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Vom Riot Girl zur Disco-Queen

 

Es sind nur vier Songs, aber die lassen Beth Ditto noch heller strahlen als zuvor: Ihre neue EP ebnet der Gossip-Sängerin den Weg auf die Tanzböden der Welt.

© Sony Music

Mary Beth Patterson hat aufregende Monate hinter sich. Bei Wetten, dass…? stieg sie Hansi Hinterseer auf den Schoß. In Paris stöckelte sie in einer Gaultier-Kreation über einen Laufsteg. Und bei der Bambi-Verleihung vergaß sie ihren Text. Ein kurzer Blick auf den internationalen Boulevard beweist: Frau Patterson, die unter dem Künstlernamen Beth Ditto eine nicht unerhebliche Berühmtheit erlangt hat, lebt das Leben eines Medienstars.

Nun allerdings, und das nimmt sich angesichts des Hypes der vergangenen Monate doch tatsächlich ein wenig befremdlich aus, kehrt sie zurück zu ihrem Kerngeschäft, das sie einmal zu diesem Star gemacht hat und ja ursprünglich die Musik war.

Dieses musikalische Lebenszeichen besteht aus nur vier Songs und nennt sich EP. Das ist, für die Jüngeren, die Abkürzung extended play und bezeichnet eine Veröffentlichung, die länger ist als eine Single, aber kürzer als ein ganzes Album. EPs erfüllten zu Vinyl-Zeiten die Funktion, die heute der außerplanmäßig erscheinende Download übernimmt: Sie überbrücken die Wartezeit auf das nächste Album.

Wichtiger aber als der Rückgriff auf untergegangene Poptraditionen ist wohl die Tatsache, dass EP die erste musikalische Äußerung Dittos unter eigenem Namen ist und ohne Hilfe ihrer Band Gossip zustande gekommen ist. Die Musik stammt diesmal nicht von der Schlagzeugerin Hannah Blilie und dem Gitarristen Brace Paine, sondern von Jas Shaw und James Ford, die unter dem Namen Simian Mobile Disco zu den renommiertesten DJs und Produzenten Großbritanniens gehören.

Ditto war bereits vor gut einem Jahr auf dem letzten Album von Simian Mobile Disco als Gastsängerin zu hören. Trotzdem war ihr die ungewohnte Personalkonstellation so beklemmend, erzählte sie der Presse, dass sie sich vor den Aufnahmen betrinken musste. Und selbst dann mussten Shaw und Ford den Raum verlassen, damit sie überhaupt einen Ton heraus brachte.

Aber was für Töne sind das. Dittos gewaltige Stimme kommt fast noch besser zur Geltung als mit Gossip. Während der harsche Funk-Punk von Gossip immer auch vom Kontrast zur kirchenchorgestählten Gospel-Anmutung der Sängerin lebte, hüllen Shaw und Ford diese erstaunlichen Phrasen in pluckernde House-Beats und helle Pop-Sounds. Für Ditto, die sich für die EP an der von ihr verehrten Whitney Houston orientierte, wird ein Traum wahr: Sie verwandelt sich endgültig vom Riot Girl zur Disco-Queen.

Natürlich hatten auch Gossip den Dancefloor immer schon mitgedacht, bestand ihre musikalische Leistung doch vor allem darin, die Wut des Punk mit der rhythmischen Intensität eines James Brown zu verschmelzen. Unter der Ägide von Simian Mobile Disco hat Ditto nun aber diese eine Seite von Gossip geradezu exemplarisch herausgearbeitet. Ihrer Stimme, die sich sonst gegen die Gitarren durchsetzen musste, wird nun der Raum gegeben, eine noch erstaunlichere Bandbreite im Ausdruck zu entwickeln, als man von ihr eh schon gewohnt war.

Deswegen reiht sich EP, obwohl ein Solo-Ausflug der Sängerin, dann doch recht passgenau ins Schaffen von Gossip ein. Auch ansonsten muss niemand befürchten, Beth Ditto könnte auf noch weitere Abwege geraten. Gossip, verkündete sie unlängst, arbeiten bereits an ihrem fünften Album.

„EP“ von Beth Ditto ist erschienen bei Deconstruction/Sony.