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Urlaub ohne Eltern

 

In den USA haben Kinder im Sommer drei Monate schulfrei. Was tun sie so lange? Viele fahren in ein Ferienlager.

Von Catriona McLaughlin

»Ich kann es kaum erwarten, wieder im Camp zu sein«, sagt Joel. »Dort kann ich Kanu fahren und mit meinen Freunden Abenteuer erleben.« Wenn der Zehnjährige dagegen aus seinem Zimmerfenster schaut, sieht er nichts als Straße und mehrstöckige Wohnhäuser. Joel wohnt mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder in einer Wohnung in New York. Wie viele Kinder in amerikanischen Städten hat er keinen Garten, und in den großen Central Park darf Joel noch nicht allein gehen. Während des Schuljahres stört es ihn nicht, hier zu leben. Aber in der Ferienzeit kann die Großstadt ganz schön langweilig sein.

Und die Sommerferien in den USA sind lang: Drei Monate haben die Kinder schulfrei. Ihre Eltern müssen währenddessen arbeiten, sie haben oft nur zehn Tage Urlaub im Jahr. Deshalb freut sich Joel, dass er auch in diesem Sommer wieder ins Ferienlager fahren darf. Solche Lager heißen in den USA Summer Camps und gehören fest zum amerikanischen Leben – so wie Burger oder Baseball. Mehr als 12.000 dieser Ferienlager gibt es in dem riesigen Land. Und jedes Jahr verbringen rund elf Millionen amerikanische Kinder ihre Ferien dort.

Joels Camp heißt Winnebago und liegt im Bundesstaat Maine, Hunderte Kilometer von New York entfernt. Zwischen Nadelbäumen stehen hier viele kleine Holzhütten, in denen jeweils sechs bis zehn Kinder schlafen. Diese einfachen Schlafhütten sind über Pfade mit größeren Haupthütten verbunden. Dort treffen sich die Kinder zum Beispiel zum gemeinsamen Essen. Es gibt außerdem einen Versammlungsplatz mit einer Feuerstelle und Spielwiesen, etwa für Fußball und andere Sportwettkämpfe.

Wie die meisten Camps liegt Winnebago an einem See. Dort hält sich Joel am liebsten auf. Hier kann er mit anderen Kindern um die Wette schwimmen oder von dem großen Steg aus mit einem Ruderboot das Gewässer erkunden. Die Kinder können auch segeln oder Wasserski fahren lernen, Dinge also, die man in der Stadt nicht so einfach ausprobieren kann. Im letzten Sommer hat sich Joel am Kanufahren versucht. »Dabei habe ich gelernt, dass man nie aufgeben darf. Ich habe durchgehalten, auch als ich nicht mehr konnte, und habe es geschafft, den Kanu-Aufnäher zu bekommen.«

Solche Aufnäher erhalten die Kinder in einem Camp für verschiedene Aktivitäten – das kann Kanufahren sein, aber auch das Sauberhalten der eigenen Hütte. Die Abzeichen werden von den Kindern gesammelt und auf ihre Jacken genäht. »Viele geben damit an«, sagt Joel, »ich mache das auch.« Er hat bereits zwölf Abzeichen. Diesen Sommer sollen es noch viel mehr werden.

Auch die zehnjährige Brooke wird in den Ferien wieder in ein Camp fahren. Acht Wochen ist sie dann weit weg von zu Hause, nur ganz selten hat sie Kontakt zu ihren Eltern. So eine lange Trennung aushalten, wie schafft sie das? »In der ersten Woche vermisse ich meine Familie meistens sehr«, sagt Brooke. »Aber ich habe immer ein Bild von ihnen dabei und meinen Stoffhasen Hop. Außerdem kümmern sich die Betreuer gut um mich.«

Viele der Betreuer waren selbst als Kind im Camp und wissen, wie man Heimweh und Langeweile bekämpft: Ob klettern, gemeinsam am Lagerfeuer singen oder Theater spielen – es ist immer etwas los. Deshalb stört es die meisten Kinder auch nicht, dass es in den kleinen Hütten oft keinen Strom gibt. Elektronische Geräte müssen ohnehin abgegeben werden, wenn man das Camp betritt. Nur eine Taschenlampe dürfen die Kinder bei sich haben. Joel macht das nicht viel aus. »Ich habe meine Spielkonsole sogar noch einen Monat nach den Ferien nicht mehr angefasst, weil ich es mir so abgewöhnt hatte«, sagt er. »Für die Zeit im Camp bringe ich mir einfach Bücher mit.«

Summer Camps haben in den USA eine lange Tradition, schon 1881, also vor 130 Jahren, wurde das erste von einem Mann namens Ernest Balch gegründet. Seine Idee war, dass Stadtkinder in den Ferien die Natur erleben sollen. Und dieser Gedanke ist noch heute wichtig. Das erste Camp hieß Chocorua und war nur für Jungen aus reichen Familien gedacht. Heute gibt es ganz viele verschiedene Formen von Ferienlagern: solche nur für Jungen oder nur für Mädchen, solche für beide Geschlechter. Teure Camps und günstige. Und auch solche für Gläubige einer Religion, zum Beispiel nur für jüdische Kinder. Man muss auch nicht unbedingt übernachten, es gibt sogenannte Tagescamps.

In einem solchen verbringt Annalena ihre Ferien, tagsüber ist sie im Camp, aber nachts schläft sie zu Hause. »Würde ein Kind aus Deutschland kommen«, sagt Annalena, »würde ich ihm sagen, dass es nicht lange allein bleibt, denn man findet hier schnell Freunde.« Ihre inzwischen beste Freundin, Elisabeth, hat sie am ersten Tag im Camp kennengelernt, als die beiden zusammen in einem Boot saßen. »Wenn ich groß bin«, sagt Annalena, »möchte ich ein Camp leiten.« Am liebsten wäre der Zehnjährigen eins, das das ganze Jahr über geöffnet ist. Solche gibt es auch. Die Kinder kommen nach der Schule dorthin, um draußen in der Natur zu sein. »Das Allerschlimmste am Summer Camp ist nämlich«, sagt Annalena und seufzt, »dass es am Ende des Sommers immer vorbei ist.«

 

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