüchtet und geduldet – “das ist kein Leben”

 
Khan ist von seinem Lager in Brandenburg weggegangen und hat sich dem refugee protest am Oranienplatz in Berlin angeschlossen © refugeestrike
Khan ist von seinem Lager in Brandenburg weggegangen und hat sich dem refugee protest am Oranienplatz in Berlin angeschlossen © refugeestrike

„Ich habe entschieden, mein Heimatland zu verlassen, um friedlich leben zu können“, sagt Khan. In Afghanistan habe er aus finanziellen Gründen für amerikanische Truppen gearbeitet. Deshalb haben ihn die Offiziere seines Landes verfolgt. „Ich habe Drohbriefe von ihnen bekommen, weil ich ihre Gegner unterstützt habe“, sagt er. Sie haben ihn gesucht und umbringen wollen. „In den Briefen haben sie mich gefragt, warum ich ausländischen Truppen, die Afghanistan kolonialisieren wollen, helfe“, erinnert sich der Flüchtling. In seinem Heimatland war sein Leben in Gefahr, deshalb ist Khan nach Deutschland geflüchtet.

Khan ist seit vier Jahren in Deutschland – für die Reise habe er ungefähr drei Monate gebraucht, sagt er. Ursprünglich wollte er nach Skandinavien gehen, weil die Gesetze dort nicht so streng wie in Deutschland seien. „Aber mittlerweile denke ich, ist es mein Schicksal, dass ich in Deutschland bin“, so Khan. „Vierzig Tage lang war ich zunächst in einem Camp für Asylsuchende, danach wurde ich nach Brandenburg in ein Lager gebracht.“

Eineinhalb Jahre lang durfte er seinen Landkreis in Brandenburg nicht verlassen. 2011 wurde die Residenzpflicht dann gelockert: Flüchtlinge in Berlin und Brandenburg dürfen sich seitdem mit einer Dauerverlassenserlaubnis in dem jeweils anderen Land frei bewegen. Weil Khan dann aber den Status ‚Duldung’ erhielt, musste er sich wieder an die Residenzpflicht halten. Er weiß: „Nur wer einen Ausweis hat, darf sich frei bewegen“.

Auch den Hungerstreik am Brandenburger Tor Ende letzten Jahres hat Khan mitgemacht © refugeestrike
Auch den Hungerstreik am Brandenburger Tor Ende letzten Jahres hat Khan mitgemacht © refugeestrike

„Es ist unklar, wie lange ich von der deutschen Regierung hier geduldet werde“, berichtet Khan. Als er einmal zur Einwohnermeldestelle ging und nach einem Ausweis fragte, wollte die Behörde ihn abschieben. „Sie haben gesagt, dass in meiner Heimat die deutschen Truppen sind, die Infrastruktur gut und Afghanistan sicher ist“, erinnert er sich. Dass er in Afghanistan verfolgt wird und sein Leben gefährdet ist, haben die Behörden ihm nicht geglaubt.

Trotzdem mag Khan Deutschland – hier fühle er sich sicher, das Land sei friedlich. „Aber die Polizei und die strenge Asylpolitik sind für mich eine mentale Folter“, sagt Khan. Durch die Duldung wisse er nicht, wie es weiter gehe und wie lange er sicher sei. Er fügt hinzu: „In Kassel wurde ich außerdem einmal festgenommen. Ich hatte gegen die Residenzpflicht verstoßen, weil mir niemand etwas von dieser Auflage erzählt hat“.

Jetzt gehört er zu denjenigen, die gegen diese Asylpolitik demonstrieren und damit die Zustände für Flüchtlinge verbessern wollen. „Das ist die Intention aller Flüchtlinge vom Oranienplatz, und ich gehöre dazu“, sagt Khan. Er glaubt nicht, dass die Politiker die Forderungen der Asylsuchenden durch den ‚refugee protest’ so schnell erfüllen. „Aber wir hoffen, dass wir unsere Mahnzeichen verstärken können, indem wir noch mehr Flüchtlinge mobilisieren“, so der Afghane.

„Ich war zweieinhalb Jahre in meinem Lager, durfte mich nicht frei bewegen und kein Deutsch lernen“, erinnert er sich. Er habe 200 Euro pro Monat bekommen und durfte selbst nicht arbeiten – daher habe er sich weder einen Deutschkurs noch ein Ticket für den öffentlichen Verkehr leisten können. „Sitzen, essen, schlafen, das war der Alltag im Lager. Aber das ist kein Leben“, sagt Khan und fügt hinzu: „Man muss im Leben doch Ziele und Wünsche haben, das hatte ich nicht“. Im Lager habe er manchmal geweint und negative Gedanken gehabt. „Ich habe viel über mich, meine Familie und meine Zukunft nachgedacht“, erzählt Khan.

Der Oranienplatz in Berlin ist sein zu Hause geworden © Caro Lobig
Der Oranienplatz in Berlin ist sein zu Hause geworden © Caro Lobig

„Jetzt lebe ich am Oranienplatz mit so vielen tollen Menschen und wir haben viele deutsche Unterstützer, damit hätte ich nie gerechnet“, so Khan. Jetzt gehe er auch zwei Mal pro Woche zu einem Deutschkurs, den deutsche Unterstützer organisieren. Insgesamt spreche er acht verschiedene Sprachen, das sei seine Leidenschaft. „Vier Sprachen spreche ich flüssig, englisch und deutsch würde ich gerne noch besser können“, sagt er.

Khans Familie lebt immer noch in Afghanistan. Sie habe nicht genug Geld, um auch von dort zu fliehen, erklärt der Afghane. „Ein Mal im Monat kann ich meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder dort anrufen“, sagt er. Seine Mutter sage ihm jedes Mal, dass das Land von Tag zu Tag unsicherer wird und er froh sein kann, nicht dort leben zu müssen. „Letztes Mal habe ich erfahren, dass zwei meiner Freunde aus unserem Dorf umgebracht wurden“, erzählt Khan. „Einer davon war Englisch-Lehrer und wurde deshalb erschossen. Die Offiziere bedrohen jeden, der Englisch in Schulen oder Kursen unterrichtet“, weiß der Flüchtling. „Der andere, ein Schulfreund von mir, wurde bei einem Selbstmordattentat  in Kabul getötet“.

Für ihn sind Bilder wie diese die Realität, die er in Afghanistan erlebt hat © fb.com/afghan1111
Für ihn sind Bilder wie diese die Realität, die er in Afghanistan erlebt hat © fb.com/afghan1111

Khan hält die Situation in Afghanistan nach wie vor für instabil und gefährlich. Er glaubt, dass das Land ohne die ausländischen Truppen nicht klar käme. „Es findet zu viel politische Manipulation in Afghanistan statt“, erklärt er. Die Offiziere töteten Einheimische und arbeiteten gegen die Regierung, weil sie sie für die Marionette des Westens hielten, weiß Khan. Zwar wisse er, dass die internationalen Truppen dem Land viele Fortschritte gebracht haben, doch er glaubt, dass Afghanistan noch viel länger Unterstützung braucht, bis die Situation stabil ist.

„Länder wie Pakistan, China und der Iran greifen in die afghanische Politik ein und wollen die Stabilität manipulieren“, sagt der Geflüchtete. Die Drohnen und Bomben an den Grenzen des Landes töteten oftmals auch unschuldige Bürger. „Die NATO sagt dann immer, dass das Verwechslungen waren, aber das ist nach so vielen unschuldigen Toten unglaubwürdig“, meint Khan. Die deutschen Truppen seien im Norden stationiert. „Das ist eine sichere und stabile Region“, erklärt er. Von den Gefahren und Problemen in unsicheren Teilen des Landes bekämen deutsche Soldaten daher wenig mit.

Das war der 17. Teil meiner Artikel-Serie über das Refugee Camp Berlin.

5 Kommentare


  1. Wer sind “Die Offiziere” ?

  2.   Caro Lobig

    Das war leider nicht besser zu übersetzen – als die Offiziere in Afghanistan, die Khan in dem Fall beschreibt, sind diejenigen gemeint, die in normaler Offizier-Uniform und als würden sie für den Staat arbeiten, auftreten. Das sind aber diejenigen, die unschuldige Menschen aus dem eigenen Volk umbringen und gegen die Regierung arbeiten – teilweise aus der Taliban-Bewegung, aber das ist nicht immer klar.

  3.   Gerda Farman

    Es wird den Afghanen gar nichts anderes übrig bleiben, als sich persönlich für ihr Land und die Freiheit einzusetzen. Nach 2001, d.h. dem Start der internationalen Hilfe und Unterstützung sind immer noch Abertausende ausgereist, um “friedlich” zu leben. Wer möchte das nicht?! Leider sind jedoch die Kapazitäten hierzulande begrenzt. Im übrigen verstehe ich nicht, wie ein Mensch, der von sich behauptet, 8 (!) (Entschuldigung, dass ich lache) Sprachen zu beherrschen auf einen Sprachkurs angewiesen ist. Wie wäre es denn mal, sich einfach ein sprachliches Lehrbuch zu kaufen und anzufangen? Oder die Zeit zum Lesen und zur Fortbildung zu nutzen? Und was ist mit dem Wortschatz der 8 (!) Sprachen? Muss der nicht auch gepflegt werden? Ich finde jedenfalls, es ist überhaupt nicht einzusehen, dass weiterhin hier Tausende aufgenommen werden, die nicht in der Lage sind, sich in den einfachsten Belangen selbst zu helfen und einen Staat und “Rechte”einfordern, die durch nichts begründet sind.


  4. […] von Schicksalen von Flüchtlingen zu berichten, braucht ein Journalist aber viel Geduld von Feingefühl. Schließlich ist das eine […]