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Neonazi-Gewalt und Verharmlosung in Wurzen

 
Vermummte Neonazis auf der Bahnhofsstraße Wurzen ©Henrik Merker

Bewaffnete Neonazis wollten am Sonnabend in Wurzen Journalisten und eine linke Kundgebung angreifen. Die Polizei reagierte rechtzeitig. Die Waffen wurden nicht gefunden, ein Durchsuchungsbeschluss fehlte. Die Angreifer sollen zum Umfeld des extrem rechten „Imperium Fight Team“ gehören, einige der Täter waren wohl am Angriff auf Connewitz vom 11.01.2016 beteiligt.

Rund 250 Antifaschisten folgten am vergangenen Samstag der bundesweiten Antifa-Kampagne „Irgendwo in Deutschland“  nach Wurzen, um gegen rassistische Gewalttaten zu protestieren. Die Kampagne verzeichnet in Wurzen „ungestörte Nazistrukturen“ und eine „schweigende bis unterstützende Stadtbevölkerung“. Anlass der Kundgebung waren Ausschreitungen am 12. Januar in Wurzen, bei denen rechte Jugendliche Geflüchtete jagten. Nach aktuellem Stand der Ermittlungen wehrten sich die Geflüchteten gegen die doppelt so große Gruppe Deutscher auch mit Messern, zwei Deutsche wurden dabei verletzt. Dann stürmten die rechten Jugendlichen mehrere Wohnungen von Geflüchteten, schlugen auf die Bewohner ein. Am nächsten Tag wurden die Geflüchteten evakuiert. Einer der Angegriffenen sagt, in Wurzen fühle er sich überhaupt nicht unterstützt, werde regelmäßig von Deutschen angefeindet und bedroht.
Schon seit den 1990er Jahren ist die Region um Wurzen regelmäßig Tatort rechter Gewalt. Sogar der Chef des sächsischen Verfassungsschutzes, Eckehard Dietrich, bezeichnete Wurzen 1996 als das „wohl wichtigste Zentrum der Neonazis in Deutschland“. Auch beim organisierten Angriff auf das Leipziger Stadtviertel Connewitz im Januar 2016 sollen Neonazis aus der sächsischen Kleinstadt federführend gewesen sein.

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Neonazis jagen Journalisten

Samstagmittag waren schon Neonazis unterwegs in Wurzen, patrouillierten durch die Stadt. Zwar wurde die fünfzehn Personen starke Gruppe frühzeitig von Polizisten angehalten, doch kontrolliert wurde sie scheinbar nicht. Nur kurze Zeit später tauchten die 16- bis 25-Jährigen bei der linken Kundgebung im Stadtpark auf, vermummten sich mit Sturmhauben und Tüchern. Nur wenige Polizisten stellten sich vor die Rechtsextremen. Nach einer halben Stunde begleiteten sie die Vermummten bis zu einem Supermarkt am Ende des Parks. Wenig später meldeten die Rechtsextremen eine eigene Kundgebung an.

Journalisten hatten die Gruppe beobachtet und waren auf dem Rückweg zum Stadtpark. Als die Reporter an der Werkstatt „Carwrap Machern“ vorbeiliefen, stürmten vermummte Neonazis aus dem Gebäude. Das Gelände ist als rechte Szene-Immobilie bekannt, wurde von der Polizei trotzdem nicht beobachtet. Fünfzig Meter jagten die Neonazis hinter den Reportern her. Als Gegendemonstranten und Polizei auf die Straße kamen, zogen sich die Angreifer vorerst zurück, die Reporter waren in Sicherheit.

Bewaffnete Neonazis in Wurzen © Simon Telemann

Eine Stunde später standen die Neonazis wieder auf der Bahnhofsstraße, diesmal bewaffnet. Mit einem Arsenal aus Baseballschläger, Teleskopschlagstock, Pfefferspray und Macheten gingen sie auf Journalisten und Demonstrierende los. Einem Fotojournalisten zeigte einer der Neonazis eine Halsabschneide-Geste mit der Machete, brüllte ihm zu: „Wir kriegen dich!“. Journalisten und Demonstrierende wurden von den Rechtsextremen abfotografiert. Seit Sonntagabend kursieren die Bilder auf einschlägigen Neonazi-Seiten im Netz.

Einige der Angreifer wurden ohne Vermummung fotografiert, bei anderen lieferte die Kleidung Hinweise auf ihre Identität. In den sozialen Netzwerken wird gemutmaßt, dass Neonazis in der Gruppe waren, die sich am Angriff auf Leipzig Connewitz im Januar 2016 federführend beteiligten. Die Hinweise legen nahe, dass es sich um bundesweit bekannte Szenegrößen aus dem Umfeld des Neonazi-Labels „Front Records“ und der Freefight-Organisation „Imperium Fight Team“ handelt. Aus Datenschutzgründen wollte die Polizeipressestelle Leipzig konkrete Namen von bekannten Kampfsportlern und Neonazis nicht offiziell bestätigen.

Polizei findet keine Waffen

Von dem Angriff selbst erfuhr die Polizei nach eigenem Bekunden erst aus den sozialen Netzwerken. Als Polizisten eintrafen, versteckten die Neonazis ihre Waffen in der Werkstatt. Am Rande drängte ein Polizist Journalisten gewaltsam zur Seite. Als die sich ausweisen wollten, brüllte er sie an, sie sollten sich „verpissen“. Erst als Filmteams dazu kamen, ließ er von den Journalisten ab. Zehn Beamte sprachen mit den Neonazis, betraten kurz darauf deren Werkstatt. Waffen konnten sie keine finden. Die Staatsanwaltschaft habe trotz umfangreichen Waffenarsenals der Neonazis und dutzender Beweisfotos keinen Durchsuchungsbeschluss ausgestellt, bestätigt die Pressestelle der Polizei.

Nur ein Imageproblem

Rechte Gewalt wird in Wurzen verharmlost, das zeigen Reaktionen von Bürgermeister und Lokalpresse. Die Stadt habe ein reines Imageproblem, so ein Kommentator der Leipziger Volkszeitung – rassistische Angriffe vergleicht er mit Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans.
In einer lokalen Facebook-Gruppe diskutiert Wurzens Bürgermeister Jörg Röglin regelmäßig, sobald Kritik an der Stadtverwaltung laut wird. Rechte Hetze und menschenverachtende Kommentare kommentiert er nicht, das belegen umfangreiche Screenshots. Eine weitere lokale Seite, das „Medienportal Grimma“, schreibt von einer „Kundgebung mit Zwischenfällen“. Nur Vermummte finden Erwähnung, keine Neonazis. Teleskopschlagstöcke und Baseballschläger werden in Anführungszeichen und kursiv als „Waffen“ bezeichnet – ein altes Stilelement der Verharmlosung. Auf einschlägigen Neonazi-Seiten wird derweil behauptet, Linke hätten die Szene-Immobilie der Neonazis angegriffen, sie hätten sich verteidigen wollen. Eine haarsträubende Lüge sei das, sagt Polizeipressesprecher Uwe Voigt. Dass solche Märchen bei der Wurzenener Bevölkerung aber Gehör finden, hat der Angriff auf Geflüchtete vom 12.01.2018 zur Genüge bewiesen.

2 Kommentare


  1. […] via störungsmelder: Neonazi-Gewalt und Verharmlosung in Wurzen […]

  2.   Ano Nimo

    Ich bin selbst Wurzener und finde die Ereignisse der letzten Wochen in unserer Stadt unerträglich. Mein politisches Herz schlägt eher links und meine Abneigung gegenüber jeglichem Fremdenhass und Rassismus, von rechtsextremen Gewalttaten ganz zu schweigen, ist groß.

    Trotzdem oder gerade deswegen finde ich die in diesem Blogbeitrag, wie auch vielen anderen Medienbeiträgen verallgemeinernde Meinungsmache über die Wurzener Bevölkerung im Ganzen mehr als unglücklich, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

    Natürlich gibt es in Wurzen Neonazis und rechtsradikale Strukturen, darüber gibt es keine Diskussion. Und natürlich versuchen diese Kreise Teile der unbeteiligten Bevölkerung zu beeinflussen. Es gab schon Flugblätter, Facebook-Seiten, Twitter-Accounts und vieles mehr, mit Falschinformationen nur so überfüttert und nachweisbar klare Lügen. Aber mit nachweisbaren Lügen werden heutzutage sogar Menschen zu US-Präsidenten, klar dass auch in Wurzen ein gewisser Teil der Menschen darauf hereinfällt. Aber eben auch nur ein Teil der Wurzener Bevölkerung und nicht wie im Schlusssatz des obigen Beitrages „die Wurzener Bevölkerung“

    Denn es gibt auch einen großen Teil der Wurzener Bevölkerung, der rechtsradikales Gedankengut, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und natürlich erst recht damit einhergehende Gewalt klar ablehnt. Zu diesen gehören viele Einwohner, aber auch Unternehmen, Politiker (ja, auch der OBM) und Vereine. Und bei letzterem will ich mich nicht auf dem Engagement des Netzwerks für demokratische Kultur ausruhen, dessen Arbeit ich im Übrigen sehr schätze. Da wären unter anderem zu nennen die Standortinitiative Wurzen oder auch der Ringelnatzverein, dessen Ausstellung zum zivilen Widerstand von Otto und Elise Hampel gegen die Nationalsozialisten im Ringelnatzhaus gerade erst zu Ende geht.

    Deren Veröffentlichungen, Veranstaltungen und sonstige Bemühungen finden jedoch in keinerlei Berichterstattung Platz, denn den Medien sind diese Bemühungen zu subtil, zu leise und zu wenig plakativ. Somit liest man davon auch weder in der Leipziger Volkszeitung – welche tatsächlich teilweise dazu neigt das Problem des Rechtsradikalismus in Wurzen kleinzureden – noch im Medienecho bei Zeit, taz, FAZ und so weiter, welches eher dazu tendiert Wurzen ganz allgemein und unreflektiert als Nazistadt zu bezeichnen.

    Aber warum wohl sind diese Bemühungen gegen rechts in Wurzen so leise und eher subtil, so dass der Außenstehende schnell mal von Verharmlosung rechter Gewalt oder der schweigenden Akzeptanz rechter Gewalt durch die Stadtbevölkerung spricht? Weil Außenstehende eben nicht in der Stadt leben. Denn lebt man hier, hält man sich zurück, denn man hat Bedenken, was sonst passieren könnte. Sprechen wir es klar aus: die Leute haben höchst wahrscheinlich Angst. Jede Person, die sich zu laut und zu öffentlich gegen die Neonazis ausspricht, steht wahrscheinlich dann auf deren Liste. Und in einer Kleinstadt wie Wurzen kennt doch fast jeder jeden. Keiner, sei er auch noch so gegen Rechtsradikalismus, will sein Ladengeschäft, sein Haus oder sein Auto mit eingeschlagenen Scheiben, beschmierten Wänden oder zerstochenen Reifen vorfinden oder gar persönliche Bekanntschaft mit einschlägigen Schlagwerkzeugen machen.

    Es ist natürlich ein Leichtes, einfach der Stadtgemeinschaft den schwarzen Peter zuzuschieben, aber diese kann das Problem nicht allein lösen. Denn niemand überschreitet eine gewisse Grenze, einfach aus Angst vor der persönlichen Unversehrtheit. Hilfe von außen ist was die Stadt braucht. Sie braucht Sozialarbeiter, sie braucht eine Aufwertung des örtlichen Polizeistandortes zurück zum vollwertigen Revier, sie braucht Hilfen für örtliche Betriebe zur Integration uvm., die Standortinitiative hat das in Ihrer neuesten Stellungnahme recht gut auf den Punkt gebracht. Aus eigener Kraft, ohne Unterstützung von Land und Bund – und ja, auch von den Medien – wird Wurzen die Stigmatisierung und deren neonazistische Ursachen nicht überwinden können.