Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Schüttelt Haare und Hirnzellen

Von 2. Juli 2012 um 09:52 Uhr

Messer! Guter Bandname, gutes Debütalbum aus Münster. Irgendwie Punk, irgendwie Postpop. Es will uns etwas sagen – nur was, sollen wir selbst herausfinden.

© This Charming Man

Stakkato und Fläche. Analoge Klangwut, Geschrammel mit Struktur. Heulende, psychotische, manchmal gar keine Gitarren. Dazu Bass, viel Bass, peitschender Bass, treibender Bass. Basslast. Der Gesang heiser, unmelodiös, monoton, nicht tonlos. Gelangweilte Entrüstung, Mittelschichtenfatalismus. Texte von Toten und Ruinen, Dunkelheit, Tränen im Auge, Stimmen im Nebel, Wut, viel Wut. Das Schlagzeug schnell, nicht zu schnell, aber nie untertourig, nie verzögernd. Hier und da ein Hall, ab und an Effekte, meistens geradeaus das Ganze, modernisierter Punkrock ohne eins-zwei-drei-vier-Attitüde. Indierock, dieses konstruierte Genre. Also: Postpunk. Auch so ein Etikett, das sich von irgendwas distanziert, ohne es zu verstoßen…

Man könnte Messer anders beschreiben, als der Bandname klingt, weniger schneidend und scharf. Eher phänomenologisch, soziokulturell eingebunden, im Duktus kritischer Analyse gewollter Aussagekraft, klanglich wie textlich, also verschachtelt und gestenreich. Man könnte schwafeln, in die Tiefe gehen, denn da ist viel zu entdecken, das spürt man. Zugleich aber kommt einem beim Hören des Debütalbums Im Schwindel der Gedanke, Messer aus Münster, dieses Quartett grüblerischer junger Männer aus der Fahrradstadt, Studenten angeblich mit Scheitelfrisuren und Röhrenjeans, wollen gar nicht analysiert, beschrieben, entdeckt werden, sondern einfach nur schnell und präzise auf den Punkt kommen. Ihren Punkt.

Man glaubt zwar, darin Bekanntes wieder zu erkennen, verwirft es allerdings schon deshalb rasch: Fehlfarben, der Monarchie-und-Alltag-Start – sind liedförmiger. Blumfeld, die alten Pop-Verdreher – sind lyrischer. 206, die jungen Rock-Verdreher – sind empörter. Von Spar, Turbostaat, Sport, Kante, German Wave vor der Neuen Deutschen Welle, deutscher Postpunk nach der Hamburger Schule – all so was schimmert, besser: brettert durch die Platte, wirkt aber an keiner Stelle wie eine blasse Durchpause.

Das psychedelische Auftaktstück Was man sich selbst verspricht, die bedächtigeren Mutmaßungen über Hendrik, das verwaschene Romy zum Schluss, zwischendrin ein Jochen-Distelmeyer-Gedenk-Gedicht namens Weißer Rauch: Alles kann für sich stehen, als sei der Übungsraum, aus dem Messer noch gar nicht so oft entkommen sind, ein Kokon, eine Wabe.

Viel gelacht wurde darin womöglich nicht. Im Schwindel ist ein konzentriertes, ein brachiales Album, das sich dennoch nicht in seiner Ruppigkeit, der schlechten Laune ausruht. Es will uns etwas sagen, nur was, sollen wir selbst herausfinden.

Vorschlag: Messer sind sauer, wollen uns ihre miese Stimmung aber nicht aufdrängen. Es gibt da Interpretationsspielräume, die im Punkrock, ob Post- oder sonstwas, selten sind. Es ist Krach mit Niveau. Bisschen aufdringlich düster manchmal, bisschen trist, bisschen sehr Off-Stage, aber mit Perspektive. Im zweiten Album muss es da allerdings deutlich weiter gehen, sonst trägt der vertrackte, wütende Sound mit dieser Sprache nicht mehr. Im Moment reicht es für eine gute halbe Stunde Empathie zum Haare- und Hirnzellenschütteln.

“Im Schwindel” von Messer ist erschienen bei This Charming Man.

Kategorien: Punk, Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    An Turbostaat erinnern tut es schon, der Gesang erinnert mich auch irgendwie an Ton Steine Scherben oder Aufbruch.

  2. 2.

    Schlicht, aber nicht gänzlich ohne Reiz.

    Hier noch zwei weitere Songs: https://www.youtube.com/watch?v=mXwKG1mSZ60&feature=channel&list=UL

    Zum Thema “eins-zwei-drei-vier-Attitüde” fällt mir noch ein: https://www.youtube.com/watch?v=2cZ-ma2gFxw https://www.youtube.com/watch?v=yy711vsEEh etc. pp.

  3. 3.

    Nach Headline und Foto dachte ich: Wohlstandskinder, nur erwachsen.
    Das Lied klingt aber sehr nach TempEau, gefällt mir.

  4. 4.

    Musste auch direkt an Ton Steine Scherben denken – und war dabei gar nicht mal so unbegeistert.
    Allerdings fürchte ich, dass man damit heute keine großen Sprünge mehr machen kann. Nur Wut zieht nicht mehr, die meisten Leute wollen nicht mehr wütend sein, sie wollen Harmonie. Eigentlich schade, in diesem Stil gibts echt Talente. Aber wer nicht vergessen in einer Schublade enden will braucht nen erweiterten Horizont (auch wenn der dann seichter ist als man es wollen sollte…..)

  5. 5.

    Liebe Prinzessin, woher wissen Sie, was “die Leute” wollen. Sie scheinen nicht mal zu ahnen, dass es Musikern (gerade in diesem Genre) nicht immer um Anerkennung in der Breite gehen könnte. Und ausgerechnet Sie sprechen von “Horizont” und “Schubladen”… Wenn ich sowas lese und damit meine ich noch nicht mal doppelte Verneinungen, wird mir schwindelig “und am Ende ist einer…”
    Liebe Grüße

    • 3. Juli 2012 um 19:58 Uhr
    • Jan Birmans
  6. 6.

    GEIL! Klingt wie “Abwärts” aus den 80ern. Das wär eine Band für den
    ESC. Aber Guildo hat euch lieb: Ich hasse Fun Punk :-(

    • 3. Juli 2012 um 21:13 Uhr
    • Dirk
  7. 7.

    ich bin wohl nen bißchen spät dran, der letzte kommentar liegt schon vier wochen zurück. es ist schön am anfang dabei zu sein. 1990 bei blumfeld oder die sterne war das auch so. 1980 bei fehlfarben war ich etwas zu jung. bis vor kurzem dachte ich, ich wär zu alt oder damit fertig. doch messer haben in mir das alte gefühl neu geweckt. woran liegt das? die musik und texte sind zeitlos und ehrlich, positiv aggressiv und treibend. lebensnah und befreiend. ich freue mich erstmal sehr über das erste album, das nach meinung nicht besser hätte ausfallen können.

    • 30. Juli 2012 um 19:08 Uhr
    • billitu
  8. Kommentar zum Thema

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