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Der Beat als Wiedergänger

 

Geister beschwören die aktuelle elektronische Musik. Zwei neue Alben – von Monolake und Burial – zeigen, wie sich das Unheimliche zwischen Techno und Dubstep einnistet.

Robert Henke alias Monolake (© Imbalance Computer Music)

Manche Leute sagen, es gibt unheimliche Musik. Manche sagen, es gibt keine unheimliche Musik. Ich aber sage: Elektronische Musik ist unheimliche Musik. Bestes Beispiel: das auch an dieser Stelle reichlich diskutierte Hauntology-Phänomen. Die Künstler dieser Schule finden das Unheimliche in den Soundschleifen alter Werbevideos oder in analogen Synthie-Klänge. Alles gut durchdacht, gegruselt hat man sich dabei aber nicht so richtig. Zwei neue Platten aus den Zwischenwelten Dubstep und Techno beweisen, dass die Geister immer noch tief in den Maschinen wohnen.

Da ist zum einen Ghosts, die neue Platte von Robert Henkes Projekt Monolake. Ghosts ist Geisterbeschörung in 96kHz. Als Professor für Sounddesign und treibende Kraft hinter der Musik-Software Ableton Live erforscht Henke das Unheimliche als rein technische Natur. Auf seiner Internetseite hat er den Entstehungsprozess des Albums inklusive der einzelnen Klangquellen und verwendeten Gerätschaften jedenfalls detailliert beschrieben.

Monolake – Ghosts (Ausschnitte) by monolake

Basierend auf Textskizzen und filmischen Szenen entstanden im vergangenen Jahr elf Stücke, denen der Begriff Ghosts als Motiv zugrunde liegt. Für Henke ist das Unheimliche weniger als Thema, denn als Klangfarbe zu verstehen. Dennoch enthält die Musik sofort als gruselig erkennbare Versatzstücke: dunkel lauernde Basslinien winden sich um skelettierte Drum’n’Bass- und Dubstep-Rhythmen, rostige Samples schleifen daran entlang. Dazwischen zischen Stimmen wie aus dem Nichts vorbei, greifen Geisterhände aus dem elektronischen Hallraum.

Es gibt großartige Momente auf Ghosts: Wenn Henke im Stück Toku das Geräusch von leeren, aneinander schlagenden Gläsern in einen nervösen Rhythmus verwandelt, klingt das, als wenn einsame Geister durch den Geschirrschrank irren. In Discontinuity stolpern Beats wie digitalisierte Untote, während im Hintergrund ein eiskalter Wind aus Algorithmen weht. Ganz ohne Beat kommt Phenomenon, das herankriecht wie ein schwarzes Wesen. In diesen Momenten ist Ghosts nichts für zarte Gemüter.

Henkes technoide Geisterwelt ist perfekt und kühl. Jedes Geräusch, jeder Klang ist mathematisch genauestens austariert und klanglich makellos. Ghosts ist Musik für einen Horrorfilm, in dem die Geister nicht unterm Bett, sondern in den Interfaces lauern. Da erschrickt man schon fast, wenn in Aligning The Demon die gute alte Kirchenorgel aufspielt.

Henkes Album ist präzise durchdacht und hochkomplex – und daher als unheimliche Musik quasi ungeeignet. Auch das Grauen braucht Seele. Das Unberechenbare und Abgründige aber hat Henke zugunsten der reinen Formvollendung zurückgedrängt. Und mit seinem Werkstattbericht verhält es sich wie mit dem Monster im Gruselfilm: Eigentlich will doch niemand wissen, wie es gebaut wurde.

Burial – Kindred

Nicht weniger perfektionisitisch, aber mit deutlich mehr Gespür für Stimmungen, verarbeitet der britische Dubstep-Produzent Burial das Unheimliche auf seiner neuen EP Kindred. Burial, das bedeutete schon immer nächtliche Hinterhöfe, kaputtes Vorstadtelend, Stalker- und Geister-Soul. Perfekte Kulisse für den gentrifizierten Grusel. Schon allein Burials Songtitel genügen, um ganze Filmsequenzen wachzurufen. Das ist auch auf Kindred nicht anders: Titel wie Ashtray Wasp muss man sich erstmal einfallen lassen.

Ansonsten ist fast alles beim Alten geblieben: die typisch stotternden Beats, die beschleunigten Herzweh-Gesangsschnipsel, die melancholisch flirrenden Loops und hörspielartigen Geräusche. Tanzbarer ist die Musik geworden, was nicht automatisch verträglicher bedeutet. Tatsächlich verstärkt der Ryhthmus den ohnehin ständig lauernden Horror. Während das Unheimliche bei Burial früher schlurfte, beginnt es nun zu laufen.

Mit Kindred hat er drei kleine Dubstep-Sinfonien veröffentlicht: Gleich zweimal erstrecken sich die Stücke über elf Minuten. Ashtray Wasp ist das Herzstück dieses Bass-Albtraums. In ihrer geisternden Traurigkeit fast schon überstilisiert, schieben sich unterschiedliche Szenen wie überblendete Bilder ineinander, nur unterbrochen von ominösen Störgeräuschen. Kindred vermittelt den Eindruck, als ginge es Burial kaum noch darum, zusammenhängende Stücke zu schaffen, sondern einzelne Momentaufnahmen. Sogar sein eigenes Material dient ihm mittlerweile als Samplequelle. So wird selbst der Beat zum Wiedergänger.

“Ghosts” von Monolake ist erschienen bei Imbalance Computer Music/Alive. “Kindred” von Burial ist erschienen bei Hyperdub/Cargo Records.

5 Kommentare

  1.   sleepless

    Wundervolle Musik indeed.

    Wer interessiert ist, kann sich mal die Musik von Subheim, Hecq und Blackfilm anhören. – Die geht aber nicht so in die Dubstep Ecke.

  2.   Krizzz

    Danke für die Vorstellung. Sehr interessant. Hört sich jedoch beides wie ne Lounge Version von…was auch immer… an.
    Wie wärs mit THE PROXY. Ist auch irgendwas zwischen D&B, Dubstep und Elektronik. Klingt jedoch weniger unheimlich, klinisch und hat weitaus mehr drive.

  3.   gtt

    Warum noch immer diese kindischen Beschreibungen von Sound? Begriffe wie ”unheimlich” sind Idiotische Verkürzungen und maximal headlinetauglich auf dem Niveau der Bild Zeitung.


  4. Ich kann nur jedem das geniale Todesalbum von Burial Namens “Untrue” ans Herz legen. Aber Vorsicht, das ist nichts für Depressive oder Selbstmordgefährtete!