Zusammen statt getrennt – was sich bei den Paralympics ändern sollte

Jetzt ist sie wieder da, diese komische Zeit, von der irgendwie niemand so genau versteht, warum es sie gibt: Die Zeit zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen. Die Abschlussfeier der Olympischen Spiele ist vorbei und nach zwei Wochen Pause fangen die Paralympics mit einer Eröffnungsfeier wieder an. Weiter„Zusammen statt getrennt – was sich bei den Paralympics ändern sollte“

 

Pokémons im Rollstuhl fangen – der Weg ist das Ziel

Die Welt ist im Pokémon Go-Fieber. Vor Kirchen, Wanderwegweisern und Bahnhöfen versammeln sich plötzlich Scharen von Menschen, die auf ihr Handy starren und versuchen Pokémons zu fangen oder einen virtuellen Kampf zu gewinnen. Ziel des Spiels: so viele verschiedene Pokémons wie möglich fangen. Millionen von Menschen sind weltweit auf der Jagd nach den Figuren. Weiter„Pokémons im Rollstuhl fangen – der Weg ist das Ziel“

 

Debattenkultur: Wenn Randgruppen nicht mehr am Rand stehen

„Randgruppen-Artikel“ steht über dem Text. Das ist, zugegeben, keine sehr originelle Überschrift, aber der Text selbst hat es in sich. Er stammt aus der Abizeitung der Liebfrauenschule im hessischen Bensheim aus dem Jahr 1996. Der ironische Text macht die Leser darauf aufmerksam, dass sich im Abiturjahrgang der katholischen Mädchenschule nicht weniger als 41 Randgruppen befunden hätten – und das bei einer Jahrgangsgröße von etwas mehr als 90 Abiturientinnen. Weiter„Debattenkultur: Wenn Randgruppen nicht mehr am Rand stehen“

 

Als Einziger nicht eingeladen

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind wird als einziges Kind in der Klasse nicht zum Geburtstag eingeladen – und das obwohl es weder die Klasse tyrannisiert noch sich ständig daneben benimmt. Das ist Jennifer Engele passiert. Ihr Sohn Sawyer hat Downsyndrom und geht in eine Regelschule in Kanada, wo die Familie wohnt. Alle Kinder der Klasse bekamen von einem Mitschüler die Einladung zu einer Geburtstagsfeier. Nur er eben nicht. Der Grund ist so einfach wie offensichtlich: Es liegt daran, dass Sawyer behindert ist. Die Mutter verfasste daraufhin einen offenen Brief an die Eltern des Geburtstagskindes, der auf Facebook derzeit massenweise geteilt wird.

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Was der Brexit für behinderte Menschen bedeutet

Was der Brexit für behinderte Menschen bedeutetDie Entscheidung der Briten, die Mitgliedschaft in der Europäischen Union zu beenden, versetzt das Königreich in eine Art Schockzustand. Besonders geschockt sind nicht zuletzt behinderte Menschen, die sich darüber bewusst sind, welche Verbesserungen die EU in den vergangenen Jahren für sie erreicht hat. Aber nicht nur die Briten sind besorgt, die Behindertenpolitik der EU könnte sich verändern, wenn die Briten nicht mehr mitreden und Einfluss nehmen, denn mit den Briten wurde in den vergangenen Jahren einiges getan, um die Lebenssituation der rund 80 Millionen behinderten EU-Bürger zu verbessern. Weiter„Was der Brexit für behinderte Menschen bedeutet“

 

Der Buggy-Rollstuhl-Konflikt geht in die nächste Runde

Wohl jeder Rollstuhlfahrer, der öffentliche Verkehrsmittel nutzt, kennt die Situation: Man möchte mit dem Bus fahren, der Bus kommt, aber man kommt nicht hinein, weil der Rollstuhlplatz mit Kinderwagen vollgestellt ist. In Großbritannien muss sich mit diesem Problem seit vergangener Woche der oberste Gerichtshof, der Supreme Court in London, befassen. Er muss die Frage klären, ob eine Busgesellschaft verpflichtet ist, den Rollstuhlplatz an Rollstuhlfahrer zu geben, wenn diese ihn benötigen und wie das durchgesetzt werden soll.

Der Rollstuhlfahrer Doug Paulley aus Nordengland hatte geklagt. Er wollte einen Zug erreichen und wollte dafür mit dem Bus zum Bahnhof fahren, doch der Rollstuhlplatz war mit einem Kinderwagen belegt. Der Aufforderung, den Kinderwagen zusammenzuklappen, kam die Mutter nicht nach und so ließ der Busfahrer den Rollstuhlfahrer einfach stehen. Doug Paulley verpasste daraufhin seinen Zug und klagte wegen Diskriminierung.

Diskriminierungsverbot

Behinderte Menschen in Großbritannien dürfen nach dem Gesetz nicht aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert werden und Unternehmen sind verpflichtet, angemessene Vorkehrungen zu treffen, um Diskriminierungen, Barrieren etc. zu beseitigen. Was angemessen ist, entscheidet im Streitfall ein Gericht, wie in diesem Fall. Ein Novum ist, dass sich damit jetzt der oberste Gerichtshof beschäftigen muss, was daran liegt, dass vorherige Instanzen unterschiedlich entschieden haben – mal gaben sie dem Rollstuhlfahrer recht, dass die Busfirma mehr hätte tun können, mal nicht – sowie an der grundsätzlichen Problematik, was die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel durch Rollstuhlfahrer angeht.

Im Gegensatz zu Deutschland hat Großbritannien eine höhere Geburtenrate. Dementsprechend ist auch das Kinderwagenaufkommen höher. Aber selbst in kontinentaleuropäischen Ländern kommt es vor, dass man nicht in die öffentlichen Busse hineinkommt, weil die Rollstuhlplätze durch andere belegt sind. Gerade deshalb wird dieser britische Fall auch außerhalb Großbritanniens mit Spannung verfolgt.

Und bevor jetzt jemand sagt, die Plätze seien nicht nur für Rollstuhlfahrer – das stimmt so nicht. Ein Rollstuhlstellplatz ist in öffentlichen Linienbussen EU-weit gesetzlich vorgeschrieben. Kinderwagen haben bislang keinen eigenen Stellplatz vom Gesetzgeber zugewiesen bekommen, aber natürlich ist es kein Problem, wenn diese den Rollstuhlplatz nutzen. Das Problem entsteht erst dann, wenn die Eltern glauben, das sei ihr Platz und ihn nicht freimachen, wenn ein Rollstuhlfahrer kommt.

Nachmittags chancenlos

Angesichts der Tatsache, dass es erheblich mehr Kinderwagen als Rollstuhlfahrer gibt, sind die Chancen für Rollstuhlfahrer, Busse zu nutzen, zu bestimmten Uhrzeiten relativ schlecht. Zwei, drei oder sogar vier Busse hintereinander nicht nutzen zu können, ist in London keine Seltenheit und das, obwohl die Londoner Verkehrsbetriebe viel striktere Regeln haben als die beklagte Busfirma in Nordengland.

Das ist umso paradoxer, wenn man bedenkt, wer sich jahrzehntelang für die Rollstuhlplätze eingesetzt hat: die Rollstuhlfahrer. Nur haben sich alle so daran gewöhnt, dass es diese Plätze jetzt gibt und dass Busse nur noch eine Stufe haben, dass alle meinen, sie auch nutzen zu können.

Unterstützung von Eltern-Community

Unterstützung bekommt Doug Paulley von ganz unerwarteter Seite: Das größte Elterninternetportal Mumsnet in Großbritannien hat sich für die Priorisierung von Rollstuhlfahrern ausgesprochen und betroffene Eltern haben sich dort in Diskussionsforen mehrheitlich dafür ausgesprochen, Rollstuhlfahrern Platz zu machen. Auch das wurde als Argument vor Gericht vorgetragen.

Die Anhörung war sehr interessant. Zum einen ist das britische Rechtssystem völlig anders als das Deutsche, aber auch der Austausch zwischen den sieben Richtern und den Anwälten war sehr aufschlussreich. Der Vertreter des Klägers führte beispielsweise an, dass in einer Richtlinie ganz klar geklärt ist, was ein Busfahrer zu tun hat, wenn jemand im Bus isst. Das geht von der Aufforderung, das Essen zu beenden bis dahin, die Polizei zur Hilfe zu holen. Wenn also jemand dagegen verstößt, den Rollstuhlplatz nicht freizugeben, wiegt das weniger schwer, als wenn jemand sein Mittagessen im Bus verzehrt, obwohl er da nicht einmal einen anderen Gast daran hindert, mit dem Bus zu fahren?

Die Gegenseite sah das natürlich anders und fühlte sich nicht in der Verantwortung, den Rollstuhlplatz zu verteidigen. Wie die ganze Sache ausgeht, wird man erst am Ende des Jahres wissen. So lange wird es voraussichtlich dauern, bis die sieben Richter ihr Urteil gefällt haben. Bis dahin geht der Rollstuhl-Buggy-Kampf in britischen Bussen weiter.

 

Einfach so mit der S-Bahn fahren

Vor Kurzem war ich in Köln, um einen Vortrag zu halten. Die Veranstaltung war am Vormittag, mein Flug nach Hause ging erst am Abend und so entschloss ich mich, in die Innenstadt zu fahren, bummeln zu gehen und mich dort in ein Café zu setzen, um ein bisschen zu arbeiten. Ich nahm also die Straßenbahn zum Hauptbahnhof, gab dort meinen Koffer in die Gepäckaufbewahrung und wollte herausfinden, ob ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Abend zum Flughafen fahren kann oder ob ich mir ein Taxi nehmen muss, was ich in der Hauptverkehrszeit eigentlich vermeiden wollte. Weiter„Einfach so mit der S-Bahn fahren“

 

Inklusiver Arbeitsmarkt statt Behindertenwerkstätten

Das nenne ich einen Paukenschlag: Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat die Bundesregierung aufgefordert, den allgemeinen Arbeitsmarkt für behinderte Menschen zugänglicher zu machen und über die Zukunft von Behindertenwerkstätten offen zu diskutieren. Endlich fängt jemand damit an, an scheinbar unbeweglichen Strukturen zu rütteln. Denn über die Rolle von Behindertenwerkstätten wird bislang kaum diskutiert. Manche Einrichtungen haben sich aber schon mal gewappnet und sich das Label „Inklusion“ angeheftet. Vermutlich in der Hoffnung, dass der Kelch der Inklusion an ihnen vorübergeht und man alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen kann, ohne sich ändern zu müssen. Weiter„Inklusiver Arbeitsmarkt statt Behindertenwerkstätten“

 

Hauptrolle: behindert und lebensmüde

Es sollte eine ganz normale Filmpremiere in London werden: Für Me before you oder Ein ganzes halbes Jahr, wie das Buch und der Film in Deutschland heißen, hatte man den roten Teppich ausgerollt und viele Fans warteten auf die Schauspieler Sam Claflin (Hunger Games) und Emilia Clarke (Game of Thrones).
Aber nicht nur Fans des Films waren anwesend, sondern auch eine Gruppe von Rollstuhlfahrern, die gegen den Film und das zugrunde liegende Buch protestierten.

Spoilerwarnung! Nicht weiterlesen, wenn man die Handlung des Buchs oder des Films nicht vorab wissen möchte.

Worum geht es?

Der erfolgreiche Geschäftsmann Will ist vom Hals abwärts querschnittgelähmt und seine Eltern suchen für ihn eine neue Assistentin, die ihn rund um die Uhr pflegt. Sie finden Louisa, die zwar völlig unerfahren ist, aber, da sie bislang beruflich wenig Glück hatte, bereit ist, den Job anzunehmen. Die beiden verlieben sich ineinander, verbringen nach großen Anlaufschwierigkeiten eine tolle Zeit miteinander und trotzdem will sich Will umbringen, weil er sein Leben für nicht mehr lebenswert hält. Am Ende tut er das auch. Er reist in die Schweiz und stirbt mit Hilfe von einer Sterbehilfeorganisation. Kein Happy End. Das Buch ist todtraurig, der Film ist es sicher auch. Ich habe das Buch gelesen und kenne auch schon die Fortsetzung des Romans.

Um es vorweg zu sagen, ich mochte das Buch. Ich mag auch Jojo Moyes‘ Schreibstil. Ich mochte die Liebesgeschichte und die Hauptperson der Handlung, Louisa. Was ich nicht mochte, war alles, was mit dem Tod von Will zu tun hatte und seinen Tod überhaupt. Und ja, es gibt Stellen in dem Buch, da kann ich als selbst querschnittgelähmte Frau nur mit dem Kopf schütteln. Da merkt man dann schon, dass das jemand geschrieben hat, die nicht querschnittgelähmt ist und auch nie eine Beziehung mit jemandem hatte, der diese Behinderung hat, sondern alles nur vom Hörensagen interpretiert.

Warum nun also der Aufschrei? Sowohl in den USA, Kanada als auch in Großbritannien, wo der Film diese Woche anläuft, gibt es Proteste von behinderten Menschen. Auch auf Twitter wird lautstark protestiert.

Nicht behinderte Schauspieler spielen behinderte Menschen

Es ist wirklich fast schon lächerlich, aber ja, auch in Hollywood spielen nicht behinderte Schauspieler behinderte Rollen – und das meist ziemlich schlecht. Ich werde langsam wirklich müde, mich darüber aufzuregen. Es nervt halt einfach nur noch. Dementsprechend gibt es auch wenig Akzeptanz für diese Filme vonseiten vieler behinderter Menschen. Sie empfinden es wie „Blackfacing„, das Anmalen von weißen Schauspielergesichtern mit schwarzer Farbe, statt gleich schwarze Schauspieler einzusetzen.

Behindertes Leben wird als unwert dargestellt

Das Argument gegen das Buch und den Film, das Leben mit einer Behinderung wird als unwert dargestellt, kann ich durchaus verstehen. Will beantwortet die Frage, warum genau er eigentlich sterben möchten, fast immer nur damit, dass er so – also behindert – nicht leben möchte. Er sei nicht der Typ, der sein Schicksal einfach akzeptiert. Na prima!

Und das, obwohl er eigentlich recht angenehm leben könnte: Er hat mit Louisa am Ende eine tolle Freundin, seine Eltern bemühen sich, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, er hat ein schönes Haus und ziemlich viel Geld, kann das Haus verlassen, zu Veranstaltungen gehen und vieles mehr. Zudem wird für den Film auch noch mit „Lebe mutig“ geworben (#liveboldly), was man entweder so verstehen kann, dass das Leben mit Behinderung immer Mut erfordert. Das ist eine typische Heroisierung behinderter Menschen, wie es auch gerne Medien machen. Aber auch die andere Interpretation, dass man sein Leben so lange mutig leben soll, wie man es noch kann, ist nicht viel besser.

Das Buch setzt schon fast als logisch voraus, dass man nach einer Querschnittlähmung nicht mehr leben möchte. Dass das behinderte Menschen auf die Palme bringt, vor allem querschnittgelähmte Menschen, verstehe ich, denn klar ist, die Mehrheit möchte leben und das vermutlich meist unter weit schwierigeren Umständen als der Rollstuhlfahrer im Buch.

Sexualität und Behinderung wird falsch oder gar nicht dargestellt

Eines der dümmsten Vorurteile, denen man als behinderter Mensch so im Laufe des Lebens immer wieder begegnet, ist, dass behinderte Menschen keinen Sex haben können oder gar keine Sexualität haben. Da könnte man meinen, wir leben in einer aufgeklärten Welt, in der jeder weiß, dass es Sex in den unterschiedlichsten Facetten gibt, aber das scheint sich weder bis zur Autorin noch nach Hollywood rumgesprochen zu haben, denn auf eine gute Sexszene wartet man auf den vielen Seiten des Buches vergeblich. Damit wird ernsthaft der Eindruck erweckt, ein querschnittgelähmter Mann könne kein Sex haben oder wenn, dann sicher keinen erfüllenden, dann kann man es auch gleich lassen.

Immer wieder das Gleiche

Der US-amerikanische Regisseur Dominick Evans, der selbst im Rollstuhl sitzt, schrieb über den Film: Behinderte Menschen „haben es satt, Filme anzuschauen, in denen behinderte Menschen falsch dargestellt werden. Auch weil wir nicht miteinbezogen werden, nirgendwo. Wir wurden zum Drehbuch nicht befragt. Kein Rollstuhlfahrer hat das Drehbuch geschrieben. Sogar die Hauptrolle spielt ein nicht behinderter Schauspieler, was dazu führt, dass er nicht einmal weiß, ob er gut spielt, wie schädlich seine Darstellung und wie unauthentisch das Drehbuch ist.“ Ohne behinderte Menschen einzubeziehen, fahre das „nicht behinderte Hollywood“ damit fort, das Leben für behinderte Menschen schwerer zu machen, weil es das sei, was Menschen sehen und sie annehmen, das sei die Wahrheit.

Mit dieser Meinung steht Dominick Evans nicht alleine da. Hunderte englischsprachige Tweets und zahlreiche Kommentare in amerikanischen und britischen Medien gab es in den vergangenen Tagen. Bleibt abzuwarten, welche Reaktionen der Film in Deutschland auslöst, wenn er am 23. Juni in die Kinos kommt.