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Sollen die Typen doch heulen

 

Die Plattenfirma Monika legt zehn Finger an den Puls der Zeit: In der Reihe „4 Women No Cry“ erkunden jeweils vier Musikerinnen die Möglichkeiten der Elektronik

No Women No Cry Vol. 2

Zu den Schätzen vieler Plattensammlungen gehören Split-Singles. Das sind kleine schwarze Scheiben, auf jeder Seite musiziert ein anderer Künstler. Das Konzept funktioniert nur auf Vinyl wirklich gut, weil man zwischendrin umdrehen muss und die Stücke nicht wie auf CD ohne Pause ineinander übergehen.

Doch warum muss man sich auf Single-Kürze beschränken? Warum das nicht mal auf Langspielplatte ausprobieren? Das Berliner Label Monika hat im Jahr 2005 mit einer Serie begonnen, die genau dies tut. 4 Women No Cry heißt das Projekt. Vier Künstlerinnen steht jeweils eine der vier Seiten einer Doppel-LP zur Verfügung, fünfzehn Minuten also.

Künstlerinnen! Bob Marleys Liedtitel No Woman No Cry wird von ihnen absichtlich variiert. Das Motto: „Ist uns doch egal, ob die Typen zu Hause hocken und heulen. Wir machen Musik!“ Auf 4 Women No Cry hört man ausschließlich Frauen. Das ist nicht das einzige Prinzip der Reihe, vielleicht nicht einmal das wichtigste. Warum sollten Frauen keine gute Musik machen können?

International und elektronisch soll es zugehen. Jede Folge porträtiert Künstlerinnen aus unterschiedlichen Metropolen. Auf Teil 1 loteten Rosario Bléfari aus Buenos Aires, Tusia Beridze aus Tiflis, Eglantine Gouzy aus Paris und Catarina Pratter aus Wien die Weiten elektronischer Musik aus. Auf der nun erschienenen zweiten Doppel-LP sind es Dorit Chrysler aus New York, Mico aus London, Monotekktoni aus Berlin und Iris aus Barcelona. Viele Namen, aber auch viele Ideen, Eigenarten und Stilrichtungen.

Seite eins gehört dieses Mal Dorit Chrysler. In ihren fünf Stücken bringt sie Xylophon und Theremin zusammen mit sphärischen und verzerrten Gesängen, Fiepsen und Pluckern. Die Klänge wabern durch Räume, sie kommen kurz vorbei und verschwinden nach nebenan. Dann wieder drängen massive Rhythmen eine hitverdächtige Melodie voran. Eines der Stücke heißt My Sweet Chimera, das passt, denn so richtig festlegen lässt sich das Wesen ihrer Musik nicht.

Pause, Platte umdrehen. Die drei Stücke von Mico sind schon greifbarer. Ihr Dub ist behutsam und gleichzeitig hektisch, tanzen kann man dazu am ehesten ganz langsam. Besonders im Ohr bleiben ihre teils japanischen Texte bei Signal Found und Fruit Tree. Fast dadaistisch klingen sie, vielleicht ergeben sie dennoch Sinn?

Pause. Platte runter, Platte drauf. Monotekktoni ist das Projekt der Berlinerin Tonia Reeh. Auf den meisten ihrer Stücke kreischt und bollert es, verzerrte Gitarren, trötige Keyboards und schrammelige Rhythmen legen einen Klangteppich, über den sie mit eindringlicher Stimme singend schreitet. Ihre Lieder treiben und flirren. Dass sie aus unzähligen Klangfetzen, Synthesizern und Effektgeräten auch anderes basteln kann, zeigen das etwas ruhigere No Cry und das beinahe theatralische Pappeln.

Pause, umdrehen. Iris macht den Abschluss. Sie singt vier schöne Popstückchen, hymnisch, verspielt, freundlich. Bei ihr entsteht alles elektronisch, ihre fragile Stimme hat sie am Rechner weiter zerstückelt.

Gudrun Gut – eine Heldin der Elektroszene – kompiliert die Doppelalben der Reihe. Sie scheint ihre Ohren überall zu haben und legt zehn Finger an den Puls der Zeit. So findet sie, was andere Plattenfirmen suchen. In den Metropolen entwickelt sich elektronische Musik in unterschiedliche Richtungen weiter, schon lange gibt es keinen globalen Takt mehr, dem alle folgen. Richtig treffend lässt sich das alles nicht umschreiben, nur erhören.

Natürlich erscheint 4 Women No Cry auch auf CD. Die Doppel-LP funktioniert besser, außerdem ist sie viel schöner. Die exaltierten Rillen von Folge 2 sind in schickes weißes Vinyl geschnitzt. Die Serie soll jährlich fortgesetzt werden, das ist gut.

In der Reihe „4 Women No Cry“ sind bisher zwei Folgen als Doppel-LP und CD erschienen bei Monika

Hören Sie hier „Satellite“ von Dorit Chrysler, „After Rain“ von Mico, „No Cry“ von Monotekktoni und „Rolling Down“ von Iris

Lesen Sie hier: Die Platten des Jahres 2006 – Eine Nachschau auf 100 Tonträger

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