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Worum es (mir) in der Beschneidungsdebatte geht

 

Noch ein paar unsystematische Gedanken zu einer längst nicht abgeschlossenen Debatte:

Wer sich gegen das Verbot eines elementaren Rituals ausspricht, sieht sich dieser Tage leicht als „religiöser Eiferer“ angegriffen, wie ein bekannt und bekennend agnostischer Kollege mir erstaunt erzählte, der das Kölner Urteil in einem Artikel kritisiert hatte. Er hatte noch nie so viele wütende Leserbriefe bekommen.

Vielleicht muss man das noch einmal klarstellen: Das Recht auf die religiös begründete (Vorhaut-)Beschneidung zu verteidigen bedeutet nicht, diese Praxis für „gut“ oder gar „für alle Zeiten bindend“ zu erklären. In meinem persönlichen Fall möchte ich in Anspruch nehmen, dass meine Haltung zu diesem Brauch (würde ich es durchführen lassen, bin ich selber beschnitten – ja, dergleichen wird derzeit gerne erfragt) absolut irrelevant für meine Position ist. Es kommt darauf an, ob man erstens die Sache als schädlich für die Betroffenen betrachtet und ob man anderen Leuten abnimmt, dass es für sie ein wichtiges, unverzichtbares Ritual ist, eine Glaubenspflicht. Erstes ist m.E. nicht der Fall (Komplikationen notwithstanding), zweites ist der Fall, und darum glaube ich, dass die Knabenbeschneidung weiter erlaubt sein soll.

Darf der Gesetzgeber dabei Vorgaben machen? Natürlich. Darf er es verbieten, wie manche fordern: Nein.

Es ist völlig legtitim, ja es ist begrüßenswert, wenn nun Menschen, die sich durch die Beschneidung geschädigt fühlen, das Wort ergreifen. Das gilt für Stimmen wie den hier in Kommentaren bereits zitierten Ali Utlu, der das Ritual als schmerzhafte Demütigung erinnert und von Beeinträchtigungen danach spricht. Und es gilt auch für Eltern – muslimische, aber auch jüdische – die das Ritual als Belastung empfinden und es ihren Söhnen am liebsten ersparen wollen. Necla Kelek hat damit in der muslimischen Community angefangen, ich hatte in meinem ersten Beitrag darauf hingewiesen, und für die jüdische Seite lässt sich auch feststellen, dass es bei nicht-traditionalistisch lebenden jungen Leuten oft Unbehagen gibt und einen Wunsch nach neuen Lösungen. Die Darstellung eines solchen Gewissenskonflikts markiert übrigens das Ende meiner letzten größeren Reportage über Juden in Deutschland.

Was mich nach wie vor, oder sagen wir lieber, jeden Tag mehr, entsetzt ist die Unfähigkeit oder wenigstens der Unwille weiter Teile der Debattierenden, diese beiden Elemente zusammenzudenken: Respekt für Religionsfreiheit UND Offenheit für Bedenken, Änderungswünsche, Klagen. Warum soll das nicht zusammen möglich sein? Es ist, glaube ich, NUR in Kombination machbar. Nur wer sich nicht kriminalisiert fühlt, wird offen debattieren können.

Statt dessen erleben wir Tag für Tag, dass die Beschneidung als „barbarisches Ritual“ in Kommentaren und Leitartikeln vorgeführt wird. Den einsamen Höhepunkt hat für mich Volker Zastrow von der FAS erreicht, der es schaffte, auf subtile Weise Beschneidung in einen Zusammenhang mit Pädophilie und Kindesmißbrauch zu rücken. Dass es das Gleiche sei, sagt er zwar nicht rundheraus, aber dass, wer sich gegen diese Formen „sexueller Gewalt“ wende, eben auch die Beschneidung verbieten müsse, ist die Pointe des Leitartikels.

So sehen sich nun Beschnittene mit einer Kampagne konfrontiert, die sie zu einer neuen Opfergruppe definieren will. Wer nicht einsehen will, dass er traumatisiert ist, wie etwa Hanno Loewy hier in der „Jüdischen Allegemeinen“, für den stehen Kronzeugen der Anklage bereit, die das Gegenteil bezeugen. Wer dann noch verstockt darauf besteht, er sei zufrieden mit seinem in den Augen der Mehrheit verstümmelten Penis, bestätigt damit nur, wie tief das Trauma sitzen muss.

Die Orgasmusfähigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen wird in Abrede gestellt, und kaum einer findet das schräg. Ich muss dieser Tage viel an Tisa Farrows unsterblichen Satz in Woody Allens „Manhattan“ denken: „Ich hatte endlich einen Orgasmus, aber mein Doktor sagt, es sei der falsche.“ So geht es heute Juden und Muslimen: Da stehen sie mit ihren unbemützten Schlongs, und der wohlmeinende Doktor beugt sich drüber: Tut uns leid, mag sein, dass ihr mit diesem Ding Orgasmen habt, aber es sind nicht die richtigen. Wir haben euch außerdem im Verdacht, dass eure Selbstbefriedigung abendländisch-christlichen Maßstäben nicht genügt. Und das alles kommt im Ton einer heiligen Mission daher, den semitischen Penis vor dem Messer zu retten. White man’s (rsp. woman’s) burden, neu verstanden.

Politisch interessant ist die Klärung der Fronten im „islamkritischen“ Lager zwischen PI und DADG. Bei PI ist man wütend auf die Juden, die es einem unmöglich machen, auf die Muslime einzudreschen. DADG distanziert sich zunehmend von dem islamophob-antisemitischen Diskurs. Infolge dessen emanzipiert sich die radikaler werdende rechtspopulistische Szene von der „proisraelischen“ Haltung (die ich immer für ein Fake gehalten habe). Wenn die Juden dem Moslembashing im Wege stehen, müssen sie eben auch dran glauben. Für „so etwas“ gibt es hier keinen Platz, das ist die Botschaft.

„So etwas“? Juden und Muslime finden sich durch diese Debatte im selben Boot, in den Augen der Mehrheit zwei Varianten derselben patriarchalisch-„barbarischen“ Wüstenreligion, die einfach nicht sublimieren will und stur weiter das Blut ihrer Söhne vergießt. Bei der Frage des Schächtens wird sich diese Konstellation wiederholen, dann anhand des Leids der Tiere. Interessant zu sehen, was daraus folgt für den Dialog.

Vorerst überwiegt eine tiefe Verunsicherung. Und das auch bei den nicht besonders Frommen, ja sogar bei den am wenigsten Frommen am meisten. Die Frommen wissen ja eh immer schon woran sie sind und beobachten die Mehrheit mit Verdacht. Am meisten getroffen sind aber diesmal viele moderne, moderate, ja sogar areligiöse Juden und Muslime.

Mir geht es auch so. Ich bin fassungslos über die Wut dieser Debatte.

Ich habe keinen Hund in diesem Kampf, wie man so sagt. Ich habe zum Besten an der Religion ein Verhältnis ähnlich dem eines Opernliebhabers, der selber kein Instrument spielt, und doch die Musik verehrt. Das weiß Gott viele Schlechte an der Religion, das oft genug auf diesem Blog Thema ist, wer wollte es leugnen? Darum geht es nicht. Religionsfreiheit ist in unserer Welt eine Frage, die oft genug über Krieg und Frieden, Leben und Tod entscheidet. Sie sollte auch für religiös Unmusikalische etwas Heiliges sein.

Es wäre eine bizarre Pointe, wenn Deutschland seine Lektion aus der eigenen totalitären Geschichte dahin treiben würde, Menschen- und also Kinderrechte derart zu definieren, dass jüdisches und muslimisches Leben hier unmöglich würde. Ist bei der Reeducation etwas schief gegangen?

 

(Korrektur, 28.7.2012: Es war nicht Mia, sondern Tisa Farrows, die in Manhattan den oben zitierten Satz sagt. Danke für die Hinweise darauf. Der eigentlich passende Satz kommt von Woody Allen in der Replik: „Ich hatte nie falsche Orgasmen. Auch die schlechtesten waren Volltreffer.“ JL)

 

1.842 Kommentare


  1. Herr Lau, „unsystematische Gedanken“ äußern kann ich selber.
    Von Ihnen als professionellem Journalisten hätte ich nach 4 Threads in Ihrem eigenen Blog und all dem anderen, was inzwischen veröffentlicht wurde, mehr erwartet – vielleicht erst nach dem Wochenende.

    Nu ein paar „unsystematische Gedanken“ von mir:

    – „In meinem persönlichen Fall möchte ich in Anspruch nehmen, dass meine Haltung zu diesem Brauch (..) absolut irrelevant für meine Position ist.“

    Der Satz läßt mich etwas verwirrt zurück: ich ahne, was Sie meinen – und glaube, daß Sie sich täuschen.

    – „Es kommt darauf an, ob man erstens die Sache als schädlich für die Betroffenen betrachtet und ob man anderen Leuten abnimmt, dass es für sie ein wichtiges, unverzichtbares Ritual ist, eine Glaubenspflicht. Erstes ist m.E. nicht der Fall (Komplikationen notwithstanding), zweites ist der Fall, und darum glaube ich, dass die Knabenbeschneidung weiter erlaubt sein soll.“

    Was soll man Ihnen denn noch alles an Informationen in die Threads schleppen, damit Sie sehen, daß „Komplikationen“ keine äußerst seltene bedauerliche Ausnahme sind und daß „schädlich“ in dem Zusammenhang nicht nur eine kleine Nachblutung bedeutet!?
    Und was gibt Ihnen das Recht, die „Komplikationen“ gleich welcher Art als völlig vernachlässigenswert anzusehen!?

    Mit dem Wort „Glaubenspflicht“ gehen Sie ebenso nonchalant um: ich kann mir so recht nichts darunter vorstellen, schon gar nicht, was das mit den Gesetzen der BRD zu tun haben soll.

    – „Es ist völlig legtitim, ja es ist begrüßenswert, wenn nun Menschen, die sich durch die Beschneidung geschädigt fühlen, das Wort ergreifen.“

    Hören Sie, wie herablassen das klingt!? Warum nicht einfach: „Es haben sich im Lauf der Debatte viele Menschen zu Wort gemeldet, die sich durch die Beschneidung geschädigt fühlen.“
    Die brauchen dafür keine Legitimation und keine wenig herzlich klingende Begrüßung!

    – „Was mich nach wie vor, oder sagen wir lieber, jeden Tag mehr, entsetzt ist die Unfähigkeit oder wenigstens der Unwille weiter Teile der Debattierenden, diese beiden Elemente zusammenzudenken: Respekt für Religionsfreiheit UND Offenheit für Bedenken, Änderungswünsche, Klagen. Warum soll das nicht zusammen möglich sein?“

    Das verstehe ich nicht. Ich nehme mich mal als Beispiel: ich soll also die Religionsfreiheit respektieren, in dem Fall die von Juden und Muslimen, und ich soll offen sein für „Bedenken, Änderungswünsche und Klagen“. Von wem denn bitte? Könnten Sie mir das bitte vielleicht anhand von Beispielen verdeutlichen?
    Oder meinen Sie, daß die „religiöse Seite“ offen sein sollte für „Bedenken, Änderungswünsche und Kagen“?.

    Hier beende ich erst einmal meine kleine unsystematische Sammlung – mit einer der Stellungnahmen, die mir in dem Zusammenhang als hilfreich erscheinen.
    http://bit.ly/MIbpAU

    PS „So sehen sich nun Beschnittene mit einer Kampagne konfrontiert, die sie zu einer neuen Opfergruppe definieren will.“

    Ich glaube, das sehen Sie falsch: es geht nur „hilfsweise“ um die bereits Beschnittenen. Es geht um die Neugeborenen und Kinder, die noch nicht beschnitten sind und denen es ermöglicht werden soll, sich selbst für oder gegen die Entfernung eines Teils ihres Geschlechtsorgans zu entscheiden.

  2.   MRX

    @ cs

    Haben Sie die Diskussionentder medizinischen Aspekte nicht mitbekommen, haben Sie diese bewusst ignoriert oder behaupten Sie wider besseres Wissen die Unwahrheit?

  3.   Hans Joachim Sauer

    Mich erinnert der Stil und die Vehemenz, wie hier medizinische Aspekte debattiert werden, an den Stil ideologisierter Impfgegner.

    Leute, welche Krankheit hat die hoffnungsloseste Prognose?

    Das Leben, denn es endet immer tödlich.

  4.   cwspeer

    @ karolachristiane

    Der Artikel ist gar nicht so unsystematisch. Das ist Understatement. Er konstatiert genau das Dilemma, dass man nämlich z.B. jüdisches Leben mit so einem Verbot der Säuglingsbeschneidung mehr oder weniger knicken kann, denn da muss die Beschneidung von statten gehen, bevor der Knabe 8 Tage alt ist. Das ist nun mal vielen Juden unaufgebbar wichtig und da muss man in aller Ruhe überlegen, ob es die Sache wert ist, diese Gruppe sozusagen mit empört gezücktem Grundgesetz aus Deutschland zu vertreiben mit den Anspruch diese Säuglinge gegen ihre eigenen Eltern verteidigen zu müssen. Eine kaum noch zu steigernde Form der Selbstgerechtigkeit. Der Gesetzgeber wird es zum Glück nicht dazu kommen lassen, zumal Eingriff selbst zu so einem Vorgang auch in keinem Verhältnis steht. Es ist mir unerklärlich, wieso Menschen, denen das alles in ihrem bisherigen Leben herzlich egal war, jetzt plötzlich anfangen derart hysterisch auf Juden und Muslime einzudreschen. Was für eine Haltung Andersdenkenden und Anderslebenden steckt eigentlich dahinter?

  5.   sol1

    @ cwspeer

    Keine Ahnung, ihre Musikalität kennen Sie nur selbst, aber der Begriff “genitale Verstümmelung” ist nicht angemessen. Das ist nicht vergleichbar mit der Mädchenbeschneidung…

    Die Amputation der Penisvorhaut ist vergleichbar mit der Entfernung der Klitorisvorhaut (WHO-Klassifikation Ia). Natürlich gibt es noch schlimmere Formen der weiblichen Genitalverstümmelung, aber zurecht sind auch die leichtesten Formen (bei denen z.B. nur mit einer Nadel in die Genitalien gepickst und kein Gewebe entfernt wird) verboten.

    …weil nichts Wesentliches bei dem Eingriff verloren geht.

    Die zentrale Rolle der Vorhaut beim sexuellen Empfinden wurde hier schon oft genug mit Links belegt.

    Das Herzeleid der Betroffenen wird in dieser Debatte deutlich überzogen dargestellt…

    Ach ja?

    Ich habe eher das Gefühl, das Herzeleid jener religiösen Fanatiker, die sich ein jüdisches oder muslimisches Leben mit Vorhaut nicht vorstellen wollen, wird „deutlich überzogen dargestellt“.

    Wie eine Frau in einer dieser Diskussionen treffend geschrieben hat:

    „Ich wußte ja, daß es Männer gibt, die mit dem Schwanz denken. Jetzt habe ich erfahren, daß es auch Männer gibt, die mit dem Schwanz glauben.“

  6.   Samuel

    „dass man nämlich z.B. jüdisches Leben mit so einem Verbot der Säuglingsbeschneidung mehr oder weniger knicken kann,“

    Das höre ich immer wieder und finde so lächerlich. Man kann nicht mehr in die Synagoge gehen, kein Sabbat begehen, keinen Chanukka feiern und nicht mehr zu Gott beten, wenn der Schniedel eine Vorhaut hat?

    „Was für eine Haltung Andersdenkenden und Anderslebenden steckt eigentlich dahinter?“

    Ein Andersdenkender hat auch nicht das Recht, einem Erwachsenen gegen dessen Willen am Schwanz rumzuschneiden. Warum sollte das im Falle von Kindern anders sein?

    Jeder kann sich doch beschneiden lassen, wenn er das will. Was spricht dagegen, auch die Kinder entscheiden zu lassen, sagen wir mit 13, wenn junge Juden religionsmündig werden?

  7.   Spirit of Canakkale

    Rettet die Wale!

  8.   TobyR

    Darf der Gesetzgeber dabei Vorgaben machen? Natürlich. Darf er es verbieten, wie manche fordern: Nein.

    Und wie er das darf. Falls Ihnen der Ursprung dieser Debatte entgangen sollte: Er hat schon. Nicht explizit, aber das war auch nicht nötig.

    Was der Gesetzgeber darf und was nicht, wird in diesem Land einzig und allein durch das Grundgesetz beschränkt. Und wie das auszulegen ist, entscheidet das Bundesverfassungsgericht – und nicht Sie. Darauf wollen es natürlich die Beschneidungsverfechter nicht ankommen lassen, wohl ahnend, dass sie in der Grundrechtsabwägung schlechte Karten hätten.

  9.   Saki

    Samuel,

    Aber da wir nun schon mal einen Staat haben, der Körperverletzung sanktioniert, sehe ich auch nicht ein, warum es für Religonsgemeinschaften Sonderregeln geben soll.

    Der Staat, den wir haben, sieht jeden chirurgischen Eingriff als Körperverletzung, der durch Einwilligung des zu Verletzenden gerechtfertigt wird. Bei Kindern (erst Recht bei Neugeborenen) wird dieses Einwilligung ganz üblicher Weise von den Eltern gegeben. Warum sollte es für religiöse Eltern Sonderregeln geben?

  10.   Samuel

    @ Saki

    „Der Staat, den wir haben, sieht jeden chirurgischen Eingriff als Körperverletzung, der durch Einwilligung des zu Verletzenden gerechtfertigt wird.“

    Reden wir hier jetzt von medizinischen Eingriffen zur Gesunderhaltung des Kindes, oder von einem medizinisch überflüssigen Wegschneiden irgendeines Körperteiles?

 

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