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Die „Identitären“: Alte Ideologie mit neuen Fahnen

 
Demo der „Identitären“ in Berlin © Michael Trammer/24mmjournalism

Mit „Untergangster des Abendlandes“ liegt ein Sammelband vor, der Teile der identitären Ideologie in den Blick nimmt, die bisher wenig Beachtung fanden. Manche davon sind 100 Jahre alt. Trotz kleinerer Schwächen ist der Band sehr lesenswert.

Von Nikolai Schreiter

„Rechtsextremismus“ wird in Österreich anders verwendet als in Deutschland. Auch im neuen Sammelband „Untergangster des Abendlandes“ über Ideologie und Rezeption der „Identitären“, den Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek und Alexander Winkler herausgegeben haben, steht er nicht für staatstragende Totalitarismustheorie, sondern bezeichnet eine „militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätkapitalistischer Gesellschaften“. Er wird als eine „extreme Spielart des Konservativen“ betrachtet, die unter anderem antiuniversalistisch und antiegalitär natürliche Ungleichheiten behauptet, in vermeintlich natürlichen oder organischen Gemeinschaften denkt und Antiliberalismus und Autoritarismus hochhält. In Abgrenzung zur häufigen Übernahme der Selbstbezeichnung „Neue Rechte“ charakterisiert der Einstiegsbeitrag „Im Schatten des Nationalsozialismus“ die „‚Identitären’ als modernisierte Form des Rechtsextremismus“ und reißt das spezifische Umfeld auf, in dem sie in Österreich entstanden sind und sich bewegen: Starke deutschnationale Burschenschaften, die etablierte FPÖ und eine (ehemalige) Neonaziszene.

Martin Sellner, ehemaliger Neonazi und führender Kopf der „Identitären“ in Österreich © Felix M. Steiner

Vor allem die Beiträge von Micha Brumlik und Florian Ruttner zeigen die ideologischen Bezüge der „Identitären“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts und aktueller Ideologieschmieden wie etwa des rechtsintellektuellen „Institut für Staatspolitik“ rund um den Verleger Götz Kubitschek: Mit Vordenkern der „Konservativen Revolution“ gegen die Weimarer Republik der 1920er-Jahre, die Vorarbeit für den Nationalsozialismus leisteten, ist ein zentraler Bezugspunkt der „Neuen Rechten“ in Deutschland und Österreich das völkisch-nationale Denken, das „Ethnopluralismus“ genannt wird. Nach 1945 gelang es, die „Konservative Revolution“ als vom Nationalsozialismus losgelöst darzustellen, einige ihrer Vertreter sogar als seine Opfer zu stilisieren. Im Kapitel über Metapolitik erklärt Carina Book, wie die „Identitären“ diese vom Vordenker der „Neuen Rechten“ aus Frankreich, Alain de Benoist, übernommen haben. Benoist wiederum griff für seine Schriften auf den Kommunisten Antonio Gramsci und dessen Konzept der „kulturellen Hegemonie“ im „vorpolitischen Raum“ zurück. Außerdem ordnet Book das popkulturelle, hippe Auftreten, um das sich die „Identitären“ online wie offline stets bemühen, in dieses Konzept ein.

Mit dem Antisemitismus der „Identitären Bewegung“ beschäftigt sich Elke Rajal in ihrem Beitrag „Offen, codiert, strukturell“. Auf Basis einer umfänglichen Materialsammlung kommt sie zum Schluss, dass trotz oberflächlicher Distanzierungen die Texte der „Identitären“ vor unterschiedlichen Formen des Antisemitismus nur so strotzen. Ihren „Neorassismus“ und dessen Gewaltpotential arbeitet Ines Aftenberger gegen den identitären Slogan „0% Rassismus“ heraus. Dadurch, dass sie über den ‚alten’ Rassismus sagt, dass er „die Vernichtung des Anderen“ anstrebe, bleibt sie leider begrifflich unscharf nicht nur gegen den Antisemitismus als immanent eliminatorische Ideologie, sondern auch gegen den Rassismus. Der trägt, anders als der Antisemitismus, eben diesen Vernichtungswunsch nicht notwendig in sich. Vielmehr war ihm immer schon auch die räumliche Trennung der „Völker“, vulgo Abschiebung, die die „Identitären“ „Remigration“ nennen, eine Lösung.

Aufschlussreich ist der Beitrag von Heribert Schiedel über „rechtsextremen Islamneid und die Ähnlichkeit von Djihadismus und Counterdjihadismus“, in dem er ideologische Übereinstimmungen der beiden Ideologien bei Antisemitismus, Antifeminismus und Antiliberalismus analysiert. Er zeigt, dass zentrale Konzepte wie Identität, Männlichkeit, Todeskult und der Wahn vom bevorstehenden „apokalyptischen Endkampf“ bei djihadistischen wie bei autochthonen rechtsextremen Männerbünden wie den „Identitären“ sich ähneln. Beachtenswert ist sein Punkt, dass das Ressentiment gegen Muslime sich nicht unwesentlich aus (verdrängtem) Neid speist, weil all die ideologischen Ähnlichkeiten im Djihadismus offener ausagiert werden können. Dabei attestieren Rechtsextreme und Islamisten – übrigens nicht selten auch ‚Antirassisten’ – Muslimen eine „volle Identität“ mit dem Islam. Die Rechtsextremisten beneiden dann, dass die Muslime voll und ganz in der islamischen Gemeinschaft aufgehen würden – sie werden als die besseren „Identitären“ gesehen.

Identitäre Inszenierung: Selfie im Polizei-Kessel im Juni 2017 in Berlin © Felix M. Steiner

In Sachen Geschlecht widmet sich Judith Goetz der Rolle von Frauen in der Bewegung und dem vorherrschenden Geschlechterbild. Frauen stehen den „Identitären“ für „die Schönheit des Eigenen“, sie wollen ‚wieder’ „männliche Männer“ (teilweise auch schwule) und „weibliche Frauen“ (weibliche Homosexualität spielt bei ihnen keine Rolle) sein ‚dürfen’ und beziehen sich positiv auf germanische Kampfgefährtinnen, die zwar nicht selbst gekämpft, aber barbusig ihre Männer im Kampf angefeuert haben sollen, um bei Niederlage mit in den Tod zu gehen. Unter Berufung auf „die wahre Natur der Geschlechter“ wird hier das eindeutige, dichotome Geschlechterbild der „Identitären“ ebenso ersichtlich wie Antifeminismus, Sexismus und Homosexuellen- und Transfeindlichkeit, auch wenn „Identitäre“ einräumen, dass man „nicht einfach zurück in die klassischen familiären Strukturen wie vor 50 Jahren“ könne. Auch hier spielt die Funktion, die „unseren Frauen“ bei der Erhaltung des Eigenen und als „zu verteidigende Objekte“ dieses männlichen Selbst zugeschrieben wird, eine wesentliche Rolle. Sie äußert sich unter anderem darin, dass Migranten für ihren Sexismus angegriffen werden, „Identitäre“ sich aber unter dem Hashtag „#fr4uenhausg4ng“ über die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen auslassen, die dort Schutz vor Gewalt suchen. Dadurch können sie unter anderem, ähnlich wie beim Antisemitismus, durch den instrumentellen Verweis auf Sexismus und Homosexuellenfeindlichkeit der ‚Anderen’ von diesen Ideologien bei sich selbst ablenken.

Das umfangreiche Buch wiederholt sich zwar an einigen Stellen, ist aber einerseits analytisch stark und liefert andererseits gute Überblicke über Themenkomplexe wie Sexismus, tätliche Angriffe von „Identitären“, Verbindungen zur russischen Rechten oder Antisemitismus. Das Register am Ende erlaubt, die Publikation als Nachschlagewerk zu nutzen. Die Kritik am medialen Umgang mit den „Identitären“ ist auch Redaktionen ans Herz zu legen, um einen reflektierten Umgang mit einer Gruppierung zu ermöglichen, die es vor allem auf mediale Präsenz abgesehen hat. Es ist schwer einzuschätzen, welches Ausmaß und Form ein etwaiger größerer Erfolg der „Identitären“ nach einigen eher wenig beachteten Aktionen, aber auch aggressivem Auftreten noch annehmen wird. Ideologisch aber ist, was die „Identitären“ angeht, nach der Lektüre dieses Buches alles klar.


Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler: Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen Identitären. Hamburg 2017: Marta Press. 434 Seiten, 20 Euro.