Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Schönheit mit neun Fingern

Von 3. Dezember 2012 um 15:41 Uhr

Ja, sowas Gips: Der Pianist Nils Frahm brach sich den Daumen und spielte trotzdem weiter. Sein Album “Screws” erzählt vom fragilen Glück des Augenblicks.

© Erased Tapes

So simpel ist das manchmal: ein Mann, ein Instrument und eine Lebenskrise. Und das Ergebnis ist Musik, die berührender kaum sein könnte. Musik, so schön, dass sie manchmal schmerzt. Musik, die sich in aller Stille und Ruhe aufzulösen scheint, aber, während sie zu verschwinden droht, doch immer nur intensiver wird.

Nils Frahm heißt der Mann, sein Instrument ist das Klavier. Und die Lebenskrise, die auf seinem neuen Album Screws Niederschlag findet, wurde ausgelöst, als Frahm in diesem Sommer von seinem Hochbett stürzte. Dabei brach sich der Pianist, der es als zentraler Bestandteil der Berliner Neoklassik-Szene zu einiger Berühmtheit gebracht hat und in seinem Durton Studio mit Musikern wie Peter Broderick, F.S. Blumm, Anne Müller oder Efterklang zusammen arbeitet, ausgerechnet den Daumen der linken Hand. In der Notaufnahme bekam er einen Gips, in den Tagen danach kamen die Zweifel. Würde er überhaupt jemals wieder Klavier spielen könnte? Der Arzt jedenfalls hatte es ihm erst einmal verboten.

Der 30-jährige Frahm aber hielt sich nicht daran. Er setzte sich ans Klavier und begann zu spielen – mit seinen neun verbliebenen Fingern. Er probierte, improvisierte, komponierte. Als der Gips entfernt wurde, waren exakt neun kurze Pianostücke entstanden, die zuerst als kostenloser Download zugänglich gemacht wurden und nun unter dem Titel Screws auch noch als CD erschienen sind.

Neun Finger, neun Kompositionen. Ob es der Zufall so wollte, die Vorsehung oder einfach nur der Künstler selbst, das sei dahingestellt. Tatsache ist: Im Gegensatz zu Frahms sonstigen Arbeiten, die an den Grenzbereichen zwischen Klassik und elektronischer Avantgarde neue Klangwelten erforschen und dabei bisweilen durchaus anstrengen, klingen diese neun “kleinen Lieder”, wie er sie selbst nennt, geradezu konventionell.

Ruhig, entspannt, ja bisweilen einschläfernd fließen die neun kurzen Stücke dahin. Wäre man böswillig, könnte man sie wohl auch als Geklimper bezeichnen. Aber lässt man sich ein, dann entwickeln die Aufnahmen eine unglaubliche, ja bisweilen sogar beängstigende Intimität.

Vielleicht ist ja die Vorgeschichte schuld, die, wenn man sie kennt, kaum mehr vom Werk zu trennen ist: Nun glaubt man bisweilen, das Klavier atmen zu hören. Oder sogar, noch ein wenig gruseliger, den Künstler selbst, wie er mit seinem Instrument Luft holt. Immer ist zu spüren, während die Klänge vermeintlich ziellos dahinperlen, wie verunsichert, angegriffen, erschüttert sich der Klavierspieler gefühlt haben muss.

Dabei entwickelt Screws durchaus Qualitäten einer Soundtapete, die möglichst unauffällig den Hintergrund bilden könnte zu einem Abend mit Rotwein im Kerzenschein. Tatsächlich aber handeln die Aufnahmen von existentiellen Dingen. Ohne dass ein einziges Wort gesungen würde, erzählen sie von der Fragilität des Augenblicks, von der Zerbrechlichkeit einer Existenz. Stellen Fragen, geben aber keine Antworten. Denn das Glück ist flüchtig. So flüchtig wie ein hintupfter Klavierton.

“Screws” von Nils Frahm ist als CD erschienen bei Erased Tapes/Indigo oder als kostenfreier Download erhältlich unter screws.durtonstudio.com.

Kategorien: Ambient, Jazz
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Großartige Musik. Wenn man sich den kostenlosen Download anhört, kann man sogar die Tasten hören. Ist quasi “amateurhaft” aufgenommen. Die CD ist dann etwas professioneller ohne Nebengeräusche.

    Wer übrigens von seiner Musik angesprochen fühlt, sollte sich wirklich die Künstler des Erased Tapes Label angucken. “A Winged Victory for the Sullen” kann ich wärmstens empfehlen, natürlich nebst Peter Broderick und Ólafur Arnalds (!).

    • 3. Dezember 2012 um 19:51 Uhr
    • Zauberer von Os
  2. 2.

    Schön, das darüber berichtet wird.
    Ich denke, ernstzunehmende Musiker sind viel zu wenig in den journalistischen Organen dieses Landes vertreten.

    Und das sage ich, als jemand, der Nationalität durchaus eher kritisch betrachtet.

    Worauf ich viel mehr hinaus will, ist dass sich Deutschland im Vergleich mit England einfach keine gute Musikszene leistet, vielmehr eine Formenvielfalt der einzelnen “independet” Richtungen.

    Natürlich sollen damit nicht bestehende und bekannte Gruppen und Künstler verunglimpft werden, aber wenn man sich beide Länder anschaut, dann besteht, meiner Meinung nach, eine direkte Verbindung, zwischen den sog. Indies und kommerziell erfolgreichen “big sellern” (oder wie man die so nennt).

    Die ganzen POP (Mannheim etc.) haben mich, als jemanden, der sowohl viel Musik macht, als sich auch damit auseinandersetzt nie gereizt.
    Was haben sie schon hervorgebracht?

    Auch muss ich bspw. die Rundfunkanstalten kritisieren, die zwar und das finde ich auch irgendwo legitim, nur in den Nacht-/Spätprogrammen gute Sendungen laufen haben, es aber nicht geschafft haben, eine Institution wie Gilles Peterson (BBC) zu

    Exemplarisch möchte ich Köln & die elektronische Musik, vielmehr den Techno anführen: Eine große Stadt (1 Mio. Einwohner), viel Clubkultur, und Potential.
    Vor 10 Jahren habe ich als “kleiner Junge” irgendwelche 1live Formate gehört, die interessante und unbekannte Musik dieses Genres gespielt und dazu eine Narrative geliefert haben. Bis heute hat sich daran nichts geändert, bloß das Curse so etwas moderiert. Wirklich zu etwas geführt hat das aber leider nicht. Viele gute Musiker müssen irgendwelche Jobs machen, damit sie nebenbei den Rücken frei haben, um ein bisschen Musik zu machen.

    Im Bereich Techno konzentriert sich heute alles auf Berlin, in Köln ist nichts wirklich interessantes los (ich hoffe diese platte Banalisierung sei mir im Zuge meiner Argumentation verziehen).
    Mit einer besseren (medialen) Verzahnung sähe das vielleicht anders aus, auch hinsichtlich einem allgemeinem Klima für Musik in Deutschland.

    So, genug der Schwarzmalerei, gottseidank gibt es ja viele sehr gute Musiker. Aber mit reichlich Potential nach oben!

    • 4. Dezember 2012 um 00:01 Uhr
    • notes_and_numbers
  3. 3.

    Ich habe mir das Album vor einiger Zeit heruntergeladen und bin ein riesen Fan davon. Dieses simple, etwas hallende Piano klingt einfach wunderbar. Mehr braucht es nicht um sich in der Badewanne, nach einem stressigen Tag oder einfach so zu enstpannen und abzuschalten.

    • 4. Dezember 2012 um 11:04 Uhr
    • Helen Weiss
  4. 4.

    In diesem Zusammenhang muss ich dringend die CD ‘it’s snowing on my piano’ von Bugge Wesseltoft empfehlen.
    Der Titel ist nicht gelungen, dafür die Musik (solopiano) um so mehr.
    Mindestens genau so gut wie Nils Frahms ‘Screws’

    • 5. Dezember 2012 um 12:59 Uhr
    • Starbaby
  5. Kommentar zum Thema

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